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Hundezucht verpflichtet

Gesundheit, Wesen, jagd­liche Anlagen und Form­wert sind die Eckpfeiler jeder seriösen Jagdhundezucht.<br>(Foto: Dr. J. Becker)


Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden. Dieser Satz des dänischen Philosophen Søren Kierke­gaard spiegelte lange Zeit die Situation der Hundezucht wider. Für den Zuchtverein, der ausschließlich nach phä­no­typischen Selektions­maß­nah­men züchtet, wird irgendwann der Moment kommen, in dem er zu einer etwas ­härteren Gangart als allein zu der phänotypischen Selek­tion schreiten muss. Bei dieser Art der Selektion wird gegen Merkmale selektiert, die ein Individuum zeigt. Hierbei schlüpfen die Anlageträger allerdings durch die Maschen der Methode, es sei denn, ein Defekt wird dominant vererbt, was aber in den wenigsten Fällen zutrifft.
Effektive Zuchtarbeit und eine ebensolche züchterische Beratung benötigen ein solides Grundlagenwissen über die allgemeinen genetischen und populationsgenetischen Regeln und Zusammenhänge. Dieses Wissen ist zwar noch keine Garantie für den ganz großen Zuchterfolg, es ist aber auf jeden Fall ein gutes Mittel, um züchterische Fehler zu vermeiden. Lässt man dann spezielle menschliche und soziologische Aspekte der Züchter und der Zuchtverbände außen vor, ist der Grundstein für eine funktionierende Zucht gelegt.

Selektion

Der Tierarzt kann nur phänotypisch erkennbare Defekte feststellen, genotypische dagegen nicht.<br>(Foto: Dr. J. Becker)


Im Gegensatz zur Nutztierzucht stellt sich die Hundezucht sicherlich noch schwieriger dar. So wird in der Nutztierzucht im Allgemeinen nur auf wenige Merkmale selektiert. Anders in der Hundezucht, hier ist es gleichzeitig eine große Anzahl von Merkmalen, die der Züchter im Auge haben muss. Erschwerend kommt das besondere Verhältnis zwischen Hundebesitzer und Hund hinzu, das bei dem Nutztierzüchter nicht in dem Maße ausgeprägt ist, da bei ihm die Zucht einen wesentlichen Teil seiner Existenzgrundlage darstellt. Im Gegensatz dazu ergibt sich die Motivation zur Hundezucht eher auf Basis emotionaler Aspekte. So der Wunsch nach Aufzucht eines Wurfes oder der Wunsch nach der Nachzucht eines geliebten Hundes oder auch die Liebe zu einer ganz bestimmten Rasse. Nichtsdestoweniger verpflichtet die Hundezucht zur größten Sorgfalt, was nicht immer, so scheint es zumindest, oberstes Gebot war und ist. So sollte das oberste Ziel der Hundezucht sein, im Formwert gute und im Verhalten verträgliche Hunde zu züchten und Zuchtpartner so auszusuchen, dass Krankheiten und Defekte möglichst erst gar nicht auftreten.
Waren noch vor wenigen Jahren – neben der speziellen Leistungsprüfung – ein ansprechender Formwert und ein günstiger Hüft­gelenks­dysplasie (HD)-Befund ausreichende Voraussetzungen für die Zuchtzulassung, so sind in vielen Rassen von verantwortlichen Zuchtverbänden heute spezielle Untersuchungen notwendig, teilweise auch schon vorgeschrieben, um für ­einen Hund eine Zuchtzulassung zu bekommen.
War es vor zirka 30 Jahren in erster Linie die HD, die als genetisch bedingte Krankheit die Aufmerksamkeit der Züchter erforderte, so sind es heute zahlreiche Erkrankungen verschiedenster Organe und Skelettteile wie Ellenbogen-, Kniescheiben- oder Augen-, Herz- Schilddrüsen-, Nieren, Leber-, Darmdefekte, endokrine oder neurologische, krankhafte Befunde, die bei der Zuchtauswahl berücksichtigt werden müssen. Zurzeit kennt die Tiermedizin rund 450 Erbkrankheiten bei Hunden. Eine erschreckende Zahl, die aber nicht zwangsläufig auf ein Ansteigen von erblichen Erkrankungen zurückzuführen ist, sondern auch auf mehr Wissen über die Vererblichkeit von Erkrankungen.
Durch fortschreitende Technik und effiziente Diagnoseverfahren ist es heute möglich, diese Art gesundheitlicher Leiden zu erkennen und einzuordnen. Bei etwa 25 monogenen (von einem Gen bestimmten) Erbkrankheiten des Hundes ist der molekulargenetische Defekt heute bekannt und kann über direkten oder indirekten Gennachweis festgestellt werden. Es ist davon auszugehen, dass – nachdem das Erbgut des Hundes identifiziert wurde – die moderne Veterinärmedizin neue Diagnoseverfahren erarbeitet und damit eine rechtzeitige Erkennung einer Erkrankung vor dem Zuchteinsatz eines Hundes möglich macht. Mit dieser Technik und ihrer hohen Selektivität können insbesondere auch Krankheiten diagnostiziert werden, die sich bei den betroffenen Tieren erst in einem Alter auswirken, in dem sie bereits züchterisch eingesetzt wurden.

