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Königsdisziplin

Gleich geht es los: Falkner und junger Gerfalke sind für die Jagd gerüstet, mit Peilsender und Falkner­tasche, Bellen (Glocken) und Handschuh. So bilden sie zusammen ein perfekt eingespieltes Team. (Foto: D. Hopf)


Schon vor mehr als 1500 Jahren wurden Greifvögel (damals hießen sie noch Raubvögel) zur Jagd eingesetzt. Als der Hunnenkönig Attila 434 - 453 nach Christus mit seinem mongolischen Reitervolk von Asien aus westwärts zog, begleiteten ihn 10 000 mit Falken, Habichten und Adlern ausgebildete Soldaten, die nur dazu abgestellt waren, mit diesen Vögeln für das leibliche Wohl der Kriegstruppen zu sorgen. Sie hatten mit diesen abgerichteten Vögeln dafür zu sorgen, dass immer genügend Fleisch in Form von wilden Tauben, Enten, Hühnervögeln, Hasen, Kaninchen und Rehen vorhanden war. Seit dieser Zeit hat sich an der Tradition 'mit Vögeln zu jagen' nichts ­geändert (außer einiger ­Gesetze). Mit Falken werden gezielt kleinere Vögel wie Krä­hen, Tauben und Enten gebeizt, wie die Jagd mit den Vögeln in der Falknersprache genannt wird. Mit Habichten und kleineren Adlern werden in der Regel Hasen und ­Kaninchen gebeizt und mit dem Steinadler wird auf Fuchs und Reh, in Asien und Russland sogar auf Wölfe gejagt. Daran sieht man, dass jeder Vogel, wie in der Natur auch, sein spezielles Nahrungsspektrum besitzt. Ein Adler wäre also nicht wendig genug, um zum Beispiel eine fliegende Taube zu schlagen. Andererseits ist ein Falke zu schwach, um einen Fuchs oder sogar ein Reh zu erbeuten.
Die meist jungen Vögel werden in einem etwa vier Monate dauernden Training nicht auf das Töten der Beute abgerichtet – das ist ihnen angeboren – sondern zum Aufbau ­einer harmonischen Beziehung zu den Tieren: Das bedeutet, jeden Tag mehrere Stunden mit den ­Vögeln zu beschäftigen. Ein guter Falkner erkennt nach kurzer Zeit das Wesen des Vogels, und mit viel Liebe, Geduld und Ausdauer wird er ihn zu einem perfekten Beutegreifer erziehen. Falken werden mit dem sogenannten Federspiel abgerichtet, eine Art Angel, an deren Kordel Federn oder ganze Flügel befestigt sind. Der Falkner schwingt es in der Luft und der Falke versucht, die Vogel­imitation zu schlagen. ­Habichte und Adler werden auf den 'Balg' trainiert. An einer langen Leine wird ein Hasen- oder Fuchsfell über die Wiese gezogen und der Vogel wird dieses dann schlagen. Zur Ausrüstung des Falkners gehört neben dem dicken Lederhandschuh auch die Falknertasche. Ihr wichtigster Inhalt sind neben verschiedenen Utensilien kleine Fleischbrocken oder Eintagsküken, mit denen die Vögel, nachdem sie Beute geschlagen haben, wieder auf den Handschuh gelockt werden.
Alle Beizvögel sind während der Jagd mit einem Sender versehen. Falls sie außer Sicht jagen oder vom Wind abgetrieben werden, hat der Falkner die Möglichkeit, mit einem Peilgerät bis etwa zehn Kilometer Entfernung ihren Flug zu verfolgen. Ein kleines Glöckchen ist oberhalb des Geschühs (lederne Fußfessel) an den Fängen befestigt, und das feine Klingeln erleichtert es dem Falkner, den Vogel in dichter Vegetation wiederzufinden. Wenn sich Habicht und Adler nicht gerade auf der Jagd befinden, sitzen sie zu Hause auf einem Sprenkel. Verschiedene Ausführungen ­erleichtern den Vögeln das stundenlange Sitzen. In der Regel ist es ein halbkreisförmig gebogener Metallstab, an dessen Enden sich Spitzen befinden,die in den Boden gedrückt werden. In der Mitte des Bogens ist der Sprenkel so dick mit Leder umwickelt, dass der Vogel ihn beim Sitzen nicht vollständig umgreifen kann. Eine andere Sitzgelegenheit, aber nur für Falken gedacht, ist der Block, der mittels einer 50 Zenti­meter langen Eisenstange in den Boden gedrückt und die Vögel darauf angebunden werden. Um die Vögel vor Jagdbeginn ruhig zu hal­ten,werden ihnen Lederhauben über den Kopf ­gestülpt. Der Falkner spricht dann von verhaubt oder verkappt.
Mit Falken wird in der Regel täglich auf Krähen gejagt, aber nur über die Winter­monate zwischen November und Februar. Ein abgerichteter Vogel bringt es in dieser Zeit schon auf 100 bis 130 Beute­tiere, wobei aber nicht jeder Jagdtag erfolgreich ­verläuft. Mit Habicht und Adler wird nicht so häufig gebeizt,weil einfach die Möglichkeiten fehlen. Aber um die Vögel fit zu halten, müssen mindestens zweimal pro Woche (Sommer und Winter) Trainingsstunden aufs Federspiel oder den Balg abgehalten werden, um dann, wenn es darauf ankommt, auch erfolgreich ­jagen zu können. Die Jagd mit Vögeln wird auch dort be­trieben wo die Jagd mit Schusswaffen verboten, unerwünscht oder zu gefährlich ist: Auf Flugplätzen werden zum Beispiel Tauben, Krähen und Kaninchen mit Beizvögeln bejagt, um einen reibungslosen Flugverkehr zu gewährleisten. In Städten, in denen nicht geschossen werden darf, können die überhand nehmenden Krähen und Tauben mit abgerichteten Vögeln dezimiert werden.

