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Kein Job für Angsthasen

Was bewegt den jungen Teckel oder auch Terrier dazu, sich durch eine enge Röhre zu zwängen? (Foto: R. Kröger)


Das, was man selbst in der einschlägigen Fach­literatur über die Bodenjagdausbildung liest, entspricht sicher nicht der Bedeutung, die eine intensive Fuchs­bejagung heutzutage auch im Sinne des Artenschutzes erfreulicherweise hat. Der Fachbereich „Ausbildung der Hunde speziell für die Baujagd“ wird in Fachbüchern durch die Bank recht stiefmütterlich behandelt. Da ist zwar gelegentlich die Rede davon, dass man am Kunstbau, respektive in der Schliefenanlage vorsichtig beginnen sollte, den kleinen Vierläufer einzuarbeiten, aber das war’s denn in der Regel auch schon.
Wie das genau zu machen ist und welche Schwierigkeiten dabei bewältigt werden müssen, bleibt weitgehend im Dunkeln. Ich erinnere mich genau daran, dass ich zu ­Beginn meiner Baujägertätigkeit alles an mir zugänglicher Fachliteratur gewälzt habe, aber beispielsweise nichts da­rüber in Erfahrung bringen konnte, was denn zu tun ist, wenn ein junger Hund nicht gewillt ist, freiwillig und freudig unter Tage zu gehen. Dieses Manko zwang mich, es selbst herauszufinden.
Geht man davon aus, dass selbst innerhalb eines Wurfes die Anlagen recht unterschiedlich verteilt und gewichtet sein können – wohl­gemerkt vornehmlich bei den Erdhundrassen und besonders bei den Teckeln; die anderen Fachbereiche (z. B. Vorsteh-, Schweiß- oder Stöberhunde) zeigen da meiner Erfahrung nach entschieden weniger ­Anlagen-Streuung innerhalb ­ihrer Aufgabenschwerpunkte – dann muss es nicht unbedingt ein Führerfehler sein, wenn ein Junghund hervor­ragend schlieft und sein Wurfbruder nicht für Geld und gute Worte dazu zu bewegen ist, unter die Erde zu gehen. Ich habe solche Fälle erlebt. Nicht jeder sonst ganz pfiffige Teckel oder Terrier eignet sich für die Arbeit unter Tage. Für manche hört an der Einfahrt zum Bau der Spaß einfach auf. Aus Zuchtstämmen mit klarer jagdlicher Linienführung ist das Risiko, einen „Bauverweigerer“ zu bekommen, allerdings erheblich geringer, aber eine Garantie gibt es nirgends.
„Donna vom Degenberg“, eine Teckelhündin mit für die Baujagd viel zu weichem Haar, nahm schon als Welpe mit „Juhu“ jedes Rohr an, ohne dass man sie dazu groß dazu hätte animieren müssen. Ihr Wurfbruder „Don“ hingegen verdrückte sich sofort mit eingeklemmter Rute, wenn er nur in die Nähe einer Öffnung kam, die an eine Baueinfahrt erinnerte. Mit keinem noch so hinterhältigen Trick ist es mir gelungen, diesen hübschen Burschen auch nur einmal freiwillig unter die Erde zu bekommen. Er hatte allem Anschein nach eine „eingebaute Bremse“, die ihn für diesen Job untauglich machte. Ich rang mich zu dem durch, was man in solchen Ausnahmefällen tun sollte, bevor man sich im Affekt zu unüberlegter Härte hinreißen lässt: Ich gab auf und schenkte ihn – wenn auch unter dem Protest meiner Familie – einer Kollegin, mit der er jahrelang ein zwar jagdloses, aber offensichtlich ausgefülltes Großstadtdasein führte. Na ja, dachte ich, auch nicht jeder sonst recht brauchbare Mensch ist zum Kämpfer geboren. Apropos Führerhärte: Sie ist bei der Einarbeitung von Hunden für die raue Jagd im Bau nicht nur überflüssig, sondern schädlich, und was ihre möglichen Folgen angeht, irreparabel. So wenig wie ohne konsequenten Druck kein Vorstehhund zum absolut zuverlässigen Allesapporteur in jeder Lebenslage zu machen ist, so wenig gilt das für die Einarbeitung unter Tage.
Es gibt allerdings auch Spätzünder selbst unter gut veranlagten Erdarbeitern, bei denen es nur noch nicht „klick“ gesagt hat. Dass man jedoch auch in Grenzfällen nicht einfach die Flinte ins Korn werfen sollte, belegt folgendes Beispiel: „Gregor von Osterwede“, ein Bild von einem Teckel und dazu aus allerbestem Hause, was das ­jagdliche Erbgut anging, machte ebenfalls Schwierigkeiten, unter die Erde zu ­gehen, weil er unbeabsichtigt mehrfach beim Kontrollieren von Bauen zufällig auf Rehwild oder Hasen gestoßen war. Er hatte zum Ärger der Fuchsjäger das flüchtige Wild lauthals und mit großer Passion „bis an den Horizont und weiter“ verfolgt, kam müde, aber glücklich zu mir zurück und verstand überhaupt nicht, weshalb ich ihn nun unter die Erde kom­plimentieren wollte. Er hatte doch so toll oberirdisch gejagt und da unten gab es doch weder Rehe noch Hasen. Und in seiner Prägephase hatte er nie einen Bau gesehen, da ich ihn erst gut halbjährig übernommen hatte.
Wieder und wieder bemühte ich mich am Kunstbau mit und ohne Schliefenfuchs. Immer wieder versuchte ich ihm gewaltlos klarzumachen, was ich von ihm wollte. Es klappte ums Verrecken nicht. Gregor dachte nicht daran, sich weiter als ein paar Meter in die Röhren zu bequemen. Dort wartete er hechelnd, bis ich aufgab. Danach kam er rutewedelnd heraus und spekulierte nach irgendetwas, das er ein bisschen jagen konnte. Selbst ein – sonst aus gutem Grund von mir gemiedener – Versuch am befahrenen ­Kaninchenbau ließ den ­Rüden zu meiner Verwunderung ­völlig kalt.

