Home Praxis Die kann mehr: Ein Hund, zwei Aufgaben!

Die kann mehr: Ein Hund, zwei Aufgaben!

Pudelpointer Paula ist sowohl Jagdhund, als auch Rettungshund.


Das Orange der Weste reflektiert immer wieder zwischen den Bäumen hindurch. Konzentriert bewegt sich die braune Hündin über den steilen Waldhang. Keine Wolke ist an diesem warmen Apriltag am blauen Himmel zu sehen. Die Sonne brennt erbarmungslos auf den staubigen Waldweg. Nur leises Vogelzwitschern und das stete Läuten der Glocken am Geschirr des Hundes durchbrechen die friedliche Stille. Mit leichtem Stirnrunzeln verfolgt der Mann die Bewegung seiner Hündin. Wird sie die Person finden? Als ein lautes Bellen den Hang hinunter schallt, umspielt ein stolzes Lächeln seine Lippen. Sie hat es mal wieder geschafft.

„Paula“, die braune Pudelpointer- Hündin, ist Teil der Einsatzgruppe der Rettungshundestaffel Rhein-Lahn-Taunus e.V. Zusammen mit der Gruppe trainieren „Paula“ und ihr Besitzer Benno emsig auf ein Ziel hin: Leben retten. „Schon seit ich 20 bin, wollte ich was in humanitärer Hilfe machen“, sagt Benno. Doch erst mit Hündin „Paula“ wurde aus einem Traum Wirklichkeit.

Innige Beziehung zwischen Mensch und Hund: Nur wer sich aufeinander verlassen kann, bildet ein gutes Team.


Hunde gibt es in Bennos Leben schon lange. „Wir hatten immer Teckel. Schon von Kindheit an“, erzählt er und blickt zu seiner Rauhaardackel-Hündin „Betty“. Die blonde Teckeldame liegt neben „Paula“ in Bennos Arbeitszimmer auf dem Sofa. Zahlreiche Trophäen aus heimischen Revieren, aber auch aus Reisen nach Afrika schmücken die Wände. „Natürlich hat ein Jagdhund auf dem Sofa nichts zu suchen“, kommentiert er seine beiden Hunde mit einem Augenzwinkern. Als hätte Teckel „Betty“ die Worte verstanden, springt sie vom Sofa, um draußen nach dem Rechten zu schauen. Mit einem Pferde-Pensionsstall hat sich die Familie in einem kleinen Dorf bei Koblenz einen Traum erfüllt.

Mitten im Feld, oberhalb von Weinstöcken und der Mosel gelegen, hat die Familie eine alte Gärtnerei in ein kleines Paradies für Mensch und Tier umgebaut. Rundherum erstreckt sich Bennos Jagdrevier. „Als wir den Hof kauften, war meine Bedingung, dass ich einen großen Hund bekomme“, erklärt er und streichelt dabei „Paula“ sanft über den Kopf. Man merkt, wie eng die Bindung zwischen Hund und Hundeführer ist. Egal ob auf dem Hof oder im Revier, die Hündin weicht ihrem Besitzer nur selten von der Seite. Damit Benno auch beim Ansitz nicht auf „Paula“ verzichten muss, will er nun nach und nach die Kanzeln für den Hund begehbar machen.

Einen Dackel kann man auf dem Arm die Leiter hochtragen, mit einem Pudelpointer geht das nicht. Daher hat sich der handwerklich begabte Rheinländer etwas einfallen lassen. An einigen Kanzeln hat er eine „Hühnerleiter“ angebracht, über die die Hündin selbstständig aufsteigen kann. Auf die Hälfte seiner Kanzeln kann „Paula“ bereits mit, der Rest soll auch noch „hundekompatibel“ werden.

„Viele halten diese Rasse für zu weich“

Jagdlich zu unterschätzen ist die Pudelpointer-Hündin nicht. „Viele halten diese Rasse für zu weich“, erklärt der passionierte Jäger, „anfangs dachte ich das auch, aber dann habe ich gesehen, wie ehrgeizig sie an einem kranken Reh arbeitet.“ Nur bei Sauen ist sie vorsichtiger. Bei einer kleinen Nachsuche soll sie ihr Können unter Beweis stellen. Benno bereitet sich und „Paula“ vor. Er legt dabei viel Wert auf Rituale und Ruhe. Er trägt selbst immer die gleiche grüne Sauenschutzhose. Man weiß ja nie. Auch „Paula“ bekommt ihre orange Weste an, die sie nur zu Nachsuchen trägt.

