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Kultur gehört gelebt!

(Foto: JMB)


Dr. Jörg Mangold: Wir unterhalten uns heute über den Stellenwert der Jagdkultur in unserem Land, insbesondere in den Jagdverbänden. Auslöser dafür ist ein Artikel von Ihnen, Herr Martin, in der Ausgabe 1/2008 der PIRSCH, wo Sie sich kritisch mit dem Stellenwert der Jagd­kultur auseinandersetzen. Herr Martin, glauben Sie wirklich, dass wir oder ­un­sere Nachfahren irgendwann einmal Flinte und Büchse an den Nagel hängen ­müssen, weil wir unsere jagdkulturellen Aufgaben nicht erledigt haben?
Wolfram Martin: Das kann man nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Insgesamt meine ich, dass wir es im deutschsprachigen Raum – ich beziehe da Österreich und die Schweiz ausdrücklich mit ein – mit einem sehr aktuellen und sehr signi­fikanten Verfall der Jagdkultur zu tun haben. Ich meine aber erkannt zu ­haben, dass es gerade in den Jagd­verbänden und damit auch beim DJV erhebliche Defizite in der Förderung und Erhaltung der Jagdkultur gibt.

Mangold: Welche Defizite sehen Sie da besonders?
Martin: Insbesondere gibt es einige Landesjagdverbände, die die Förderung, Pflege und Erhaltung des jagdlichen Brauchtums und der Jagdkultur aus ­ihren Satzungen gestrichen haben. Und wenn es nicht mehr in den Satzungen steht, braucht man sich darum nicht mehr zu kümmern. Und letztlich lässt sich daraus auch keine Aufgabe oder ­Forderung an die Kreisjägerschaft, den Hegering und den Einzeljäger ableiten.

Mangold: Die Jagdkultur ist ja letztlich so alt wie die Jagd selbst. Braucht es denn unbedingt Verordnungen, um ­diese Jagdkultur zu bewahren?
Prof. Dr. Jürgen Vocke: Also das berührt die Frage: 'Wie sehe ich den ­Jäger?' Sehe ich ihn, wie ihn manche gerne sehen würden, als reinen Wild­töter, darauf reduziert, Schäden zu vermeiden? Hauptsache, das Stück ist tot! Wenn das unser Ziel wäre – Herr Martin, dann bin ich mit Ihnen völlig eins – ist morgen die Jagd tot.
Wenn wir aber das Kulturgut, worüber wir heute sprechen, wenn wir das erhalten wollen, dann brauchen wir selbstverständlich auch gewisse ethische Grundsätze. Darin, wie wir uns und die Natur sehen, kann man vieles von unseren Altforderen übernehmen.
Ich sage, die Jagd hat nur Zukunft, wenn sie die Akzeptanz der Gesellschaft hat – und da ist natürlich die Kultur eine wichtige Facette. Die Akzeptanz wird aber eben auch durch das Bild des Jägers draußen, vor Ort, wie er sich dort verhält, bestimmt. Da sagen Sie in Ihrem Artikel zu Recht und ich sag das auch immer: 'Wir ziehen nicht in den Krieg, wenn wir auf die Jagd gehen' – mich erschreckt das richtig, wie militant sich hier einige geben.
Martin: Ich muss da gleich mal dazwischen fragen: Mir geht es weniger um den Einzeljäger. Mich interessiert: Wie konnte es passieren, dass sich der größte deutsche Landesjagdverband, dessen Präsident gleichzeitig DJV-Präsident ist, seit 2001 von der Förderung der Jagdkultur verabschiedet hat? Wie kann so Etwas passieren und was steckt dahinter?
Vocke: Ich habe das natürlich in Ihrem Artikel gelesen und war insofern überrascht, da wir das in Bayern ganz anders halten. Ich möchte auf Artikel 2 Absatz 1 des Bayerischen Jagdgesetzes hinweisen. Oberste Priorität – auch der Staatsregierung – ist es demnach, das Kulturgut Jagd zu erhalten. Das steht so auch in ­unserer Satzung, alle Kreisgruppen haben es in ihrer Satzung. Aber man muss schon auch die Hintergründe dafür kennen: Bayern ist ein gewachsenes Kulturland mit tausend Jahren gelebter Geschichte – man sieht das ja auch hier im Jagdmuseum.