Späte Einsicht

Doch dann kam der große Tag im Revier Travenhorst im schleswig-holsteinischen Landkreis Bad Segeberg. „Donna“, eine Halbschwester von „Gregor“, war seit wenigen Tagen läufig und arbeitete alleine und gut hörbar in einem flachen Hangbau am Fuchs. „Gregor“ hatte mit­bekommen, dass die Hündin läufig war, ich schnallte ihn trotzdem, denn es konnte ja noch nichts passieren. Der Rüde bewindete zunächst intensiv die Baueinfahrt, in der „Donna“ verschwunden war, und hob dann pomadig den Hinterlauf. Danach wurde kurz zu mir herübergeäugt und rutewedelnd verschwand der Galan unter der Erde.
Ich fragte mich, was das wohl wird? Es dauerte etwa eine halbe Stunde, da sprang ein starker Rotrock, zu meinem Erstaunen gefolgt von dem „Bauverweigerer“ Gregor, dessen Nasenschwamm eine feine rote Schramme zierte. Er hatte also unter Tage nicht wie vermutet die Hündin ­belästigt, sondern Reineke zum Springen gebracht. Der Fuchs wurde erlegt, „Gregor“ beutelte ihn ausgiebig. Ich habe ihn lange gewähren lassen und danach überschwänglich gelobt. Der Fuchs, eine schwache Fähe, den „Donna“ gearbeitet hatte, sprang eine halbe Stunde später vor der Hündin. Ich war überglücklich und hatte Mühe, den ­Rüden von der Hündin fernzuhalten, denn nun hatte das „Thema Nummer eins“ für ihn naturgegeben abso­luten Vorrang.
Von diesem Tage an war der Rüde wie verwandelt. Er arbeitete nun, als sei es für ihn die größte Selbstverständlichkeit der Welt, passioniert und nach kurzer Zeit gekonnt, das heißt mit dosierter Schärfe und taktisch immer wieder die Einfahrten wechselnd, am Fuchs. Später ließ er sich sogar vom Fuchs abrufen, wenn dieser partout nicht springen wollte, was ja lange nicht bei allen Bauhunden der Fall ist. Erdhunde, die sich nicht wegen ihres überzarten Gemüts, sondern wegen der engen ­Bindung an ihren Führer aus dem Bau, manchmal sogar vom Fuchs abrufen lassen, gehören eh zu den „Weißen Raben“ unter den Vertretern ihrer Zunft. Wenn man das erreicht hat, macht Baujagd erst so richtig Freude.
Hasen oder Rehe interessierten Gregor ab sofort nur noch beiläufig und für kurze Zeit. Bald schon gab er das oberirdische Absuchen der Baue und ihres Umfelds auf und konzen­trierte sich auf das Werkeln unter Tage. In diesem Fall ­beendete ein positives Schlüsselerlebnis eine, wie ich meine, aus reiner Dickköpfigkeit zur Schau gestellte Verweigerungshaltung. Zur Erinnerung an diesen Klasse-­Rüden, der bedauerlicherweise viel zu früh durch einen Unfall ums Leben kam, heißt der Bau in Travenhorst heute noch ­„Gregor-Bau“.
Man kann unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob man nun einen „Allroundhund“ oder einen Spezialisten haben möchte. Sicher gibt es Teckel und Terrier, die über wie unter der Erde gleichermaßen beständige Leistungen bringen. Wenn aber ein Hund erfahren hat, dass er seine Passion am besten unter Tage ausleben kann, wenn man einen Rotrock durch die Gänge jagt, wird er nicht zum Ärger aller Beteiligten nach anderem Wild suchen, wenn beispielsweise der Bau leer ist. Mit anderen Worten: Ich bin für die Spezialisten, zumindest bei den kleinen Hunden.