Sobald der Schweißriemen in der Halsung hängt, ist „Paula“ im Arbeitsmodus. Vom „Anschuss“ an arbeitet sie konzentriert und erfolgreich die Fährte, lässt sich auch durch frische Rehwechsel nicht ablenken. Benno folgt ihr schnellen Schrittes, den Blick immer auf seine Hündin gerichtet. Die beiden verschmelzen zu einem Team. Man merkt, dass Hund und Hundeführer schon etliche Nachsuchen gemeistert haben. Das hohe Gras beugt sich noch unter den schweren Wassertropfen, die kurz vorher vom Himmel fielen. Das Wasser sammelt sich in Paulas braunem Fell und lässt die Haare eng anliegen. Nass zeichnet sich der Pudel in ihrem Äußeren deutlich ab.

<b>2 Typisch Pudelpointer! Das Hunde-Herz schlägt fürs Niederwild.</b> © Kathrin Führes

<b>2 Typisch Pudelpointer! Das Hunde-Herz schlägt fürs Niederwild.</b>

Vom Jagdhunde-Obmann kam der Hinweis

Das Aussehen war auch ein Grund, warum es unbedingt ein Pudelpointer werden musste. „Der Kopf erinnert mich an einen großen Dackelkopf“, meint Benno. Die Rasse entstand ursprünglich durch die Kreuzung von Königspudel und Pointer und ist vom FCI anerkannt. Doch einen solchen Hund zu bekommen, war gar nicht einfach. Im Jahr 2012 lagen nur rund 150 Welpen. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – und so wurde der Traum vom Pudelpointer tatsächlich wahr.

Ursprünglich sollte die passionierte Hündin ein reiner Jagdhund werden. Doch in der jagdlichen Ausbildung erkannte der Obmann für Jagdhundewesen der Kreisgruppe Rhein-Hunsrück Franz Mallmann, dass die Pudelpointer-Dame richtig gut ist. „Er sagte mir, dass ‚Paula‘ mehr kann“. Man merkt Benno an, wie stolz er auf seine Hündin ist.

Das war die Initialzündung für den „Zweitjob“ als Rettungshund.An diesem Samstagnachmittag hat sich ein großer Teil der Einsatzgruppe der Rettungshundestaffel Rhein-Lahn-Taunus e.V. zum gemeinsamen Üben versammelt. Zweimal in der Woche trifft sich die motivierte Mannschaft. Hunde und Menschen sollen für den Ernstfall in Übung bleiben.

Rund 60 Mal im Jahr wird die Staffel zu Einsätzen von Polizei und Feuerwehr angefordert. Häufig geht es dabei um suizidgefährdete Menschen, wo jede Minute zählt.

Oft wird die Hundestaffel auch bei vermissten Kindern oder verwirrten, älteren Personen eingesetzt. Die Teams durchsuchen dann vorher zugewiesene Flächen nach der vermissten Person oder setzen ihre Mantrailerhunde ein. Der Verein arbeitet dabei rein ehrenamtlich und finanziert seine wichtige Arbeit nur über Spenden.

Auch Rettungshunde brauchen Prüfungen

„Anfangs waren die Rettungsleute etwas skeptisch“, meint der passionierte Jäger. Aber mittlerweile ist es kein Thema mehr, dass „Paula“ auch jagdlich geführt wird. Die beiden überzeugen durch Leistung. Zahlreiche Prüfungen mussten „Paula“ und Benno auf ihrem Weg zum Rettungsteam ablegen. „Mit der Begleithundprüfung fängt man an. Leider wird die jagdliche Brauchbarkeitsprüfung, die sehr viel Gehorsam beinhaltet, nicht anerkannt“, erklärt Benno. Dann folgt für den Hundeführer der Einsatzhelfertest, bei dem unter anderem Kenntnisse in Erste Hilfe für Mensch und Hund abgeprüft werden.

Für den Hund folgt die Geräte-Vorprüfung, bei der der Hund verschiedene Hindernisse überwinden und seine Lenkbarkeit auf Distanz unter Beweis stellen muss. Dann müssen Hund und Hundeführer die Vorprüfung Fläche, die Rettungshundeprüfung und eine staffelinterne Einsatzüberprüfung absolvieren, ehe sie in den echten Rettungseinsatz dürfen. Rund zwei Jahre dauert der Weg. Die ersten echten Einsätze hat Benno bereits absolviert, bisher glücklicherweise immer mit gutem Ausgang.

Erfolgreiche Flächensuche: „Paula“ hat die Person gefunden.


