+++ Afrikanische Schweinepest bisher bei 114 Wildschweinen nachgewiesen (Stand 30.10.2020) +++
Home Praxis Jäger und Mountainbiker: Ärger im Wald – muss das sein?

Jäger und Mountainbiker: Ärger im Wald – muss das sein?

Bloch-Doehl-Weg © Sascha Bahlinger
Zu solchen Begegnungen kommt es im Wald häufig.

Die JE-Redaktion hat sich zu einem klärenden Gespräch zu diesem Thema mit der Redaktion des Mountainbike-Magazins „Bike“ getroffen. Für die Bike stieg deren stellvertretender Chefredakteur Ludwig Döhl in den Ring. Die Sache der Jagd vertrat JE-Redaktionsleiter Josef-Markus Bloch.

Herr Bloch, wie würden Sie einen typischen Mountainbiker beschreiben?
 

BLOCH: Ich nehme mal an, dass Mountainbiker sehr leistungsorientiert sind. Sie haben Spaß an der körperlichen Bewegung und es ist ihnen wichtig, in der Natur zu sein.

Ludwig, was glaubst Du, macht den Reiz des Jagens aus?

DÖHL: Im Prinzip sehe ich da schon mal eine große Gemeinsamkeit mit uns Bikern. Beide Hobbys, Biken und Jagen, basieren auf einem Naturerlebnis. Aus meiner Sicht geht es bei der Jagd darum, dass der Mensch die Natur erleben und sie ein Stück weit regulieren will. Mir kommt es oft so vor, dass Biker als Störenfriede wahrgenommen werden, weil sie dem Jäger bei seiner Sache in die Quere kommen.

Das Gespräch zwischen Ludwig Döhl (li.) und Josef-Markus Bloch fand auf einer Besucherkanzel im Ebersberger Forst statt.

Warum genau kommt es zu Konflikten?

BLOCH: Der Jäger nimmt den Biker tatsächlich oft als Störenfried war, das ist richtig. Und zwar in Situationen, in denen er ihn – völlig unabhängig von der Person – einfach nicht haben kann. Weil der Biker an einer Stelle aus dem Wald kommt, wo sich der Jäger Wild erhofft. Oder, weil es sich um ein besonders schützenwertes Biotop handelt. Oder, weil es von der Tageszeit her gerade ungünstig ist und die Tiere gestört werden. Beim Konfliktfeld Jäger und Mountainbiker existieren bei der Jägerschaft zwei Ebenen. Das eine ist der Jäger in seiner Jagdausübung. Das andere ist, dass sich der Jäger als Anwalt der Wildtiere sieht. Es ist wichtig, dass Biker verstehen, warum der Jäger interveniert, wenn man irgendwo durchbrettert.

DÖHL: Viele Biker denken wahrscheinlich erst mal: „Warum quatscht der mich an? Ich will doch nur die Natur genießen.“

BLOCH:Genau, während für den Jäger im Kopf ein ganz anderer Film abläuft. Da geht es manchmal gar nicht darum, sich selbst gestört zu fühlen. Sondern darum, welche Konsequenzen das für das Wild hat.

DÖHL: Für uns als Biker sind Konfliktsituationen manchmal nicht ganz einfach zu verstehen. Es gibt viele Parteien, die im Wald zugange sind. Nicht nur Jäger. Da gibt es die Forstwirtschaft, die Naturschützer. Alle haben ihre eigenen Interessen. Auf einer Tour kann es passieren, dass man unterschiedlichste Fraktionen trifft, die kreuzverschiedene Belange an uns Biker herantragen. Wie soll man dem gerecht werden? Irgendwie muss es doch auch Raum für Erholung geben. In Deutschland herrscht freies Waldbetretungsrecht. Es ist ein berechtigtes Anliegen, dass wir Biker uns im Wald bewegen wollen.

BLOCH:Das stellen wir auch gar nicht in Abrede. Das freie Betretungsrecht ist natürlich garantiert. Was viele Biker vielleicht nicht wissen: Jagen firmiert wie Biken zumeist unter dem Begriff Hobby. Es gibt in Deutschland etwa 1000 Berufsjäger, aber 380000 private Jagdscheininhaber. Und die zahlen Geld. Die pachten einen Revierteil. Und in diesem Moment fühlt sich der Jäger natürlich in einer anderen Position. Der Biker sagt, wir sind doch alle Naturnutzer. Während der Jäger Pacht an den Grundeigentümer dafür bezahlt, dass er dieser Tätigkeit nachgehen darf. Gleichzeitig wird er aber in die Pflicht genommen, wenn Schäden am Wald auftreten. Im Extremfall muss der Jäger dafür bezahlen. Der sieht so eine Störung aus einem ganz anderen Blickwinkel. Ein Biker findet es vielleicht ärgerlich, angequatscht zu werden. Aber der fährt dann weiter, und das Ganze hat sich für ihn erledigt.

