Home Praxis Da wirst Du kirre!

Da wirst Du kirre!

Marke Eigenbau: Die zwei Boote leisten ihren Dienst... Foto: FS © FS
Marke Eigenbau: Die zwei Boote leisten ihren Dienst... Foto: FS © FS

Marke Eigenbau: Die zwei Boote leisten ihren Dienst... Foto: FS

Schafe blöken und eine nasskalte Meeresbrise pfeift über den Deich am Barther Bodden südlich von Zingst, während Nationalparkleiter Gernot Haffner die rund 40 Schützen und Treiber bei der diesjährigen „Vogelschutzjagd“ auf der Insel „Große Kirr“ willkommen heißt. „Wir jagen heute wie jedes Jahr auf Raubwild und Sauen, um die Brutvogelkolonien vor Verlusten zu bewahren“, erklärt Haffner. „Fischotter sind aber selbstverständlich nicht frei“, fügt er lächelnd hinzu, und auch den in Wat- und Gummihosen gewandeten Zuhörern huscht ein Grinsen übers Gesicht. „Bitte schauen Sie bei Sauen genau hin, ob es sich um ein führendes Stück handelt, und lassen Sie im Zweifel den Finger gerade“, weist der jagende Nationalparkleiter die Schützen ausdrücklich hin.

Ab auf die Insel

Gespannt warten Hund und Führer auf den Einsatz... Foto: FS © FS

Gespannt warten Hund und Führer auf den Einsatz... Foto: FS

Wenig später klettern die ersten Jäger samt Hunden von einem aus Brettern errichteten Steg der Marke Eigenbau in zwei nussschalenartige Boote, die durch verschraubte Holzbalken verbunden sind. Eine Art Lasten-Katamaran ist so entstanden und vermag reichlich Gewicht zu tragen. Das ist auch gut so, denn es gilt, Verpflegung, Schützen, Treiber und Hunde trockenen Fußes auf die knapp 370 Hektar große Insel überzusetzen. „Wir müssen erst vom Ufer wegstaken, bevor ich den Motor starten kann“, ruft der Bootsführer zwei Helfern zu. Im Venedig-Stil geht es jedoch dank Grundkontakt und Gegenwind nur schleppend voran. Der Spruch, dass man immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel haben sollte, bewahrheitet sich heute. Röchelnd startet schließlich der 4 PS schwache Außenborder und befördert die Passagiere unter lautstarkem Protest zum gegenüberliegenden Ufer. >Als erster setzt der für einen Großteil der Insel zuständige Revierleiter -Sebastian Berndt seinen Fuß aufs schlammige Ufer und steckt prompt im Modder fest. Ruckartig zieht er, bis sich sein Stiefel schmatzend löst. Zur Vorhut gehört auch ein Hundeführer samt Terrier, denn bevor die eigentliche Treibjagd beginnt, möchten die Jäger einen Kunstbau kontrollieren.

Fuchs voraus!

Nationalparkleiter Gernot Haffner mit dem von ihm erlegten Fuchs. Foto: FS © FS

Nationalparkleiter Gernot Haffner mit dem von ihm erlegten Fuchs. Foto: FS

„Die Einfahrt ist frisch ausgezogen. Es könnte was stecken“, sagt Berndt. Doch so sehr sich der Terrier auch bemüht, es will kein Fuchs springen. Ein Einschlag soll Gewissheit bringen, denn Reineke hat den Kunstbau weiträumig untergraben.
„Poch, poch“, hallen plötzlich zwei Schrotschüsse vom östlichen Teil der Insel herüber, der zum gemeinschaft-lichen Jagdbezirk gehört. Dort jagt zeitgleich eine zweite Korona. „Achtung! Ein Fuchs ist auf dem Weg zu Euch“, schnarrt eine Stimme aus Berndts Funkgerät. Offensichtlich haben beide Schüsse ihr Ziel verfehlt. Denn schon ist auf den kurzen Salzgraswiesen Reineke Voss zu sehen, der unsere am „Grenzpriel“ angestellte Schützenkette anwechselt. „Poch, poch“, doch auch diese zwei Schrotgarben verfehlen offensichtlich den Räuber, denn er verschwindet in kniehoher Ufervegetation. Aber der Rote hat die Rechnung ohne Nationalparkleiter Haffner gemacht, der strammen Schrittes zum Ort des Geschehens eilt und den Räuber schließlich streckt. Währenddessen tut sich am Kunstbau trotz Einschlag nichts - kein Rotrock ist zu Hause. "Nun kann das eigentliche Treiben beginnen. Schützen und Treiber stellen sich in einer engen Kette auf, um dem Wild keine Schlupflöcher zu bieten und marschieren los.

Durch dick und dünn

Hau ruck: Nur langsam und kräftezehrend geht es voran... Foto: FS © FS

Hau ruck: Nur langsam und kräftezehrend geht es voran... Foto: FS

"Nun gilt es, zahlreiche Schilfflächen, in denen Sauenwechsel und Gebräch zu sehen sind, zu durchqueren. Doch die größten Hindernisse sind die Priele. Sie zu überwinden, zehrt an den Kräften, denn die Beine stecken im Schlamm fest und müssen bei jedem Schritt mühsam herausgezogen werden. „Hoffentlich friert der Bodden nicht noch mal, dann war alles für die Katz“, erklärt ein Schütze, als er sich einen Prielrand hochkämpft. Denn über das Eis könnten Füchse im Handumdrehen auf die Insel schnüren und dort im schlimmsten Fall sogar ein Geheck aufziehen. Eine Bejagung wäre ab dem 1. März aufgrund der Elterntierschutzregelung praktisch kaum noch möglich - viele Gelege würden den Rotröcken zum Opfer fallen.
"Kurz vor Ende des gut dreistündigen Treibens, bei dem außer viel Federwild kein Haarwild mehr in Anblick kam, klingelt das Handy von Revierleiter Berndt. „Wir haben einen Fuchs hochgemacht, der jetzt in einer kleinen Schilfpartie steckt“, berichtet der Anrufer. „Der darf auf keinen Fall entwischen, sonst müssen wir alles noch mal laufen“, antwortet Berndt entschlossen. Im vergangenen Jahr wäre dies zum Verdruss aller drei Mal der Fall gewesen. „Die Insel muss komplett raubwildfrei sein“, erklärt er. Alle Truppen werden jetzt noch mal mobilisiert, um das Schilf eng abzustellen. „Schieß bloß nicht vorbei“, ruft ein Jäger grinsend seinem Nebenmann zu. Der lächelt nur und winkt ab. Kaum sind die Treiber samt Hunden im Röhricht verschwunden, erscheint Reineke und versucht, sich davonzuschleichen. Doch ein Schütze hat ihn längst bemerkt und lässt dem Räuber keine Chance. Ein Drahthaar nimmt die Beute freudig auf und bringt sie seinem Führer. Zwei Füchse liegen am Ende auf der Strecke, Sauen waren keine auf der „Große Kirr“. Doch das ist auch nicht schlimm, denn schließlich ist nicht eine große Strecke Ziel der Jagd, sondern das „Reinemachen“ vor der Brutsaison!

Florian Standke