Home Praxis Grünes Band: Jagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Grünes Band: Jagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Hochsitz-am-Schuetzengraben © Kathrin Führes

Tag der deutschen Einheit, 5:20 Uhr: Während die meisten Menschen den freien Tag zum Ausschlafen nutzen und noch selig in ihren warmen Betten schlummern, machen wir uns auf den Weg. Wir wollen die Wieder­vereinigung heute einmal anders begehen. Kein Stern scheint durch die dicke Wolkendecke. Tropfen fallen auf den kalten Boden. Trotzdem versuchen wir unser Glück auf Sauen. Mit einem ATV geht es ins Revier. Es braucht fahrerisches Können, um die steilen Hänge sicher zu bewältigen. Mit den meisten Autos wäre man hier völlig aufgeschmissen. Kaum vorstellbar, dass vor vielen Jahren ganz andere Fahrzeuge die massiven Betonplatten passiert haben.

An der Gittermast, so heißt der Stand, der mir heute zugewiesen wurde, angekommen, erklimme ich den sieben Meter hohen Sitz. Ich versinke in die völlige Ruhe des Thüringer Waldes. Es ist ein komisches Gefühl zu wissen, dass bis vor nicht einmal 30 Jahren in meinem Rücken eine undurchdringbare Barriere stand. Eine Barriere, die nicht nur die Landschaft zerteilte, sondern auch viel Leid über die Menschen brachte und einigen sogar das Leben kostete. 

Ein stummes Mahnmal in grüner Umgebung

Gruenes-Band-heute © Kathrin Führes

Links neben dem Plattenweg befindet sich das ehemalige Grenzgebiet und heutige Grüne Band.

Das 461 Hektar große Jagdrevier von Hannes, bei dem ich zu Besuch bin, umfasst den Grenzbereich zwischen Bayern und Thüringen. Auf fünf Kilometern Länge zieht sich die ehemalige innerdeutsche Grenze durch sein Revier. Und ich sitze an diesem trüben Morgen, keine dreißig Meter von der ehemaligen Grenzanlage entfernt. Jene Grenze, die mit Minen, Selbstschussanlagen und Wachtürmen gesichert war. Der graue Kolonnenweg, auf dem wir zur Kanzel gefahren sind und den die DDR-Grenzer für Kontrollfahrten nutzten, schlängelt sich wie ein stummes Mahnmal durch die grüne Umgebung. Vom ehemaligen Spurensicherungsstreifen, im Volksmund auch Todesstreifen genannt, ist nicht mehr viel erkennbar. Die Natur hat sich im Laufe der vergangenen Jahre all das zurückgeholt, was lange mit Giftmitteln totgespritzt wurde. Wo einst ein monotoner Sandstreifen war, begleitet jetzt ein grüner „Urwald“ die Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Statt Tod das blühende Leben.

Infoschild-gruenes-Band © Kathrin Führes

Info-Schilder warnen vor der Gefahr im ehemaligen Todesstreifen.

Todesstreifen noch immer tödlich

Um halb neun baume ich ab. Außer einer Geiß in weiter Entfernung zeigt sich heute morgen kein Wild. Auch meine Mitjäger hatten keinen Erfolg. Das Wild scheint bei dem nass-grauen Wetter keinen Elan zu haben, die Dickungen zu verlassen. Besonders der ehemalige Todesstreifen ist als Rückzugsort beliebt. Denn trotz sorgfältiger Räumungsmaßnahmen kann nicht sichergestellt werden, dass tatsächlich alle Minen gefunden und beseitigt wurden. Für rund 33 000 Minen gibt es keine Räumprotokolle.

Auf 42 Einzelflächen entlang der ehemaligen Grenze in Thüringen besteht noch immer ein „erhöhtes Restrisiko“. Und genau eine dieser Flächen liegt hier im Revier. Neben Holzminen, die im Laufe der Jahre wohl durch Witterungseinflüsse in ihre Bauteile zerfallen sein dürften, wurden zu Zeiten der deutschen Teilung auch Plastikminen, die PPM-2, vergraben. Die Minen erinnern an harmlose graue Rauchmelder. Mit 130 Gramm TNT enthalten sie jedoch eine explosive Ladung. Töten sollten die Plastikminen nicht. Die Flüchtigen sollten nur schwer verletzt werden, um sie dann verhaften zu können. Doch Plastik überdauerte nicht nur die Zeit der Teilung, auch Jahrzehnte nach Grenzabbau können die Sprengfallen gefährlich sein. Eine falsche Bewegung, und ein weiteres Opfer geht auf das Konto des SED-Regimes. Warnten früher Schilder mit „Achtung – Minen – Lebensgefahr“ vor der Bedrohung, sind heute nur noch vereinzelt Infotafeln mit dem Hinweis zu finden. Die Jäger nehmen es trotzdem ernst.

