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Land der Keiler

Teamarbeit: Mit vereinten Kräften wird die erste Sau geborgen. Foto: EM


Das fängt ja gut an, drei Feuerwehrwagen fahren mit Blaulicht auf das Rollfeld zu dem Flieger, in den wir eigentlich gerade einsteigen wollten. „Der Flug verzögert sich auf unbestimmte Zeit“, tönt es aus den Lautsprechern. Ein Treibstoffventil sei defekt. Mit 50 Minuten Verspätung heben wir dann doch in Richtung Sofia ab. Ich bin unterwegs zu meiner ersten Auslandsjagd. Drei Tage Drückjagd auf Sauen in der bulgarischen Wildnis liegen vor mir – ich kann es kaum erwarten. Die Woche vorher wurde die Packliste verfeinert und fast täglich der bulgarische Wetterbericht gecheckt. Google lieferte zusätzlich Fotos von unglaublichen 300-Kilo-Keilern, sodass in meiner Fantasie schon Strecke gelegt wurde.

Nasskalte vier Grad Celsius und Regen erwarteten mich am Flughafen der bulgarischen Hauptstadt. Zusammen mit weiteren Jagdgästen ging es ins Hotel. Beim Abendbrot beschnupperten sich die Gäste erstmal gegenseitig und tauschten Jagdgeschichten aus. Ich war mit Abstand der jüngste Jäger, und alle anderen schienen sehr viel Auslandsjagderfahrung zu haben. Bisher hatten mich Gerüchte über Gatterjagden und hochgefütterte Trophäenträger abgeschreckt. Doch wir, so wurde mir versichert, würden in freier Wildbahn jagen. „Wo ist eigentlich der Unterschied zu einer Drückjagdeinladung bei Freunden nach Mecklenburg-Vorpommern oder Bayern?“, frage ich mich immer wieder.

Rauf in die Berge

Am nächsten Morgen ging es per Bus raus aus der Stadt in die Berge. Während der Busfahrt erzählen mir Jäger, die in den vergangenen Jahren schon hier gejagt hatten, dass das Jagdgebiet etwa 7000 Hektar umfassen würde. Vor zwei Jahren, so der dänische Jagdgast, hätte er hier seinen Lebenskeiler mit aufgebrochen 245 Kilogramm geschossen – ein wahres Monstrum! Dass dort Goldschakale, Wölfe und gelegentlich sogar Bären vorkommen, erfahre ich am Rande.
Im Jagdgebiet liegen zwei Zentimeter Schnee und bilden die optimale Kulisse für den heutigen Jagdtag. Jeder Schütze bekommt seinen bulgarischen Jagdschein, der erstaunlicherweise in Deutsch verfasst ist. Es folgt die Sicherheitseinweisung und die Freigabe, ganz wie zu Hause. Aufgeteilt in sechs Geländewagen geht es zum ersten Treiben. Die schlammigen Wege führen uns bergauf und bergab durch kleine Offenflächen mit Schwarzdorndickungen und knorrigen Flaumeichenwälder. Hier und dort wird ein Schütze abgesetzt. Nun bin ich an der Reihe. Der Jagdführer steigt aus und geht mit mir zu meinem Stand. Er schaut mich ernst an und weist mit ausgebreiteten Armen auf den Hang vor mir und sagt „Shooting“, dann auf den Weg rechts und links „Shooting“ und die Schlucht hinter mir „Shooting“. Zur Sicherheit wiederholt er seine Aussage. Als ich ihm zu verstehen gebe, dass ich begriffen habe, reckt er den Daumen in die Höhe und fährt davon.

