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Jagd auf Nandus: Pirschjagd in Mecklenburg-Vorpommern

Florian Standke © Florian Standke
Florian Standke
am
Sonntag, 05.12.2021 - 13:47
Jaeger-Nandu © FS
Mathias hat zwei Nandus im Visier. Die Laufvögel ziehen aber spitz weg und bieten kein geeignetes Ziel.

Es ist Mitte Mai im Jahr 2020, und die Mittagssonne brennt. Auf einem Hügel parkt Mathias sein Auto. Der gebürtige Nordwestmecklenburger steigt aus, lehnt sich an den Kotflügel und leuchtet mit dem Doppelglas die umliegenden Schläge ab. „Da ist ja schon einer“, sagt er nach wenigen Sekunden. Und tatsächlich, in etwa 400 m Entfernung ist ein merkwürdiges Tier zu sehen, das so gar nicht ins Landschaftsbild passen will. Ein Nandu. Er wirkt wie ein Fremdkörper. „Wir pirschen hin und schauen, ob in der Senke noch mehr stehen. Zurzeit sind nur Jährlinge beiderlei Geschlechts frei. Hennen und Hähne haben noch bis zum 1. November Schonzeit“, erklärt der 31-Jährige und marschiert los.

Nandu-Feder-Hand © FS

Am Feldrand finden wir diese Nandufeder – eine außergwöhnliche „Trophäe“, denn Laufvögel kommen in Europa eigentlich nicht vor.

Laufvögel kommen aus Schleswig-Holstein

Als im Jahr 2000 eine Handvoll Nandus in Mecklenburg-Vorpommern auftauchte, rieben sich die Einheimischen verwundert die Augen. Die ursprünglich aus Südamerika stammenden Laufvögel waren im Nachbarland Schleswig-Holstein in der Gemeinde Groß Grönau aus einer Farm ausgebüxt. Der Fluss Wakenitz war zugefroren, und so gelangten die ersten Sieben übers Eis nach Nordwestmecklenburg. „Mittlerweile haben wir Einheimischen uns an den Anblick gewöhnt. Aber es kommen auch viele Touristen und Fotografen in die Region, um die Nandus zu sehen“, erzählt Mathias. Der sympathische junge Mann ist Begehungsscheininhaber im „Nandurevier“. Die eigene Jagdfläche umfasst 110 ha und beherbergt je nach Jahreszeit bis zu 60 der Exoten.

Nandu liegt! Die Artgenossen des Getroffenen können sich keinen Reim aus der Sache machen und ziehen wenig später vertraut weg.

Generell scheinen sich die Neozoen in ihrer neuen Heimat pudelwohl zu fühlen, denn sie pflanzen sich fleißig fort. Kein Wunder, natürliche Feinde haben die bis zu 30 kg schweren Vögel nicht. Äsung gibt es reichlich. Raps und andere Feldfrüchte stehen bei den Laufvögeln hoch im Kurs. Zum Leidwesen der Bauern, die seit Jahren über steigende Wildschäden klagen.

Am Vogel angekommen, stellt sich heraus, dass es sich um eine Henne handelt. Weitere Artgenossen sind nicht auszumachen. „Eigentlich müssten noch mehr da sein. Nandus halten sich in Gruppen auf. Vielleicht sitzen die anderen gedeckt in der Brache“, vermutet der Jäger und gibt einen Schnellkurs im Ansprechen. „Jährlinge sind kleiner als ausgewachsene Vögel, und die Federn verdecken deutlich weniger von den Keulen. Man kann sie höchstens mit jungen Hennen verwechseln, weil der Größenunterschied nicht so deutlich ist und das Gefieder auch grau-braun gefärbt ist. Die ausgewachsenen Hähne sind groß und haben am Hals auffälliges schwarzes Gefieder. Das sieht man schon von Weitem.“

Nandueier-Hand-Vergleich © Mathias Dutschke

Der Vergleich mit einer Hand zeigt, wie groß Nandueier sind. Es passen etwa 10-15 Hühnereier hinein.

