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Hirschbrunft: Verführte Recken

Steht ein Hirsch im engen Einstand plötzlich auf den Ruf zu, muss er schon an sicheren Geweihmerkmalen als der „Auserwählte“ erkennbar sein. Sonst liegt schnell der Falsche auf der Strecke.


Die Jagd auf den Brunfthirsch unterliegt einem eigenen Zauber und zieht den Jäger, der sie einmal erleben durfte, stets aufs Neue in ihren Bann. Das Ziel ist dabei meist, der starke und alte Rothirsch. Jedoch sollte man nicht denken, dass es so einfach sei, während der Brunft des Rotwildes einen bestimmten alten Hirsch zu strecken. Sicherlich meldet dieser und verrät dadurch unvermittelt seinen Standort, doch ist er dabei auch meist permanent in Bewegung. Oft heißt es dann: Schnell handeln und seine vielleicht einzige Chance nutzen, um ihn beim Ein- oder Auswechseln oder auf dem Brunftplatz erlegen zu können.

Wie in vielen Bereichen der Jagd lässt sich auch für die Erlegung eines alten Hirsches in der Brunft keine Regel aufstellen. Vielmehr ist auch hier jede Situation neu, da jedes Revier seine Eigenheiten wie Windverhältnisse, Verlauf der Wechsel, saisonale Bevorzugung von Einständen und Äsungsflächen, Wasserangebot und Ruhezonen hat und auch das Wild sich nicht überall und jederzeit gleich verhält. Doch gerade darin liegen der große Reiz und die Schwierigkeiten, die eine solche Jagd ausmachen. Um selbst zu Schuss zu kommen oder sogar ebenso erfolgreich einen Gast zu führen, bedarf es einer gehörigen Portion Erfahrung, Ortskenntnis und Gespür für die zu bejagende Wildart – und eben auch das berühmte Quäntchen Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Am verlässlichsten kommen wir noch zum Ziel, wenn wir, sobald sich der gesuchte Hirsch am Brunftplatz eingestellt hat, frühmorgens mindestens eine Stunde vor Büchsenlicht an Ort und Stelle sind, um zu verhören. Der richtig alte Hirsch meldet nur hin und wieder eher verhalten und schreit nicht ununterbrochen. Oftmals kann der verhörende Jäger nun auch akustisch verfolgen, dass der Gesuchte noch bei Dunkelheit mit einem oder wenigen brunftigen Stücken, manchmal auch allein, sich mehr und mehr vom Brunftplatz entfernt und über Umwege dem Tageseinstand entgegenzieht.

Vorsicht: mittelalte Hirsche!

Kommt der Jäger jedoch erst kurz vor Einsetzen der Morgendämmerung an den Brunftplatz, erwartet ihn manchmal zwar ein wahres Platzkonzert gut schreiender Hirsche. Reicht das Licht zum Ansprechen aus, ist die Enttäuschung aber groß, statt des Gesuchten nun einen gut meldenden Beihirsch beim Rudel anzutreffen. Bei den eifrigen Schreihälsen auf dem Brunftplatz handelt es sich vielmehr um die voll im Saft stehenden mittelalten Hirsche, die auch keiner Rauferei aus dem Wege gehen. Sie stoßen zum Rudel, wenn der alte Platzhirsch in den Einstand gezogen ist, und halten morgens sogar relativ lange auf dem Brunftplatz aus. Stets versuchen sie, ständig das Rudel umkreisend, zu verhindern, dass das Kahlwild den Wald annimmt. Denn auf der Freifläche kann ein Augentier wie der Hirsch logischerweise seinen Harem anders kontrollieren als im Bestand.

Nur wenn wir also lange vor Tau und Tag am Ort des Geschehens sind und entsprechend beobachten und lauschen, bemerken wir, wann der Platzhirsch beginnt, einzuziehen. Jetzt haben wir, eine entsprechende Ortskenntnis vorausgesetzt, immer noch die Zeit und Möglichkeit, ihm eventuell den Weg abzuschneiden, um ihn dann auf dem bekannten Wechsel schussgerecht abzupassen, wenn er allein oder mit einem brunftigen Stück gen Einstand zieht. Nicht selten ist er aber auch dort schon durch, bevor die Lichtverhältnisse ein Ansprechen und Schießen zulassen, sodass uns jetzt eigentlich nur noch die Möglichkeit bleibt, von einer erhöhten Ansitzeinrichtung in den Einstand blicken zu können und so zum Schuss zu kommen.