Die Hunde arbeiten für eine Belohnung, die sie im Training bei den „Opfern“ bekommen. Die ultimative Belohnung zu finden, für die ein Hund die Arbeit gerne und gewissenhaft macht, ist daher eine der Kernaufgaben am Anfang. „Bei Paula war das gar nicht so einfach“, meint Hundeausbilderin Sonja. Aber blickt man in das glückliche Hundegesicht, scheint die Pudelpointer-Hündin mit ihrer Belohnung, einem Quietschespielzeug, voll auf zufrieden zu sein.

Benno zieht „Paula“ im Kofferraum seines Geländewagens die Rettungshundeweste an. Neben Blinklichtern sind auch kleine Glocken an der orangen Weste befestigt, damit der Hund jederzeit zumindest grob geortet werden kann. Während Benno „Paula“ fertig macht und auch ein paar Leckerlies in seine Brusttasche wandern, verstecken sich vier Opfer auf der vorher abgesprochenen Fläche. Mit dem entsprechenden Kommando schickt Benno seine Hündin los. Der Hund sucht alleine die Fläche ab, während der Hundeführer am Rand wartet. Vom Waldweg beobachtet der Rheinländer gebannt das Suchverhalten der Hündin.

Auch „Nachsuchen“ trainieren die beiden regelmäßig. © Kathrin Führes

Auch „Nachsuchen“ trainieren die beiden regelmäßig.

Stimmt der Wind? Immer wieder folgt der Griff zum Babypuder. Die weißen Körnchen werden vom Wind mitgetragen und zeigen, woher es weht. Heute dreht er ständig. Genauso wie bei der Jagd sorgt das auch bei der Flächensuche für erschwerte Bedingungen. „Paula“ beweist es direkt. Nur zwei Meter läuft sie an der versteckten Person vorbei.

Jedoch mit dem Wind und daher chancenlos in diesem Anlauf. Die braune Hündin zieht weiter eifrig ihre Runden in dem Waldgebiet, als sie plötzlich Wittrung bekommt und eine der Personen findet. Anhaltend gibt sie Laut, bis sie ihre Belohnung erhält.

„Anfangs war es problematisch, da ‚Paula‘ keine Menschen verbellen wollte“, erläutert Benno. Doch mit Training haben die beiden das Problem in den Griff bekommen, und „Paula“ zeigt das Opfer vorbildlich an. Die Gruppe versucht so oft es geht in verschiedenen Gebieten, natürlich immer mit dem zuständigen Jagdpächter abgesprochen, und auch Situationen zu trainieren, um die Hunde für die realen Einsätze möglichst gut vorzubereiten.

Für Benno hat sich, durch seine Arbeit bei der Rettungshundestaffel, noch eine weitere Möglichkeit ergeben: Er bekam Kontakt zur I.S.A.R. Germany (International Search and Rescue).

Die I.S.A.R. ist ein Zusammenschluss verschiedener Hilfsorganisationen mit dem Bundesverband der Rettungshunde e.V. und leistet international nach Naturkatastrophen, Unglücksfällen oder humanitären Katastrophen Hilfe. Nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal in 2015 flog Benno zusammen mit dem Team dorthin, um den Opfern zu helfen. Auch heute steht der fertig gepackte Rucksack immer in seinem Büro bereit. Der Anruf zum Abflug in Katastrophengebiete kann jederzeit erfolgen.

Trennung zwischen Jagd- & Rettungsarbeit

Befürchtungen, dass „Paula“ während der Flächensuche lieber der Jagd nachgeht, hat Benno nicht. Bei einer Suche sind einmal zwei Rehe hochgegangen, „Paula“ hat sich jedoch davon nicht beirren lassen und ist weiter ihrer Arbeit nachgegangen. Der Hund trennt seine beiden Aufgaben klar voneinander. Sollte sich die Rettungsarbeit jedoch negativ auf ihre Arbeit als Jagdgebrauchshund auswirken, würde das das Ende der Rettungsstaffel-Arbeit bedeuten. „ ‚Paula‘ ist in erster Linie mein Jagdhund. Die jagdliche Arbeit hat Priorität.“ Benno hofft, dass es auch weiterhin so gut klappt. Zu wichtig ist „Paulas“ Arbeit – fürs Revier, aber auch für die Rettung von Menschen in Not.


Kathrin Führes geboren in Lingen, Jagdschein seit 2014, hat nach dem Abitur Forstwissenschaft an der TU München studiert und ist nun seit 2015 bei der PIRSCH.
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