Zuchtstrategien

Aus dem bereits Gesagten ist zu ersehen, dass bei Rassen, in denen genetische Defekte vorkommen oder auch nur vermutet werden, ein Umdenken der klassischen Zuchtstrategien stattfinden muss. In diesen Fällen kann es nicht sein, dass ein güns­tiger HD-Befund, ein positiver Formwert und eine ­spezielle Leistungsprüfung alleinige ausreichende Voraus­setzungen für eine Zucht­zulassung darstellen.
In solchen Fällen helfen nur rassespezifische Zuchtstrategien, die die individuelle Situation der einzelnen Rasse­populationen berücksichtigen und dabei alle Möglichkeiten der modernen Genetik ausschöpfen. Eine dringliche Voraussetzung dazu ist die schonungslose Analyse des Zustandes der jeweiligen Rasse. Dabei muss erfasst werden, welche Probleme in welcher Häufigkeit in der vorhandenen Population tatsächlich vorliegen und welche Lösungsmöglichkeiten sich für jedes Problem anbieten.
Dabei wären nach Sommerfeld-Stur zunächst folgende Fragen zu klären:
  1. Welche Erbfehler oder Dispositionserkrankungen treten in der Zuchtpopula­tion auf?
  2. In welcher Häufigkeit treten einzelne Effekte auf?
  3. Ist der Erbgang beziehungsweise die Heritabilität (Erblichkeitsgrad) der Erkrankung bekannt und welcher Erbgang liegt vor beziehungsweise wie hoch ist die Heritabilität?
  4. Gibt es für die vorhandenen Erkrankungen etablierte Screeningverfahren?
  5. Gibt es für die vorhandenen Defekte molekulargenetische Nachweisverfahren für die jeweilige Rasse?
  6. Welche sonstigen Merkmale sollen in der Population züchterisch bearbeitet werden?
  7. Wie groß ist die Popu­lation?
  8. Wie hoch ist das Inzuchtniveau der Population?
    Die einzelnen Fragen so zu bearbeiten, dass das Ergebnis auch die tatsächliche Rassensituation widerspiegelt, ist nicht ganz einfach. Gerade was den Punkt 2 betrifft, erfordert es von den Beteiligten uneingeschränkte Offenheit und den absoluten Willen, hier etwas für „seine“ Rasse zu tun. Trotz aller Skepsis aufgrund der züchterischen Mentalität des Verschweigens gibt es große Hoffnung durch Positivbeispiele von Zuchtverbänden, die sich sehr realistisch mit den Problemen ihrer Rasse auseinander setzen. Einen ganz wesentlichen Punkt stellt hier die Gewichtung eines Defektes dar. Es kann nicht sein, dass ein fehlender P 1 mit einer Epilepsie oder einem nicht ganz eindeutig HD-freien Hüftgelenk in einer Rasse gleich gewichtet werden.
Die gesamte Problematik in den Griff zu bekommen, wird einem Zuchtverein nur durch dirigistische Maßnahmen gelingen, in denen Zuchtstrategien entwickelt werden, die für die Verknüpfung mehrerer Eigenschaften dienlich sind. Hier bieten sich den Zuchtvereinen zur Umsetzung der Zuchtziele zwei ­Methoden an: Einmal die Selektion nach Mindestleistung und zum anderen die Zuchtwertschätzung.
Die Selektion nach Mindestleistung ist die am häufigsten verwendete Methode in der Hundezucht. Dabei werden für jedes Merkmal Selek­tionsgrenzen festgelegt, und nur solche Tiere, die in allen Merkmalen diese Grenze überschreiten, bekommen eine Zuchtgenehmigung. So muss ein Hund zum Beispiel mindestens einen Formwert „gut“, mindestens ­einen HD-Befund „HD-Übergangsform“ haben, nicht mehr als einen fehlenden P 1 zeigen und für PRA (Progressive Retina Athrophie) homo­zygot normal getestet worden sein. Ein Hund, der in einem der Kriterien die geforderte Leistung nicht erbringt, bekommt keine Zucht­erlaubnis. Natürlich ent­gehen dem Züchter bei dieser Methode die Anlageträger, denn man erkennt sie nicht, außer ein Defekt wird dominant vererbt (was aber nur sehr selten zutrifft).