Um Teile des Streifens  betreten zu können, nutzen sie das Wild. Nur auf ausgetretenen Wildwechseln, auf denen schon gefahrlos Schwarzwild und Rotwild zog, bewegen sie sich durch den alten Spurensicherungsstreifen. Vom Weg abkommen, das riskiert hier niemand leichtfertig. Ganz anders sieht es jedoch bei den Pilzsuchern aus, erzählt Christoph, Hannes’ Sohn, mit einem Kopfschütteln. Entweder aus Unwissenheit oder purer Ignoranz – auf der Suche nach Schwammerl begeben sich hier immer wieder Menschen in Lebensgefahr. Aber abgesehen davon herrscht im Streifen Ruhe. Das weiß auch das Wild und nutzt den grünen Urwald als Ruhezone.

In den ersten Jahren nach Mauerfall gab es Füchse ohne Ende

Durch den Grenzbereich zieht sich auch ein Wasserlauf, der in einem kleinen Teich mündet. „Der wäre ideal für die Entenjagd“, erzählt der passionierte Jäger. Aber niemand traut sich, den Teich freizuschneiden. Aus Angst, dass ­Antipersonenminen dorthin gespült sein könnten. Als klassisches Hochwild-Revier kann sich die Entenstrecke trotzdem sehen lassen. Im Revier gibt es noch einen zweiten Teich. Auch der hat eine bewegte Grenzgeschichte. Ursprünglich gehörte das Gewässer zu der Ortschaft Korberoth. Da der Ort jedoch zu nah am Eisernen Vorhang lag, wurden die Bewohner zwangsenteignet und ausgesiedelt, die Höfe dem Boden gleichgemacht. Nur der Teich blieb übrig und wird heutzutage von Enten gerne als Zwischenstation angeflogen. Die Jäger freut’s.

Auch das Raubwild fühlt sich im Grenzgebiet wohl. In den ersten Jahren nach dem Mauerfall gab es Füchse ohne Ende. Denn Teil der Grenzanlagen waren auch Fahrzeugsperren. Diese schräg in einem Graben aufgestellten Betonplatten sollten verhindern, dass ein LKW den Zaun durchbricht. Im Laufe der Zeit bildete sich darunter ein weit verzweigtes Höhlennetz. „Das war ein einziger Fuchsbau“, erzählt Hannes, der das Revier seit 1991 gepachtet hat. „Alleine im ersten Jahr haben wir 36 Füchse auf fünf Kilometern gesprengt.“ 

Schon während der Teilung ging Hannes in der Grenzregion auf die Jagd. Auf bayerischer Seite besaß er einen Begehungsschein. Bis auf rund 50 Meter durften sich die Jäger der Grenzanlage nähern. „Heute kann ich es ja erzählen“, schmunzelt er. Einmal habe er bei einer deutsch-deutschen Grenzkommission Alarm ausgelöst. Er hatte im Winter eine Sau beschossen. Der Schuss saß jedoch etwas weit hinten, sie lag nicht im Knall. „Damals war der Gitterzaun ja schon etwas löchrig, und man hat das Scheppern richtig gehört, als der Überläufer den Zaun entlang und dann durch ein Loch in den Todesstreifen hinein geflüchtet ist“, erinnert er sich noch gut. In Sichtweite sei der Schwarzkittel verendet. Er habe sich nicht getraut, auch den Todesstreifen zu betreten. Aber er war verbotenerweise bis an den Streifen herangelaufen. Und entweder seine Fußspuren, die er im Schnee hinterlassen hatte, oder seine Bewegungen blieben beim Wachpersonal nicht unbemerkt. „Es ist Alarm ausgelöst worden. Die deutsch-deutsche Grenzkommision kam zusammen, um die Grenzverletzung zu untersuchen.“ Rausgekommen sei aber nichts, die Jäger schwiegen zu dem Vorfall. 

Auch bei den Amerikanern, die auf  bayerischer Seite hin und wieder am Zaun Wache liefen, war Hannes vorsichtig. „Ich saß einmal im Winter ziemlich nah an der Grenze an und hörte Fußstapfen im Schnee. Ich dachte erst, dass  jemand von der anderen Seite kommt. Plötzlich sehe ich jedoch zwei Gestalten, rund 100 Meter entfernt, M16 geschultert und auf mich zukommend. Ich habe dann alles getan, dass die mich möglichst nicht bemerken. Bei den Amerikanern hieß es immer, dass die sehr nervös und locker mit dem Finger seien …“

 

Plattenweg-Dicke © Kathrin Führes

Die sehr witterungsbeständigen Lochplatten aus Beton sind großteils von Pflanzen durchwachsen und so fest mit dem Boden verbunden.

