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Jagen bei Wind und Wetter

Auch der Wind sollte in die Planung einer Bewegungsjagd miteinbezogen werden.


Seit etlichen Jahren bejage ich die unterschiedlichsten Wildarten und versuche nicht nur jedes Erlebnis zu verinnerlichen, sondern auch, aus den langjährigen Begegnungen für zukünftige Pirschgänge, insbesondere für die erfolgreiche Führung von Jagdgästen, meine Lehren zu ziehen. Das gilt sowohl für die Einzeljagd als auch für eine verantwortungsvolle Planung und Durchführung von großen Bewegungsjagden. Trockenes, ruhiges Wetter und vielleicht noch leichte Minusgrade bieten dabei die größten Aussichten auf Erfolg.

Gerade bei Nebel wird von den Schützen eine erhöhte Aufmerksamkeit erfordert. © Erich Marek

Gerade bei Nebel wird von den Schützen eine erhöhte Aufmerksamkeit erfordert.

Nicht selten wird in den meisten Revieren, die Bewegungsjagden abhalten, auf diesen bestimmten Tag X alles zugeschnitten. Und da können einem insbesondere Wind und Wetter die gesamte, mühevoll ausgeklügelte Strategie durchaus kräftig über den Haufen werfen. Bis zum Extremfall, dass bei Sturm oder Orkanböen die Jagd aus Sicherheitsgründen sogar abgesagt werden muss.

Die Witterung beeinflusst die Wahl des Tageseinstands und entscheidet maßgeblich darüber, unter welchen Bedingungen das Wild am Einstand festhält und wie es bei entsprechender Windstärke und -richtung seine Wechsel hält. Das alles gilt es bei der Drückjagdplanung, insbesondere der Schützenstände und des Treiber- bzw. Stöberhundeeinsatzes, zu berücksichtigen, denn oftmals muss der Jagdleiter seine bisherige Taktik mit einem Plan B tauschen. Eine entscheidende Frage ist dabei immer, wo das Wild seinen Tages- oder Ruheeinstand nimmt, denn nur hier werden die Treiber oder Stöberhundeführer zu Jagdbeginn so rechtzeitig fündig, damit das Wild früh genug auf die Läufe kommt und die Schützenstände wie erwartet anläuft.

Rot - und Damwild

Während alles Schalenwild bei ruhigem Wetter gern dichte Dickungen mit sonnenbeschienenen kleinen Frei­flächen aufsucht, um in aller Ruhe vor Stö­rungen schlafen und wiederkäuen zu können, stellt es sich – insbesondere Rotwild und Damwild – bei anhaltendem Regen oder Schneefall in lichtere ­Stangenholzpartien um, die einen deutlich besseren Wetterschutz von oben bieten als die bis zum Boden tropfnassen Dickungen. Geht gar noch ein kräftiger Wind, vertraut das Wild zusätzlich auf sein hervorragendes Sehvermögen, um aus der dunklen Tiefe von Stangenhölzern aus sich nähernde Feinde rechtzeitig erkennen zu können. Und es setzt auf sein exzellentes Wittrungsvermögen und sein feines Gehör.

Damwild ist bei Drückjagden nicht ganz leicht zu bejagen. Starker Wind verunsichert es noch mehr.


Beides wird aber bei rauem, windigem und regnerischem Wetter so stark beeinträchtigt, dass die Lichter in dem Fall kompensieren müssen. Bei starkem Wind kommt zudem eine enorme Verunsicherung des Wildes hinzu, weil die rechtzeitige und verlässliche Feinderkennung und Überprüfung einer sicheren Fluchtrichtung durch die zerrissenen Luftströmungen nicht gegeben sind. Folglich verlässt das Wild unter diesen Voraussetzungen den Einstand nur ungern und das meist nur durch großen Druck.

Papierkram? Die akribische Auswertung von Standkarten ist mitunter eine wichtige Vorbereitung für die nächste Drückjagd! © Matthias Meyer

Papierkram? Die akribische Auswertung von Standkarten ist mitunter eine wichtige Vorbereitung für die nächste Drückjagd!

Schwarzwild hält in dieser Situation nicht nur hartnäckig am Einstand fest, sondern scheut dabei in keiner Weise die direkte Auseinandersetzung mit den Stöberhunden. Geschlagene Vierbeiner sind bei derartiger Wetterlage programmiert. Das Auswechseln geschieht nur bei größtem Druck, in aller Regel panisch und in voller Flucht, weshalb Schützen in Einstandsnähe auf ihren Ständen oft nicht ansprechen und schießen können. Eine weitere Schutzfunktion bei Rot-, Dam- und Muffelwild ist in dieser Situation der Verunsicherung eine enge Rudelbildung, sodass einzelne Stücke – ohne Gefahr eines Paketschusses – nicht erlegt werden können.

