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Jungwild-Rettung: So klappt's

Gerettet: Dieses Rehkitz wurde rechtzeitig gefunden.


Die einfachste und günstigste Methode sind an Pfählen befestigte Plastiksäcke. Sie müssen in ausreichender Anzahl am Abend vor der Mahd auf der Wiese aufgestellt werden. Allerdings lässt sich nicht jede Ricke davon abschrecken. Eine hohe Effektivität verspricht das Vergrämungsmittel „Kitz-Rettung“ von Hagopur. Durch naturidentische Duftstoffe wird dem Muttertier Gefahr signalisiert. Das Produkt wird auf spezielle Alustreifen aufgetragen und am besten zwei bis drei Tage vor der Mahd an Pfosten aufgestellt. Der Geruch und das Rascheln der Folienstreifen sollen die Muttertiere davon abhalten, ihre Kitze in der Wiese abzulegen. Laut Hersteller tritt erfahrungsgemäß kein Gewöhnungseffekt ein, da der Duftstoff nur für wenige Tage im Frühjahr vor der Mahd eingesetzt wird. Die Alustreifen können nach dem Einsatz zudem eingesammelt und vor der nächsten Mahd wiederverwendet werden.

Jetzt wird es moderner

Der Rehkitzretter von Naturtech Oberland.


Deutlich technischer als die traditionelle Wildscheuche ist der „Wildschreck KR01“. Das Gerät gibt sowohl optische als auch akustische Signale in einem Umkreis von 100 Metern in unregelmäßigen Abständen von sich. Ein Lichtsensor schaltet es automatisch zur Abenddämmerung ein. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Signale noch zwei bis drei Stunden zur Beunruhigung der Fläche abgegeben. Durch die gezielte Programmierung kann der Wildschreck bereits Tage vor den Mäharbeiten aufgestellt werden. Laut Hersteller zeigt sich das Gerät auch bei der Vergrämung von Schwarzwild erfolgreich. Der Betrieb ist über einen externen Akku, Batterie oder per Solarenergie möglich.
 

Unterstützung aus der Luft

Neuste Technik im Einsatz für mehr Tierschutz.


Bei Flächen, die mehrere Hektar groß sind, ist der Einsatz selbst mit gut ausgebildeten Hunden kaum zu bewältigen. Eine praxisnahe – wenn auch (noch) kostenintensive Lösung – bieten hier Kameradrohnen mit Wärmebildtechnik: Der Wärmebild-Quattrokopter „Finder 2“ von Kamkop liefert aus einer Flughöhe zwischen 30 und 50 Metern ein Wärme- und ein Normalbild, das live auf zwei mobile Monitore übertragen wird. Sobald eine Wärmequelle sichtbar ist, kann der Pilot mit der Drohne näher heranfliegen, und ein Helfer bringt das gefundene Kitz in Sicherheit. Am besten sind Flüge in den frühen Morgenstunden, solange die Bodentemperatur noch niedrig ist. Denn durch Sonne erwärmte Steine oder Maulwurfshügel erscheinen dann ebenfalls als Wärmequelle.
Das Fliegen einer Drohne kann innerhalb von ein bis zwei Tagen erlernt werden. So lassen sich selbst große Feldflächen innerhalb kurzer Zeit absuchen. Dafür benötigt man allerdings mehrere Akkus, denn ein Akku ermöglicht eine Flugzeit von gerade mal 20 Minuten. Ein „Fertigbau-Satz“ für eine Drohne mit einer Action-Cam aus dem Elektronikmarkt ist für die Kitzrettung eher ungeeignet. Die meist weitwinkeligen Kameras müssen sehr nah über dem Boden fliegen, um überhaupt etwas erkennen zu können. Bei hohem Bewuchs bilden die Grashalme häufig ein „Dach“ über dem Kitz, sodass ein Auffinden sehr schwierig ist.

Feinfühlige Sensorik

Mehrere Sensoren sollen Tiere und Gelege anzeigen.


Für die Suche auf kleineren Flächen ist der „ISA Wildretter“ eine gute Alternative: Dieser spürt Wärmequellen mit zehn integrierten Pyrosensoren auf und zeigt auf einem Display in der Mitte die entsprechende Fundstelle an. Der „Suchbalken“ ist sechs Meter lang und wiegt fünf Kilogramm. Mit einem Tragegestell kann man so eine sechs Meter breite Spur im Feld zu Fuß absuchen. Die Empfindlichkeit der Sensoren ist einstellbar, um Fehlmessungen zu vermeiden. Der Wildretter wurde für die Kitzsuche optimiert, aber auch kleinere Wärmequellen können bei entsprechend hoch eingestellter Empfindlichkeit aufgespürt werden, wobei der Hersteller dafür keine Garantie übernimmt.
 

Je lauter, desto besser

Die Schallkanone wird mit einem Magnetfuß direkt am Kreiselmäher montiert und erzeugt bis zu 105 dB laute Pfeiftöne.


Auch wenn das Geräusch einer herannahenden Erntemaschine kaum zu überhören ist, veranlasst es viele Jungtiere noch nicht zur Flucht. Eine speziell entwickelte Schallkanone soll durch laute schwingende Töne den Fluchtreflex auslösen. Das Gerät erzeugt mittels einer Membrane einen schrillen Pfeifton und wird einfach mit einem Magnetfuß an einem Bügel direkt am Kreiselmäher befestigt. Selbst bei schneller Fahrt (30 - 40 km/h) zeigt das Gerät noch seine Wirkung. Durch den lauten Signalton springen Ricken und Kitze frühzeitig ab. Flüchtet nur das Muttertier, sollte der Landwirt oder der Jäger die entsprechende Stelle (erneut) absuchen, falls sich das Kitz noch im hohen Gras duckt. Die Schallkanone gerät natürlich dort an ihre Grenzen, wenn die Rehkitze noch zu jung sind und der Duckreflex größer ist als der Fluchtreflex. Auch bei Gelegen und Bodenbrütern hilft die Schallkanone leider nicht weiter.

 

Vierbeiner unerlässlich

Jäger lassen nichts unversucht, möglichst viele Tiere vor dem Mähwerk zu retten.


Trotz aller technischen Möglichkeiten ist die gute Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Jägern das A und O, fasst er die wohl wichtigste Voraussetzung zusammen. Denn nur so können zum Beispiel Mähtermine  rechtzeitig abgesprochen werden. Auch das wichtige „von innen nach außen Mähen“ kann man so vereinbaren. Denn Wildtiere flüchten ungern über bereits gemähte Flächen.
Auch hilft es, wenn man die Fläche entweder früh am Morgen der Mahd oder am Vortag ringsum mit ein, zwei Bahnen „anmäht“. So wird eine zusätzliche Veränderung ­geschaffen, welche die Ricken dazu ­verlasst, ihre Kitze aus der Wiese zu ­holen. Im Idealfall sollten natürlich auch diese Mähstreifen zuvor abgesucht werden, da sich dort natürlich Kitze befinden können. Die nach wie vor erfolgreichste Mehtode ist immer noch das Absuchen mit geeigneten Hunden.


Markus Stifter kommt aus Wiesbaden, schreibt Texte, macht Bilder und dreht Filme als freier Mitarbeiter für die dlv-Jagdmedien.
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