Bauspezialist

Spielerisch geht es los. Eine verführerisch zuckende Fuchslunte verschwindet plötzlich vor den Augen des Junghundes in einem Rohr. (Foto: R. Kröger)


Das hat nichts mit „Fach­idio­tentum“ zu tun, wie manche meinen. Es stehen – das gilt doch heute für die allermeisten Gegenden – beispielsweise genügend erfahrene Spezialisten auch für schwierige Nachsuchen zur Verfügung, denen muss ich mit meinen Teckeln doch nicht die Arbeit wegnehmen oder erschweren. Ganz abgesehen davon, dass kleine Hunde nicht in jedem Fall in der Lage sind, den körperlichen Anforderungen einer erschwerten Nachsuche zu genügen. Auf die Frage, wa­rum ich mit meinen Erdhunden keine Nachsuchen mache, antworte ich zum besseren Verständnis: „Erst wenn unsere Nachsuchen-Spezialisten ihre Schweißhunde in den Fuchsbau schicken, dann mache ich Riemenarbeit auf krankes Hochwild!“ Aber das ist natürlich nur meine ganz persönliche Ansicht.
Wer schaffen will, muss fröhlich sein! Das gilt besonders für diejenigen, die das härteste Los unter allen Jagd­gebrauchshunden gezogen haben – die Bauhunde. Je größer und häufiger der Jagdhelfer Erfolg hat, desto besser und zuverlässiger wird er, aber das gilt auch für andere Arbeitsgebiete. Wenn wir ihm vermitteln, dass gemeinsames Jagen – er unter und wir über der Erde – eine tolle Sache ist, die durch gemeinsames Beute­machen gekrönt wird, dann ist der Groschen gefallen, dann macht das Jagen am Bau beiden Spaß – auch wenn’s mal kalte Füße gibt oder ­etwas länger dauert, weil der Rotrock nicht springen will.
Die meisten Junghunde aus Leistungszuchten haben kein Problem damit, die Schwelle vom Hellen ins Dunkle zu überwinden. Anfangs spielerisch, später zielbewusst wird für sie der abrupte Helligkeitsunterschied bald zur Selbstverständlichkeit, zumindest, wenn sie von Anfang an daran gewöhnt sind. Es empfiehlt sich deshalb, von Anbeginn im Zwinger oder auf dem Grundstück eine kleine Bauanlage zu installieren, praktisch als Abenteuerspielplatz für die zukünftigen Fuchsjäger. Die beispielsweise aus einigen Metern Beton- oder Kunststoffrohr einfach herzustellende Anlage sollte allerdings so lang sein, dass es dunkle Partien gibt. Verfügt dieser kleine Übungsbau über einen Kessel, dann wirkt es Wunder, wenn man dort hin und wieder den Futternapf, ein reizvolles Objekt zum Beuteln oder einen Lieblingshappen postiert. Haben die Kleinen schon einmal spielerisch gelernt, dass im Dunklen oft eine positive Über­raschung wartet, fördert das die Neugier und den Vorwärtsdrang.
Derart spielerisch vorbereitete Welpen haben keine oder entschieden weniger Hemmungen in Phase zwei, wenn es auf den Schliefplatz geht. Zur Unbefangenheit kommt jetzt der Beutetrieb, der in der Regel letzte Hemmnisse kompensiert. Das geschieht ausschließlich auf dem Schliefplatz des Teckel- oder Terrierklubs in der Nähe. Wenn ­jemand meint, seinen un­er­fah­re­nen Hund am Naturbau ausbilden zu können, muss er sich der damit verbundenen Risiken bewusst sein. Nur in der Schliefenanlage kann der Führer seinem vierläufigen Jagdhelfer jederzeit sofort zur Hilfe kommen, im Naturbau ist das auch mit dem Bauhundfinder nicht so schnell möglich. Oder: Was kann passieren, wenn die erste Wildbegegnung des noch ahnungslosen Vierläufers am wehrhaften Dachs stattfindet?
Auf keinen Fall darf man das tun, was ungeduldige und meistens unerfahrene Führer gelegentlich praktizieren, nämlich den unwillig wirkenden Zögling (es kann ja durchaus sein, dass dieser überhaupt nicht verknüpft hat, worum es geht) gewaltsam ins Dunkle zu schieben. Das ­wäre gleichbedeutend damit, einen großen jungen Jagdhund, der nicht freiwillig ins Wasser geht, einfach von einer Brücke zu werfen. Bei sensiblen Vierläufern entstehen durch solche Führerfehler nicht selten irreparable Schäden. Man erreicht genau das Gegenteil von dem, was man beabsichtigte. Der Zögling bekommt nämlich Angst vor dem Rohr und dem Bau. Das darf nicht sein. Der Bau muss für ihn eine Art „Hunde-Disco“ sein, in der die Post abgeht, auch wenn’s mal kneift. Wer dem Hund das vermittelt, hat gewonnen.
Auch wenn es in bester Absicht geschieht, weil der Führer dem Hund helfen will, ihn unterstützen möchte, ist ein weiterer schwerwiegender Fehler allgegenwärtig: Es ist Gift, den unerfahrenen Hund am Übungsbau, in dem sich logischerweise kein Fuchs befindet, lauthals anzurüden. Mit „Kss, kss, fass den Fuchs“ oder ähnlichem Blödsinn wird der Junghund „flott“ gemacht. Er gibt dann später oft Laut, wo gar nichts zum Lautgeben ist. Das führt nicht selten, vornehmlich bei Hunden mit niedriger Reizschwelle, dazu, dass sie baulaut und damit für die praktische Jagd unbrauchbar werden. Ich kenne Hunde, die Laut gebend über den unbefahrenen Bau fegen, nur weil sie fröhlich sind und vielleicht auch weil sie meinen, ihrem Führer damit zu imponieren.
Je nach Kontakt zwischen Führer und Hund helfen freundliches, ruhiges Zureden und anregende Gestik. Hier zeigt sich schon, ob das Gespann „die gleiche Sprache“ spricht respektive sich versteht. Und wenn es beim ersten Versuch nicht gleich klappt, dann vielleicht beim zweiten, sonst beim dritten oder etwas später. Ohne Geduld geht hier nichts. Und es sei aus gutem Grund noch mal und noch mal betont und hat nichts mit „Weichei“ zu tun: Bei der Ausbildung zum zuverlässigen Erdhund ist jeder Zwang völlig fehl am Platze! Ein im Bau Laut gebender (bekannter) Artgenosse kann übrigens den Trieb nach vorn respektive nach unten bei zaghaften Vertretern beschleunigen nach dem leicht beute­neidischen Motto „Da muss doch was los sein! Da will ich mitmischen!“
Grundsätzlich, das gilt fürs Üben wie für die spätere Arbeit am Naturbau: Es dürfen nur Hunde zusammen eingesetzt werden, die sich gut kennen und verstehen. Wer mal erlebt hat, was es bedeutet, wenn sich unter der Erde zwei Hunde ernsthaft in die Haare kriegen, der weiß, welche ­Risiken damit verbunden sein können, weil man nicht schnell einzugreifen in der Lage ist. An großen Bauanlagen ist es allerdings in der späteren Praxis häufig von großem Vorteil, wenn mehrere Hunde zugleich eingesetzt werden, aber das geht nur, wenn Rangordnung und Harmonie stimmen.

