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Das "Höckeler Modell"

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Montag, 29.09.2014 - 02:10
Zu Beginn baumen die Jungfasanen noch unbedarft auf dem Volierendach auf. Nach dem ersten Angriff durch einen Greifvogel oder Raubwild ändert sich dieses Verhalten schlagartig. Foto: NJ © NJ

Wie in anderen Regionen Niedersachsens sind auch in den Revieren des 9000 ha großen Hegeringes Voltlage-Merzen die Fasanenbesätze seit dem Jahr 2007 stark eingebrochen. Untersuchungen konnten eine Seuche als Ursache des massiven Rückgangs ausschließen, sodass vermutlich die Summe verschiedener Faktoren die Abnahme des Fasanenbesatzes verursacht. Um nicht weiter dem Schwinden des schillernden Hühnervogels untätig zuzusehen, haben sich neun Eigen- und Gemeinschaftsjagden der Gemarkung Höckel (1600 ha) zusammengetan und begannen ein Auswilderungsprojekt.
Ökologisch, nachhaltig und autochthon - mit diesen drei Schlagworten beschreibt Hegeringleiter Martin Meyer-Lührmann die Fasanenauswilderung nach dem „Höckeler Model“. Die Auswilderung erfolge mit dem Ziel, den Besatz an Fasanenhennen zu erhöhen. Im Rahmen einer derzeit laufenden Studie zur Prädation des Niederwildes konnte nachgewiesen werden, dass etwa 50 Prozent des Hennenbesatzes verendet. Als Hauptfaktor konnte die Prädation, besonders durch Greifvögel, Marder und Fuchs, ausgemacht werden. Die meistens Hennenverluste treten im Frühjahr und Sommer auf, wenn die Gelege angelegt und bebrütet werden. In dieser Zeit sind die Hennen für das Raubwild „berechenbar“. Daher ist den Fasanenhennen ein besonderes Augenmerk zu widmen, damit die Population überlebensfähig und nachhaltig nutzbar wird.

An den Lebensraum angepasst

In den ersten Wochen werden die Küken mit granuliertem Putenstarter "P1" gefüttert, anschließend mit Putenfutter "P3", das pelletiert ist. Foto: NJ

Des Weiteren betont Meyer-Lührmann, dass nur autochthone, also heimische Fasanen, ausgewildert würden, denn diese seien u. a. an die Witterung, die Reviergegebenheiten und auch an das reviertypische Raubwild angepasst, was bei Fasanen aus Fasanerien nicht gegeben sei. Auch seien die Vögel aus den Fasanerien nicht annähernd so scheu wie von Zwerghühnern ausgebrütete Wildfasanen. Dieses vertraute Verhalten kann aber gerade beim Angriff durch einen Beutegreifer über Leben und Tod des Fasans entscheiden. Die Überlebensrate von ausgewilderten Fasanerievögeln wird entsprechend auf lediglich fünf bis zehn Prozent geschätzt.
Auch das Auswildern von Tenebrosus-Fasanen, die bevorzugt in Hecken brüten sollen, sieht Meyer-Lührmann kritisch. Die Überlebensrate von Offenlandbrütern wie dem heimischen Fasan liege bei etwa 90 Prozent, betont Meyer-Lührmann. Zudem wurde im Rahmen einer Studie der Universität Gießen festgestellt, dass Fasanen der Tenebrosus-Rasse weit weniger scheu waren als die anderer Rassen. Entsprechend ist das Flucht- und Feindvermeidungsverhalten nicht so stark ausgeprägt, was in freier Wildbahn jedoch überlebensnotwendig ist.
Des Weiteren konnte in der Prädationsstudie u. a. nachgewiesen werden, dass Gelege in Strukturbereichen bevorzugt prädiert werden. Auf der Suche nach Beutetieren laufen z. B. Füchse gerade Saumstrukturen wie Hecken, aber auch Blühstreifen ab. Daher ist es angeraten, Blühsäume erst Mitte Mai einzusähen. Zum einen scheiden sie somit als Bruthabitat aus, zum anderen aber läuft das Saatgut, besonders von wärmeliebenden Pflanzenarten, besser auf. Der Blühstreifen bietet den Hennen samt Gesperre in der Aufzuchtphase reichlich tierische Äsung in Form von zahlreichen Insekten.

Zu Beginn wurden Eier aus ausgemähten Gelegen entnommen. Da das nicht ausreicht, werden Elterntiere aus der Wildbrut gezogen. Fünf Hennen und ein Gockel werden gemeinsam in Volieren gehalten, um ab dem folgenden Frühjahr Eier zu produzieren. Dazu wird ab Februar Legemehl gefüttert. Etwa Mitte April beginnen die Hennen zu legen. Die Eier werden etwa zweimal täglich abgesammelt. Verschmutzte Eier werden auf keinen Fall gewaschen. Im Spätsommer werden die Elterntiere dann ausgewildert. Von den diesjährigen Küken werden einige für das kommende Jahr als Elterntiere in Volieren gehalten. Da die Elterntiere also nur etwa ein Jahr in Gefangenschaft leben, stellen Parasiten kein Problem dar und es kann auf den Einsatz von Medikamenten verzichtet werden. Bei einer längeren Verweildauer in den Volieren würde die Widerstandsfähigkeit der Fasanen leiden.

