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Landschaft lesen: Spuren der Vergangenheit im Revier erkennen

Christian Liehner © Christian Liehner
Christian Liehner
am
Montag, 06.07.2020 - 11:44
Geländemerkmale können spannende Hinweise auf die Vergangenheit geben. © Georgys - stock.adobe.com
Geländemerkmale können spannende Hinweise auf die Vergangenheit geben, hier eine Schanze aus den napoleonischen Kriegen.

Eine abbrechende Kante im Gelände, ein angedeuteter Graben im Wald, eine Lesesteinmauer in der Feldflur. Unsere Kulturlandschaft ist durchzogen von Spuren jahrhundertelanger Bewirtschaftung und Überformung durch den Menschen. Jede Generation hat ihre eigenen Ansprüche an die Landnutzung, abhängig von Wirtschaftsformen und technischer Innovation.

Vor allem zahlreiche unserer besonders charakteristischen Lebensräume sind durch spezifische Bewirtschaftung entstanden, und: Landschaftlicher Wandel ist ganz normal, solange er nicht mit Raubbau und Identitätsverlust einhergeht. Kaum ein System verschwindet jedoch jemals spurlos im Strudel der Zeiten. In jeder Kulturlandschaft sind – mehr oder weniger eindeutig – überlagernde Elemente und Strukturen aus vergangenen Epochen erhalten. Wer sie sehen und interpretieren kann, ist in der Lage, viele Zeitschichten freizulegen.

Aus der Vogelperspektive

Feldformen sind keinesfalls zufällig – der Blick von oben deckt Strukturen auf.

Die Struktur und Anordnung von Feldern kann Auskunft geben über den Entstehungszeitraum von Ortschaften, ihre frühere Einwohnerzahl oder selbst über Erbtraditionen. In Altbayern wurde der Hof in der Regel geschlossen an den ältesten Sohn übergeben, der Landbesitz blieb beieinander. In Regionen mit Realteilung (alle Kinder erbberechtigt) wie in Franken oder Schwaben wurden Felder durch vielfache Teilung über Generationen zersplittert. Als besonders charakteristische Flurform sollen hier beispielhaft Orte vorgestellt werden, die im Mittelalter geplant auf neu gerodeten Flächen angelegt wurden.

Vor allem Ortsnamenendungen wie -reuth, -brand, -schlag, -ried oder -rode sind ein guter Hinweis. Bei den sogenannten „Waldhufendörfern“ schließen unmittelbar an die Häuser schmale, aber sehr langgestreckte Ackerflächen an. Arbeitstechnisch hatte diese Fluraufteilung große Vorteile. Die Anfahrtswege waren besonders kurz, da die Felder unmittelbar von der Hofstelle erreicht werden konnten, zudem wurden kaum Feldwege benötigt, da sich die Feldfrüchte direkt über den abgeernteten Streifen einfahren ließen. Beim Ackern musste der Pflug nur wenige Male mühsam und kraftaufwändig gewendet werden. Über die an den Feld­rändern abgelegten Lesesteine in bis zu meterhohen Wällen wurden in einigen Gebieten die alten Feldgrenzen geradezu zementiert.

Der Blick „von oben“ über Luftbilder lädt ein, sich so manche Linie im Gelände einmal besser anzusehen. Denn Reste historischer Feldstrukturen sind überall zu finden und machen den Charakter von „Heimat“ mit aus.

Was uns Namen sagen

Wichtigster Anhaltspunkt, was früher wo passierte, sind Flur- und Gewannnamen. Ein schönes Beispiel sind erhaltene Bezeichnungen wie „Auf der Bleiche“: Nur Wenigen dürfte heute bewusst sein, dass es bis Anfang des 19. Jahrhunderts normal und notwendig war, Leinenstoffe während der Herstellung in großen Bahnen monatelang auf feuchtgehaltenen Wiesen auszuspannen. Dort wurden sie mit gestocktem Urin getränkt und in der Sonne gebleicht. Erst seit dem 20. Jahrhundert gibt es Bleichmittel auf Chlorbasis.

