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Jagdliche Weihnachtsgeschichte: Die Weihnachts-Gabe

Redaktion PIRSCH
am
Sonntag, 12.12.2021 - 13:51
Keiler-sichernd © Achiv PIRSCH
Den sichernden Bassen verewigte der vorrangig als Rotwild-Maler bekannte Prof. Gerhard Löbenberg.

Christmorgen des heiligen Tages, an dessen Ende der Christabend steht. Ein Morgen, an dem der brave Familien- und Hausvater nach einer halben Nacht des heimlichen Schmückens des Christbaumes ein wenig übernächtigt, ans vereiste Fenster tritt und zwischen den Eisblumen über die verschneiten Gärten und Dächer hinweg auf die unter ihrer Schneelast seufzenden Bergwälder hinüberäugt.

Da stehe ich nun und überlege, wie eigentlich dieser Tag bis zum Erklingen des Christglöckleins und dem ersten Jubelschrei meines kleinen Filius totzuschlagen wäre. Mit dem Weibervolk ist nichts anzufangen, das befindet sich schon jetzt in einem Koch- und Backdelirium, vor dessen Anfällen auch der härteste Mann ausreißen muß. Die flüssigen Genüsse, Männersache das, lagern schon längst im Keller drunten und warten griffbereit im Schnapsschrank, denn in dieser Hinsicht stehe ich der traditionellen Vorsorglichkeit meiner Altvorderen in keiner Weise nach. Was also anfangen, um diese zehn Stunden bis zu dem trautesten Augenblick aller Menschen guten Willens irgendwie nutzbringend anzuwenden?

Die Zeit bis zum Abend ist noch lang

Richtig! – Da liegen ja noch die Scherben der drei Glaskugeln, die ich beim Christbaumschmücken zerteppert habe. Also wegräumen! Übrigens sollen Scherben am Weihnachtstag Glück bringen, wie die alte Irma Néni, unser Hausfactotum felsenfest behauptet. So – fertig. Und jetzt noch zwanzig Tropfen des berühmten Muranyer Himbeergeistes eingenommen, den mir mein lieber, alter Jagdkamerad Fery als Präambel zu seinem anvisierten Weihnachtsgeschenk herübergeschickt hat.Gerade überlege ich, ob eine Wiederholung dieser Vorbeugungskur angezeigt wäre, als unter meinem Fenster etwas Graubraunes vorbeihuscht, in dem ich instinktiv die entsetzlich schäbige, von Motten gottesjämmerlich abgefressene, seinerzeit eine echte Otternmütze gewesene Kopfbedeckung meines braven Jagdburschen Imro erkenne.

Nun, da steht er vor mir, der Imro, und versucht die von seinem Schnauzbart herabhängenden und an sein mindestens drei Wochen altes Stoppelkinn angefrorenen Eiszapfen abzubröckeln, um sein „Gelobt sei Jesus Christus“ zum Gruß hervorzustottern. Das also ist mein Imro, der dort draußen unterm Klosterberg „Zamtschisko“ in meiner Jagdhütte haust und dem das Wohl und Wehe meines rund dreitausend Hektar großen Jagdreviers anvertraut ist. Und jetzt poltert er da schon in aller Gottes Frühe herein, wo er doch erst auf sechse abends zur Bescherung herbestellt war! „Ja Imro, was ist denn Neues?“ „Oh, oh, gnädiger Herr, ein Schwein – pre Boha – ein Schwein, Fährte wie ein Kalbin, bei Jesu Christ! Und bei ihm noch drei – no – wie, wie das unserige, was wir vor Weihnachten geschlachtet haben“ Hm– das war immerhin so an die dreieinhalb Zentner. „Und wo sind sie?“ „In der Schlucht unterm Zamtschisko, dort in den Buchendickungen. Oh, oh, gnädiger Herr, wenn wir gleich fahren, sind wir bis Mittag an ihnen.“

Die Aussicht auf Langeweile ist weg

Fritz Laube verewigte den gestellten Keiler in Öl auf Leinwand. Werke aus dem Nachlass des Künstlers können nach Voranmeldung in Bad Harzburg besichtigt werden. Tel.: 05322-2994, Kaul.