Mangold: Die jagdkulturelle Arbeit muss sich ja nach zwei Seiten orientieren. Erstmal zu uns Jägern selbst – also die Arbeit nach innen. Und die Arbeit nach außen, die Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben für unser Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit Sorge zu tragen. Wie hilfreich sind dabei gängige Definitionen der Jagdkultur: Ist die Jagd wirklich eine geistige Lebensform, dürfen wir das so hoch aufhängen?
Martin: Per Definition ist die Jagdkultur zunächst einmal die Gesamtheit der geistigen, ethischen und künstlerischen Bezüge zur Jagd. Fixieren wir das Ganze einmal auf die geistige Beschäftigung. Ein Beispiel dazu: In einem Jägerhaushalt mit fünf Jägern – Großvater, Vater, drei Söhne – zwei von denen haben bei mir den ersten Bock geschossen – frage ich: 'Welche Jagdzeitung liest man denn in Ihrem Haushalt?' Antwort: 'Keine. Äh – ja doch – das Mitteilungsblatt NRW'.
Darin kommt Jagdkultur aber nicht vor. Das Wort existiert überhaupt nicht. Der Kreis schließt sich: Weil es nicht in der Satzung steht, taucht es auch nicht mehr im Mitteilungsblatt auf.
Wir haben es mit einer jagdlich-geistigen Verarmung der Jägerschaft zu tun und da gehen bei mir alle Lichter an. Da muss gegengesteuert werden.
Vocke: Sie rennen da bei mir offene Türen ein, wir sind uns da sehr einig. Wir haben das in Bayern ja erkannt. Genauso wenig wie es ausreicht zu sagen 'Jagd ist angewandter Naturschutz', genauso wenig reicht es, dass ich sage 'Jagd ist ein Kulturgut'. Es muss gelebt werden! Von oben her, von der Verbandsspitze her, müssen wir selbstverständlich die entsprechenden Vorlagen bringen. Schritt für Schritt: Wir müssen es immer wieder vorleben – wir müssen es präsentieren ...
Martin: ... ich muss Sie da mal unterbrechen und auf einen Punkt noch einmal zurückkommen: Wenn Sie sagen, wir sind uns sehr einig – dann stimmt das ja und es ist ja auch bezeichnend, dass Sie und Ihr Landesjagdverband die einzigen sind, die auf diesen Artikel reflektieren und sich gemeldet haben.
Da leitet sich meine Bitte ab: Wie wäre es denn, wenn Sie noch einen Schritt weitergingen? In Ihrer Satzung steht 'Erhaltung und Förderung des Jagd­wesens als Kulturgut'. Der zweite Schritt wäre es aber, daraus – wie das Brandenburg als einziges Bundesland schon praktiziert – die Aufgabe zur 'Pflege, Förderung, Erhaltung des jagdlichen Brauchtums und der Jagdkultur' abzuleiten. Denn dann hätten die Vorsitzenden der Kreisjägerschaften die Möglichkeit, Obleute zu suchen, die in diesem Sinne tätig werden müssten. ­Damit würden Sie Maßstäbe setzen.
Vocke: Also, ich greife solche Dinge gerne auf. Weil wir es ohnehin leben, haben wir das vielleicht nicht so problematisch angesehen. Aber ich bin gerne bereit, dass wir da auf einem der nächsten Landesjägertage eine Satzungsänderung oder Erweiterung diskutieren. Wir müssen das natürlich dann auch noch alles rechtlich abklopfen. Ich glaube, das wäre durchaus machbar. Ich werde versuchen, das umzusetzen.

