Home Praxis Kitzrettung: Den Tod vor Augen

Kitzrettung: Den Tod vor Augen

Rasso Walch © Markus Werner
Rasso Walch
am
Freitag, 08.05.2020 - 07:14
Rehkitz-in-Wiese © Rasso Walch

Anfang April 2019 erging am Amtsgericht Ottweiler ein deutliches Urteil: Der Angeklagte wurde zu einer Strafe von 180 Tagessätzen zu je 40 € verurteilt. Damit ist er vorbestraft. Der Mann hatte beim Mähen an einem Tag 15 Stück Rehwild – zwölf Kitze, zwei Böcke, eine hochbeschlagene Ricke – vermäht. Ein Teil des Wildes war sofort tot, der Rest musste durch den örtlichen Jäger erlöst werden. Das Urteil dazu ist rechtskräftig und lautet „Jagdwilderei in 13 Fällen“.

Sein uneinsichtiges Verhalten am Tattag hatte das Gericht dazu bewogen, ihn nicht – wie eigentlich anzunehmen – aufgrund des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu verurteilen. Vielmehr wurde er wegen des höher stehenden Strafgesetzes der Wilderei belangt. Ihm wurde also zur Last gelegt, den Stücken aktiv nachgestellt zu haben. Dass die zwölf Kitze und die Geiß zum Zeitpunkt der Mahd keine Jagdzeit hatten, erschwerte das Vergehen – die beiden Rehböcke wurden daher nicht weiter verfolgt.

Gesetzliche Verpflichtung zur Jungwildrettung

Dieses Kitz wäre ohne Rettung sehr wahrscheinlich Opfer des Mähwerks geworden.

Das Urteil, das beispielhaft für mehrere Gerichtsentscheide zu ähnlichen Fällen stehen kann, zeigt zwei Dinge: Erstens spielt das Thema Tierschutz eine immer größere Rolle in unserer Gesellschaft. Ereignisse wie dieses können auch auf dem Land – wo früher „das Gespräch“ in der dunklen Ecke der Dorfkneipe gesucht wurde – nicht mehr einfach so stehengelassen werden. Zweitens, und dies wird aus der Urteilsbegründung des Falls deutlich, gibt es mehr Möglichkeiten denn je, das Vermähen von Wild zu vermeiden.

Beispielhaft werden dabei genannt: Die vorangehende Information des Jagdausübungsberechtigten über den Zeitpunkt der Mahd, damit dieser Maßnahmen ergreifen kann, das Absuchen mit technischen Geräten, das Fahren in angemessenem Tempo sowie das Mähen von innen nach außen. Dass dies die Pflicht des Landwirts ist, sei hier nur am Rande erwähnt. Denn auch als Jäger gibt es nach § 1 des Bundesjagdgesetzes die Pflicht zur Hege, die dazu anhält, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, wenn es um die Vermeidung von Tierleid geht.

Drohnenpiloten-Kitzsuche © Rasso Walch

Auch bei der Kitzrettung mit der Drohne ist Teamarbeit gefragt.

Drohneneinsatz zur Kitzrettung

In den vergangenen Jahren hat sich dabei vor allem eine Methode der Jungwildrettung etabliert – der Einsatz von Drohnen. Auch Rupprecht und Dieter setzen auf diese Technik. Genutzt wird von ihnen ein Quadrocopter des Herstellers DJI vom Typ Inspire 1. Angebaut an diesen ist, neben einer hochauflösenden Kamera, eine Wärmebildkamera (FLIR Pro 640R).

Die beiden fliegen von Anfang Mai bis Mitte Juni beinahe jeden Tag hektarweise Wiesen ab. Los geht es bereits in den frühen Morgenstunden. Zum einen, weil niedrige Außentemperaturen nötig sind, um einen möglichst großen Temperaturunterschied zum warmen Kitz zu haben.

Zum anderen, weil Rupprecht als Revierjagdmeister und Dieter als leitender Angesteller untertags auch noch ihrer regulären beruflichen Tätigkeit nachgehen müssen. Die Kitzrettung betreiben sie ehrenamtlich. Von den Landwirten bekommen und wollen sie dafür keine Entlohnung. Allerdings erwarten sie von diesen im Gegenzug, dass sie sich rechtzeitig vor der Mahd bei ihnen melden.

Sollte dann doch einmal ein Kitz ins Mähwerk geraten, schmerzt das zwar, aber man kann guten Gewissens sagen, dass man versucht hat, dies zu vermeiden. Wichtig, und das betonen die beiden Jäger immer wieder, ist dabei ein guter Draht zu den Bauern. Die Kommunikation sollte dabei stets auf Augenhöhe stattfinden und dadurch geprägt sein, dass beiden Seiten daran gelegen ist, Mähtod zu vermeiden.

Das klappt weitgehend gut. Dass es immer eine paar Unbelehrbare gibt, lässt sich leider nicht vermeiden. Dies dann im Rahmen einer Versammlung der Jagdgenossenschaft offen anzusprechen, darf man nicht scheuen – positive Beispiele sollten allerdings auch lobend zur Sprache gebracht werden.

Nebeneffekt Öffentlichkeitsarbeit

5 Neben Kitzen lassen sich, wie in diesem Fall, auch Gelege des Großen Brachvogels finden.

Eine Sache hat sich nach den rund 500 geretteten Kitzen und anderem Wild gezeigt: Es gibt wenige Formen jagdlicher Öffentlichkeitsarbeit, die ein derart positives Echo in der Bevölkerung hervorrufen. Seit die beiden Kitzrettung in dieser Intensität betreiben, wurde in zahlreichen Fernseh-, Radio- und Zeitungsbeiträgen positiv über den Einsatz der Jäger für das Wild berichtet. So waren sie z.B. auch in der kürzlich auf DMAX ausgestrahlten Serie „Jägerleben“ zu sehen. Wie könnte man den Begriff Hege Außenstehenden besser erklären?


Kommentieren Sie