Home Praxis Das Märchen von der Deckungssumme

Das Märchen von der Deckungssumme

Eine lediglich mit der gesetzlichen Mindestdeckung abgeschlossene Jagdhaftpflicht könnte bei einem Unfall schnell zur 'Versicherungsfalle' werden (Foto: S. E. Arndt)


Auch wenn es manch ­einer schon nicht mehr hören mag (im Sinne des römischen Senators ­Cato, der jede Debatte, egal zu welchem Thema, mit seiner Dauerforderung eröffnete: Karthago muss vernichtet werden!): Die nach wie vor geltenden gesetzlichen Mindestdeckungen der Jagdhaftpflicht sind ein politischer Skandal erster Güte. Dass 2007 der letzte ernst zu ­nehmende Versuch einer ­Novelle des Bundesjagd­gesetzes scheiterte, hat als Feigenblatt für die Inaktivität des Gesetzgebers längst ausgedient. Nicht nur Parlamentsfüchse sollten in diesem Kontext wissen, wie man so etwas mittels Artikelgesetz elegant umsetzt. Die persönlichen Konsequen­zen für unschuldig dadurch Betroffene können nämlich dramatisch sein. Wie geradezu lächerlich die nach wie vor geltende Mindestdeckung ist, wissen die meisten Jäger gar nicht – 0,5 Millionen Euro für Personen- und 50 000 Euro für Sachschäden. Wenn man weiß, dass heute etwas besser ausgestattete Mittelklasse-PKWs bereits diese Summe kosten, mag man erahnen, wie schnell diese „Deckung” (man scheut sich, die Formulierung überhaupt noch zu verwenden) dahinschmilzt.

Jeder Jagdleiter muss sich zu Beginn einer Gesellschaftsjagd darüber informieren, dass jeder seiner Gäste einen gültigen Jagdschein gelöst hat. Wichtigster Grund dieser gesetzlichen Verpflichtung ist, dass Jäger untereinander ausreichenden Versicherungsschutz genießen. Dieses Ritual­ (manchem Jagdherrn ist es zu „peinlich”, dann soll jeder den Jagdschein seinem Nachbarn zeigen) hat einen kleinen, aber entscheidenden Makel: Niemand, weder der Jagdleiter noch sonst wer kann wissen, ob seine Mit­jäger über die gesetzliche Mindesthöhe hinaus ver­sichert sind. Und dass diese Mindestdeckung völlig unzureichend ist, weiß jeder. Dass der Gesetzgeber jedoch duldet, dass in Deutschland nach wie vor zehntausende Jäger (genaue Zahlen kennt niemand, nach seriösen Schätzungen lassen immer noch bis zu 20 Prozent aller Jäger gedankenlos Uralt-Verträge fortschreiben!) de facto unterversichert in unseren ­Revieren unterwegs sind, ist ein Skandal! Der wird nicht dadurch einen Deut weniger eklatant, dass er mittlerweile ins xte Jahr geht.


Die Anhebung auf fünf Millionen Euro pauschal für Personen- und Sachschäden ist unbedingt zu fordern – was auch im Vergleich zu längst üblichen Deckungen etwa im KFZ-Bereich nur zeitgemäß wäre.

Neue Besen...

Bleibt abzuwarten, ob sich die neue Landwirtschaftsminis­terin Ilse Aigner entscheidungs­freudiger dieser Bringschuld stellt – vielleicht kehren ja neue Besen hier einmal gut. Die Konsequenzen dieser Schlamperei sind mit wenigen Worten beschrieben: Wenn eine „tickende Zeitbombe” Mitjäger schwer schädigt, bleiben die sowieso schon vom Schicksal Gebeutelten auch noch auf ihren Kosten sitzen, sobald die lächerliche Deckung verbraucht ist. Wieviele persönliche und fami­liäre Tragödien braucht der Bundestag, um endlich aktiv zu werden? Solange der Gesetzgeber nicht in die Puschen kommt, bleibt dem Einzelnen nichts anderes übrig, als zuallererst seine ­eigene Deckung zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen – auf mindestens drei, besser noch fünf Millionen Euro Pauschaldeckung.

Mitversichert sollte auch die sogenannte Forderungsausfalldeckung sein: Damit tritt meine eigene Versicherung, die sonst nur für Schäden haftet, die ich anderen gegenüber verursache, für mir entstan­dene Schäden ein, wenn der Verursacher nicht ausreichend versichert war. Zahlreiche Versicherer haben diesen Zusatzschutz in ihr Kleingedrucktes aufgenommen, wenn auch manchmal leider nur bei den Top-­De­­ck­ungen (z. B. Gerling allein bei der 10 Mio.-Deckung, ­dafür aber nur unwesentlich teurer als fünf Mio.).
Fragen Sie ­Ihren Versicherer, ob der Forderungsausfall mitversichert ist – und zwar nicht nur im Inland! Sprechen Sie mit Ihren Jagdfreunden, diskutieren Sie in diesem Kreis ruhig einmal, zu welchen Deckungssummen andere versichert sind.