Höherer Schlupferfolg mit Glucken

Anhand von Klammern an den Schwingen können die Fasanen auch späterhin eindeutig wiedererkannt werden. Foto: NJ

Sobald etwa 40 bis 50 Eier gelegt worden sind, wird mit dem Bebrüten begonnen, entweder von einer Zwerghenne oder falls nicht genügend zur Verfügung stehen auch in einer Brutmaschine. Als Glucken haben sich Zwerg-Wyandotten bewährt. Kurz vor dem Schlupf werden die Eier, wenn möglich, einem Zwerghuhn untergeschoben, da sich der Schlupferfolg dadurch erhöht. Die Schlupfrate liegt bei etwa 60 Prozent.
Nach dem Schlupf werden Familiengruppen mit je 20 bis 30 Fasanenküken und einer Zwerghenne zusammengestellt. Diese bleiben abhängig von der Witterung ein bis drei Wochen in einem geschlossenen Raum, da die Küken in der ersten Lebenswoche sehr empfindlich sind. Danach werden die Familiengruppen einzeln in Auswilderungsvolieren gesetzt. Diese sind im Baukastensystem erstellt und lassen sich in kurzer Zeit auf- und wieder abbauen. Dadurch ist auch gewährleistet, dass die Standorte beliebig verlegt werden können. In den Volieren sind Stangen zum Aufbaumen anzubringen ebenso wie ein Sichtschutz. Bewährt hat sich eine komplette Abdeckung der Voliere, sodass die Fasanen den Boden bei Regen nicht kaputt laufen können und das Gefieder nicht verschmutzt wird. Der Boden wird zusätzlich mit einem Drahtgeflecht versehen, damit Räuber nicht „von unten“ in die Voliere eindringen können.
Als Standorte für die Volieren haben sich die Nähe von Gehöften oder Siedlungen bewährt, da dort der Beutegreiferdruck geringer ist. An den Volieren werden zur Kontrolle Kastenfallen aufgestellt, um Raubwild zu fangen. Solange noch regelmäßig u. a. Füchse gefangen werden, sollten die Fasanen in der sicheren Voliere verbleiben. Am Auswilderungsort sollten sowohl sonnige als auch schattige Bereiche sowie zahlreiche Strukturen vorhanden sein. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass z. B. der Habicht keine optimale Ausgangssituation mit Aufhakmöglichkeiten vorfindet. Blühstreifen, Zwischenfrüchte oder auch Feldgehölze haben sich ebenfalls zum Auswildern bewährt, da die Fasanen dort ausreichend Äsung und Deckung sowie Möglichkeiten zum Aufbaumen finden. Getreidefelder sind für das Auswildern vor der Ernte eher kritisch zu bewerten. Es besteht die Gefahr, dass die Jungfasanen dem Mähdrescher zum Opfer fallen. An solchen Standorten sollte die Voliere erst nach der Ernte geöffnet werden.

Erster Auslauf ohne Zwerghenne

Nach einer Eingewöhnungszeit von etwa zwei Wochen wird die Voliere geöffnet. Zuerst verhindern jedoch Stäbe, dass die Henne den Jungfasanen folgen kann. Diese lockt die Fasanen immer wieder zurück zur Voliere, sodass sie sich langsam an die Freiheit gewöhnen können. Nach weiteren zwei bis drei Wochen wird die Voliere schließlich vollständig geöffnet, sodass die Henne mit den Jungfasanen ziehen kann. Das Huhn kehrt jedoch meist immer wieder zur Voliere zurück, wodurch die Jungfasanen an den Auswilderungsort gebunden werden. Erst nach und nach löst sich die Familiengruppe auf, wobei die Fasanen zumeist aber im weiteren Umfeld der Voliere bleiben.
Während die ausgewilderten Fasanen zu Beginn unbedarft auf dem Volierendach oder ähnlich exponierten Stellen aufbaumen, ändert sich dieses Verhalten schlagartig, wenn der erste Angriff durch Greifvögel oder Raubwild erfolgt ist bzw. wenn der erste Jungfasan aus der Gruppe gerissen oder geschlagen worden ist.
Um Erkenntnisse über die Überlebensrate der ausgewilderten Fasanen zu erhalten, wurden 30 Fasanen mit GPS-Sendern versehen. Rund drei Wochen nach dem Entlassen in die freie Wildbahn ließ sich anhand der Signale feststellen, dass noch alle 30 Jungfasanen leben. Auch im kommenden Jahr sollen weitere Jungfasanen besendert werden. Des Weiteren wurden Klammern an den Schwingen der Jungfasanen befestigt, sodass sie eindeutig erkannt werden können, wenn sie wieder aufgefunden werden, sei es durch Fang oder auch als Fallwild.
Gefüttert werden die Küken in den ersten vier bis fünf Wochen mit dem Putenprestarter „P1“, das zum einen mehr Eiweiß enthält und zum anderen fein granuliert ist und somit von den Küken gut aufgenommen werden kann. Anschließend wird das Putenfutter „P3“ verfüttert, das mit Getreide vermengt auch noch anfangs nach dem Auswildern angeboten wird. Werden die Küken nur mit Getreide gefüttert, kommt es zum Federpicken, was zumeist Ausdruck von Mangel an Eiweiß in Futter ist.
Im September/Oktober werden die Volieren wieder abgebaut und können durch die modulare Bauweise gut eingelagert werden. Ein Großteil der Zwerg-Wyandotten-Hennen kann spätestens dann wieder eingefangen werden. Nachdem die Grünröcke im vergangenen Jahr mit drei Auswilderungsvolieren angefangen haben, wurden in diesem Jahr bereits sieben aufgestellt. Insgesamt wurden bislang 250 Jungfasanen ausgewildert.
IF


Die Broschüre zum "Höckeler Modell" finden Sie hier.

Einen Bauplan für Volieren finden Sie hier.