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Der Muffel-Untergang

In der Göhrde stirbt ein Wildart aus. Ein großer Teil des dortigen Muffelwildbestandes ist bereits von Wölfen gerissen worden. Foto: Thomas Ritter


Sie werden also verschwinden. Von den 250Stück Muffelwild in der Göhrde sind nur noch 25–50Stück übriggeblieben. Der Bestand steht vor dem Kollaps! „Ich gehe davon aus, dass er innerhalb der nächsten drei Jahre erloschen ist“, so die düstere Prognose des Leiters der Hochwild-Hegegemeinschaft Göhrde, Peter Pabel, jüngst in der „Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide“.
Wo bleibt der sonst übliche Aufschrei der vielen Natur- und Artenschützer? Hier verschwindet eine Wildtierart auf Nimmerwiedersehen! Der älteste und genetisch besonders reine Muffelwildbestand Deutschlands wird von Wölfen aufgefressen und keinen aus der Fraktion derer, die sich als Artenschützer sonst stets lautstark positionieren, scheint das zu interessieren. Aber wehe, wenn Ortolan oder Feldhamster, Fischotter oder Biber einmal in Bedrängnis kommen. Dann wird Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um diese Tiere zu retten.
Und wir Jäger als anerkannter Naturschutzverband? Sind wir auf dem (Wild-)Artenschutz-Auge erblindet? Wenn ich mich richtig erinnere, zierte einmal unsere Werbebanner und Aufkleber auch der Schriftzug „Anwalt des Wildes“. Es mutet wie der Kampf Davids gegen Goliath an, wie einige wenige Wild-Artenschützer rund um die Göhrde herum alles Mögliche versuchen, um die spärlichen Reste des dortigen Muffelwildes noch vor der Übermacht der Wölfe zu retten.

Treppenwitz des Artenschutzes

Das Muffelwild in der Göhrde erfreut sich seit 100 Jahren bester Gesundheit und hat sich gut vermehrt. Nun wird sein Anblick dort immer seltener. Foto: Sven-Erik Arndt


Die Göhrde-Mufflons haben sich seit mehr als 25Generationen erfolgreich fortgepflanzt. Damit sind sie eine heimische Wildtierart, kein Fauna-Verfälscher. Über 100Jahre leben sie hier. Unbestritten ist, dass die ersten 1913 von einem Hamburger Kaufmann, der Naturliebhaber, jedoch kein Jäger war, hier ausgesetzt wurden. Er empfand seine Aktion als Bereicherung der damaligen Fauna. Daraus erwuchs dann dieser einzigartige Bestand in der Göhrde. Wer den Mufflons nun das Daseinsrecht abspricht wegen dieser ihrer nur 100 Jahre währenden Anwesenheit in bester Gesundheit und Vermehrungsfreude und weil Muffelwild nach Meinung des Umweltministeriums hier als „nicht heimisch“ zu betrachten ist, verschweigt auch bewusst Folgendes: Noch bis zum Beginn der Jungsteinzeit (3500–1800v. Chr.) war der Mufflon nicht nur in Ungarn, Mähren und dem Mittelmeerraum, sondern auch in Süddeutschland verbreitet. Der einzigen Wildschafart in Deutschland nun plötzlich den Artenschutz zu verweigern, wie Pressesprecherin Dunja Rose vom Umweltministerium verkündet, ist doch wohl nur als Treppenwitz zu verstehen.
Mufflons sind nach der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources/ deutsch: Weltnaturschutzunion) als gefährdet eingestuft. Es ist eine unerträgliche Arroganz der niedersächsischen Artenschutz-Bürokraten, einfach mal so und willkürlich Zeitepochen zu bestimmen, mittels derer sie verfügen, ob und welche unserer wildlebenden Tiere als „heimisch“ oder „nicht heimisch“ zu betrachten sind. Also entweder mit allen Artenschutzsegnungen des grünen Umweltministers Wenzel beglückt werden oder – weil durchs Sieb gefallen – einfach verschwinden können/sollen. Artenschutz ist nicht teilbar!
Es schlägt zudem dem Fass den Boden aus, dann auch noch auf Nachfrage der Presse zu behaupten: „Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Eintreffen des Wolfes und einem Rückgang der Mufflon-Population ist über die vom Land Niedersachsen geführten Riss-Statistiken nicht erkennbar, da Mufflon als wildlebende Art nicht unter die Richtlinie Wolf fallen.“ Diese Statistik ist mittlerweile wie eine Laterne im Hafen, die einem betrunkenen Seemann eher als Halt denn als Erleuchtung dient.

Menschenfreie Gebiete für Wölfe?

Natur- und Artenschutz sollten ehrlich verkauft werden. In unserer dicht besiedelten und intensiv genutzten Landschaft sind die „Freiheitsrechte“ aller unserer wildlebenden Tiere zwangläufig eingeschränkt. Wie die unseren. Leider. Aber das ist nun mal so. Denn wir leben nicht beispielsweise in Kanada mit vier Menschen auf einem Quadratkilometer, sondern in Deutschland mit 227 auf eben dieser Fläche. Es wäre deshalb den euphorischen Wolfsenthusiasten dringend anzuraten, bei ihrem rosaroten Blick auf ein „wildes Wolfs-Niedersachsen“ die Augen auch einmal auf jene Literatur zu richten, in der wolfserfahrene Praktiker die Folgen beschreiben, wenn sich Wolfspopulationen in dicht besiedelten Landschaften „ungesteuert“ entwickeln (dürfen). Warum also ducken wir Jäger uns weg und machen nicht den Rücken gerade? Unter unseren Augen erlischt eine Wildtierart, zu deren Hege und Erhalt wir (nicht nur gesetzlich) verpflichtet sind!
Der Wolf kann unsere Artenvielfalt bereichern. Aber nur zu den Rahmenbedingungen, in denen sich auch das Miteinander jeder anderen wildlebenden Tierart gestaltet, die in unserer „Legoland“-Landschaft lebt, leben kann und soll. Wer das verneint und von einer „grenzenlosen“ Freiheit für Wölfe in Deutschland träumt, ist für mich ein Phantast. Oder ist es Vision, für die Wölfe Gebiete menschenfrei zu schaffen?
Rüdiger Wnuck