Home Praxis Kurz, rau, lang, ... oder was?

Kurz, rau, lang, ... oder was?

Letztlich überwiegen bei Diskussionen über die drei gängigen Haararten bei Jagdhunden die Emotionen. Rein sachliche Argumente überschneiden sich dagegen oft. (Foto: R. Kröger)


Der persönliche Geschmack der Rüdemänner ist so unterschiedlich wie die revierbedingten Anforderungen an den vierläufigen Jagdhelfer. Genau diese beiden Faktoren entscheiden letztlich, was Vorliebe oder Ablehnung gegenüber einer Haarart angeht. Über den Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, wohl aber über die Zweckmäßigkeit.
In einem Punkt sind sich die Befragten einig: „Wir wollen einen Jagdhund, der sowohl wetterbedingt als auch, was das Gelände angeht, seinen Mann steht. Die Behaarung muss dicht und am Bauch geschlossen sein. Nicht ihre Länge oder Struktur, sondern ihre Festigkeit, Geschlossenheit sowie die Dichte des sogenannte Unterhaares sind wichtig!“.
So weit, so gut. Ähnlich lauten fast alle Rasse-Beschreibungen in der Literatur. Nachteil der Kurz- und Rauhaarigen gegenüber den Langhaarigen ist die bei ihnen bestehende Notwendigkeit des Kupierens, um ein Wundschlagen der sonst nicht ausreichend geschützten Rutenspitzen im rauen, dichten Bewuchs zu verhindern. Die besonders dichte Unterwolle ihrer Hunde führten Fans langhaariger Hunde ins Feld. „So leicht werden unsere Hunde nicht nass bis auf die Haut, sie können lange Zeit sogar in eisigem Wasser problemlos arbeiten!“
Selbst wenn das immer zutreffen würde, halten andere dagegen: „Es dauert aber unendlich lange, bis ein solch durchnässter Hund mit seinem dicken, schwergewordenen Pelz wieder trocknet. Ganz abgesehen von der nach einer Treibjagd nicht enden wollenden Tropfnässe im Auto, in der Gaststätte oder daheim in der Wohnung.“
In den Zwinger kann man einen klitschnassen Hund selbst bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt nicht einfach sperren. Der Gesundheit kann es zudem auf keinen Fall dienlich sein, wenn er gezwungen ist, bei Wind und Wetter in nur langsam trocknender Jacke beispielsweise beim Entenstrich auf dem Stand auszuharren. Auf den Hinweis nach Möglichkeit, den Hund vorher abzutrocknen, hieß es in einem Fall erstaunlicherweise: „Nein, auf keinen Fall! Damit wird doch die schützende Fettschicht auf der Haut und aus dem Haar mit weggerubbelt“. Das hatte ich zuvor noch nie gehört, glaube es auch nicht.

Kuscheln macht warm

Ob beim Vorsteh-, Stöber-, Schweiß- oder Bauhund: Zu weiches und zu langes Haar ist bei Schneelage oft von erheblichem Nachteil. In schlimmen Fällen – wie diesem – kann sich der Vierbeiner kaum noch fortbewegen.<br>(Foto: M. Wysocki)


