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Im Land der Trolle

Norwegische Jäger verstehen nicht nur ihr (Jagd-)Handwerk, auch auf Geselligkeit wird großer Wert ­gelegt. (Foto: DIT)


Als ich am Morgen aus dem Fenster schaue, traue ich meinen Augen kaum: In der Nacht hat es geschneit und die Landschaft rund um den See, an dem unser Jagdhaus liegt, ist mit einer leichten Schneeschicht überzogen.
Es ist Anfang Oktober und ich befinde mich in einem der größten privaten Eigenjagd­reviere Norwegens. Das Revier, immerhin 36 000 Hektar groß, liegt zirka 80 Kilometer südöstlich von der Landeshauptstadt Oslo entfernt und wird von einer norwegischen Adelsfamilie jagd- und forstlich bewirtschaftet. Nicht zuletzt die Nachbarn auf der anderen Seeseite geben Aufschluss, dass man hier in guter Gesellschaft ist. Dort stehen eine Handvoll durchaus exklusiver Sommerhäuschen, von denen eines bis in die 90 er Jahre sogar von der norwegischen Königsfamilie als Jagdhaus genutzt wurde.
Nachdem ich am gestrigen Abend von Forstverwalter Ole Kristian Egge in die norwegischen Jagdregeln ausführlich eingewiesen wurde, soll es heute auf die Elchjagd gehen. Diese findet in Norwegen, mit Ausnahme weniger Regionen, nur im Oktober statt. Weil die Jagd auf Elche bei den Norwegern sehr beliebt ist, sind in diesem Monat alle Jägerinnen und Jäger auf den Läufen, immerhin gilt es in nur vier Wochen über 40 000 Elche zu strecken.
So wie die norwegischen Jäger jedes Jahr vor der Jagdsaison eine Schießprüfung erfüllen müssen, absolviere ich diese selbstverständlich auch und kann mit einigen Schüssen aus meinem 98 er Repetierer auf etwa 100 Meter vom Zaunpfahl angestrichen den Jagdleiter durchaus zufrieden­stellen. Auf eine gute Schussleistung wird dabei vonseiten der Forstverwaltung größter Wert gelegt. Zum ­einen dient das Testschießen dazu, die Fähigkeiten des Jagdgastes zu überprüfen, zum anderen kann sich aber auch das Zielfernrohr während des Fluges verstellt haben. Wie wichtig Treffsicherheit und ein eingeschossenes Gewehr sein können – dazu gleich mehr.
Bei der Elchjagd wird in Norwegen hauptsächlich mit dem Elchhund gejagt, der das Wild sucht und den sich stellenden Elch so lange verbellt, bis sich der Jäger anpirschen kann, um einen sicheren Schuss abzugeben. Ich habe heute das Glück, einmal diese Jagdart näher kennenzulernen.
Zum Frühstück kann ich Lars mit seinem Hund „Pjakken“ begrüßen. Ursprünglich, so erzählt Ole, hätte sein Vetter als Jagdführer heute kommen sollen. Der sei allerdings durch die Verletzungen eines Elchtieres, das ihn vor wenigen Tagen angenommen hatte, noch nicht wieder einsatzfähig. Nachdem sich sein Vetter an den Hundelaut angepirscht hatte, habe ihn das Tier erblickt und war unverzüglich auf ihn losgegangen. Nur im letzten Augenblick konnte er einen tödlichen Schuss auf das Stück abgeben. Allerdings wurde er von den Läufen des Elchtieres so stark am Kopf getroffen, dass er längere Zeit bewusstlos am Boden lag. Hätte er zuvor nicht geschossen, würde er vermutlich heute nicht mehr unter den Lebenden weilen, fügt Ole an. Mit dieser Geschichte und einer ordentlichen Portion Respekt im Hinterkopf brechen wir auf.
Der Revierteil, in dem wir ­heute ­jagen, ist etwa 3000 Hektar groß. Das Gelände ist leicht hügelig, mit einigen Waldwegen gut erschlossen und größtenteils mit Fichten und Birken zum Teil sehr dicht bewaldet. Vereinzelte Freiflächen mit Naturverjüngung und Blaubeersträuchern lockern die Landschaft auf. Bäche, kleinere Seen und Moorflächen geben dieser ­einen sehr urigen und natürlichen Charakter. Nach kurzer Fahrt stellen wir das Auto auf einem Waldweg ab. Leise pirschen wir uns einige Meter in der angrenzenden Dickung bergauf, von wo aus Lars nun seinen Hund schnallt. Es vergeht etwa eine Viertelstunde, bis „Pjakken“ Laut gibt und uns anzeigt, dass er Elchwild gefunden hat.
Wie mir Lars berichtet, flüchten Elche meist nicht sehr weit und stellen sich dem Hund frühzeitig. Da sich der Elch in der Regel nach einer Weile beruhigt, warten wir zunächst eine halbe Stunde, ehe wir uns an den Standlaut vorsichtig heranpirschen.