Die meisten Jäger üben ihr Hobby aus, genau wie Biker. Wird erwartet, dass sich die Biker unterordnen, nur weil Jäger Geld bezahlen?

BLOCH:Wenn man an einem friedlichen Miteinander interessiert ist, dann ist es wichtig, sich auch mal in die Situation des anderen hineinzuversetzen. An die Jägerschaft werden zahlreiche Interessen herangetragen. Es ist ja nicht so, dass es egal ist, ob ich was schieße, oder nicht. Es gibt in Deutschland Abschusspläne, die erfüllt werden müssen. Das wird von den Behörden regelmäßig nachgeprüft. Bei uns Jägern herrscht da manchmal ganz schöner Druck. Man kann sogar seine Lizenz verlieren. Wenn man das als Biker im Hinterkopf hat, dann weiß man, warum die Jungs und Mädels mit dem grünen Hut schnell auf hundertachtzig sind, wenn Biker aus dem Busch gebrettert kommen. Ein Jäger hat Vorgaben. Er zahlt Geld. Er hat knappe Zeit-Ressourcen.

DÖHL: Ich höre raus, dass sich Jäger und Mountainbiker nicht generell schlecht gesonnen sind. Der Konflikt kommt auf, wenn der Jäger aufgrund von Störungen seine Vorgaben nicht erfüllen kann.

BLOCH:Und wenn es zu Schäden kommt. Wenn es um Mountainbiker geht, dann reden wir nicht nur über Mittelgebirge, sondern auch über höhere Gebirgslagen. Und da gibt es beispielsweise Rotwild. Werden diese Tiere zu oft gestört, vor allem zu Zeiten der Nahrungsaufnahme, dann werden sie in die Dickungen gedrängt, wo die Rinde der Bäume geschädigt wird. Rotwild schält massiv. Dadurch stirbt der Baum ab.

DÖHL: Um für ein friedliches Miteinander im Wald und naturverträgliches Biken zu sensibilisieren, haben wir die Kampagne „Love Trails – Respect Rules“ ins Leben gerufen. Im Rahmen der Aktion verweisen wir auch auf die Trail-Rules, die einst von der Deutschen Initiative Mountainbike e. V. aufgestellt wurden. Wäre aus Sicht der Jäger noch eine spezielle Regel wichtig?

BLOCH:Ich habe diese Regeln gelesen und denke, dass sie schon mal eine gute Grundlage sind. Gegenseitiger Respekt ist eh die Basis für alles. Wenn ich als Jäger weiß, da geht ein Biker-Trail lang, dann muss ich da ja auch nicht mit aller Gewalt einen Hochsitz hinstellen. Was die konkreten Regeln angelangt: Nicht nachts fahren, das würde ich vielleicht noch etwas konkretisieren. Wenn man als Biker auf Nummer sicher gehen will, dann informiert man sich. Was ist das für ein Gebiet? Welche Tiere kommen da vor? Wodurch und wann fühlen sie sich gestört?

Die unterschiedlichen Positionen wurden engagiert vertreten, gleichzeitig jedoch auch der Konsens gesucht.

Aber generell könnten die Regeln helfen, Konflikte zu vermeiden?

