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Ins Auge geschaut

Tierarzt Dr. Jochen Becker während der Augenunter­suchung bei einem Langhaar-Weimaraner. (Foto: Dr. Becker)


Was kann dahinter stecken? Was muss ich tun, wie kann ich es verhindern? Generell sind die zuvor genannten Symptome Anzeichen von Schmerz am oder im Auge beim Hund, die in jedem Fall einen Besuch beim Tierarzt erforderlich machen. Ob es sich dabei nun um eine typi­sche Bindehautreizung handelt, wie sie nach dem Stöbern durch den Mais oder nach einer Entenjagd im Schilf ­vorkommen kann, oder ob beim Welpen/Junghund eine ­doppelte Wimpernreihe oder ­einzelne fehl gestellte Wimpern vorhanden sind, muss im Zweifelsfalle durch eine gründ­liche Augenuntersuchung fest­gestellt werden.

Erkrankung erkennen

So sind beim Welpen und Junghund auftretender Tränenfluss häufig einem Follikelkatarrh zuzuordnen. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Lymphbläschen hinter dem dritten Augenlid, die sich auch in Bläschenbildung in der unteren Lidbindehaut zeigt. Auslöser dieser extrem häufig auftretenden Erkrankung sind vor allem jegliche auf die Lidbindehaut auftreffenden Reize, wie zum Beispiel extremer Staubgehalt in der Welpenaufzucht (altes Stroh im Zwinger, sandige Hundeboxen) oder Stöbern in hohen blühenden Wiesen, Schilf, Raps oder Mais. Beim ersten Auftreten von Tränenfluss ohne verengte Augenlider sollte das Auge des Hundes mit klarem Wasser oder Augenspüllösungen aus der Apotheke (z. B. Euphrasia) ausgewaschen werden, um den Zeitraum des einwirkenden Reizes so kurz wie möglich zu halten. Bepanthen® Augensalbe kann dabei auch eine erste Selbsthilfe ­darstellen.
Bei jeglichen Augensalben ist jedoch stets darauf zu achten, dass spätestens sechs Wochen nach Anbruch, trotz Auf­bewahrung im Kühlschrank, eine Weiterverwendung wegen einer eventuellen Keimbelastung vermieden werden sollte. Hält der Tränenfluss an oder wird sogar stärker, ist ein ­Besuch beim Tierarzt unumgänglich.
Dabei wird dieser sich zum einen die Bindehäute, die Hornhaut und das innere ­Auge unter Zuhilfenahme ­einer speziellen Augenlampe ansehen. Stellt er dann ­beispielsweise einen Follikel­katarrh fest, wird er Anti­biotika und Kortison ent­haltende Augensalben oder
-tropfen verschreiben, die über einen längeren Zeitraum mehrmals täglich verabreicht werden müssen. Mit dieser Behandlung sollte innerhalb von zehn Tagen eine vollständige Abheilung eintreten. Ein Wiederauftreten eines Follikelkatarrhs innerhalb der ersten 15 Lebensmonate ist stets möglich. Kommt der Tränenfluss jedoch bereits beim sehr jungen Welpen vor, ist an eine doppelte Wimpernreihe oder einzelne fehl ­gestellte, zur Hornhaut hin wachsende Wimpern zu denken. Diese werden beim Tierarzt über die Lupenfunktion der bereits angesprochenen Augenlampe erkannt, lassen sich jedoch auch vom Besitzer teilweise bei schräg auf das Augenlid fallendem Licht mit bloßem Auge erkennen.
Diese Erkrankung wird mit dem Fachbegriff Distichiasis oder Trichiasis bezeichnet, je nach Lage der fehl gestellten Wimpern auf dem betreffenden Augenlid. Wir können bei dieser Erkrankung von einer Erblichkeit ausgehen. Die ärztliche Therapie besteht dabei in der operativen Entfernung der nach innen gerichteten Wimpern.

