Home Praxis Hund und Kind – so klappt das Zusammenleben

Hund und Kind – so klappt das Zusammenleben

Aus Kind und Hund ist im Alltag und Revier ein eingespieltes Team geworden. © David Ris
Gemeinsame Apport-Übungen zur Stärkung der Bindung © David Ris

Gemeinsame Apport-Übungen zur Stärkung der Bindung

Der zum Zeitpunkt der Geburt unseres Kindes zehn Jahre alte „Bjarne“ ist ein absolut ruhiger Hund, der schon als Welpe beim Züchter Kontakt zu Kleinkindern hatte. Mit ihm gab es während all der Jahre auch nie Probleme mit Kindern. Wenn ihn etwas oder jemand nervt, geht er einfach. „Grimm“ war zum Zeitpunkt der Geburt unserer Tochter viereinhalb Jahre alt. Er ist ein Energiebündel und ständig in Bewegung. Wachteltypisch fordert er sehr aktiv nach Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten.

Im Zweiergespann hat der alte Rüde trotz „Grimms“ körperlicher Überlegenheit das Sagen. „Grimm“ orientiert sich stark am alten Hund – ein Umstand, der für uns noch nützlich werden sollte. Generell leben unsere Hunde voll in der Familie integriert und werden im Haus gehalten. Den Zwinger kennen sie nur von Weitem. Dass die Konstellation Hund und Kleinkind zu ernsten Problemen führen könnte, habe ich zu Beginn der Schwangerschaft überhaupt nicht überdacht. Der große Knall kam dann, als wir mit unserer neugeborenen Tochter im Maxi-Cosi nur wenige Stunden nach der Geburt nach Hause kamen.

Die Hunde begrüßten uns natürlich überschwänglich wie immer. Der alte Rüde nahm als erster vorsichtig und zurückhaltend Kontakt mit dem fremden Wesen auf. Nur kurz beschnupperte er das unter Decken schlafende Baby. Dann wedelte er freudig, drehte sich um und verschwand in Richtung Küche. Grimm verhielt sich völlig anders. Er wurde sofort unruhig. Sein Verhalten gefiel mir nicht. Also nahm ich ihn an die Leine und führt den Rüden langsam, nachdem er sich etwas beruhigt hatte, sehr kontrolliert an der Kindertrage schnuppern. Als unsere Tochter zu weinen begann, legte sich beim Hund der Schalter um. Er reagierte, als hätten wir ihm ein Stück Raubwild vor die Nase gesetzt. Absoluter Jagdmodus! Sofort nahm ich den überdrehten Hund weg und brachte ihn auf den Hundeplatz. So ein extremes Verhalten hatte keiner von uns erwartet!

Neuer Versuch

Spaziergang der Jagdfamilie: Das verbindet Mensch und Jagdhund. © David Ris

Spaziergang der Jagdfamilie: Das verbindet Mensch und Jagdhund.

Nachdem sich der ersten Schock gelegt hatte, hielten meine Freundin und ich Kriegsrat. Für uns war klar: Der impulsive Rüde war mit der neuen Situation überfordert. Amke und mir war klar, dass wir eine Lösung finden mussten. Wir konnten und wollten Hund und Kind nicht ständig trennen. Ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass „Grimm“ das Kind bei einer strikten Trennung letztlich als Konkurrent empfunden hätte. Damit wären weitere Probleme vorbestimmt gewesen. Andererseits ist ein so großer Hund für ein Kind eine ernstzunehmende Gefahr, die man nicht unterschätzen darf. Wir mussten also Hund und Kind langsam aneinander gewöhnen.

Den nächsten Anlauf eines Kennenlernens gingen wir dann anders an. Ich saß mit meiner Tochter auf dem Arm auf dem Sofa, der alte Rüde „Bjarne“ brav auf der Hundedecke vor unseren Füßen. Dann ließ Amke den jungen Rüden ins Zimmer, schickte ihn aber umgehend zu „Bjarne“ auf den Hundeplatz. Dort abgelegt, beruhigte er sich zusehends – nicht zuletzt, weil er sich am Alten orientierte. Dies wiederholten wir solange, bis „Grimm“ von Anfang an ruhig auf dem Platz blieb.