Aus ist‘s mit dem Dilemma bezüglich der kommenden zehn Stunden. St. Hubert hat dafür gesorgt und die Glaskugelscherben haben es ja vorausgesagt. Also los! „Was ist denn los?“, kommt mein teures Frauchen um die Küchenecke geschwebt. „Muttichen, süßes, wir wollen dir als Zusatzgabe noch ein Glücksschweinchen zum Weihnachtsabend bringen“, erwiderte ich, so ein bißchen im Druck, was wohl mein Mammerle für eine Miene dazu machen wird. „Na ja, ihr zwei, ohne Sauerei geht‘s bei Euch nicht ab, auch nicht am Weihnachtstag, was?“ In einer, höchstens noch bei Alarmstufe Drei glaubhaften Zeit, stehe ich fix und fertig, für eine Wintersaujagd bei minus Zehn ausgerüstet da. Den leichten Rucksack mit Atzung und einem Kubikdezimeter Sliwowitz „aristokratischer Prägung“ auf den Buckel geschmissen, das lange Ochsenjagdhorn von der Wand geholt und dann zum Gewehrschrank. Eine kurze Musterung des recht ansehnlichen Arsenals, doch wieder nur nach der ehrwürdigen Waffe gegriffen, die wenn ich in ihren schönen Edelnußschaft für jedes Hauptschwein, das durch sie fiel, einen Silberzwecken einschlagen würde, wie die berühmte Silberbüchse des weil. Winnetou aus Karl May aussehen müßte.

Ja – sie verdient es sich, mit Ehrfurcht angefaßt und behandelt zu werden, diese wunderbare Ferlacher Rosendamast-Zwölferflinte, mit ihrer herrlichen Gravur und den geschmackvoll geschwungenen Hähnen. Doch jetzt genug der Betrachtungen! – Draußen ertönen die Schellen der mageren, doch windschnellen Gäule des alten Gromosch und im Hof erreicht das Tohuwabohu der Zwingerrüden seinen Höhepunkt, als ihnen Imro den wohlgesättigten alten „Hangos“ entführt.

Die Fährte des Keilers ist gewaltig

Zwei Stunden später. – Im Sonnenglast reckt sich der Klosterberg „Zamtschisko“ vor uns hoch. Ein schier undurchdringliches Gestrüpp von Krüppelbuchholz, Schlehdorn und Brombeerstauden bedeckt den steilen Geröllhang bis an die paar hoch am Gipfel herausragenden Mauerbrocken. Vor etlichen fünfhundert Jahren soll hier ein kleines Kloster gestanden haben, das laut Überlieferung von den letzten Hussitenbanden geplündert und zerstört worden sei. Selten betritt des Jägers Fuß diese Einöde, die nur dann aus ihrer Beschaulichkeit emporschreckt, wenn die Bracken mit hellem Geläut hier durchjagen. Rasch verlief die Fahrt bis zur Jagdhütte, kurz der Aufenthalt hier und recht mühsam der Aufstieg in fast knietiefem Schnee bis an die Stelle, wo die Fährten den schmalen Bergsteig überfallen.

„Bei Gott, Imro, mit Deiner Kalbin hast Du recht gehabt! So einen hab ich noch nicht gesehen“, muß ich ehrlich eingestehen, als ich das Trittsiegel dieses Urtieres vergeblich mit meinem dicken Pelzfäustling zu bedecken versuche. „Und wo meinst Du, daß sie stecken?“ Da unten in der Kesselschlucht. „Also Imro, Du umgehst mit dem Hund da den Berg und steigst in die Kesselschlucht hinunter so, daß Du an die Sauen von rückwärts herankommst. Dann schnallst Du den ‚Hangos‘, gibst Signal und drückst langsam von unten nach hier herauf zu an. Bei Standlaut bleibst Du stehen, da geh‘ ich hin. Ich stehe hier am Rückwechsel. Was Dir kommt, schieß ruhig ab, verstanden? Ja, jetzt könnten alle Mächte des Himmels und der Erde die Beiden nicht aufhalten, jetzt sind sie in ihrem Element! Mein Stand ist bei dem reichlichen Gestrüppzeug bald gefunden, eine halbwegs gute Einsicht auf den Rückwechsel ist auch da und der Wind zieht mir vorzüglich in die Nase. Noch zusätzliche zwanzig Tropfen, eine Zigarette, zwei Bleiklötze in die Flinte geschoben und dann, alter Waidgeselle, Ruhe nach außen, doch auch nach innen! Denn diesmal steckt da drunten ein schwarzer Haudegen, vielleicht sogar der sagenhafte Keiler, von dem bis aus den Karpatorussischen Bergen die Märe geht, er sei gegen Kugel, Hackblei und sonstige Mordgeschoße gefeit.

Die Jagd auf den Keiler beginnt

„Gestellt!“, lautete diese Szene des exilrussischen Jagdmalers Dimitrij v. Prokofieff (1879 - 1950).