Zuchtwertschätzung

Es ist leicht, nur „schöne“ Hunde zu züchten. Bei Jagdhunden gelten jedoch andere Prioritäten!<br>(Foto: Verband für das Deutsche Hundewesen e.V.)


Diese Methode ist grundsätzlich in Ordnung, solange in einer Rasse genügend Hunde vorhanden sind, die alle von dem Zuchtverein vorgegebenen Forderungen erfüllen. Ist das aber nicht der Fall oder handelt es sich um eine von der Population her eher kleine Hunderasse, sollte der Zuchtverein im Interesse der Gesunderhaltung und der genetischen Vielfalt der Rasse die Methode der Zuchtwertschätzung wählen.
Bei dieser Methode bestimmen die Standardbeschreibung und die Zuchtordnung im Wesentlichen die Regeln. Aus einer Fülle von Merkmalen werden jene, die für die jeweilige Rasse zur Gesund­erhaltung und zur Verbesserung beziehungsweise Fes­tigung der Rasse dienen, ­herausgefiltert. Dies könnten zum Beispiel Nasenqualität, Vorstehen, Fährtelaut, Schulterhöhe, Wasserfreude, Wesen, HD und gesunde Augen sein. In der Zuchtwertschätzung beträgt dann der Rassedurchschnitt aller Werte 100. Hat dann ein Hund in einer bestimmten Eigenschaft den Wert 90, dann sollte man bei einer Verpaarung einen Partner auswählen, der diesen Wert ausgleicht oder steigert.
Ein ganz wesentlicher Punkt dieser Methode ist, dass der Zuchtwert eines Tieres durch seine gesamte Verwandtschaft wie Eltern, Groß­eltern, Urgroßeltern, Geschwister, Onkel und Tanten, mitbestimmt wird.
Der Zuchtwert eines Tieres ist immer eine Momentaufnahme, da auch die eigene Nachkommenschaft wie Kinder und Enkelkinder in diesen Wert mit einfließen und ihn nach oben oder ­unten korrigieren können. Da nicht nur körperliche Merkmale, sondern auch Leistungsprüfungen und Wesen in diesen Wert mit ein­gehen, erlaubt der Zuchtwert einen umfassenden Einblick in eine ganze Zuchtlinie. Wenn dann noch vom Zuchtverein offensiv mit diesen Werten umgegangen wird, erhält jeder Züchter ein Instrument zur Hand, das ihm die Möglichkeit gibt, sich über den Phänotyp dem Genotyp zuzuwenden. Diese Methode ermöglicht es, die Forderung, dass für die Zucht nur das Beste gut genug ist, zu realisieren.