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Jagd auf Rehwild im Mai: Sollten auch Geltgeißen frei sein?

Sascha Numßen, Chefredakteur © dlv
Sascha Numßen
am
Freitag, 06.05.2022 - 17:00
Rehgeiss aus Deckung sichernd © Erich Marek
Schlecht durch den Winter gekommen und nichttragend oder gar gelt? Solche weiblichen Stücke sollte man auch im Mai entnehmen können!

Da saß ich nun am 1. Mai in aller Herrgottsfrühe endlich wieder draußen an dem kleinen Feldgehölz. Viel war allerdings nicht los – ein Spießböckchen im Bast, ein Dickschiff von einer tragenden Geiß und eine rappeldürre, kantige Alte mit verschmutztem Spiegel. Ich gebe es zu: Die Versuchung war riesengroß. Am Ende aber verschwand die alte Tante nach hektischem Morgenmahl unter ständigem Scheinäsen wieder im Bestand.

Tja, die Jagd- und Schonzeiten sind unmissverständlich! Ich mache es kurz: Zweimal hab ich die Geltgeiß dort noch bestätigen können, zum 1. September war sie dann wie vom Erdboden verschluckt. Ob sie in der Zwischenzeit eingegangen war, keine Ahnung. Trotzdem reifte in mir der Wunsch, dieses Tabuthema mal zu beleuchten.

Ferdinand von Raesfeld zum Rehwild

Beim weiblichen Rehwild ist ein Wahlabschuss noch schwieriger als bei den Böcken, bei denen man sich u.a. an der Stärke des Gehörns orientieren kann. Dennoch wäre ein intensiver Wahlabschuss zu begrüßen, schließlich ist er ein wichtiges Instrumentarium für einen starken, gesunden Rehbestand.

Der Weg zum körper- und knochenstarken Rehwild geht nur über starke Mütter mit starkem Nachwuchs bei geringerer (!) Wilddichte. Die Konstitution der Geißen ist entscheidet für die qualitative Entwicklung der Kitze. Mit sinkender Geißenstärke sinkt auch die Kitzstärke, und die Knopfspießeranteile bei den Jährlingen nehmen zu. Ein Verlust in der Jugendentwicklung kann dabei kaum mehr aufgeholt werden.

Die knochenstarke Geiß ist sichtbar tragend und wird sich kurz vor dem Setzakt noch runder präsentieren.

Die Qualität der Geißen ist nach der Stärke der Kitze zu beurteilen. Ferdinand von Raesfeld bedauerte in der mir vorliegenden Ausgabe seines Klassikers „Das Rehwild“ von 1956, dass der Gesetzgeber und damit das Jagdrechtuns leider nicht eine, wenn auch nur kurze Jagdzeit für weibliches Rehwild in Frühjahr zubilligt“. Zumal zu diesem Zeitpunkt die Geißen auch unbedenklich von den Kitzen des Vorjahres weggeschossen werden könnten. Denn stellt man beispielsweise einen unterernährten, rachitischen Jährling bei einer schwachen, nichttragenden Geiß fest, hat die so früh im Jahr natürlich Schonzeit. Genau diese dann im Herbst wiederzufinden, gestaltet sich u.U. schwierig.

An ihren Kitzen sollt ihr sie erkennen!

Nach folgende Konstellationen sind demnach weibliche Stücke zu erlegen:

  • Alle Stücke, die eine struppige, glanzlose Decke, einen verschmutzten Spiegel haben bzw. stark husten und auffallend spät verfärben; sie sind in der Regel krank oder alt (Muttertierschutz beachten!).
  • Schwache Geißen mit schwachen Kitzen (im Herbst).
  • Mütter von schlecht veranlagten Jährlingen.
  • Überalterte (Gelt-)Geißen, weil die oft bis zur Schwelle des Greisenalters fortpflanzungsfähig bleiben, deren Ernährung aber wegen der Zahnabnutzung leidet, sie dann schlecht Milch geben und in Folge schwache Kitze haben. Oder gar nicht mehr innehaben.
  • Spät setzende Geißen, da der Nachwuchs schwach in den Winter geht.

Zierlich, früh verfärbt und keine hell leuchtende, pralle Spinne zwischen den Hinterläufen – eindeutig Schmalreh!

Derzeit kann man allerdings nur im Frühjahr zum Zeitpunkt des Haarwechsels wichtige Erkenntnisse für später im Jahr gewinnen. Junge und gesunde Rehe verfärben zuerst, kranke und alte zuletzt. Im Frühjahr kann man die Mütter von schlechten Jährlingen gut ausmachen, da diese bis zum Setzen noch bei der Geiß stehen. Den Jährling erlegt man gleich, die Geiß samt Kitz im Herbst. Wer darüber hinaus in der herbstlichen Verfärbezeit noch spät im roten Sommerkleid ins Auge sticht, sollte getrost ebenfalls entnommen werden. Solche Stücke sind meist steinalt oder krank.

Was wäre eigentlich, wenn…

In jedem Revier ziehen immer weibliche Stücke ihre Fährte, die weder tragen noch führen. Im Frühjahr während der Setzzeit und vor der Mahd lassen sie sich eindeutig ansprechen und von allen führenden Geißen unterscheiden. Nach der Mahd, wenn einige Geißen ihre Kitze verloren haben und die „Milchbar“ versiegt, ist das wichtigste Ansprechmerkmal pfutsch. Denn es gilt speziell den nichtführenden (!) und nicht den durch einen Mähtod nicht mehr führenden Geißen!

Allen Kritikern, die jetzt aufschreien, darf man entgegnen, dass es moralisch gesehen keinen Unterschied macht, ob man im Mai ein Schmalreh, einen Bock oder eine nichtführende Geiß erlegt. Auch der Trumpf „Ruhe in der Aufzuchtzeit“ sticht nicht, da wir Bock und Schmalreh bejagen und Ruhe eigentlich im Winter (der Organismus des Rehwildes ist nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Tageslänge auf Sparflamme) viel nötiger wäre. Zu diesem Zeitpunkt finden aber ständig Drückjagden angeblich wegen der Sauen statt, bei denen Rehe eben mitbewegt und -gejagt werden.

Tag und Nacht im Revier oder nur ab und zu?

Fazit: Wenn der Gesetzgeber dieses Thema doch einmal anfassen sollte, sollte sich trotzdem nur der daran wagen, der viel im Revier ist und die Zeit hat, das ganze Jahr über genau zu beobachten und anzusprechen. Alle anderen, die „nur“ ab und an zur Jagd gehen, sollten im Frühjahr bei der Schmalreh- und Bockjagd bleiben!


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