Vom Hohen und vom Niederen Flug

Beizvogel ist nicht gleich Beizvogel. Auch hier gibt es Allrounder und Spezialisten, Feldjäger und Waldgreife. Von den prächtigen, mittelalterlichen Handschriften ist vor allem die Jagd mit dem Beizfalken bekannt. Sie sind die Vögel des 'Hohen Flugs'. Dabei steigt der Falke hoch in den Himmel, stürzt sich von oben auf seine Beute und tötet sie mit einem Biss in den Nacken. Die 'Anwarter- ­Falken' fliegen von der Faust des Falkners hoch, nachdem ihnen die Kappe abgenommen wird. Sie kreisen über dem Feld, bis zum Beispiel der Vorstehhund Beute anzeigt. Jetzt stößt der Falke auf Fasan, Rebhuhn oder Ente nieder. Dem 'Faustfalken' dagegen zeigt der Falkner die Beute, meist Elstern, Krähen, Möwen oder Tauben. Der Vogel jagt direkt von der Faust des Falkners auf das Wild. Besonders im Orient genießt die Jagd mit Falken großes Ansehen. Die Jagd mit den Beizvögeln vom 'Niederen Flug' findet vor allem in deckungsreichem Gelände oder in Wäldern statt. Der Habicht, Bussard oder Adler sitzt ohne Leerkappe auf der Faust des Falkners und beobachtet die Arbeit eines stöbernden Hundes oder eines Frettchens. Sobald das Wild sichtbar wird, fliegt er Kaninchen, Hase, Fasan oder Fuchs an. CM