Der Wind steht günstig, sodass wir uns nun langsam und leise Richtung Hund bewegen. Als wir auf etwa 100 Meter herankommen, zieht das Wild bergauf, stellt sich aber erneut nach etwa 200 Metern. Wir verlassen die unübersichtliche Dickung und folgen dem Laut in einem, wenn auch immer noch sehr dichten Stangenholz. Aufgrund der Fährten im Schnee können wir nun erkennen, dass der Hund ein Tier mit Kalb aufgemüdet hat. Immer wieder den Wind testend, kommen wir nun sogar bis auf etwa 50 Meter an den Hund mit den beiden ­Elchen heran. Da sich alle drei in einem dichten Verjüngungshorst befinden, ist kein einziges Haar zu erkennen. Erst nach knapp einer Stunde stellt sich das Tier mit seinem Kalb an einer für uns günstigen Position. Trotzdem dauert es noch eine ganze Weile, bis Lars und ich das erste Mal Tier und Kalb erblicken. Immer wieder zieht das Elchtier auf den Hund los, um diesen zu vertreiben. Doch „Pjakken“ bleibt hartnäckig und weicht nicht von ihnen. In ­regel­mäßigen Abständen schaut er jedoch, wo wir bleiben. Nachdem er uns erblickt, schickt Lars ihn mit einem Handzeichen wieder zurück zum Wild. Ich bin beeindruckt – sehr selten hat man die Gelegenheit, ein derartig eingespieltes Team aus Jäger und Hund zu erleben. Auf allen Vieren kriechen wir jetzt an Tier und Kalb heran. Eine falsche Bewegung, drehender Wind oder auch nur das leiseste Knacken eines Astes könnten uns verraten. Wir verständigen uns, dass ich mich die letzten Meter alleine vorpirsche, um eine gute Schussposition zu wählen. Liegend angelehnt an einen Felsen, bekomme ich nun eine kleine Lücke frei, in der das Elchtier steht. Doch das Kalb ist durch das Tier verdeckt. Auf einmal zieht das Elchtier auf den Hund los. Das Blatt des Kalbs ist frei und der Schuss bricht aus etwa 40 ­Meter Entfernung. Nach fünf Gängen ist das Stück mit gutem Treffer (8x57 IS, RWS TMR 12,7 g) verendet. Das Elchtier, das nach dem Schuss noch einmal wütend mit den Läufen auf den Waldboden stampft, flüchtet kurz darauf von uns weg. Erleichtert und mit großer Freude trete ich an das relativ schwache Hirschkalb heran. Nachdem wir es versorgt und bis an den nächsten Weg geborgen haben, entscheiden wir uns aufgrund des einsetzenden Regens, das Mittagessen im Jagdhaus ein­zunehmen.­
Obwohl der Elchbestand in diesem Revier, nicht zuletzt durch eine wohlüberlegte Abschussplanung, als sehr gut bezeichnet werden kann und selbst die Chance auf einen Medaillenhirsch durchaus gegeben ist, kann man keinesfalls davon ausgehen, schnell zu Schuss zu kommen. Aufgrund der kurzen Jagdzeit werden in diesem Revier auch nur wenige Termine für Jagdgäste zur Elchjagd im Oktober angeboten. Wie mir Forstverwalter Ole erzählt, habe man bislang insbesondere mit Jagdgästen aus Deutschland sehr gute Erfahrungen gemacht. Jagdliche Kenntnisse, die Einstellung zum Wild und gute Schieß­fähigkeiten der deutschen Jäger haben bei den Norwegern zu einem Ruf geführt, der nicht zerstört werden sollte.
Die Unterbringung erfolgte in einem geräumigen Jagdhaus mit Holzöfen, Sauna und Kamin­zimmer, das zwar einfach ausgestattet ist, aber dennoch den Kom­fort der meisten deutschen Jagdhütten übertrifft. Die Verpflegung mit reichhaltigen und sehr schmackhaften norwegischen Speisen aus Elch, Rentier und Fisch vor dem Kamin rundeten die Jagdtage ab, an denen man nach aufregenden und anstrengenden Stunden gerne in die Federkissen sank.

Auf leisen Sohlen

Während der Elchjagd hatten wir bereits mehrfach Auer- und Birkwild in Anblick bekommen, sodass wir am letzten Tag einen Versuch starten, einen der Vögel zu erbeuten. Da in Norwegen jedoch nicht zur Balzzeit und nur selten mit einem Hund auf Rauhfußhühner gejagt wird, sollte man viel Zeit und Muße mitbringen, um ihrer habhaft zu werden. Mitunter kann es sehr schwierig sein, sich auf Schrotschussentfernung den Vögeln ungesehen zu nähern. Obwohl ich einige frische Huder­plätze finde und Birkwild in der Ferne fliegen sehe, gelingt es mir an diesem Tag nicht, mit Beute heimzu­kehren.
Mit einer Menge neuer Erfahrungen verlasse ich Norwegen wieder. Einzig der Anblick der blonden Stewardess von Norwegian Airlines lenkt mich kurz von den Erinnerungen an ein paar unvergessliche Jagdtage ab. Ich werde bestimmt wiederkommen – ins Land der Elche, Trolle und Fjorde.