Mangold: Jagdkultur dürfen wir nicht zu sehr auf Jagdliteratur, Jagdkunst, auf Jagdmuseen, Trophäensammlungen und Ähnliches beschränken. Denn die Jagdkultur ist ja nicht zu trennen von jagdlicher Ethik oder nennen wir es auch Waidgerechtigkeit.
Wir Jäger haben viele Feinde, aber ein nicht zu unterschätzender Feind der Jagd ist der Jäger selbst durch sein Verhalten. Und das Verhalten einzelner Mitglieder aus unserer Zunft macht oft jede jagdkulturelle Arbeit zunichte. Man denke nur an diesen übermäßigen Trophäenkult. Andererseits sind die Jagdkultur und das Brauchtum nicht mehr Prüfungsfach bei der Jägerprüfung.
Martin: Leider Gottes!

Mangold: Ja, das wäre doch ein Ansatzpunkt, dass man da wieder rangeht.
Martin: Das wäre der nächste Schritt zu meinem Vorschlag.
Vocke: Der Teufel steckt im praktischen Detail. Wir stehen vor dem Problem, dass wir bei der Jägerausbildung den Stoff anpassen, straffen und reduzieren müssen, damit nicht mit den 'Füßen abgestimmt wird'. Dies geht leider auch zu Lasten der Jagdkultur.
Wir haben ja in Bayern lange versucht, eine Jahresausbildung und die entsprechenden Prüfungsabschnitte zu erhalten. Es ging nicht mehr. Was natürlich mit dem sogenannten Zeitgeist zusammenhängt, den Sie zu Recht attackieren. Damit, dass nur ein totes Stück Wild ein gutes Stück Wild ist. Das wird uns nämlich bei jeder Gelegenheit – eben leider ­Gottes auch auf zahlreichen Bauernversammlungen – vorgehalten. Wenn wir diese ethischen Grundsätze öffentlich einfordern – was ich selbstverständlich immer mache, dann heißt es: 'Ja, du willst ja nur bremsen, du willst ja nur weniger schießen'.
Zum Trophäenkult: Als ich Präsident wurde, haben wir sofort den Begriff der Trophäenschau abgeschafft. Wir haben diese Prämierung – Bronze, Silber, Gold – abgeschafft. Wenn es Vereine noch freiwillig machen – ich kann es nicht verbieten. Aber der Landesjagdverband fördert es nicht mehr, weil wir genau diesen Trophäenkult nicht mehr haben wollen.

Mangold: Herr Martin, wer sind denn die tragenden Säulen einer jagdkulturellen Arbeit in unserem Land? Autoren, Schriftsteller, Jagdhornbläser, Jagdmusiker, Jagdmaler ... Martin: ... unsere Jagdzeitschriften nicht zu vergessen ...

