Die Kunst des Verschwindens

Wer die Täuschungstricks von Tieren kennt, kann sie sich auch zunutze machen. Aber es gilt: Die Tarnung muss sich jeweils auf die Sinnesorgane des zu Täuschenden einstellen. Ob Ente, Hirsch oder Fuchs, eine erfolgreiche Strategie umfasst alle Sinne und berücksichtigt die verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Hier also Vorschläge zur Tarnung von A wie Auge bis Z wie Zappeln.

Optische Tarnung

Die Augen von Säugetieren und Vögeln sind zwar grundsätzlich gleich aufgebaut, die Ausstattung ist aber unterschiedlich – und für Tarnstrategien entscheidend: Es gibt Sinneszellen für Hell und Dunkel (die Stäbchen). Viele dieser Stäbchenzellen auf der Netzhaut des Auge ermög­licht dem Tier auch schwache Veränderungen in Lichtstärken wahrzunehmen: Auch bei wenig Licht, in der Dämmerung und sogar nachts können solche Augen Konturen gut wahrnehmen und reagieren empfindlich auf selbst kleinste Bewegungen. Nachts sind eben nicht nur alle Katzen grau. Nachteil: Stäbchenzellen unterscheiden nur Grautöne und keine Farben. Das wiederum können die sogenannten Zäpfchenzellen in der Netzhaut. Diese Zelltypen gibt es in drei Sorten: für rotes Licht, für grünes und für blaues. Menschen haben alle drei Typen im ­Auge und sehen die Welt entsprechend farbig, mit Ausnahme von fast 40 Prozent der Männer, die eine sogenannte „Rot-Grün-Schwäche“ haben und diese beiden Farben schlechter auseinanderhalten können. Auch fehlen dem Menschen besonders empfindliche Blau-Zäpfchen, um auch UV-Licht wahrnehmen zu können. Damit die Zäpfen-Zellen im Auge arbeiten können, brauchen sie relativ viel Licht. Entsprechend sollten Jäger ihre optische Strategie wählen:
  • Tarnmuster und Farbe auf Hintergrund, Jahreszeit und Wildart abstimmen. Günstig sind Erdfarben.
  • Vögel nehmen Rottöne gut wahr; bei Entenjagd oder Taubenpirsch auf (dunkel)rote Farben verzichten.
  • Haarwild ist fast durchgehend rotblind; blaue Farben erkennen sie dagegen deutlich (wie wir Signalrot). Tagsüber sind braun, gelb und mittlere Grüntöne gute Tarnfarben; im Winter natürlich Schneehemden.
  • Hirschartige können zum Teil sogar im UV-Bereich sehen. Die Farbzusätze in vielen Waschmitteln, die für „strahlend weiße Wäsche“ sorgen, können die Kleidung dadurch mit einer „Leuchtspur“ versehen. Im Zweifel auf entsprechende Spezial- Waschmittel ohne Aufheller zurückgreifen.
  • In der Dämmerung wirkt nicht nur Blau, sondern auch Dunkelgrün für Schalenwild wie eine Signalfarbe. Deshalb lieber nicht im ­dunklen Jagdloden auf den Abendansitz gehen.
  • Wählen Sie formauflösende Muster, je nach Hintergrund Flecken oder Streifen, auch Karos, möglich.
  • Die pfahlartige Silhouette mit dem hellem, runden Kopf wirkt für erfahrenes Wild ­typisch „jagdlich“. Beachten Sie, dass besonders in der Dunkelheit die helle Gesichtshaut und die hellen Hände, kombiniert mit immer wiederkehrenden Bewegungen auffällig wirken. Lassen Sie den Kopf, vor allem die Augen im Schatten eines Hut- oder Mützenschirmes. Von Vorteil sind auch Bart, hochgezogene Schals, spezielle Tarnschleier und -handschuhe.
  • Vermeiden Sie glitzernde oder stark reflektierende Ausrüstungsgegenstände oder Kleidung, wie Waffenlauf und Systemkasten, Knöpfe, Brillen, Armbanduhr; die Beleuchtung des Mobiltelefons sollte keinen Lichtschein auf helle Gegenstände werfen.

Akustische Tarnung

Fast alle Haarwildarten können mit den Ohren wackeln. Das heißt, sie haben nicht nur ein sehr feines Gehör, sondern können die Geräuschquelle auch zielsicher orten. Nicht unterschätzen sollte man das Hörvermögen von Vögeln, auch ohne sichtbare Schalltrichter – die Ohrmuscheln. Deshalb gilt die Vermeidung von Geräuschen seit altersher als hohe Kunst des Jagens und Pirschens:
  • Metalloberflächen sollten mit Gummi oder Filz verkleidet sein.
  • Achten Sie auf raschelarme Kleidung, Rucksack und weiteres Handwerkszeug.
  • Schuhe dürfen nicht knarzen. Bevorzugen Sie weiche Sohlen, mit denen Sie den Fuß langsam abrollen können.
  • In den Taschen sollten sich keine klappernden Gegenstände, wie lose Patronen, Taschenlampe oder Feuerzeug befinden.
  • Standorte und Ansitze in der Nähe von alltäglichen Geräuschkulissen sind von Vorteil.
  • Weiche Stoffe mit dichtem Fasergeflecht und großer ­Innenoberfläche (z. B. Filz, Molton) können nicht nur Gerüche „absorbieren“, sondern auch Schall schlucken.

