Home Praxis Jagd im Schulunterricht: Mit Schülern auf Elchjagd in Finnland

Jagd im Schulunterricht: Mit Schülern auf Elchjagd in Finnland

Kinder-Schuelerjagd © EM

Mit ausladenden Schritten stapft Pekka durch den knöcheltiefen Schnee. Heute ist ein besonderer Tag, und er will nichts vergessen. Kisten und Taschen verstaut er im Kofferraum seines Jeeps. Neben dem Futteral mit seiner Sako stapeln sich Burgerbrötchen, Salat, diverse Saucen und Elchhack, vorgeformt zu Patties. Eine halbe Stunde später erreicht er das Jagdhaus. Auf dem Parkplatz ist schon mächtig Betrieb. Mittelpunkt des Treibens ist nicht das imposante Blockhaus, sondern die „Kotta“, eine spitze Hütte mit einer Feuerstelle in der Mitte und vielen Sitzplätzen drum herum. Drinnen ist es angenehm warm, aber auch sehr rauchig. Das scheint die drei Männer nicht zu stören, die ein Würstchen auf einem Stock über die Flammen halten. Begrüßungen werden gemurmelt, und Pekka entledigt sich seiner Mitbringsel.

Jedes Jahr eine Schülerjagd

Vor der Kotta sammeln sich immer mehr Jäger. Es ist Freitagmorgen, und heute ist Elchjagd. In Finnland ist die Jagd in Klubs organisiert. Als Jäger kann man solchen beitreten, die ein gewisses Gebiet bejagen. Es sind meist riesige Flächen mit mehreren Tausend Hektar. Zu einer normalen Jagd kommen hier zwischen 15 und 20 Jäger zusammen. Doch heute ist nicht irgendein Jagdtag. Heute ist die Schülerjagd. Jedes Jahr können Schüler der 3. und 4. Klasse ihre Mathe-, Englisch- oder Physikstunden sausen lassen und mit einem der Jäger auf die Jagd gehen. Dieses Angebot wird nicht nur deswegen gut angenommen, um den leidigen Paukereien zu entgehen, nein, in Finnland soll die Schule tatsächlich Spaß machen. Nicht ohne Grund führt Finnland die Liste der Pisa-Studie an. Die Schüler zwischen neun und zwölf sind heute mit dabei, weil sie Interesse an der Elchjagd haben. Diese wird von Generation zu Generation gepflegt. Auch Pekkas Enkel Eino ist mit dabei. Zwar war er schon öfter mit seinem Opa auf der Jagd, doch eine Elchjagd will er sich nicht entgehen lassen.

Die Organisation erfolgt in Jagdklubs

Kinder-Drueckjagd © EM

1 Die Gruppe Dritt- und Viertklässler sammelt sich, nachdem sie mit Warnwesten ausgestattet wurde.

Jeder Jagdklub wählt einen Jagdleiter. Dieser ist für ein paar Jahre im Amt, bis eine neue Wahl ansteht. Seine Kenntnisse und deren strategische Umsetzung, wie eine Jagd auf die großen Huftiere am sinnvollsten ist, entscheiden über den Erfolg der Jagd. Deswegen gibt es vor jeder Jagd eine Diskussion. Der Jagdleiter schlägt einen Plan vor, über den die Hundeführer und Schützen dann angeregt debattieren. Dabei ist es als Deutscher unmöglich, Wörter oder gar Sätze zu verstehen, denn die finnische Sprache ist so vollkommen anders, dass man absolut keine Chance hat. Schließlich einigt sich die Jagdgesellschaft auf einen Schlachtplan. Jeder Schütze bekommt einen oder zwei Schüler zugeteilt. Diese stecken bereits in orangen Signalwesten, denn Sicherheit wird auch in den Weiten Finnlands großgeschrieben. Den Rucksack gefüllt mit heißem Tee und Schokokeksen, macht sich Pekka mit zwei Drittklässlern auf den Weg zu seinem Wagen. Die beiden Jungs sind auch nicht das erste Mal mit auf Jagd und freuen sich, schon mit zwölf Jahren den Jagdschein zu machen.

Ohne Funkgerät geht nichts

Schuelerjagd-kinder © EM

Pekka hat zwei Drittklässler mit auf seinen Passstand genommen. Sie sind gespannt, was passiert.Welpenprägung mal anders: In Finnland werden Schulklassen offiziell an die traditionelle Jagd auf Elchwild herangeführt.

Die Jagdstrategie sieht so aus, dass ein Gebiet umstellt wird. Dafür kommen die Schützen auf bekannte Elchpässe. Wenn der Kreis geschlossen ist, setzt ein Hundeführer seinen Norwegischen Elchhund auf eine frische Fährte im Schnee an und lässt den Hund arbeiten. Die 16 Schützen decken heute im ersten Treiben ein Gebiet von etwa 200 ha ab. Sie sind also großräumig verteilt. Allgegenwärtig bei der Jagd in Finnland sind die Funkgeräte. So hält der Hundeführer die Schützen über die Position und die Arbeit seines Hundes auf dem Laufenden.