Mangold: ... ja, natürlich, unsere Jagdzeitschriften. Aber – ich sehe da eine sehr große Gefahr. Ich zum Beispiel bin Jagdmaler und ich bekenne mich dazu. Die meisten nennen sich aber nicht mehr Jagdmaler – sie nennen sich 'Wildlife-Artist' um das Wort 'Jagd' zu vermeiden. Bilder dürfen auch nicht nur zu bloßen Dekorationsobjekten verkommen, sondern Künstler müssen sich ihres Auftrages bewusst sein.
Das gilt auch für die Jagdhornbläser. So wichtig Bläserwettbewerbe sind – aber Jagdhornblasen, nur um einen Wettbewerb zu bestehen – das kanns ja wohl auch nicht sein. Das Jagdhorn­blasen hat ja einen tieferen Sinn.
Und wenn ich heute Jagdgeschichten lese, die strotzen oft von ballistischen Daten und Entfernungen und von Geweihgewichten und so weiter. Aber es kommt nicht mehr das zum Tragen, was zum Beispiel beim Baron Cramer-Klett immer wieder rauskam, der die Jagd als eine geistige Form, eine überhöhte Form des Lebens gesehen hat.
Martin: Auch hier wieder, ich bleibe dabei, die Verbände sind in der Pflicht.
Ein Beispiel: Jahrestreffen 'Freundeskreis der Jagdkultur 2007'. Da war der stellvertretende Präsident des Landesjagdverbandes Hessen da. Er war so angetan von dieser Veranstaltung, dass er uns beglückwünscht hat und das Versprechen in die Hand gab, dass das Präsidium dafür Sorge zu tragen hat, dass auf den Landesjägertagen mehr Kultur praktiziert wird. Acht Monate später darauf angesprochen, musste er die ­Hosen runterlassen. Sie haben es im ­Präsidium diskutiert. Aber: Jagdkultur findet auf Ebene des Präsidiums des Landesjagdverbandes Hessen nicht mehr statt – ist nicht durchsetzbar, und da geht es los! Also wir dürfen nicht auf den Einzeljäger zeigen, sondern wir müssen auf unsere Verbände zeigen. Und da müssen wir etwas ändern.
Vocke: Die Schwierigkeit ist folgende:Wenn ich dazu in Bonn etwas sage, dann heißt es: 'Schon wieder dieser Bayer, ­dieser Klug ...' – und dann gehen die Klappen runter. Also das ist sehr, sehr schwierig, solche Themen rüberzubringen. Natürlich ist dies auch mit meine Aufgabe auf der Bundesebene, aber wir sollten da nicht zu viel erwarten.
Ich seh ja, wie schwer das ist, zum Beispiel den DJV dazu zu bekommen, für das Jagd- und Fischereimuseum eine ­Unterstützung zu leisten, die tatsächlich einmal über den obligatorischen Mindestbeitrag für die Stifterrente hinausgeht. Ich hoffe aber immer noch darauf, in Zukunft mehr Unterstützung dafür zu erhalten. Es ist ja schließlich das 'Deutsche' Jagd- und Fischereimuseum und nicht etwa eine bayerische Einrichtung.
Martin: Da muss man Strategien entwickeln, die auf Bundesebene ausstrahlen. Nichts anderes machen wir ja auch. Warum habe ich denn diesen Beitrag geschrieben? Um irgendwelche Leute wachzurütteln, um den Finger in die Wunde zu legen in der Hoffnung, dass sich etwas ändert.