Aber auch die räumliche Wahl des Einstandes bei ruhigem Wetter ist bei allen großen Schalenwildarten extrem von der Windströmung abhängig. So liegt es bei Ostwind in ganz anderen Einständen als bei westlicher Windströmung. Schließlich will das Wild aus dem Einstand heraus das relevante Umfeld nasenmäßig jederzeit unter Kontrolle behalten. Die Stücke ziehen grundsätzlich gegen den Wind auf ihren Wechseln heraus und stehen auch beim vertrauten Beäsen einer Fläche stets gegen den Wind gerichtet. Gerade beim Rotwild entscheidet der Wind maßgeblich über die angenommenen Wechsel und die räumliche Ausrichtung des Rudels.

Beim Damwild spielen Wind und Wetter große Rolle. © Erich Marek

Beim Damwild spielen Wind und Wetter große Rolle.

Wenn das Wild bei Wind nervös wird

Bei Dam- und Muffelwild spielen Wind und Wetter eine scheinbar noch größere Rolle als beim Rotwild. Bei Bewegungsjagden gelingt es oft nur mit großem Druck und Aufwand, sie zum Verlassen der Einstände zu bewegen. Entsprechend gering fällt dann das Ergebnis aus.

Damwild scheint manchmal unruhig und unstet in seinem Verhalten. So wechselt es als tagaktive Wild­art wie die Muffel innerhalb des Einstandsgebiets auch ohne Beunruhigung ständig umher, ohne sich so intensiv um die Kontrolle der Windrichtung zu kümmern wie Rotwild. Dieses Verhalten zeigt es aber nur, wenn es sich im Revier sicher fühlt. Beim geringsten Verdacht auf Störung oder gar durchschauten jagdlichen Absichten wendet es sich gegen den Wind und beruhigt sich auch so schnell nicht wieder.

Dam- und Muffelwild

Bei den herbstlichen Drückjagden, auf denen das Damwild ohne Hunde leicht von wenigen Durchgehern angerührt werden soll, verlässt es frühzeitig den Einstand, oft wie der Fuchs noch weit vor dem Rotwild oder gar den Sauen. Nicht selten zieht es anfangs sehr zag­haft und zögerlich, ständig unruhig auf der Stelle tretend in die lichteren Bestände. Wenn es die Störung jedoch lokalisiert hat, nimmt es in hohen Fluchten schnurgerade stramm gegen den Wind die nächste Deckung an oder zieht aus dem Wald schnellstens heraus auf die großen Schläge in der freien Flur.

Dort steht es in einem Pulk und sondiert die Lage, ohne von einer Ansitzeinrichtung aus treffsicher erreicht werden zu können! Trifft Damwild bei Bewegungsjagden mit Hunden zusammen, wirkt es anfangs überaus kopflos, findet sich aber recht schnell in der Situation zurecht, sammelt sich und flüchtet stets gegen den Wind.

Schwarzwild

Schwarzwild ist natürlich wie alle anderen Wildarten auch sensibel, was Wind und Wetter angeht, jedoch bei der Einstandswahl bei weitem robuster. Die Sauen verbleiben in ihren dichten Einständen und lassen sich bei Schneefall regelmäßig einschneien. Nicht selten überliegen sie sogar mehrere Tage. Starker Wind – mit tosenden belaubten Ästen und raschelndem Laub – scheint das Schwarzwild enorm zu verunsichern, da es bekanntlich nicht sonderlich gut äugen kann.

Ein Knacken im Bestand hat die Sau angekündigt. Der Fernwechsel war ganz bewusst besetzt worden. Zieht der einzelne Überläufer frei, bricht der Schuss.


Bei Bewegungsjagden spielt der Wind auch bei den Sauen eine ganz wesentliche Rolle: Aufgrund ihrer kurzen Läufe versuchen sie sich stets in der Deckung zu bewegen und auf schnellstem Weg durch lichte Bestände wieder dichte Einstände zu erreichen, anstatt sich wie Rotwild möglichst schnell auf Fernwechseln weit weg vom Treiben zu bewegen. Vor allem, wenn mit scharfen und vielen Hunden gejagt wird und die Rotten einmal gesprengt wurden, spritzen die Sauen vorerst auseinander, ohne groß auf den Wind zu achten.

Haben sie aber einen gewissen Vorsprung zu den Hunden oder gar die Zeit und Chance, sich im Einstand geschlossen absetzen zu können, gehen sie immer streng gegen den Wind und möglichst, um Kräfte zu sparen, auf Hang parallelen Wechseln aus dem Einstand. Erst wenn sie dann Wind von einem abgestellten Jäger bekommen, schlagen sie plötzlich um, machen einen Haken, laufen dann aber wieder stets ausgerichtet gegen den Wind.

Trotz alledem unterscheiden sich die intelligenten Sauen obendrein in ihrem Fluchtverhalten doch ganz wesentlich von den anderen Schalenwildarten. Ob, wann und wo sie bereitwillig oder erst unter massivem Druck den Einstand verlassen, bestimmen nicht selten die Sauen allein und nicht das Aufgebot an Treibern und Hundeführern!

