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Jagd ist privat finanzierter Artenschutz

Die Veranstaltung in Jena war wieder sehr gut besucht. Foto: HDW


Der Themenkreis war weit gespannt. Eine Reihe von jungen Wissenschaftlern erhielt Gelegenheit über erste Ergebnisse ihrer Forschungsprojekte zu berichten und Anregungen zur Weiterverbreitung in den Jägerschaften zu vermitteln. Martin Görner, Leiter der AG Artenschutz, sagte zu Beginn der Tagung: „Es geht nicht um gefühltes oder tatsächliches Wissen schlechthin. Es geht hauptsächlich darum, alles zu hinterfragen: ob es auch tatsächlich so ist, wie es dargestellt wird!“
Dr. Miroslav Vodnansky vom „Mitteleuropäischen Institut für Wildtierökologie, Wien-Brno-Nitra“ hielt einen Vortrag unter dem Titel: „Ist die Trophäenjagd positiv oder negativ für die Natur oder den Artenschutz? Freude an Trophäen – wo endet die Jagd?“ Gleich seine Eingangsworte beinhalteten eine klare Aussage: „Wenn die Trophäenjagd der nachhaltigen Nutzung dient, und so lange sie Anreiz ist, Lebensräume zu schaffen beziehungsweise zu erhalten, ist Trophäenjagd legitim.“ Hätte zum Beispiel der Rothirsch kein Geweih, wäre der Anreiz, Rotwild zu erhalten, nicht gegeben. Die Trophäe ist das Ergebnis wildbiologisch orientierter Bewirtschaftung des Wildes. Um auf diese Weise die Natur zu unterstützen gilt es, diesen Anreiz zu erhalten. Und das bedeutet: „altersklassengerechte Jagd“. Die Freude, die daraus erwächst, sei auch der nicht jagenden Bevölkerung vermittelbar.
Doch leider habe die Jagd nach Trophäen inzwischen Ausmaße angenommen, die mit dem Begriff „Arterhaltung“ nichts mehr zu tun haben und weit entfernt sind von „weidgerechter Trophäenjagd“! So muss das Abschießen von in Gehegen heran gezüchteten Hirschen als „Auswuchs gezielter Profitinteressen“ bezeichnet werden – davon muss sich die Jägerschaft kompromisslos distanzieren! Die Mehrheit der Jäger will ja auch verständlicherweise mit dieser Praxis nichts zu tun haben.
Für intensive Diskussion sorgten zwei Vorträge von Prof. Dr. Dr. Sven Herzog, Dozentur für Wildökologie und Jagdwirtschaft, Technische Universität Dresden: „Hybridisierung und Artenschutz“ und „Schutz versus Nutzung - neue Konzepte für den Artenschutz“. Hier einige Gedanken zum Inhalt: Wie bekannt ist, gibt es zwischen Rotwild und Sikawild Hybridisation mit fertilen Nachkommen, desgleichen zwischen Dam- und Sikawild, jedoch nicht zwischen Rot- und Damwild. Bekannt ist ebenfalls die Hybridisation Wildkatze + Hauskatze. Herzog stellte die Frage: „Wie soll man mit diesem Tatbestand umgehen?“
Hier seine Hypothese: Reine „Wildkatzen“ gibt es nicht. Auch die Hybridisation Wolf + Haushund wirft Probleme auf! Zum Beispiel ist ein Konzept für den Umgang mit Wolfshybriden dringend erforderlich! Herzog vertritt weiterhin den Standpunkt, dass in absehbarer Zeit infolge der Zunahme von Wolf und Luchs das Muffelwild bei uns aus der freien Wildbahn verschwinden wird. Im Gegensatz dazu könne die Einkreuzung der Hausziege das Überleben des Steinwildes und dessen erneute Ansiedlung in freien Gebieten sichern. Zu neuen Konzepten für den Artenschutz äußerte sich Herzog wie folgt: Warum schützen wir frei lebende Tiere? Weil sie eine ökologische Funktion haben und wir uns aus ethischen Gründen dazu verpflichtet fühlen. Und weil es Freude bereitet, denn der Mensch will ohne sie nicht leben. Es gilt, Nachhaltigkeitskriterien zu entwickeln. Besonders wichtig wäre eine „Entbürokratisierung“ gesetzlicher Regelungen. Nur was angebracht und auch durchsetzbar ist, macht Sinn. Die heutige Jagd bezeichnete Herzog als „privat finanzierten Artenschutz“.
Zur Problematik „Der Wolf im Jagdrecht“ sprach Dr. Dietrich Meyer-Ravenstein, Ministerialdirigent, Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Hannover. Will man den Wolf ins Jagdrecht überführen, so stellt sich sofort die Frage: Wem tut man damit einen Gefallen? Die Überführung vom Naturschutzrecht ins Jagdrecht ist zulässig. Das Landesrecht ermöglicht es, den Wolf in den Wildarten-Katalog aufzunehmen. Allerdings wären damit für die Jäger konkrete Aufgaben des Schutzes verbunden: Unter anderem die Meldepflicht über Beobachtungen sowie die Mitarbeit bei der Erstellung von Managementplänen...
Zum Thema „Marderhund in Polen – Bedrohung für die heimische Fauna?“ Nach ersten Untersuchungen kommt die Wissenschaftlerin Natalia Osten-Sacken, Universität Posen, zu folgender Schlussfolgerung: Der Marderhund ist nicht so gefährlich wie angenommen, weil er eine Nische besetzt.
Aktuelle Ergebnisse zur Nahrungsökologie des Waschbären in der nordostdeutschen Tiefebene“ stellte Anett Engelmann, Berlin, vor. Beobachtungen ergaben, dass vom Waschbären keine Bedrohung kleiner Tierarten ausgehe. Der oft geäußerte „negative Einfluss“ ist noch nicht geklärt. Der Waschbär ist mehr „Sammler“ als „Jäger“; weitere Untersuchungen erscheinen notwendig.
Aufschlussreich der Vortrag von Antje Weber (Büro Wildforschung und Artenschutz, Jeggau) zum Iltis, dessen Besatz in Europa rückläufig ist, insbesondere durch Lebensraumverlust. Um dem Besatzverlust entgegenzuwirken ist die Kartierung der Vorkommen unerlässlich, und der Biotopverbund muss hergestellt werden.
Alle Beiträge dieser Thüringer Tagung werden in einem Tagungsband erscheinen. HDW