Mangold: Noch einmal zurück zum Thema Akzeptanz in der Bevölkerung. Nach den neuesten Umfragen ist das Image der Jäger ja deutlich besser geworden, woran es auch immer liegen mag. Vielleicht fruchtet die Arbeit ja doch?
Wenn man mal in eine bundesdeutsche (Nicht-Jäger-)Familie schaut, da haben wir Jäger überall einen Fuß in der Tür. Das fängt mit einem Hirschgeweih zur Dekoration an, geht über ein jagdliches Souvenir vom Königssee und die Lederhose, an der ein Charivari hängt, bis hin zum Sohn, der am Computer Moorhühner jagt. Also Jagd ist ja doch irgendwie in allen Menschen drin. Müssen wir den Menschen das nur bewusst machen, um zu zeigen, dass Jagd unser urältestes Kulturgut ist?
Martin: Aber die gleichen Leute, die mit der Lederhose samt Charivari ins Wirtshaus gehen und sich unterm Hirsch­geweih ins Bett legen, die nehmen wahr, dass es zunehmend große Jagden gibt, bei denen 'Kill for Cash' gilt! Dass der 'Jäger', der dabei mitmacht überhaupt keinen Bezug zur Region hat, keinen Bezug zur Natur, nicht einmal zur Wildart.
Er kann nicht einmal ansprechen. Das Einzige, was er gelernt hat, ist das Schießen. Da vermisse ich mal ein Machtwort oder ein Wort zum Sonntag, wie auch immer Sie das nennen wollen. Jedenfalls mal ein Wort zur Kultur und Ethik seitens unserer Verbände.
Vocke: Also ich bin da eigentlich nicht so schlechten Mutes. Wir haben es immer mit Defiziten zu tun – weil wir es mit Menschen zu tun haben. Aber sehen Sie sich doch die Masse der Revierinhaber an – man muss immer unterscheiden – das sind keine Lizenzjäger – nach dem Motto ich komme, schieße, verschwinde. Die identifizieren sich mit ihrem Revier. Das macht ja eigentlich das deutsche Jagdsystem aus. Deshalb kämpfe ich ja auch so darum. Die Jagd ist ja auch ein Stück Heimat. Und wenn ich mich damit identifiziere, mit diesem Stück Heimat, dann identifiziere ich mich mit dem da­rin lebenden Wild. Ich möchte es ja nicht nur eine Jagdpachtperiode haben, ich möchte es ja möglichst länger haben.
Martin: Ja, dazu muss man erst einmal eine Jagd pachten können. Das ist in unserem Bundesland Nordrhein-Westfalen schon nicht mehr so. Da werden sehr viele Jagden an Holländer verpachtet. Der Begriff 'Reviernomaden' macht die Runde, weil sie nämlich einfallen, zwei Jahre alles totschießen, sich auf keiner Pflichttrophäenschau sehen lassen und dann weiterwandern. Genau das ist der Punkt! Vielleicht herrscht ja hier in Bayern noch die heile Welt, das mag ja alles sein, aber im Großraum Ruhrgebiet, im Großraum Frankfurt, im Großraum Berlin ist das mit Sicherheit nicht so.
Vocke: Aber ich muss trotzdem mal einhaken, weil ich das täglich im Moment massiv miterlebe. Es ist nicht der Jäger – es ist auch ein unglaublicher Druck, der im Moment von vielen Grundeigentümern ausgeübt wird.
Ich spreche nur die Schwarzwildthematik an – es ist schon fast hysterisch, was sich da abspielt. Und da gibt es natürlich dann bei uns auch leider Gottes den ein oder anderen, der darauf ­anspringt und sagt: 'Ehe ich großen ­Ärger habe, mache ich das'.
Und ich will nur sagen, ich habe das mit den holländischen – ich sage immer Schießbrigaden – angesprochen. Vor wenigen Tagen bei einer großen Veranstaltung, da hat der dortige Obmann des Bauernverbandes zu mir gesagt: 'Naja, das ist gar nicht so schlecht, dann sollen die doch kommen und schießen, dann ist mal zwei, drei Jahre tatsächlich kein Wild mehr da – ihr Jäger, ihr seid ja eh nur Sportschützen'. Das zeigt, es gibt schon auch eine Mitverantwortung der Jagdgenossenschaften, wie sie ihre Jagden sehen, wie sie sich entsprechend ihre Jäger aussuchen.

Mangold: Und das Gleiche gilt auch für die Forstbetriebe.
Vocke: Ist klar – wir kommen sofort zum nächsten Thema!

Mangold: Dass Forst und Jagd sich so auseinanderdividiert haben, das ist nicht sehr positiv.
Vocke: Klar, ich sitz ja auch mit im ­Beirat des Unternehmens Bayerische Staatsforsten. Auch da herrscht ein enor­mer Druck. Gerade der Naturschutz und sogar einige Tierschutzverbände gibt es, die grundsätzlich sagen – nur ein totes Stück ist ein gutes Stück!
Martin: Aber da sehen Sie doch die Defizite und Sie sehen den Handlungsbedarf.
Vocke: Ja natürlich.
Martin: Das geht ineinander über. Wir haben jetzt schon die Grundeigentümer, die Bauern. Sie haben den Forst mit ins Spiel gebracht. Das stimmt ja alles und ich erlebe das ja auch täglich, aber was meinen Sie, wie schnell sich die Meinung eines Grundeigentümers, eines Bauern ändert, wenn die Jagden nicht mehr verpachtbar sind? Bei uns ist es schon so weit.
Vocke: Ja das ist richtig, wenn es einmal so weit ist, wird es anders.
Mangold: Nochmal zum Thema Verbände – Sie haben das so schön geschrieben in Ihrem Artikel – etwas provo­zierend ...
Martin: ... überzeichnet ...