Schwarzes Handwerk im Wald – Überreste von Kohlemeilern

Relativ häufig in den Wäldern zu finden, deuten die Reste von Kohlemeilern auf den „Energiehunger“ früher Industrie. Holzkohle ist deutlich leichter als Fällholz und einfacher zu transportieren – vor allem erzeugt sie eine erheblich größere Hitze. In der frühen Neuzeit war die Kohle der einzige Brennstoff, der die nötige Hitze zur Eisengewinnung erzeugen konnte. Bei der Meilerköhlerei wird das Holz auf einem ebenen Platz zu einem kegelförmigen Haufen mit einem Schacht in der Mitte aufgeschichtet und mit Erde und Moos abgedeckt. Unter kontrollierter Sauerstoffzufuhr verschwelte nun das Holz über Tage oder sogar Wochen zu Holzkohle. Generell wurden die Meiler in der Nähe von Gewässern gebaut, um rasch auf das nötige Löschwasser zugreifen zu können. Gerne wurden die bereits geebneten Kohleplätze nach einer Weile wiederverwendet. Der enorme Energiebedarf bis zur Ablösung der Waldköhlerei durch Steinkohle im 19. Jh. lässt eine Vielzahl an Relikten vermuten. Systematische Untersuchungen gibt es nicht. Mit wachen Augen ist es also gut möglich, im Revier einen unbekannten Meiler zu entdecken.

Teilstück einer historischen Landwehr bei Schmallenberg. © Wolfgang Poguntke – Wikipedia

Teilstück einer historischen Landwehr bei Schmallenberg.

Schutz und Trutz – Historische Wehranlagen

Sicherheit und Schutz gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Zu allen Zeiten wurden viel Sorgfalt und Mühe darauf verwendet, sich zu schützen. Dazu gehören einerseits Stadtmauern, Wehrkirchen und Burgen, genauso wie die neuzeitlichen Fundamente von Flakstellungen, die – weil schwer zu entfernen und in ihrer Funktion meist nicht mehr zu erkennen – in der Feldflur verblieben sind. Neben diesen in „Stein gemeißelten“ Zeitzeugen ist unsere Landschaft durchzogen von älteren Schichten kriegerischer Geschichte. In den Wäldern mit geringerer landbaulicher Veränderung als im Offenland ist mehr erhalten, als uns bewusst ist. 

Sich abzeichnende Wälle und Gräben lassen sich jedoch oft erst auf den zweiten Blick als komplexe Verteidigungssysteme erkennen. Ein Beispiel hierfür ist die sog. „Alblinie“ aus dem Spanischen Erbfolgekrieg (1702–1714), die sich über gut 93 km von der Alb bis an den Bodensee hinzieht. Eilig errichtet, sollte sie einen Angriffskrieg abwehren, geriet dann aber bei ausbleibenden Kampfhandlungen schnell in Verfall und Vergessenheit.

Um ganz ähnliche Bauwerke handelt es sich bei den sog. „Landwehren“ als spätmittelalterlichen Befestigungen. Diese bestanden ebenfalls aus teilweise mehrstufigen Wall-Graben-Systemen mit dichten und regelmäßig verflochtenen und gepflegten Heckenverhauen. Doppelgräben stellten sicher, dass auch junge Hecken nicht von Reitern übersprungen werden konnten. Ihre militärische Bedeutung bestand darin, bei Angriffen Zeit zu gewinnen und Plünderer an einem raschen Rückzug zu hindern. 

Durch veränderte Herrschaftsverhältnisse und Flurbereinigung sind viele Anlagen eigeebnet worden, dennoch: Reste von Landwehren sind in ganz Deutschland erhalten. Achten Sie auf alte Gräben im Revier, die Recherche lohnt sich! Aus bloßen „Löchern im Boden“ kann mit etwas Hintergrundwissen ein faszinierendes System der Geschichte wiederauferstehen.