Gedrehtes Augenlid

Alternativ tritt ein Tränenfluss beim Junghund auch durch ein nach innen oder stark nach außen gedrehtes Augenlid (Entropium oder Ektropium) auf. Beim Entropium sind es dann auch wieder Haut-/Wimpernanteile, die dabei direkt auf der Hornhaut reiben. Auch hierbei ist an eine Erblichkeit zu denken. Ein operativer Eingriff ist die einzige Therapie. Ein nach außen gedrehtes Augenlid (Ektropium), was nicht nur temporär durch ­eine entzündliche Schwellung der Lidbindehaut zustande kommt, ist ebenfalls erblich und muss operativ beseitigt werden. Ansonsten ist hierbei die Lidbindehaut ständigen Umweltreizen schutzlos ausgesetzt.
Im günstigsten Fall stellt der Tierarzt bei seiner Untersuchung jedoch nur eine gewöhnliche Bindehautentzündung fest. Diese kann in jedem Lebensalter auftreten und durch oben beschriebenes Stöbern in Mais, Schilf oder andere mechanische Ursachen (z. B. Zugluft beim Autofahren, im Zwinger, an Wohnungstüren) ausgelöst werden. Bakterielle oder Pilz­erkrankungen spielen ebenso eine Rolle wie auch Viren.
Sind jedoch die Lidbinde­häute nicht betroffen, ist der Hornhaut als nächstes Aufmerksamkeit zu widmen. Jegliche Trübungen der Hornhaut stellen hierbei einen Wassereinschluss zwischen den einzelnen Zellen der Hornhaut dar. Dieser kommt stets durch einen entzündlichen Prozess zustande.
Die häufigste Ursache einer Hornhauttrübung ist die Verletzung durch einen Fremdkörper (Ast, Schilf, Hundebeißerei, Katzenkralle etc.). Dabei muss dringend anhand einer fluoreszierenden Flüssigkeit überprüft werden, wie weit die Verletzung in die Tiefe der fünf zellulären Hornhautschichten eingedrungen ist. Eine durchdringende Verletzung bringt hierbei das Kammerwasser zum Auslaufen. Für den Fall, dass der Fremdkörper noch im Auge steckt, muss dringend darauf hingewiesen werden, dass dieser nur durch den Tierarzt entfernt werden soll. Je nach Tiefe der Verletzung ist dann auch eine unterschiedliche Therapie notwendig. Auf keinen Fall dürfen kortisonhaltige Augensalben vor einer Abklärung der Unversehrtheit der Hornhaut gegeben werden, da andernfalls ein Durchbrechen der gesamten Hornhaut mit anschließendem Auslaufen des Kammerwassers hervorge­rufen werden kann. Ist jedoch eine Trübung (weiß-gräuliche Verfärbung) der Hornhaut nicht durch eine Verletzung bedingt, kann zum Beispiel auch eine starke Erhöhung des Augeninnendrucks (sogenanntes Glau­kom) die Ursache sein.

Linsenluxation

Entropium mit Linsen­trübung bei einem Jagd­terrier, ver­ursacht durch auf der Hornhaut reibende Lidhaare. (Foto: Dr. Becker)


Dabei ist der Abfluss des sich immer wieder neu bildenden Kammerwassers des Auges durch einen Kanal im unteren Augenwinkel behindert. Als eine Ursache davon ist eine Verlagerung der Linse, die sogenannte Linsen­luxation (LL), zu nennen. Die Linse ist im Auge alleine durch dünne Fäden auf­gehängt. So ist ein Zusammenziehen und Ausdehnen der Linse, was zur Anpassung der Weit- und Nah­sehfähigkeit notwendig ist, ­möglich. Diese dünnen ­Fasern können durch eine Belastung (Beißerei, Schlag, Unfall etc.) reißen.
Als genetischer Defekt ist jedoch auch eine vermin­derte Belastbarkeit dieser ­Fasern, zum Beispiel bei den Terriern, bekannt. Die Linse kann dabei sowohl in die vordere als auch in die hintere Augenkammer verlagert sein. Um als Folge der Verlagerung ein nicht mehr zu behebendes Glaukom zu vermeiden, ist die sofortige Entfernung der Linse anzuraten. Mittlerweile sind einige da­rauf spezialisierte Kliniken in der Lage, Kunstlinsen einzubauen. Jedoch ist nach ­einer Entfernung der Linse auch ohne Einbau einer Kunstlinse das Sehvermögen des Hundes, wenn auch eingeschränkt, noch vorhanden.

Netzhaut

Als weitere die Seh­fähigkeit beeinträchtigende Erkrankungen des Jagdhundes sind vor allem noch die häufig vererbt auftretenden Veränderungen der Netzhaut (Retina) zu beschreiben. Dabei ist zum einen die Rückbildung der Retina, sogenannte Retinaatrophie, zu nennen, deren Auftreten bei einigen Hunderassen (Teckel) zuchtausschließend ist. Jedoch können auch beim Hund Ab­lösungen der Netzhaut auf­treten, wie sie auch beim ­Menschen vorkommen. Ein Fest­lasern dieser Ablösungen steckt jedoch noch in den Kinderschuhen und ist sicher auch einigen wenigen Spezialisten auf diesem Sektor vorbehalten.
Als weitere häufig auftretende Sehbeeinträchtigung ist die Trübung der Linse, die sogenannte Katarakt, zu bezeichnen. Dabei ist die Gewebe­zusammensetzung der Linse entweder genetisch oder alters­bedingt verändert, was zu ­einer veränderten Lichtbrechung und somit auch zu ­einer Trübung und Undurchsichtigkeit der Linse führt. Auch hierbei ist bei einigen Hunderassen (z. B. Retriever) das Freisein davon eine Zuchtvoraussetzung.
Ganz gleich, um welche Augenerkrankung es sich handelt, dem Hundeführer sollte bewusst sein, dass eine ­Augenerkrankung im Zweifelsfall lieber einmal mehr dem Tierarzt vorgestellt wird, da der Erhaltung der Seh­fähigkeit des Hundes eine hohe Bedeutung – nicht nur im Jagdbetrieb – zukommt.