Mangold: Überzeichnet – ja – das fand ich sehr amüsant. Dass der Bundes­jägertag 'den Charme einer grünen Gewerkschaftsversammlung' hätte oder so ähnlich.
Martin: Also, was ich eingangs schon einmal gesagt habe – auch wenn das immer unfair ist, diese Schelte gegenüber nicht anwesenden Personen: Das Defizit, das ich sehr wohl auch auf den Bundesjägertagen – aber nicht nur dort – sehe, ist Folgendes: Es handelt sich dabei ­eigentlich mehr um eine reine Mitgliederversammlung. Jagdkultur, Symposien dazu, eine diesbezügliche Fortbildung findet nicht statt.
Vocke: Ja, der DJV praktiziert das seit etlichen Jahren so. Wir machen das in Bayern zwar völlig anders, aber ich will dazu auch nicht urteilen.
Dennoch bleibe ich dabei: Selbstverständlich müssen gerade auch von solchen großen repräsentativen Veranstaltungen Signale ausgehen.
Mangold: Herr Martin – Sie sind ja Mitbegründer im 'Freundeskreis Jagdkultur'. Was ist die Zielsetzung Ihrer ­Arbeit und welche Wünsche haben Sie dies­bezüglich für die Zukunft?
Martin: Also ganz oben steht die Zukunftssicherung der Jagd – an allererster Stelle. Und daraus leiten wir die Frage ab, wie ist das zu schaffen? Wie ist das zu bewerkstelligen? Und wir sind uns alle einig: Es geht nur über die Jagd­kultur, um damit eine positive, stilvolle Außenwirkung zu erzielen und um in gleichem Maße auf DJV, Landesjagdverband und Einzeljäger einzuwirken, was Moral und Anstand und damit auch wiederum die Außenwirkung angeht.

Mangold: Welche Rolle spielt dabei der föderalistische Aufbau unseres Gemeinwesens, der sich auch in unseren Landesjagdverbänden und -gesetzen wider­spiegelt? Kann es dabei überhaupt eine einheitliche Jagdkultur geben, ja macht diese überhaupt einen Sinn?
Vocke: Hier stellt sich doch die Frage: Muss ich das alles in einen Einheitsbrei reintun? Ich persönlich sage, ein bunter Blumenstrauß ist viel lebendiger. Und jetzt noch mal: Das Entscheidende ist doch auch der historischer Hintergrund. Österreich und Bayern, aber auch teils das alte klassische Preußen oder Sachsen, das sind gewachsene Länder gewesen, das waren Staaten – während die Masse der Bundesländer 'Nachkriegskinder' ohne historischen Hintergrund sind.
Martin: Das stimmt nur bis zu einem gewissen Prozentsatz. Wir denken mal an die östlichen Bundesländer. Die hatten es, was Jagdkultur angeht, durch die DDR schwieriger als die Westländer. Und dennoch gibt es Bundesländer, die gehen mit gutem Beispiel voran.
Brandenburg, da steht ja drin, was ich eigentlich – wie schon gesagt – für alle Länder haben will. Zum anderen hat Brandenburg die rotwildfreien Zonen abgeschafft. Das heißt, endlich einmal machen wir Gesetze und Verordnungen für das Wildtier. Bis jetzt orientiert sich eigentlich jedes Gesetz, jede jagdliche Verordnung am Jäger. Wir müssen mehr auf das Wildtier schauen und Brandenburg geht da voran. Und Sachsen macht auch den nächsten Schritt.
Vocke: Dennoch, aus meiner Kenntnis heraus: Die Frage lautet doch immer, was mehrheits­fähig ist. Und im Moment – zumindest in Bayern, ist es so und in den anderen Bundesländern dürfte es nicht viel anders sein – dominiert die Einstellung von ­Teilen des Grundeigentums, unser Wild nicht als ein Stück Heimat, sondern ­vornehmlich als Schadfaktor zu sehen.