Das hängt maßgeblich von der führenden Bache ab. Sie gibt vor, welchen Weg die Rotte nehmen wird, und das kann manchmal ganz unkonventionell eine nicht vorhersehbare Stelle über das freie Feld oder eine Kulturfläche sein, abseits aller bekannten Wechsel, um sich in einiger Entfernung zum Einstand wieder zu treffen und sich dann über die bekannten Fernwechsel abzusetzen. Direkt am Einstand jedoch sind die Sauen den meisten Schützen „hinten zu kurz und vorne zu schnell“. Häufige Drückjagdschüsse – weich und Keulentreffer – erfreuen keinen Jagdleiter. Schließlich will er gutes Wildbret verkaufen.

Der Jäger muss das anwachsende Wild von seinem Posten frühzeitig kommen sehen. © Matthias Meyer

Der Jäger muss das anwachsende Wild von seinem Posten frühzeitig kommen sehen.

Auf dem Fernwechsel

Wer dieses Verhalten in seiner Drückjagdplanung bereits einkalkuliert hat, wird als Jagdleiter weit weniger Augenmerk auf die Stände in unmittelbarer Nähe zum Einstand legen, als vielmehr wenige wichtige Plätze an möglichst weit einsehbaren Fernwechseln mit guten Schützen zu besetzen.

Der Ansteller erntet oft schon vor Beginn des Treibens missmutige und verbitterte Blicke von dem einen oder anderen Jagdgast, der noch grübelt, aus welchen Gründen auch immer er so weit abseits des eigentlichen Treibens postiert wird.

Bei Jagdende jedoch sind gerade diese Schützen voll des Lobes ob ihres „Kaiserstandes“. Und noch eins haben diese Fernwechselstände – es liegen dort „richtig angesprochene“ Stücke mit besten Schüssen, da die Sauen dort deutlich ruhiger kommen und sich in der Rotte wieder „formiert“ haben. So kann der Jäger die Sauen je nach Körpergröße und „Funktion“ (Bache, Überläufer, Frischlinge) ebenfalls wieder besser zuordnen.

 

Rehwild

Schließlich gilt es noch, das Rehwild in unsere Überlegungen miteinzubeziehen. Sicherlich bewegt sich auch das Reh stets gegen den Wind, sowohl bei der Einzeljagd als auch bei den Bewegungsjagden. Das Verhalten des Rehwildes ist aber letztendlich doch ganz anders, da es im Gegensatz zu den übrigen Schalenwildarten in einem deutlich kleineren Territorium lebt. Auch unter großem Druck „klebt“ das Reh an dieser Struktur und kommt nicht selten am Ende eines langen Treibens dem Schützen wieder vor den Stand, wenn es seinen Einstand aufsucht.

Bei der ersten Beunruhigung versuchen Rehe, sich zuerst zu drücken. Gelingt das nicht erfolgreich, ziehen sie bei geringem Druck gegen den Wind aus dem Einstand. Ist dieser durch lärmende Treiber oder eingesetzte Hunde aber zu groß, reagieren sie überaus kopflos – ohne Rücksicht auf die Windrichtung. Erst nach den ersten Fluchten oder genügend Abstand zum Feind orientieren sie sich wieder mit dem Windfang. Der Wind wird geprüft, und die Rehe setzen sich teils langsam, teils schneller werdend, aber immer wieder in der Deckung verhoffend und sichernd, gegen den Wind ab.

Reineke verlässt die Dickung auch für gewöhnlich gegen den Wind. © Erich Marek

Reineke verlässt die Dickung auch für gewöhnlich gegen den Wind.

Niederwild & Raubwild

Um eine abschließende klare Antwort auf die Frage zum Fluchtverhalten des Wildes bei Wind geben zu können, betrachten wir auch die weiteren Niederwildarten. Alles Flugwild fällt grundsätzlich gegen den Wind ein und startet auch so. Der Fuchs verlässt ebenfalls die Dickung bei Beunruhigung ausschließlich gegen den Wind, und selbst der Hase, augenscheinlich eher ein Augentier, flieht, einmal im Treiben auf die langen Läufe gebracht, stets gegen die Windrichtung.

Insbesondere bei festen Ständen, wie sie bei Vorsteh- und Standtreiben benutzt werden, sollte der Jagdleiter dies unbedingt beachten. Somit hat jede Wildart ihre spezifischen Eigenheiten, mit Wind und Wetter umzugehen. Diese muss der Jäger kennen, genau wie er die entsprechenden Revierverhältnisse kennen muss – dann wird man auch bei schwierigem Wetter erfolgreich jagen. Denn bei schönem Wetter kann jeder jagen!


Wildmeister Matthias Meyer Als Berufsjäger leitet er den Jagdbetrieb in der Fürst zu Oettingen-Spielberg’schen Forstverwaltung in Oettingen/ Bayern. Er ist außerdem erfahrener Schweißhundeführer und langjähriger PIRSCH-Autor.
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