Am Hirsch dranbleiben!

Diesem alten Kämpen sind die vielen Brunftkämpfe deutlich anzusehen.


Zur Zeit der Hochbrunft, wenn der Hirsch fest beim Kahlwildrudel steht, steigen die Aussichten wieder, den „Alten“ doch noch zu erlegen. Manchmal glückt es jetzt, ihm die Kugel bereits vom Ansitz am Brunftplatz aus anzutragen, wenn er abends noch bei ausreichendem Büchsenlicht hinter dem Kahlwild erscheint oder morgens erst verspätet einzieht.

Wer jedoch auf einen wirklich alten Kämpen erfolgreich sein will, darf sich in der Hochbrunft nicht allein darauf verlassen, den gesuchten Hirsch am Brunftplatz ersitzen zu wollen. Die Zeit, in der der Hirsch fest beim Rudel steht, ist manchmal verblüffend kurz. Nicht selten sind die Karten beim nächsten Ansitz schon neu gemischt, will heißen, ein anderer Hirsch hat den Gesuchten abgeschlagen und zum Ausweichen gezwungen, er verlässt das Rudel konditionsbedingt oder hat sich mit einem brunftigen Stück lieber in den schützenden Einstand verzogen.

Vielmehr machen wir es uns – wohl gemerkt an den richtigen Tagen – in der Hochbrunft zur Regel, unter Ausnutzen von Wind und Örtlichkeit zu versuchen, wo immer es geht an dem Hirsch dranzubleiben. Selbst das ist bei wirklich alten Hirschen manchmal extrem schwierig, da sie im Regelfall nur sporadisch, relativ verhalten und mit langen Pausen melden. Das macht es nicht gerade leicht, ihren Standort zu verfolgen und so eine Jagdstrategie aufzubauen.

Problematisch bei diesen Pirschgängen sind weder der brunftende Hirsch selber noch der eine oder andere womöglich vertretende Beihirsch, sondern vielmehr das überall aus dem Nichts auftauchende sehr vorsichtige und immer aufmerksame Kahlwild, was einem nach mühevoller Pirsch letztendlich doch noch einen Strich durch die Rechnung machen kann.

Von Locken bis „Verlocken“

Wohl dem, der es gelernt hat, richtig mit dem Hirschruf umzugehen. In dieser Phase der Brunft kann der Einsatz von Tritonmuschel, Herakleumrohr oder Eifelruf sehr hilfreich sein, den im Einstand noch unsichtbaren Hirsch wenigstens kurz zum Zustehen zu bringen. Doch bis der Umgang mit diesem Lockinstrument zweifelsfrei den Erfolg – untermalt mit einer wahren Dramatik – beschert, bedarf es nicht nur reichlich Übung, sondern vielmehr eines besonderen Erkennens der momentanen Gefühlslage des Hirsches. Von vagen Experimenten nahe am Hirsch im Einstand ist Ungeübten im Ernstfall eher abzuraten, denn das Vergrämen des alten Knaben ist ansonsten vorprogrammiert.

Ein weiteres Problem ist das schnelle und exakte Ansprechen des abrupt zustehenden Hirsches auf die nahe Distanz innerhalb des dichten Einstandes. Ist der Hirsch nicht bestens bekannt oder verfügt über augenfällige Geweihmerkmale, kann leicht ein falscher Hirsch zur Beute werden.

Deutlich unkomplizierter ist die Sache, wenn es uns gelingt, den Hirsch mit dem Ruf auf dem Brunftplatz zu halten oder ihn, wenn er bereits einzieht, wieder zum Rudel zurückzuholen. Aber auch dazu gehört viel Erfahrung und eine genaue Einschätzung vom Verhalten des Brunfthirsches. Denn nur, wenn auch wirklich hochbrunftige Stücke beim Rudel stehen, wird es uns gelingen, den Hirsch an Ort und Stelle zu halten und ein Wegziehen hinauszuzögern.

Absolut unsinnig ist es, den Hirsch bereits bei Dunkelheit anrufen zu wollen. Steht er dann nämlich zu, sieht man ziemlich hilflos aus und kann eigentlich nur darauf warten, dass er einen umschlägt, dann zwangsläufig in den Wind kommt und schreckend abspringt.

