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Kinder auf der Jagd: Mit dabei, wenn‘s kracht?

Hartmut-Syskowski © Markus Werner
Hartmut Syskowski
am
Sonntag, 19.05.2019 - 12:50
Rosi-Fernglas © Helena von Hardenberg
Selbst bei einem „Landkind“ will es wohlüberlegt sein, wann man es erstmals mit dem Anblick erlegten Wildes konfrontiert.

Jagderleben: Kann man eine grobe Altersgrenze ziehen, ab der man Kinder z.B. beim Ansitz „Zeugen“ einer Wilderlegung werden lassen kann?

Prof. Heubrock: Nein, eine feste Altersgrenze lässt sich aus fachlicher, d.h. aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht fassen. Wie so häufig kommt es immer auf den Einzelfall an. Nehmen wir ein Beispiel: Ein zehnjähriger Junge, der aus der Landwirtschaft kommt und als Treibergehilfe bei Gesellschaftsjagden mitgegangen ist, auch schon den einen oder anderen erlegten Hasen zum Streckenplatz getragen hat, bietet andere Voraussetzungen als das zwölfjährige Mädchen, das sich sehr für die Natur interessiert, selbst liebevoll ihre Meerschweinchen pflegt und für ein gestorbenes Tier ein Grab mit Kreuz im Garten anlegt. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass heutige Kinder dem Zyklus von Leben und Sterben fremder – man könnte auch sagen: entfremdeter – gegenüberstehen und empfindlicher sind.

jagderleben: Ein Kind scheint gefestigt zu sein, eine Wilderlegung mitzuerleben. Ist ein vorbereitendes Gespräch nützlich? Welche Aspekte gehören hinein?

Prof. Heubrock: Es ist unwahrscheinlich, dass ein Jäger/ eine Jägerin ein Kind ohne jede Vorbereitung mit auf die Jagd nimmt. Normalerweise äußert das Kind von sich aus den Wunsch, mitkommen zu dürfen. Dann ergibt sich das Gespräch automatisch, etwa: „Es kann aber sein, dass der Rehbock, hinter dem ich so lange her bin, heute kommt. Was machen wir dann?“ Kind: „Na, dann schießt du ihn halt“. Wichtig ist ein Gespräch nach der Erlegung. Auch bei uns erwachsenen Jägern löst die Erlegung eines Stückes Wild nicht nur Freude, sondern manchmal auch Bedauern aus. Wir dürfen deswegen auch bei Kindern nicht nur Freude, sondern vor allem „gemischte Gefühle“ erwarten. Über die reden wir offen und ehrlich mit dem Kind, auch über unsere eigenen Gefühle nach dem Erlegen.

jagderleben: Sind die Unterschiede, ob ein Kind in der Stadt oder z.B. auf dem Bauernhof zu Hause ist, dabei maßgeblich oder nur Klischee?

Prof. Heubrock: Nein, das ist kein Klischee. Gerade Stadtkinder kennen meist nur „Streicheltiere“, zu denen sie eine enge Beziehung aufbauen; ihnen ist nicht klar, dass Tiere auch „Nutztiere“ oder „Wildtiere“ sein können. Auf dem Lande erleben Kinder, dass Tiere für den Menschen mehrere Funktionen haben, und sie akzeptieren das als normal. Das macht Landkindern den unbefangenen Umgang mit Tieren, auch das Töten, leichter.

jagderleben: Gibt es (heute noch) in Bezug auf Mädchen und Jungen einzukalkulierende Sensibilitätsunterschiede?

Prof. Heubrock: Ja, Mädchen entwickeln im Prinzip eine tiefere Bindung zu den Tieren. Denken Sie an den Pferdesport oder an die vielen „Kuscheltiere“; für Mädchen ist der emotionale Umgang mit „ihren“ Tieren ein Probehandeln für eine spätere fürsorgliche Rolle in der Familie – auch wenn dies nicht von allen so gesehen werden will.

jagderleben: Aspekt Waffe – warum interessieren sich insbesondere Jungen dafür?