Meine Hunde werden nach der Wasserarbeit oder nach der Baujagd bei Regen oder Schnee fast immer abgetrocknet. Mangelt es am Handtuch, geht dies auch problemlos mittels der Faserpelzjacke. Ein kurz durchgewärmtes Fahrzeug bewirkt das Weitere. Vorteilhaft ist es, wenn mehrere Hunde, die miteinander vertraut sind, sich „zusammenkuscheln“ können. Die Körperwärme beschleunigt den Trocknungsvorgang erheblich und Meutegenossen lecken sich zusätzlich gegenseitig trocken.
Wieder eine andere Meinung lautet: „Es kommt darauf an, ob das Haar – egal welcher Struktur – fettig genug ist, um Wasser abzuweisen. Hunde, die nur in der Wohnung gehalten werden, haben in der Regel schütteres und „trockneres“ Haar. Teppichboden zum Beispiel wirkt wie ständiges Ausbürsten. Ein Stroh­lager hingegen härtet das Haar.“ Da ist was dran. Es ist sicher, dass dem reinen Zwingerhund logischerweise eine kälteresistentere Unterbe­haarung wächst als dem in der beheizten Wohnung lebenden. Das kann mich persönlich jedoch der vielen anderen Vorteile des kommunikativen Lebens und Verstehens wegen nicht davon abhalten, auf eine Wohnungshaltung meiner Hunde zu verzichten. Selbst dann nicht, wenn diese oft Einwirkungen auf den Haarwechsel hat. Reine Wohnungshunde nehmen es häufig – zumindest wenn sie älter werden – nicht mehr so genau mit der regelmäßigen „Mauser“, sondern ziehen diese längere Zeit hin, was störende Folgen hat.
Und damit sind wir bei Vor- und Nachteilen der Wohnungshaltung. Hier ist der Hund mit Kurz- oder knapperem Rauhaar unbestritten von gewissem Vorteil, denn weder lange Haarfusselei auf Teppichen oder Polstermöbeln noch unangenehme Geruchsbelästigung stören oder hindern ein harmonisches Zusammenleben.
Prof. Hans Wunderlich berichtet allerdings von einem „pudeligen“ Drahthaar, der durch einen mit sehr knappem Haar abgelöst wurde. Die zuständige Hausfrau hatte entschieden mehr Probleme mit der Entfernung der kürzeren als der längeren Haare.
Rasches Trocknen des kürzeren Haarkleides, das gilt auch für kurzhaarige Drahthaar, ist gewiss von Vorteil. Der Schmutz, der im Fell mit ins Haus hineingetragen wird, hält sich dann in der Regel in zumutbaren Grenzen, ebenso wie die nassen „Tapser“ auf dem Bodenbelag.
Wenn sich ein nasser Hund dann in der guten Stube auch noch kräftig schüttelt, hängt der Haussegen oft schief. Eventuelle Kletten oder Dornen können sich gar nicht erst im kürzeren Haarkleid festsetzen und Zecken werden leichter gefunden und entfernt. Aber das alles ist nicht ohne Preis, denn im mit spitzen Dornen bewehrten Gestrüpp ist der Hund mit der deftigeren Jacke von Vorteil, da er nicht jeden Pikser spürt. Manche stecken solche Ratscher allerdings passionsbedingt weg.
Im scharfhalmigen Schilf wird allen Hunden gleichermaßen das Gesicht „rasiert“, unabhängig vom Haarkleid – dem einen mehr, dem anderen weniger.
Wie ist es mit der Durchlässigkeit von Kälte? Isoliert das eine Haar mehr als das andere? Dem dazu abgegebenen Kommentar eines Rüdemannes ohne „Rassebrille“ ist nichts hinzuzufügen: „Ein Jagdhund mit gutem Haar friert nicht, gleichgültig, welcher Haarart er angehört!“ Sitzt ein Hund, nachdem er zum Beispiel eine Ente aus dem kalten Wasser apportiert hat, am ganzen Körper zitternd und zähneklappernd neben seinem Herrn, dann heißt das noch lange nicht, dass er friert.
Im besten Fall drückt das nur seine passionsbedingte Anspannung und Erregung aus. Im negativen Fall ist das ein sicheres Zeichen von irreparab­ler Wesensschwäche. Zumindest dann, wenn das ganze auch noch von elender Fieperei begleitet wird – ein weiteres Indiz für ein unzureichend gefestigtes Nervenkostüm.

Oft ist es Gewohnheit

Am Ende schließt sich der Kreis, denn die ganz persönliche Sympathie (um nicht zu sagen Liebe) für den Jagdhund einer bestimmten Haarart oder Rasse lassen viele, die sich einmal festgelegt haben, nicht mehr ausreden.
Eher nimmt man gewisse Nachteile in Kauf, als „die Konkurrenz“ zu loben. Vor- und Nachteile haben sie alle. Reizvoll und für alle belustigend kann da die fröhliche Lästerei unter Jagdfreunden und Anhängern verschiedener Rassen in einer sonst funktionierenden Jagdgemeinschaft sein. Weiß doch jeder, dass es nur um den Spaß geht.