Nie mit Gewalt!

Unser Ziel ist, einen für die raue Baujagd brauchbaren und zuverlässigen Hund he­ranzubilden. Dazu sind unter anderem der von vielen unterschätzte Finderwillen unter der Erde sowie (dosiertes!) Stehvermögen notwendig. Beides kann man dem Erdhund so wenig beibringen wie Passion oder Jagdverstand. Das muss er mitbringen und die meisten tun das. Aber das Rüstzeug hierzu geben wir ihm mit auf den Weg. Wir lehren ihn, dass Arbeit unter der Erde Freude macht und dass wir stets auf den kleinen Gesellen warten, bis er seine Arbeit getan hat oder ihm gegebenenfalls zu Hilfe kommen, wenn es einmal nötig ist.
Man sollte nie vergessen, dass der Erdhund in dem Moment, in dem er in der Unterwelt verschwindet, absolut auf sich allein gestellt ist und einem Kontrahenten gegen­übersteht, der ihm eigentlich körperlich überlegen ist. Aber eben nur körperlich, nicht mental. Das ist dann eine ­Sache von Klugheit, Mut und Ausdauer des Hundes. Aber es gibt selbst hartgesottenen Erdhunden ein gutes Gefühl und die Kraft zu wissen: Da oben steht mein Kumpel, mit dem mich ein unsichtbares Band verbindet; das Band der Partnerschaft. Und außerdem freut sich mein Führer immer riesig, wenn ich den Fuchs ins Freie befördere. Und das ist mein Job!