Erste Annäherung

Vertrauen: Für Hund und Kind gibt es klare Verhaltensregeln. © David Ris

Vertrauen: Für Hund und Kind gibt es klare Verhaltensregeln.

Dann wagte ich den nächsten Schritt: Mit dem Kind auf dem Arm rief ich „Grimm“ zu mir. Er kam freudig und zeigte keinerlei Aggression. Im Gegenteil, er war neugierig geworden, bewindete das Kind und wedelte dabei mit der Rute. Die erste Hürde war genommen. Unser nächster Schritt war eigentlich ziemlich simpel. Unsere Tochter Adda war immer mit dabei, wenn „Grimm“ positive Erlebnisse hatte. Sobald der junge Rüde ein ungewolltes Verhalten gegenüber dem Kind zeigte, legte ich ihn ins Down, um ihn nach kurzer Zeit wieder zu mir und unserer Tochter zu rufen. Er sollte einfach begreifen, dass er sich gegenüber der Kleinen nichts herausnehmen darf. In den nächsten Wochen war eine deutliche Veränderung im Verhalten des Hundes festzustellen. Er schloss Adda in seine recht überschwänglichen Begrüßungstänze mit ein, freute sich, wann immer er sie sah und begann, aktiv die Nähe des Kindes zu suchen. Trotz des guten Fortschrittes achteten wir penibel darauf, dass Hund und Kind nie alleine in einem Raum waren.

Wer füttert ist Chef

Aus Kind und Hund ist im Alltag und Revier ein eingespieltes Team geworden. © David Ris

Aus Kind und Hund ist im Alltag und Revier ein eingespieltes Team geworden.

Auf eine Krabbelphase folgten schon bald die ersten Schritte. Und ab diesem Moment kamen neue Probleme auf uns zu. Hundenäpfe sind interessant, genauso Kauknochen oder Hundespielzeug. Das Kind kann den Hunden folgen und sie ständig nerven. Also mussten klare Regeln her. Nicht nur für die Vierbeiner, sondern auch für das Kind! Ein paar einfache Beispiele: Wenn der Hund im Körbchen schläft, weckt man ihn nicht! „Grimm“ hat seine Höhle unter unserer Treppe, in die er sich zurückzieht, wenn er Ruhe braucht. Da hat das Töchterlein nichts verloren.

Zu guter Letzt setzen wir seit Adda laufen kann auf einen ganz einfachen Grundsatz: Wer füttert, ist der Chef! Das Ritual sieht folgendermaßen aus: Meine Frau oder ich bereiten die Näpfe vor, Adda lässt die Hunde vor sich sitz machen. Dann bekommt sie die Näpfe, um sie an die Futterplätze zu stellt. Anschließend gibt sie nacheinander den Hunden das Fresskommando. Wenn es Kauknochen gibt, werden diese ebenfalls von Adda verteilt. Dabei haben wir von Anfang an darauf geachtet, dass die Hunde diese ganz vorsichtig nehmen.

Durch Futtergaben vom Kind verbesserte sich die Beziehung zu den Hunden. © David Ris

Durch Futtergaben vom Kind verbesserte sich die Beziehung zu den Hunden.

Ein unschlagbares Gespann

Regelmäßig machen wir Apportübungen, bei denen die Beute zur Tochter gebracht wird. Mittlerweile ist der junge Rüde ein absoluter Kinder-Fan geworden. Wo unsere Tochter ist, ist „Grimm“ nicht weit. Beim Vorlesen am Abend liegt er vor dem Sessel. Wenn Adda auf ihrem Spielteppich sitzt, liegt der Hund bei ihr. Ab und an muss er dann als Kissen oder Patient herhalten, was er geduldig über sich ergehen lässt. Adda kann ihm Futter oder Snacks abnehmen, ohne dass es Gebrumme gibt. Selbst im Kindergarten, wo 15 Kinder auf ihn einstürmten und streicheln wollten, blieb er gelassen. Alles in allem hat es einfach nur ein wenig Nachdenken unsererseits sowie „Erziehungsarbeit“ auf beiden Seiten gebraucht, um ein gutes Zusammenleben unserer Jagdhunde mit dem Kind zu ermöglichen.

David Ris