„Tuiiiiih!“ – Einmal lang und hoch, unser „Jagd an“ aus Imros Ochsenhorn. Dann Stille, fast ein wenig beklemmend, nur hier und da ein leises Schneerieseln im Buchengebüsch. Da – ganz tief unten in der Schlucht ein Rollen, das wie dumpfer Paukenschlag von den Berghängen widerhallt. Da wieder – etwas deutlicher! Und jetzt ganz klar. „Hau-hau-hau!“ Mein „Hangos“ ist dran und das bedeutet für die schwarzen Gesellen einen treuen Begleiter, und wenns auch über zwei Comitate ginge. Wie Gongschläge tönt sein tiefer Laut aus dem Kessel zu mir herauf, immer deutlicher und satter, je höher die Rotte den Steilhang hinanstrebt. „Brums ... Brums!“ Unwillkürlich fahre ich zusammen, so unvermittelt trifft mich die Doublette aus Imros schrecklicher Donnerbüchse. So sind die Schwarzkittel halt bei ihm hinaus. Nun – auch gut; denn daß zumindest einer auf der Schwarte liegt, ist bei Imros Schießkunst so gut wie sicher.

Doch, was ist das? Da kommt ja mein „Hangos“ mit wütendem Laut wie ein Schnellzug die Schlucht herauf, schnurstracks auf meinen Stand zu. Wahrscheinlich ein abgesprengtes Stück. Da – ein Brechen und Schürfen, als ob eine Straßenwalze heranrollen würde! Und der „Hangos“ hinterdrein. Muß ein allerhand Brocken sein. Herrgott – Ruhe, nur Ruhe! Himmelkreuzteufel noch einmal!

Dreißig Gänge vor mir schlägt das Urvieh einen Haken nach links und rast den steilen Geröllhang zur Zinne des Klosterbergs hinauf. Alle Sinne angespannt, spähe ich in die Richtung, wo „Hangos“ keuchender Laut erschallt. Und da erhascht mein Auge zwischen dem wüsten Dickicht einen Moment etwas ungeheuerlich großes Schwarzes und knapp dahinter als schwarzbraunes Zwerghündchen meinen kalbsgroßen „Hangos“. Gütiger St. Hubertus! Das muß er doch sein, der sagenumwobene „Kornas“, der Schreck aller legalen und illegalen Jäger der Ostslowakischen Waldkarpaten! Aber was nun? „Hangos“ Geläut schallt bereits vom Gipfel herab und verklingt dann gedämpft im Wirrwarr der Fels- und Mauertrümmer. Teufel – der jagt ihn wohl jenseits wieder ins Tal hinunter! Doch halt! „Hau-hau-hauuuuuh! Hau-hau-hauuuuuh!“ Bei Gott, Standlaut, den ich unter tausend Hunden erkennen würde! Jetzt, mein Waidgeselle, schlägt unsere Stunde, jetzt gilts! Runter mit Rucksack und Pelzjacke, nur das lange Horn behalten. Und dann los, Herz, Puste und die langen Haxen auf Gleichtouren geschaltet, denn zweihundert Meter verschneiten Dschungels bei fünfundvierzig Grad Steigung im Sturm zu nehmen, ist kein Spaziergang! Vor meinen Augen flimmerts, Schweißströme rieseln unter der Pelzmütze den Buckel hinab, in den Knien knackt es, doch weiter, weiter, dem grimmigen „Hauuuuuh“ entgegen.

Schutzheiliger, habe Dank! Endlich bin ich oben. Noch der Steinhaufen da ist zu überwinden; hinter dem ich die winzige Lichtung vermute, einst vielleicht der Hofraum des Klosters. Und dort tobt jetzt mein „Hangos“ wie ein Berserker. Also – Anlauf – Sprung hinauf und im nächsten Moment ein Hosenrutsch jenseits hinab, ausgerechnet in einen Schlehdornbusch hinein. Doch zum Glück, denn zehn Gänge davor bestürmt mein „Hangos“ wütend ein Brombeer- und Dorngewirr in der Ecke der zerborstenen Mauerreste. Da drinnen also steckt er! Wie aber an ihn herankommen?