Mangold: Kommen wir noch kurz auf die jagdlichen Kleidung zu sprechen – das ist ja auch ein Stück Jagdkultur. Wenn Sie heute auf eine Treibjagd gehen – in Niederbayern oder Norddeutschland –, haben alle die gleiche Wachsjacke an. Darf das sein? Oder sollten wir auch dabei unser kulturelles Erbe bewahren?
Martin: Also in der Beziehung, was Kleidung angeht, bin ich für meine Person sehr tolerant – tolerant bis an die Schmerzgrenze.
Wenn bei mir ein Jungjäger mit roter Jacke seinen ersten Bock schießt, da sag ich überhaupt gar nichts.
Für mich ist die Grenze dort, wo die Außenwirkung des Auftritts für die Jagd schädlich ist. Das heißt also, dieser sogenannte Militarismus, Camouflage. Das muss man sich mal vorstellen, wenn eine Drückjagdmeute, nur aus 'Camou­flagelingen' bestehend, aus dem Dickicht springt – wie muss sich denn da der Spaziergänger fühlen?
Vocke: Also gut, über die Kleidung kann man trefflich streiten und ich sag immer: 'Es gibt Leute, die gehen im wahrsten Sinne des Wortes mit der grünen Unterhose ins Bett'; das sind die Tausendprozentigen.
Aber entscheidend ist die innere Einstellung – das hat die Bevölkerung sehr schnell raus. Ein sehr wichtiger Punkt ist für mich dabei zum Beispiel die Frage, wie präsentiert so einer das erlegte Wild, das Wildpret ...
Martin: ... das ist übrigens ein ganz wichtiger Punkt. Wir werden eigentlich nicht daran gemessen, wie wir gekleidet sind, sondern wie wir mit dem lebenden und dem toten Tier umgehen. Und wenn wir ein totes Tier würdevoll behandeln, hat der Nichtjäger Verständnis dafür. Wenn wir aber nach einer großen Bewegungsjagd Tierleiber würdelos missachtend und respektlos vom Anhänger fallen lassen, dann hat der Nichtjäger kein Verständnis – das widert ihn an. Und das überträgt er auf unsere innere Einstellung, was ja auch stimmt.
Mangold: Zum Abschluss noch ein Punkt, den ich gerne ansprechen würde. Es gibt ja auch so Missionarische in unseren Reihen, die meinen, sie müssten, wenn sie ins Ausland zur Jagd gehen, dann dort das deutsche Waidwerk vertreten und hochhalten. Ist das in Ordnung oder sollten wir uns den Gepflogenheiten des Gastlandes anpassen?
Martin: Also, wenn wir ins Ausland fahren und meinen, wir müssten die Welt bekehren, dann ist das meistens peinlich. Ich für meine Person – aber da geh ich jetzt nicht als Missionar durchs Land – fühle mich im Ausland immer als Gast – und als Gast orientiere ich mich immer am Gastgeber.
Vocke: Also ich kann das nur ­unterschreiben. Für mich stellt sich eigentlich das Problem etwas anders dar – ohne das jetzt zu ­verallgemeinern. Ich habe häufig den Eindruck, dass die Waidgerechtigkeit sehr oft an der Staatsgrenze abgelegt wird. Hier wird alles hochgehalten und strapaziert, aber wenn es um das Leben draußen geht, wo man sich nicht beobachtet fühlt, ist es oft auch ganz anders. Wenn ich dann die Berichterstattung darüber lese, überkommen mich manchmal so meine Zweifel.