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Lebensräume verbinden

Bedenkt man die Gesamtkosten für Infrastrukturprojekte wie den Autobahnbau, dann relativieren sich die Summen, die für Querungshilfen aufgewendet werden müssen.<br>(Foto: M. Meißner)


Damit das Wild vom Menschen errichtete Barrieren in seinen Lebensräumen überwinden kann, braucht es mehr Grünbrücken über Autobahnen, Straßen und Bahngleisen. Jedoch muss nicht nur eine solche Querungshilfe wildgerecht gestaltet sein, sondern auch ihr Umfeld. Hier aber liegt noch besonders viel im Argen. Für Fortschritte ist vor allem eine bessere Zusammenarbeit von Behörden, Naturschützern und Grundstückseigentümern erforderlich.

Breites Bündnis

So lautet das Fazit einer gemeinsamen Tagung, die der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV) am 21. Februar mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) in Berlin veranstaltete und die gangbare „Wege aus der Zerschneidung von Lebensräumen“ aufzeigen sollte. Dazu hatte man auch Experten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und aus den Niederlanden eingeladen.
Dass zerschnittene Landschaften die Lebenschancen von Wildtieren verringern, machte Prof. Giselher Kaule von der Universität Stuttgart in seinem Einführungsvortrag deutlich. Er verwies auf Untersuchungen, wonach selbst relativ kleine Lebensräume eine hohe Artenvielfalt aufweisen können, wenn sie geschickt vernetzt sind. Dagegen würden selbst größere Habitate, die durch Verkehrswege isoliert sind, mit der Zeit unattraktiv.
Über die daraus erwachsenden Gefahren für die biologische Vielfalt sind sich die Wissenschaftler inzwischen weltweit einig, stellte Dr. Heinrich Reck vom Ökologiezentrum der Universität Kiel fest. Er zeigte zugleich auf, warum der Handlungsbedarf hierzulande besonders groß ist: Deutschland hat eines der dichtesten Verkehrsnetze der Welt. Im Durchschnitt wird jeder Quadratkilometer der Bundesrepublik täglich 1600 Mal von einem Auto umrundet. Die gute Nachricht lautet: Es lassen sich kurzfristig Verbesserungen erreichen. Auf der Grundlage des 2005 erfolgreich abgeschlossenen Projektes „Lebensraumkorridore für Mensch und Natur“ haben Wissenschaftler um Dr. Reck mit Unterstützung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) nun standardisierte Planungshilfen für eine tierfreundliche Verkehrsinfrastruktur erarbeitet.
Die Anleitungen und Checklisten sind als Testversionen im Internet ebenso abrufbar wie die Vorschläge zur bundesweiten Wiedervernetzung von Lebensräumen (siehe www.jagdnetz.de/Aktuelles/Naturschutz) des DJV, der beide Projekte initiiert hatte.
Praktikable Konzepte sind demnach vorhanden – die Politik kann also handeln, folgert der Jagdschutzverband daraus.
Auch die anderen beiden Naturschutzverbände forderten die Politik auf, die von der Bundesregierung verabschiedete „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ in diesem Punkt unverzüglich umzusetzen. In einem ersten Schritt sollten bis 2020 jährlich 15 Grünbrücken er­richtet werden, verlangt der ­NABU. Die Stellen, an denen sie am nötigsten sind, benennt der im vorigen Jahr von ihm vorgelegte „Bundeswildwegeplan“, der im Wesentlichen auf Ergebnissen des ersten DJV-Projekts „Lebensraumkorridore“ beruht.

Unterschiede

Vor der Presse wurden aber auch unterschiedliche Prioritäten deutlich: Während es für NABU und BUND vorrangig um die Vernetzung der Lebensräume von sogenannten Leittierarten wie Luchs, Wildkatze, Wolf und Rothirsch zu gehen schien, stellte der DJV darüber hinaus einen direkten Zusammenhang von Barrieren und Wildunfällen her. Die Zahl von jährlich rund 220 000 Zusammenstößen, die Todesopfer, Verletzte und einen materiellen Schaden von über 450 Mio. Euro nach sich ziehen, mache die sonst eher verdeckte ­Tragik deutlich, erklärte der DJV-Vertreter.