Jagdfieber und Anstrengung

Vor allem Ruhe bewahren und ein paar Sekunden verschnaufen, denn Herz und Lunge jagen, das Erstere wohl nicht allein vom Laufen! Nur eingestehen, mein Alter, ein bißchen fiebern wir doch! Doch flugs den Mündungsschützer herunter, in Hockestellung und vorsorglich in halben Anschlag gegangen! Mein braver Hund schielt kurz zu mir herüber und rast dann wie ein Wilder bis zum halben Körper in den Brombeerhaufen hinein, um sofort blitzschnell zurückzuspringen. Und ihm nach – mein Gott, ist denn so etwas möglich – fährt ein schwarzer Koloß heraus, von einer Länge, die kein Ende finden will! Mein Herz steht still, einen Augenblick vergesse ich, wozu ich eigentlich da bin. Und diesen Augenblick nutzt der Schwarze besser aus als ich, indem er wie ein Phantom in seine Dornung wieder verduftet. Doch dieses gedankenschnelle Zwischenspiel genügt, um mir meine Fassung wiederzugeben. Also so ist das?! Der alte Haudegen hat sein allerwertestes Waidloch schön an die Mauer gedrückt, etwa so wie ein schlauer „Rückversicherer“! Nun – mein Lieber – einmal mußt du doch aus diesem Loch heraus und das recht bald, bitte; denn mir wirds da in der verkrümmten Hockstellung langsam schwummerlich. Um den „Hangos“ hab ich keine Sorge, der wird auch bis morgen nicht müde. Drum schön auf den Buschrand hingehalten und ruhig abgewartet! „Trimaj, Hangos, trimaj! – Faß ihn, Hangos, faß!“ Jetzt kann ich meinen tapferen Knappen ganz laut aneifern, für den Bassen gibt es keinen anderen Weg ins Freie, als nur an mir vorbei. Wie ein Panther schießt mein Hund ins Buschloch hinein, wie ein Blitz fährt er wieder heraus. Und wie ein Tank kommt der Urige nach, diesmal in voller Länge. Jetzt oder nie!

Es zuckt der Silberpunkt, zwei Spannen vom Brustbein und eine hinterm Schulterblatt, in die grauschwarze Masse hinein und – Blitz und Krach! Der Bleiklotz sitzt wie hingezirkelt! St. Hubert, sei gebenedeit! Wie versteinert bleibt der Riese stehen, nicht achtend des Hundes, der sich in seine Weiche verbeißt. Nur am Gebrech quillt neuer Schaum hervor. Zu hart schlug diese unsichtbare Faust ihm in die Brust! Ein eigenartiger Gedanke zuckt durch mein Gehirn. Mir kommt dieser alte Recke vor, als ob er baß erstaunt denn ärgerlich wäre, darob, was da mit ihm geschehen sei.

Wildschweine-Wald © DLV-Archive/ Franz Hanfstaengl

Dieses Gemälde von Josef Schmitzberger (1851 - ca. 1936) zeigte in „Der Deutsche Jäger“ 1928 Schwarzkittel im verschneiten Winterwald.

Er verharrt noch immer unbeweglich. An seiner Seite hängt verbissen mein „Hangos“. Ich lade rasch nach, richte mich auf und trete vor meinen Dornbusch hinaus. Regungslos stehen wir kaum acht Gänge einander gegenüber. Die kleinen Lichter funkeln mich noch immer zornig an, das geifernde Gebrech schlägt einigemale laut schmatzend auf und zu. Sonst steht der massige Körper, einer mächtigen Plastik aus schwarzgrauem Granit gleich, da. Nur mein „Hangos“ zerrt wütend an der harzverkrusteten Schwarte. Ich trete zwei Schritte vor, das Gewehr im Anschlag, das Silberkorn zwischen die Lichter geheftet. „Bist du der Gefeite“, blitzt es durch meinen Kopf, dann nimm mich an und dann schlägts dir ins Hirn! Gedanken, liebe Jagdkameraden, reflexartige Gedanken, vom Jägersmann auf eine Wildsau übertragen. Und doch muß es auch so etwas in unserer mysteriösen Welt geben, denn – siehe da – die kleinen, funkelnden Lichter trüben sich, der Schaum am Gebrech färbt sich rot, die Vorderläufe beginnen zu zittern und jetzt, jetzt knicken sie ein! Und als ob er sich zum kühlen Bad in die Suhle niedertun wollte, so ruhig und ritterlich empfiehlt der Keiler meines Lebens seine borstige Seele Ihm, der auch ihn, beziehungsweise seine Ureltern in die Welt setzte, als er diese schuf. Und ich? Ich trete mit etwas weichen Knien zu ihm hin, nehme die schweißtriefende Pelzmütze ab und lasse mich auf seine riesenhafte Brust nieder. Mein herrlicher „Hangos“ krappelt sich zu mir herauf und legt seinen müden Kopf in meinen Schoß. Aus seinen treuen Augen leuchtet die Hundefreude der befriedigten Leidenschaft.