Mit Mahnen zum Erfolg

Beim Anschreien des Hirsches wählt man eine nicht zu grobe Stimme, sondern versucht lieber, einen jüngeren, schwächeren Beihirsch zu imitieren, der sucht. Darauf steht der Platzhirsch viel eher zu als beim Ruf eines starken Rivalen. Sonst könnte es passieren, dass der Hirsch verstummt und mit dem Kahlwild ausweicht und einzieht.

Deutlich mehr Erfolg habe ich mit dem Mahnen, dem nasalen Stimmfühlungslaut des Kahlwildes. Stimmt der Hormonspiegel beim Hirsch, steht er in der Regel sofort zu, da er annimmt, ein Stück Kahlwild "vergessen" zu haben. In Verbindung mit einem leisen Knören und kurz angesetztem Trenzen wirkt das Mahnen noch wesentlich mehr. Der Hirsch vermutet einen treibenden Beihirsch, der ein Stück vom Rudel getrennt hat, und erscheint ganz sicher wieder. Mir ist es auch schon gelungen, einen sehr alten Hirsch, der morgens noch im Dunkeln einziehen wollte, über mehrere Stunden an der Waldkante in einem kleinen Erlenbruch mit Schilfbestand nur mit Mahnen so lange zu beschäftigen, bis der Kollege mit dem Jagdgast anpirschen und den Hirsch erlegen lassen konnte.

In Rumänien verärgerte ich zwei Brunfthirsche, die auf einem Plateau brunfteten und lediglich durch eine kleine Schlucht getrennt waren. Im ausgetrockneten Bachgrund dieser Schlucht lagen der rumänische Kollege und ich. Während ich durch Mahnen und den ein oder anderen Trenzer die Stimmung anheizte, schrien die beiden Hirsche sich über unsere Köpfe hinweg regelrecht an. Ich reizte durch intensiveres Mahnen die ganze Situation derart aus, bis der eine, ein alter Eissprossenzehner, unvermittelt den Steilhang in die Schlucht aufsuchte und uns annahm. Auf weniger als 50 Schritte wurde ich die 9,3 auf den spitz herunterstürzenden Hirsch los, der letztlich sich überschlagend bis vor unsere Stiefelspitzen rollte. Ein nicht gerade kapitaler Hirsch, aber ein an Dramatik wohl kaum zu überbietendes Erlebnis wird jedes Mal, wenn ich die Trophäe an der Wand betrachte, wieder lebendig!

Auch mit anderen Geräuschen kann man den anwechselnden Rivalen nachahmen. Mit einem starken Ast oder einer mitgebrachten Abwurfstange lässt sich so das Schlagen mit dem Geweih an einem Bäumchen markieren.

Beim Jäger, der mit dem Hirschruf arbeitet, gehört viel Gefühl für den richtigen Augenblick und ebenso viel Gespür für den richtig gewählten Schrei dazu, wenn der Ruf erfolgreich sein soll. Aber wie überall im weiten Bereich der Ruf-, Lock- und Reizjagd muss auch der Hirsch eben wollen! Das ist selbst bei bestem Können und perfektem Beherrschen des Hirschrufes keineswegs immer der Fall. Die Jagd mit dem Hirschruf ist komplett anders als das Blatten auf den Rehbock, wo wir mithilfe des Brunftlautes eines weiblichen Stückes den Rehbock verführen wollen. Dass dieser darauf ganz anders reagieren muss, als der Hirsch auf den Ruf eines Rivalen, ist daher völlig klar. So ist folglich auch der Erfolg auf den angewandten Hirschruf weit weniger sicher und berechenbar. Das sollte der Hirschjäger nie vergessen.

Der Zauber, der von der Brunft des Rotwildes ausgeht, zumal wenn man sich mitten im Geschehen befindet, ist immer wieder spannend und faszinierend zugleich. Jede Sekunde wird zu einem unvergesslichen Erlebnis, das bis ins tiefe Innere des Jägers vordringt.


Wildmeister Matthias Meyer Als Berufsjäger leitet er den Jagdbetrieb in der Fürst zu Oettingen-Spielberg’schen Forstverwaltung in Oettingen/ Bayern. Er ist außerdem erfahrener Schweißhundeführer und langjähriger PIRSCH-Autor.
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