Akrobaten der Lüfte

Für alle Disziplinen und Charaktere gibt es passende Arten. In Mitteleuropa werden einige Arten besonders gerne als Beizvögel abgetragen:
  • Der Draufgänger: Der Habicht ist ein Universaljäger und wird ent­sprechend häufig von Falknern zur Jagd verwendet. Je nach Geschlecht schlägt er Beute vom Sperling über Fasane bis zu Hasen.
  • Der Wendige: Als kleinere 'Ausgabe' des Habichts ist der Sperber besonders wendig, mutig, aber auch sensibel. Erfahrene Falkner können ihn fast in jedem Gelände einsetzen, um Vögel bis zur Krähengröße zu jagen.
  • Der Rasante: Wie alle Falken ist auch der heimische Wanderfalke ein Rekordbrecher, was die Geschwindigkeit angeht. Krähen, Möwen, auch Hühnervogel gehören in offenem Gelände zu seinem Beutespektrum.
  • Der Kühne: Sein ausgezeichnetes Gedächtnis und der ausgeprägteindividuelle Charakter stellt an den Falkner, der mit einem Steinadler beizen will, besondere Ansprüche. Murmeltier, Fuchs bis zu jungem Schalenwild kann seine Beute sein.
  • Der Gesellige: Aufgrund seines ruhigen, zutraulichen und geselligen Wesens ist der Harris Hawk ein beliebter Beizvogel. Seine jagdlichen Fähigkeiten entsprechen denen des Habichts, die hauptsächliche Beute sind Kaninchen und Hase.
  • Der Lautlose: Auch der Uhu kann zur Beizjagd abgetragen werden. Seine Abrichtung unterscheidet sich allerdings von denen der Taggreife. Aber als charaktervolle Eule ist die Beschäftigung mit dieser Artbesonders lohnend.
  • Der Ausdauernde: Aus den weiten Steppengebieten Asiens kommt der kompakte und kräftige Sakerfalke (oder Würgfalke) nach Westen. Hybriden mit dem Gerfalken vereinigen die Eigenschaften beider Arten.
  • Der Sensible: Der größte und stärkste Falke, der Gerfalke, eignet sich nicht für Einsteiger: Er ist empfindlich gegenüber Stress und Hitze – ist seine ursprüngliche Heimat doch die Arktis. Wer ihn fliegen kann, hat einen 'Luxus-Beizvogel', der, wie die anderen Falken auch, einSpezialist zur Jagd auf Flugwild ist. CM

Aufzucht und Ausbildung

4/5 (Fotos: D. Hopf)




Aus dem Gelege (1) schlüpfen nach etwa vier ­Wochen die jungen Falken (2). Damit die Kleinen nicht unter Parasiten wie Gefiederfliegen leiden, werden sie sorgfältig desinfiziert. Schließlich legt ihnen der Falkner die Ringe an: blaue Ringe erhalten Hybridfalken (3), die aus Kreuzungen zwischen verschiedenen Falkenarten hervorgingen, zum Beispiel von Ger- und Sakerfalken. Heute werden jedoch praktisch keine Hybridfalken mehr gezüchtet, damit entflohene Beizvögel, die sich mit freilebenden Falken paaren, deren natürlichen Bestände nicht gefährden. Reinerbige Faken werden mit silber­farbenen Ringen gekennzeichnet. Auf jedem Ring ist die Telefonnummer des Falkners eingraviert.
Mit sechs Wochen sind die jungen Gerfalken bereits flügge (4). Jetzt beginnt die Ausbildung zum Beizvogel. Am Anfang muss der Vogellehrling noch an die Leine, wenn er übt, das Federspiel anzufliegen (5). Nach jedem Training gibt es Atzung auf der Faust des Falkners. Auch zwei Vögel können zusammen ausgebildet werden: Während einer fliegt, hat der andere Pause und ruht sich auf dem Block aus. Die Lederkappe verhindert, dass er durch die Bewegungen des Federspiels zu sehr 'aufgeregt' wird (6). Mit einem kleinen Peilsender kann der Beizvogel auch bei ausgedehnteren Ausflügen vom Falkner geortet werden (7).