Prof. Heubrock: Genau so, wie Mädchen sich durch eine enge Bindung zu „ihrem“ Kuscheltier auf eine Rolle als Erwachsene vorbereiten, so bereiten sich Jungen durch Wettkampf- und Kampfspiele, auch durch das Spielen mit Spielzeugwaffen, auf ihre Rolle als Erwachsener vor. Wir sollten das Spielen der Jungen mit Waffen nicht als aggressive Handlungen, sondern als Probehandlungen sehen.

Schritt für Schritt: Revierarbeiten wecken neben Naturbeobachtungen die kindliche Neugier – und stehen so vor der aktiven Jagd.

jagderleben: Achtet ein Waidmann ohnehin darauf, dass Wild möglichst im Knall verendet, wird er die Chance in Anwesenheit von Kindern erst recht abwägen. Sind gewisse Wildarten aber zu verschonen, weil zu „niedlich“ (z.B. Kanin) oder zu „jung“ (z.B. Herbstkitz)?

Prof. Heubrock: Ja, das „Kindchenschema“ wirkt grundsätzlich bei uns Menschen nach, das gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Ich würde in Anwesenheit eines Kindes nicht das Kitz von der Ricke wegschießen, sondern beim ersten Mal eher ein alleine ziehendes Schmalreh erlegen.

jagderleben: Sollte man besser später allein in der Wildkammer aufbrechen? Oder das Kind wie selbstverständlich einbeziehen („Halt doch mal den Lauf“)?

Prof. Heubrock: Auch das hängt wieder vom Einzelfall ab. Ein Kind, das in der Küche schon mitgeholfen hat, ein Hähnchen oder eine Leber zuzubereiten, hat weniger Probleme als eines, das Nahrung primär als Pizza oder Hamburger kennt; ein Kind, das schon geangelt hat und die Fische ausgenommen und in der Küche mit zubereitet hat, hat ebenfalls weniger Probleme. Je selbstverständlicher wir als Erwachsene damit umgehen, umso leichter fällt es dem Kind; wenn wir selbst zu unserem Handeln stehen (können), überträgt sich das auch auf unsere Kinder.

jagderleben: Wild kochen und gemeinsam verzehren – kann das den Sinn der Jagd verdeutlichen?

Prof. Heubrock: Aber ja, wir machen indirekt deutlich, dass wir nicht um des Tötens willen getötet haben, sondern dass wir darin einen Sinn sehen. Kinder sind für sinnhaftes Tun immer besser zu begeistern. Wir Erwachsenen müssen das auch authentisch vermitteln können.

jagderleben: Ein Kind wird womöglich unvorbereitet mit einer Wilderlegung konfrontiert. Welche Auswirkungen kann das auf die Psyche haben?

Prof. Heubrock: Ich habe das selbst erlebt, als ich nachts zu einem Wildunfall gerufen wurde und die kleine Tochter der Unfallfahrerin am Reh hockte und es streichelte, als das Stück mit gebrochenen Läufen auf der Straße lag. Es war für das Kind schlimm, als ich dem Reh den Fangschuss antrug; es wollte unbedingt, dass ich es zum Tierarzt bringe. Es kommt dann darauf an, wie man anschließend mit dem Kind redet, und das muss man nicht einmal, sondern meist zwei- und dreimal machen. Aber auch das schützt das Kind nicht davor, einmal schlecht zu träumen.

jagderleben: „Der Sohn soll einmal in meine Fußstapfen treten…“. Wie wirkt sich Zwang aus?

Prof. Heubrock: Wie bei einem Schreinersohn, der Schreiner werden soll, aber Lehrer werden möchte, auch: Das Kind wird seinen eigenen Weg schon finden.

Prof. Heubrock mit Hund © dlv-Jagdmedien

Prof. Dr. Dietmar Heubrock

Zur Person

Prof. Dr. Dietmar Heubrock, Dipl.-Psychologe, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtspsychologie der Universität Bremen. Der passionierte Waidmann gab in PIRSCH 13/ 2012 ein großes Interview zum Thema Waffenbesitz und Jagd aus psychologischer Sicht.


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