Schlag auf Schlag

Als ich mich eingerichtet und die Waffe geladen habe, lege ich für mich fest, dass ich nur auf dem schmalen Weg Wild beschießen kann. Denn vor und hinter mir ist der Bestand so dicht, dass ich froh sein kann, wenn ich die Sauen überhaupt sehe. Es beginnt wieder zu schneien und ich überlege, wann ich das letzte Mal eine Drückjagd mitgemacht habe, auf der die Schützen nicht auf Ansitzeinrichtungen standen, sondern einfach so auf dem Boden. Eigentlich waren es nur kleine „Privat-Stöcker-Jagden“ gewesen, denn ansonsten ist bei uns alles „möbliert“.
Gespannt warte ich auf die eingesetzten Jagdhunde. Im Internet hatte ich sie keiner genaue Rasse zuordnen können. Es schien sich mehr oder weniger um bunte Mischungen rauhaariger braun-schwarzer Hunde, sowie verschiedener Bracken zu handeln. Hundegeläut aus dem Hang vor mir reißt mich aus meinen Gedanken. Die leichte Merkel RX.Helix nehme ich schon mal von der Schulter, das Aimpoint H-2 ist schon an. Rechts nehme ich eine Bewegung wahr. Eine Bache und zwei Frischlinge überfallen im Tiefflug den Weg. Jetzt geht alles wie von selbst. Spannen der Waffe, Ziel erfassen und Schießen laufen instinktiv ab. Da die Sauen bergab geflüchtet sind, kann ich sie nun auch nicht mehr sehen. Mein Kopf rekapituliert: Der letzte Frischling wurde anvisiert, und mir war so, als sei er im Schuss erstarrt. Immer ein Zeichen für einen guten Treffer. Schon kommt der Hund hinterher. Als er etwa 30 Meter unterhalb des Weges stoppt und etwas beutelt, bin ich mir sicher – Sau liegt! Der zottelige Vierbeiner kommt nach eine Weile zu mir und freut sich, einen Menschen gefunden zu haben. Er liegt in der Größe zwischen einem Wachtel und einem Drahthaar. Von der Farbe erinnert er mich eher an einen drahthaarigen Magyar-Vizsla, nur mit schwarzem Sattelfleck. Egal was das für eine Mischung ist, Sauen jagte er sehr gut!
Mein zweiter Stand liegt praktisch in einer Hecke. Auf dem Weg ist „No shooting“ rechts und links davon aber „Feuer frei“. Langsam schmerzt mein Rücken vom langen Stehen, und ich wechsel unruhig von einem Fuß auf den anderen. Durch eine Lücke vor mir huscht etwas. Ein Frischling? Ein Wolf? Nein, ein Gold-schakal stielt sich in aller Seelenruhe aus dem Treiben und äugt zu mir herüber, als wüsste er genau, dass ich ihm auf dem Weg nichts anhaben kann. Gespannt wie eine Feder warte ich nur darauf, dass er einen Schritt vom Weg runter macht. Doch der starke Räuber dreht sich um und zieht auf der Fahrspur davon. Mist! Ein guter Keiler und einige Sauen liegen am Ende des Tages auf der Strecke.
Etwas müde vom gebührenden Tottrinken geht es am nächsten Morgen zeitig raus. Nun dringen wir in das Herz des Reviers vor. Zu Fuß folgen wir unserem Jagdführer. Einer nach dem anderen wird von ihm mit dem obligatorischen „Shooting“ und „No shooting“ an seinem Stand eingewiesen. Als wir zu meinem kommen, riecht es schon nach Keiler. Schnell ist mir erklärt, dass ich überall hin freies Schussfeld habe – Perfekt! Das Magazin ist mit fünf Schuss Norma -„Tipstrike“ in .30-06 gefüllt, eine sechste Patrone sitzt im Lager. Die reichen auf jeden Fall, geht es mir durch den Kopf. Denn mehr als sechs Schuss habe ich noch nie auf einer Drückjagd verbraucht. Die Szenerie passt zu dem vorher tausendfach durchdachten Moment, in dem sich ein Bär von einem Keiler aus dem Schwarzdorn schiebt und mir breit kommt. Ich bin bereit, soll er nur kommen! Schon 20 Minuten später zieht eine große Rotte von bestimmt 25 Sauen über eine kleine Freifläche. Mein Rotpunkt sucht das Blatt eines Frischlings und wird erst kurz vor dem Einwechsel in die nächste Dickung fündig. Deutlich zeichnend bricht die Sau samt Rotte weg. Nun scheinen überall Sauen in Bewegung gekommen zu sein, denn es knallt am laufenden Band. Drei pechschwarze Überläufer trollen den kleinen Hügel herunter, werden langsamer und kommen mir breit. Den letzten trifft die Kugel hinter dem Blatt, und ich sehe wie die Luft dampfend aus seinen Lungen fährt. Repetiert und mitgeschwungen treffe ich auch den zweiten Überläufer in die Kammer. Der dritte entkommt unbeschossen. Schnell ist das Magazin nachgeladen – keine Minute zu früh. Denn auf dem schmalen Waldweg vor mir erscheint ein einzelner Frischling auf etwa 70 Schritt. Sicher platziere ich den roten Punkt auf dem Teller. Schon schlegelt die Wutz am Waldboden. Das hat geklappt. Vier Sauen in so kurzer Zeit aus verschiedenen Rotten habe ich in Deutschland vorher noch nicht erlegt.

Jederzeit wieder!

Mit 20 Schützen erlegten wir in drei Jagdtagen 47 Sauen. Darunter sind zwar auch einige gute Keiler. Allerdings wird keiner von ihnen viel mehr als 130 Kilo auf die Waage -gebracht haben. Auch in Bulgarien fallen die Hauptschweine eben nicht einfach vom Himmel. Dass ich mein Lebenskeiler nicht erlegt habe, stört mich nicht. Dafür hat mir die Jagd mit Menschen, die die gleiche Passion teilen, zu viel Spaß gemacht. Ich würde sofort wieder nach Bulgarien reisen. Denn ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es nicht wichtig ist wo man jagt, sondern wie und mit wem!
EM