Erschrocken fahre ich hoch! – Brechen und Poltern vom jenseitigen Hang herauf. Vielleicht noch eine Sau? Doch nein, sonst möchte mein „Hangos“ nicht eine solch beleidigte Miene ob seiner gestörten Rast schneiden. Du lieber Himmel, der Imro! „Ja, zum Kuckuck, bist Du da herauf geflogen?“, empfange ich ihn, als er wie ein verschneiter Waldgnom aus den Dornen hervortaucht. „Oh, oh, gnädiger Herr, bin halt gerannt wie der Hangos“, keucht der Brave. „Oh, Jesu Christ, die Angst, die ich gehabt hab, ob dieser schwarze Teufel Sie nicht zertrampelt hat! Oh, oh, ein Schuß und dann nichts, kein Signal!“ Fix übereinander, das hab ich diesmal ganz vergessen, das dreimalige „Tuiiiiih“, das „Sau tot“ unserer Karpatenjäger. Mit ehrfurchtsvoller Scheu tritt Imro langsam zum Keiler. „U Boha, das ist er“, stottert er ganz erregt und schlägt sein kombiniertes Hokuspokus-Kreuz. „Ist an mir vorbei, als ich den anderen geschossen hab! Sind zu scharf davon, hab zwei von meinen guten Patronen auf den einen gebraucht, weil der erste Schuß zu hoch und weit hinten gesessen hat!“ Jetzt umkreist er mit ernster Miene den mächtigen Bassen und murmelt irgendwelche seiner frommen Sprüche.

Dann sucht er sich einen Blutbuchenzweig, zieht ihn sorgfältig durch den nußgroßen Einschuß und überreicht mir auf seiner mottenzerfressenen Pudelmütze mit feierlichem „Wadimannes Hajl“, so nämlich in seine Sprache übersetzt, den Bruch.

Ja, mein Imro ist ein waidgerechter Jägersmann und weiß, was sich geziemt. Und zur Besiegelung unserer treuen Jagdkameradschaft fällt der Pegelstand in meiner Sliwowitzflasche um reichlich fünfzig Striche, zugleich auch zum Gsturitrunk zu Ehren des schwarzen Ritters da vor uns. Doch jetzt zum Schluß! Schwer haben die zwei struppigen Gebirgsgäule an der Schleife des meinen, doch auch an Imros nahezu Vierzentnerkeilers zu schleppen, bevor diese im langen Holzschlitten verstaut sind. Christabend! Vorbei der weihevolle, unvergeßliche Augenblick unter dem strahlenden Lichterbaum, abgeklungen das Jauchzen unseres dreijährigen Knirpses. Erfüllt die Räume von Tannenduft, der traulichen Atmosphäre des Heiligen Abends. Auf dem Tisch funkelt die goldige Rebe der gesegneten Tokajer Berge in den Kelchen und dazwischen ruht, auf frischem Tannenreis in Ehren gebettet, das Gewaff des grimmen Kämpen des heutigen Tages; des braven Imro eigenhändige Überreichung im Scheine des Christbaums.

Keiler-Illu-Hochformat © Bernd Pöppelmann

Plötzlich steht der mächtige Keiler hinter dem Autor und äugt den Jäger unverwandt an.Der mächtige und erfahrene Keiler machte es dem Jäger keinesfalls leicht.

Endlich kehrt Ruhe im Haus ein

Glockengeläut! Freund Fery ist schon fortgegangen und draußen vorm Haus klappern gerade Imros Skibrettel auf dem Gehsteig. Mit meinem teuren Frauchen schauen wir ihm durchs Fenster nach, wie er in hellem Mondschein einen etwas zickzackigen Anlauf nimmt und dann die Straße hinab verschwindet. „Mein Gott“, seufzt die Gute, wird der arme Imro nicht wo erfrieren?“ „Hab keine Sorge, Liebste, dem kann in seinem Zustand nichts passieren, der ist jetzt wie ein Fahrenheit-Thermometer. Das hat man auch mit Alkohol gefüllt, damit es nicht einfriert!“ Ach, Du Unverbesserlicher, Dich kann wohl nichts erschüttern“, spricht sie und schmiegt sich innig an meine Seite. „0 doch, mein süßes Muttichen, das Eine! Daß mir, dem harten Jägersmann, Deine Liebe und Einsicht auch an diesem Tag gehört hat!“ Und die Glocken singen ihr weihevolles Lied zu dem trauten Glück, das dieser Tag und Abend uns beschieden hat.

Draußen aber, in der Garage, hängt am Flaschenzug, mit seinen zweihundertdreiundvierzig Kilo nach dem Aufbruch, der schwerste Keiler meiner Heimatberge. Meine Weihnachtsgabe vom Heiligen Hubert.


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