Im Revier sieht man noch heute, wo einst die Grenzposten zu Fuß patrouillierten. Die Pfade haben sich fest in das Gelände eingebrannt. Von den auffälligen bunten Grenzpfählen, die auch lange nach Mauerfall zwischen den Bäumen und Sträuchern standen, finden wir hingegen keinen mehr. „Die werden nach und nach alle geklaut. Man hört immer wieder, dass jemand einen Grenzpfahl im Garten stehen hat“, erzählt Christoph, als wir uns vorsichtig über einen Wildwechsel durch den Todesstreifen bewegen. Nur die grauen Betonplatten vom Kolonnenweg, die nimmt so schnell keiner mit. Mit einem Gewicht von mehr als einer Tonne werden die Steine wohl auch noch die nächsten hundert Jahre vor Ort liegen. Wir machen uns auf den Weg zu einem anderen Teil des Grünen Bandes. 

Dass die LKWs des ­SED-Regimes im Winter Probleme hatten, die steilen Hänge hinaufzukommen, glaube ich sofort. In einem unauffälligen Buchenwald, der uns mit einem roten Laub­boden empfängt, zeigt Christoph ein weiteres Überbleibsel des Kalten Krieges. In Blickweite zur Grenze zieht sich ein Geflecht aus Schützengräben durch den Bestand. Direkt am Graben steht eine dunkle Kanzel. Ein merkwürdiges Bild. Statt dem Feind im Westen wird hier heutzutage das Feld vor ­potentiellen Wildschäden bewacht. Mit 60 Prozent Feldanteil und viel Mais fühlen sich die Schwarzkittel im Grenzrevier sprichwörtlich sauwohl. Aus den früheren LPGs entstanden nach der Wiedervereinigung landwirtschaftliche Genossenschaften. Das Verhältnis zwischen Jägern und Bauern ist gut. Wildbret hilft, die Mauer zwischen Jagd und Landwirtschaft möglichst klein zu halten. Probleme von den „Ossis“ akzeptiert zu werden, hatten die „Wessi“-Jäger nach der Wiedervereinigung nie. 

Wie unterschiedlich das Waidwerk in Ost- und Westdeutschland jedoch ­während der Teilung war, daran erinnert sich Hannes noch gut. In der seinerzeitigen DDR gab es kaum Büchsen. Hauptsächlich kombinierte Waffen, ­natürlich bevorzugt von der Suhler Waffenfabrik Merkel, wurden geführt. Privat die Waffen aufzubewahren – in der kommunistischen DDR undenkbar. Neben zentraler Lagerung wurde genau Protokoll über die Menge der ausgehändigten Munition geführt.  Auch kurz nach Maueröffnung sorgte die „lockere“ Handhabung bei pri­vatem Waffen­besitz in Westdeutschland noch für Aufregung bei den Grenzposten. Mit einem Auto voller Waffen und 2000 Schuss Munition wollten Hannes und andere Jagdkumpanen die kürzlich geöffnete Grenze passieren, um einen Schießstand im Osten zu besuchen. Auf die wahrheitsgemäße Beantwortung der Frage, was die Waidmänner im Kofferraum hätten, bekamen die DDR-Grenzposten schwitzige Hände, erzählt Hannes mit einem Schmunzeln. Nach akribischer Kontrolle der erforder­lichen Papiere durften die Jäger die Reise dann aber ohne Probleme fortsetzen … 

Alte Wildwechsel wieder aufbelebt

DD-beim-stoebern © Kathrin Führes

Christoph und Drahthaar „Hummel“ auf der Suche nach einem Küchenhasen. Wenn auch nicht üppig, ein wenig Niederwild findet sich im Revier.

Als es 1991 um die Verpachtung des Reviers ging, riet man Hannes  und seinem Mitpächter dazu, einen bestimmten Bereich mitzupachten. Der „Görzenberg“ war immer ein Hauptwechsel für Rotwild gewesen. Durch die Grenze war der Wechsel jedoch lange unterbrochen, das Rotwild durch die Zäune regelrecht gegattert worden. Seit Abbau der Grenzanlagen hat das Wild den Wechsel wieder aufgenommen. Einige Hirsche konnten die Jäger seitdem dort erlegen. Auch Schwarzwild ist auf alte Wechsel zurückgekehrt, als hätte es die Teilung nie gegeben. Das Wild scheint Altbewährtes nicht zu vergessen. 

Neben Hirschen, reifen Keilern und starken Böcken haben auch andere Wildtiere  Geschmack am Grünen Band gefunden. Wildkatzen bekommt man hier genauso zu Gesicht wie Uhu und Kolkraben. Es scheint, als hätten nicht nur die Grenzjäger die Einzigartigkeit des Reviers erkannt.


Kathrin Führes geboren in Lingen, Jagdschein seit 2014, hat nach dem Abitur Forstwissenschaft an der TU München studiert und ist nun seit 2015 bei der PIRSCH.
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