Brauchbar, aber...


Der weit überwiegende Teil aller JHV-Schäden geht immer noch aufs Konto von Hunden, meist im Bagatellbereich. Doch wenn Dackel Amok seinem Namen alle Ehre macht und einen schweren Verkehrsunfall auslöst, sieht die Sache schon anders aus. Spätestens dann wird sich die Versicherung ausführlich und mit gut bezahlten Juristen der Frage widmen, ob Amok überhaupt „brauchbar“ war: Wer dies nicht mit einer bestandenen Brauchbarkeitsprüfung (BP) nachweisen kan­n, für den wird es schnell eng: Die Kulanz von Versicherern („Es reicht die Bescheinigung ­einer jagdlichen Organisa­tion“) endet regelmäßig und schlagartig an­gesichts vierstelliger Schadenssummen. Wer ungeprüfte Hunde führt, sollte daher sein Risiko mindern – entweder man holt die BP nach (der sinnvollere Weg) oder sucht sich einen Versicherer, der gegen Aufschlag (um die 10 € im Jahr, je nach Deckung) auch ungeprüfte Hun­de ausdrücklich mitversichert (Gerling, Inter, Makler u. a.).

Die vier Großen


Auch wenn wir seit Jahren bundesweit JHV vergleichen, bleibt festzuhalten, dass es wie bei Energieversorgern ­eine Konzentration auf wenige, große Mitspieler gibt: ­Gothaer, Inter, Gerling und der LVM decken etwa vier Fünftel des Marktes ab. Die Konsequen­zen, anderswo versichert zu sein (etwa, weil man dort auch seine anderen ­Policen hat), werden besonders im nächsten Vertragsjahr unangenehm deutlich: So erhöht die Württem­bergische ihre Prämien in allen Deckun­gen um die Kleinigkeit von 50 Prozent! Demgegen­über fällt die durchaus auch schon ­happige Anhebung von 17 Prozent der Aachener und Münchener kaum noch auf. Zu solch heftigen Aufschlägen kann es besonders bei Versicherern kommen, die in einer bestimmten Sparte (wie hier in der JHV) nur über ­einen sehr kleinen Kunden­stamm verfügen. Kommt es dann auch nur zu wenigen Großschäden, müssen im Anschluss alle (der wenigen) mitbüßen.

Wer das vermeiden will, muss von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen (nach Mitteilung der Tarif-Erhöhung) und sollte sich einen Partner suchen, der Potenzial genug hat, auch größere Schäden zu verkraften. Und diese sind mit statistischer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, erst recht angesichts ­zunehmender Schwarz­wild­drück- bzw. Maisjagden. Parallel dazu (und das soll nicht verschwiegen werden) senkt die Concordia 2009 ihre Prämien um 14 Prozent, während die Provinzial Rheinland ihre Deckungen von zwei auf fünf beziehungsweise drei auf 10 Millionen aufstockt, ohne zu erhöhen (ebenso die Alte Leipziger von drei auf fünf Millionen und die Badische von zwei auf drei und fünf auf sechs Millionen).

Wie man sparen kann


Bei Gruppenverträgen ziehen Hegeringe und Kreis­jägerschaften die Prämie in eigener Regie ein, Versicherer­ sind bei geringerem Verwaltungsaufwand zu Abschlägen be­reit. Makler bieten meist interessante Rahmenverträge (siehe Tab. „Makler“). Auffällig ist 2009 ebenso die günstig ge­bliebene Prämie (5 Mio. € pauschal) der Gegenseitigkeit, eines kleinen ­Versicherers aus Oldenburg – und darin sind sogar der Forderungsausfall wie auch bis zu 450 Euro Wieder­beschaffung bei Verlust des Hundes mitver­sichert! Die Unterschiede sind ­enorm – in allen Deckungen das Vier- bis Fünffache für die teuerste Gesellschaft!

Viele Gesellschaften bieten Nachlässe für Berufsjäger, Förster, Jagdaufseher, Polizisten und den öffentlichen Dienst. Bei längerer Laufzeit sind Rabatte üblich – ab fünf Jahren sollten mindestens drei Prozent Abschlag drin sein. MK