BLOCH: Unser dicht besiedeltes Land ist nicht die Wildnis Alaskas. Oder die Weiten Russlands. Jeder muss sich an Spielregeln halten. Alle Naturnutzer. Das gilt gerade auch für uns Jäger. Wir stehen unter einem riesigen öffentlichen Druck. Einerseits, weil mache Leute sagen, wir seien Mörder, weil wir Bambi totschießen. Uns wird vorgeworfen, dass wir Tiere wahllos abknallen. Andere sagen, wir schießen zu wenig, uns gehe es nur um irgendwelche Trophäen. Als Jäger bist du eh schon ständig in einem Spannungsfeld. Die Tierrechtler sagen, es dürfe überhaupt nicht gejagt werden. Die Naturschützer sagen, es dürfe nur gejagt werden, was die Natur schädigt. Und jetzt kommen noch die Biker, die sagen: „Wir haben auch ein Recht.“ Was natürlich stimmt. In den Bergen unterscheidet man zwischen 16 verschiedenen Freizeitaktivitäten, wozu übrigens auch das Jagen gehört. Der Biker sagt: „Wenn wir da kurz vorbeikommen, ist das doch nicht schlimm.“ Wir Jäger aber teilen uns das Revier mit zahlreichen anderen Sportarten. Da wird es dann schon mal eng. Jeder Wald ist durchzogen von Schotterstraßen. Alles wurde für die Forstwirtschaft und andere Nutzer angelegt. Eine Infrastruktur für Biker gibt es so gut wie nicht. Würde die nicht aber helfen, Probleme zu vermeiden?

DÖHL: Biken ist ein junger Sport. Den gibt es erst seit knapp 40 Jahren. Das ist alles wild gewachsen. Junge Leute suchen sich natürlich Trails. Wären klar definierte Strecken den Jägern lieber?

BLOCH: Wenn es damit auch für den Mountainbiker gegessen ist, dann glaube ich, könnte der Jäger damit leben. Nur: Jeder findet etwas anderes attraktiv. Gerade beim Biken geht es ja um ein Freiheitsgefühl. Deshalb weiß ich nicht, wie lange die Biker das mitmachen würden. Da wird es bestimmt welche geben, die sagen: „So, jetzt bin ich das Ding dreimal gefahren. Jetzt will ich was anderes fahren.“ Irgendwo habe ich mal den schönen Satz gelesen: Angebote statt Verbote. Ich denke, in diese Richtung sollte es gehen.

Manchmal lohnt es sich, die Perspektive des Anderen einzunehmen.

Mountainbiker brauchen Platz. Würden Jäger größere Einschnitte in Kauf nehmen?

BLOCH: Ich weiß nicht, ob es so furchtbar viel mehr werden muss. Mir schweben da eher Kombinationen vor. Mittlerweile gibt es ja schon richtige Downhill-Strecken. Die könnte man mit bestehenden, offiziellen Wegen kombinieren. So bräuchte man die Infrastruktur nicht unendlich aufblasen.

DÖHL: Viele Biker sehen die Gefahr, dass es am Ende nur noch eine Art Mountainbike-Ghetto gibt. Dass man auf zwei, drei Wegen fahren darf und nirgendwo anders.

BLOCH: In Baden-Württemberg gibt es ja die Zwei-Meter-Beschränkung. Das sollten Biker immer im Hinterkopf haben: Wenn die Konflikte zu viel werden, dann entsteht immer ein Regelungsbedarf. Und das führt meist zu Einschränkungen.

DÖHL: Sind die Interessen der Mountainbiker denn eigentlich verständlich?

BLOCH: Ich persönlich kann sie nachvollziehen. Es gibt Jäger, die sagen,: „Ich will keinen anderen im Revier haben.“ Das ist aber die Minderheit. Die Mehrzahl findet es gut, wenn wir mit anderen Verbänden im Gespräch sind. Mit den Reitern zum Beispiel hat unser Verband seit langem guten Kontakt. Das ist vielleicht der Nachteil der Mountainbiker. Die haben nicht so einen starken Verband. Die sind nicht so organisiert.

DÖHL: Also ich glaube, wir sind schon auf einen guten Nenner gekommen.

BLOCH: Ja, es ist wichtig, sich immer mal in die Position des anderen hineinzuversetzen. Durch Corona bin ich jetzt auch wieder Rad gefahren. Da habe ich gesehen, wie man die Natur plötzlich ganz anderes wahrnimmt. Ich kann schon verstehen, was Mountainbiker antreibt.

Sascha Bahlinger (li.) und Henri Lesewitz (re.) passten auf, dass die Diskussion friedlich verlief.

Die Moderation des Gesprächs hatte BIKE-Chefredakteur Henri Lesewitz übernommen. Seitens der JE-Redaktion begleitete Sascha Bahlinger – selbst begeisterter Radfahrer aber eben auch Jäger – die Aktion mit der Kamera und fachlichen Anmerkungen.

Das Interview ist so auch in der BIKE-Ausgabe 09/2020 erschienen.


Kommentieren Sie