Als Mindestkaliber sind 6,5 mm und eine E100 von mindestens 2.000 Joule vorgeschrieben

Kurz darauf sitzen wir wieder im Auto und starten unsere Gummipirsch. Autos beachten die Vögel kaum, was schon zu zahlreichen Wildunfällen geführt hat. „Am Anfang haben die Versicherungen den Schaden nicht bezahlt, weil sie die Nandus gar nicht auf dem Zettel hatten“, weiß der Jäger zu berichten. Schon auf dem übernächsten Maisschlag entdeckt er eine Gruppe. Der Schießstock sowie die Mauser M12 im Kaliber .308 Win. sind schnell zur Hand. Als Mindestkaliber sind 6,5 mm und eine E100 von mindestens 2.000 Joule vorgeschrieben (hochwildtauglich). „Rehwildtauglich, also beispielsweise .223 Rem., hätte auch gereicht“, sagt Mathias. Als sich der Jäger auf etwa 70 Gänge genähert hat, werden die Vögel misstrauisch und ziehen weg. Der Mecklenburger lässt nicht locker und pirscht vorsichtig hinterher. Es scheint zu klappen, doch plötzlich taucht am gegenüberliegenden Hang auf dem Nachbarschlag flüchtig eine Gruppe Nandus auf. „Was machen die denn? Hoffentlich nehmen sie unsere nicht mit“, sagt der Waidmann. Und schon erscheint des Rätsels Lösung: Ein wildernder Hund folgt mit gehörigem Abstand der Spur der bis zu 60 km/h schnellen Vögel. Im Schlepptau hat er eine lange Leine! Mit noch größerem Abstand folgen die Besitzer. Die Hälse unserer Nandus werden noch länger, als sie ohnehin schon sind, denn mit ihrem scharfen Gesichtssinn haben sie die Corona längst eräugt. Das Schauspiel wird ihnen zu bunt. Vermutlich haben sie schon Bekanntschaft mit dem Vierbeiner gemacht. Auch Mathias sieht den Hund nicht zum ersten Mal wildern. Die Vögel setzen sich in Bewegung, wechseln durch einen Knick und stehen im Nachbarrevier. Das war’s. Uns bleibt nichts anderes übrig, als nach der nächsten Gruppe Ausschau zu halten.

Die Gehörgänge sind bei bei Nandus bzw. Laufvögeln im Gegensatz zu unseren heimischen Vögeln deutlich sichtbar.

Langsam wird es Abend. Leider haben wir hier und da getrödelt. Die Zeit drängt, und die Nandus machen sich rar. Mit der Brechstange ist es bei der Jagd meistens schwierig. Nachdem wir auch die letzten Schläge mit niedrigem Bewuchs erfolglos abgeklappert haben, nagen die ersten Zweifel. Also zurück zum Ausgangspunkt. Und tatsächlich, wir werden dort fündig. „Da! Nandus“, freut sich Mathias. Es sind fünf Stück, von denen zwei auf den ersten Blick Jährlinge sein könnten. Entschlossen steigt Mathias aus. Nur keine Zeit verlieren, denn das ist die letzte Chance für heute. Zum Glück sind die Vögel vertraut und lassen den Jäger bis auf etwa 70 Gänge heran. Dann ergibt sich eine Gelegenheit, und Mathias richtet seine Waffe auf dem Schießstock ein.

Staender-Nandu © FS

Die Ständer der Nandus beeindrucken und ähneln mit ihrer schuppigen Oberfläche denen von Reptilien.

Haltepunkt ist der Brustkorb vor den Keulen

„Das Stück muss beim Schuss absolut breit stehen, ansonsten zerschießt man die Keulen. Wäre schade drum. Die sind so ziemlich das Einzige, was zu verwerten ist. Den kompletten Vogel fertig zu machen, lohnt auf keinen Fall. Haltepunkt ist der Brustkorb vor den Keulen. Dort liegen Herz und Lunge“, erklärt er schnell, während sich ein Jährling am linken Rand der Gruppe langsam breit stellt. „Pitsch“, schon hallt der schallgedämpfte Schuss übers Feld. Die Artgenossen flüchten nicht, sondern mustern verwundert den Getroffenen. Als sie das Interesse verlieren und wegziehen, nähert sich Mathias seiner Beute. Ehrfürchtig streicht er übers Federkleid und begutachtet den außergewöhnlichen Vogel. Vor allem die drei massiven Zehen mit den beschuppten Ständern sehen aus, als stammen sie von einem urzeitlichen Reptil.


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