Chemische Tarnung

Passende Tarnung ist auf die Farben der Umwelt eingestellt – jetzt müssen nur noch Geruch, Ruhe und Verhalten stimmen.<br>(Foto: Jordan Outdoor Enterprises Ltd)


Was für ein Tier ein auffälliger Duft ist, können wir uns (als Augentiere) nur als bunte Tennisbälle auf einer frischgemähten Wiese vorstellen. Duftteilchen schweben in der Luft oder kleben an Oberflächen. Gelangen diese Teilchen mit der Atemluft auf die empfindliche Riechschleimhaut in der ­Nase, werden sie dort als Reiz wahrgenommen: Manche Teilchen verursachen ­einen stärkeren Reiz als ­andere, ­einige sind auffälliger als andere.
Verantwortlich für das Entstehen von Duftstoffen sind in erster Linie Bakterien, die auf der Haut oder sonstigen Oberflächen sitzen. Körpergeruch ist nichts anderen als der Duft der Stoffwechselprodukte dieser Mikroben. Der Geruch des Jägers kann mit anderen Düften überdeckt werden, er „verschwindet“ aber dadurch nicht automatisch. Filterstoffe dagegen fangen Duftteilchen auf und binden sie an die raue Oberfläche im Stoff-Inneren. Sind ­diese Parkplätze für Geruchsstoffe besetzt, passieren weitere Gerüche das Gewebe wieder ungehindert.
  • Ob es besser ist, frisch ­geduscht oder mit tagealter muffelnder Kleidung ins Revier zu gehen, ist noch zu ­wenig untersucht. Schalenwild reagiert empfindlich auf „aufgeregten Körpergeruch“, den Jäger verströmen, wenn sie nervös und gespannt auf die Pirsch gehen. Der gelassene Spaziergänger oder der glücklich schwitzende Sportler können vom Wild wahrscheinlich genau unterschieden werden.
  • Achten Sie trotzdem auf parfümfreie Waschmittel, Weichspüler und Körperseifen. Zusätzliche Körperdüfte schaden sicher mehr, auch wenn Wild in Gebieten mit hohem Besucherdruck an die Begegnung mit „ungefährlichen“ Menschendüften gewöhnt ist.
  • Damit keine neue Gerüche auf Haut, Kleidung oder Ausrüstung entstehen, können die Oberflächen mit ­Geruchsblockern behandelt werden. Diese Stoffe verhindern die Bildung von Geruchsstoffen oder den Stoffwechsel von Bakterien (wie bei einem normalen Deo).
    Möglicherweise hilft auch die Verwendung spezieller Duftstoffe, die im Handel erhältlich sind. Sie funk­tionieren ähnlich wie eine Geräuschkulisse, aber dahinter ist der Eigengeruch des Jägers immer noch erkennbar. Ob das Wild durch die vorstechenden Gerüche genügend abgelenkt ist? Hier freut sich die Redaktion auf ihre Erfahrungsberichte aus der Praxis!
  • Natürlich kann man sich auch Ansitz-Orte mit Duft­tarnung aussuchen. Allerdings sind wir mit unseren stumpfen Menschennasen nicht gut ausgestattet, um hier eine wirklich passende Wahl zu treffen. Und systematische Untersuchungen zu diesem Thema fehlen.
  • Nicht unterschätzen darf man auch die Wirkung der Bodenverwundung. Erfahrene Hundeführer wissen, dass bereits eine leicht verletzte Bodenoberfläche durch Tritt für Tiere „anders“ riecht. Versuchen Sie daher weiche Bodenober­flächen zu vermeiden, wenn Sie den Fuß auch auf Stein oder harten Untergrund setzen können. Und versuchen Sie, so wenig wie möglich Pflanzen zu zertreten oder zu ­verletzen.
  • Gummisohlen scheinen weniger Duft vom Boden aufzunehmen als Leder­sohlen. Je nachdem, wo Sie ­waren, können Sie nämlich unabsichtlich Fremdgerüche bei Ihrem Pirschgang durchs Revier stempeln.
  • Die beste Tarnung aber ist die genaue Beachtung der Windverhältnisse, die in unterschiedlichen Höhen verschieden sein können: am Boden anders als in vier bis fünf Metern Höhe. Achten Sie besonders auf klein­räumige „Windwalzen“. Der Wind (zusammen mit Geruchsstoffen) steigt an warmen Stellen auf, kann horizontal verstreichen und dann wieder zu Boden sinken. Jede Vegeta­tionsgrenze verursacht ­solche Windwalzen und verbreitet auf diese Weise Gerüche. ­Also immer wieder den Wind sorgfältig prüfen.

Tarnendes Verhalten

Wer sich heftig bewegt, wird nicht nur leichter gesehen, sondern erzeugt auch mehr Lärm und Geruch. Deshalb gilt es sowohl am Ansitz als auf der Pirsch besonders auf seine Bewegungen zu achten. Tiere aus ver­schiedenen Lebensräumen ertragen „Gezappel“ ganz unterschiedlich. Besonders Wild aus offenen Landschaften, etwa Gams reagiert sehr empfindlich auf „auftauchende hohe Silhouetten“ am Horizont: also nur geduckt über Kamm­linien schauen.
  • Praktisch alle Tiere reagieren sehr empfindlich auf schnelle Bewegungen. Damit können Sie Ihre gesamten Tarnbemühungen zunichte machen. Achten Sie auf ruhige und fließende Bewegungen (gleichmäßig und langsam), um so lange wie möglich unbemerkt zu bleiben.
  • Nutzen Sie die natürlich Deckung im Revier und bei der Pirsch gezielt aus.
  • Aber bei Bedarf muss es dann auch ganz schnell gehen. Waidmannsheil!