Es ist totenstill im verschneiten Kiefernwald. Die beiden Schüler sitzen auf kleinen Hockern und behalten die Umgebung im Blick. Pekka hat seine Büchse geladen und an einen dünnen Baum gelehnt. Leise flüstert er etwas ins Funkgerät. Kurz knackt es, dann kommt die aufgeregt klingende Antwort. Die beiden Jungs haben die Nachricht auch gehört und sitzen jetzt kerzengerade auf ihren Hockern. Ein Elch ist im Treiben! Nun muss der große Wiederkäuer nur noch einem Schützen passig kommen.

Wird ein Elch erlegt, ist das Treiben sofort zu Ende. Denn Bergen, Aufbrechen und Versorgen sind deutlich zeitraubender als bei einem Stück Rotwild. Wieder ertönt ein Knacken im Funkgerät, und neue Informationen werden weitergegeben. Keiner hat den Elch gesehen. Frei sind heute Kälber, Kühe, junge Bullen bis zum Sechser und alte Bullen mit über zehn Enden.

Strenge Hegerichtlinien

Obwohl die Finnen Fleischjäger sind, gibt es auch bei ihnen so etwas wie Hegerichtlinien. An diese muss man sich streng halten. Bei der Erstellung der Abschusspläne für die großen Reviere sind die Finnen sehr fortschrittlich. Nicht nur haben sie alle ihren Jagdschein digital im Handy immer dabei, auch erfassen sie jedes Frühjahr das Wild über eine App. Dafür gehen sie Dreiecke ab, die in einem Raster über das Revier gelegt wurden. Auf dem Weg erfassen sie per Smartphone alles, was sie an Wild oder an Hinweisen (Fährten/ Losung) finden. Diese Daten werden vom Ministerium ausgewertet und mit anderen Datenbanken zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Eine weitere wichtige Datenbank ist z.B. die Wildunfallstatistik. Denn die Polizei meldet alle Wildunfälle, ebenfalls per App, an das Ministerium. Genauso wie Wildschäden im Forst und so weiter. Aus den gesammelten Daten errechnet sich der Abschussplan.

Nach weiteren 30 Minuten werden die Jungs unruhig. Pekka gibt eine Runde Tee und Kekse aus. Dann meldet sich wieder das Funkgerät. Der Elch hat das Treiben verlassen. Er hat eine Lücke gefunden, an der kein Schütze steht. Pekka nimmt es gelassen. Der 65-Jährige hat schon viele Elchjagden mitgemacht und weiß, dass auch viel Glück dazugehört, einen Hirvi, wie Elch auf finnisch heißt, zu erwischen.

Waidmannsheil im zweiten Treiben

Elch-aufbrechen © EM

Einen Elch aufzubrechen ist auch für geübte finnische Jäger ein echter Knochenjob.

Über den Funk kommen vom Jagdleiter neue Anweisungen. Die Jäger wechseln mit ihren Schülern im Schlepptau den Pass. Jetzt stehen sie in einem lichten Stangenholz. Etwa 100 m hinter ihnen liegt ein großer Kahlschlag, aus dem nur noch ein paar Baumstümpfe ragen. Wieder ist im Funk der Hundeführer zu hören. Die sonst tiefenentspannten Finnen hören sich jetzt aufgeregt an. Dann schaut Pekka die Jungen grinsend an: „Elch liegt!“ Das bedeutet Abbruch des Treibens und hin zum Schmaltier.

Elchbergen-jaeger © EM

Beim Verladen eines erlegten Elchs auf den Anhänger wird jede helfende Hand benötigt.

Ein Elch ist so viel größer als ein Stück Rotwild, dass man beim ersten Mal denken könnte, dort läge ein Pferd. Das dunkle, langbeinige Tier mit dem langen Kopf zog entlang einer Wald-Wiesen-Kante, an der ein Schütze stand. Es war nicht führend, und so wurde es erlegt. Die Schüler können sich das Tier und die Versorgung anschauen oder zur Kotta zurückfahren. Der Schütze ist schon fleißig dabei, das Stück aufzubrechen. Bei so einem großen Tier ein echter Knochenjob. Als die rote Arbeit erledigt ist, ziehen vier Männer das Tier raus. Beim Aufladen auf den Anhänger packen sogar neun Jäger mit an.

Kind-Elch-lecker © EM

Opa Pekka zeigt seinem Enkel Eino, wie er von einem Elchhaupt den Lecker heraustrennt.

Das Vorzeige-Schlachthaus an der Kotta ist schon vorbereitet. Kaum ist der Elch abgeladen, fallen die Männer wie Ameisen über ihn her. An jedem Ende beginnt einer, ihn aus der Decke zu schlagen und die Läufe abzutrennen. Das Haupt nimmt sich Pekka zur Seite und zeigt seinem Enkel, wie man den Lecker heraustrennt. Das Wildbret wird unter den Mitgliedern des Jagdklubs aufgeteilt, jeder bekommt etwas ab. Danach gibt es Burger und Bratwürste an der Kotta für die Schüler. Alle schauen glücklich aus. Elchjagd ist eben doch spannender als Physik, selbst in Finnland. Eike Mross


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