Home Praxis Die vor den Grünen floh

Die vor den Grünen floh

Die Landtagsabgeordnete Elke Twesten wechselte von den Grünen zur CDU. © Elke Twesten
Die Landtagsabgeordnete Elke Twesten wechselte von den Grünen zur CDU. © Elke Twesten

Die Landtagsabgeordnete Elke Twesten wechselte von den Grünen zur CDU.

Niedersächsischer Jäger: Frau Twesten, mit Ihrem Parteiaustritt und dem anschließenden Wechsel zur CDU haben Sie die rot-grüne Mehrheit im Landtag gekippt. Die Auflösung des Parlaments war die Folge, die Landesregierung war gestürzt. Was waren Ihre hauptsächlichen Beweggründe für diesen Schritt?
Elke Twesten: Meine Entscheidung, die Grünen zu verlassen und jetzt für die CDU zu arbeiten, war die Konsequenz einer sich bereits lange abzeichnenden Entwicklung. Vor dem Hintergrund von immer wieder auftretenden inhaltlichen Differenzen in Hannover und einer offenbar inszenierten Diskreditierung meiner Arbeit vor Ort, die von Teilen des amtierenden Kreisvorstandes der Grünen gezielt vorangetrieben worden ist, habe ich mich gefragt, ob dies noch länger meine Partei ist. Schlussendlich bin ich die Sommermonate über zu der Entscheidung gelangt, nicht länger für eine Partei im Parlament sitzen zu wollen, die trotz meiner umfangreichen Vorarbeit die Signale der Menschen vor Ort aussitzt. Zuletzt wurde mir noch die Grundlage meiner Arbeit, das Vertrauen der Basis, entzogen. Als Abgeordnete war es mir nicht länger möglich, mitanzusehen, dass angesichts der für die Grünen ohnehin schlechten Umfrageergebnisse die Brisanz der Belange und Sorgen der Menschen auf dem Land von meinen KollegInnen und der Landesregierung nicht erkannt werden. Vor diesem Hintergrund ist es für jede und jeden Abgeordneten geradezu geboten, die eigene Fraktion und auch die Landesregierung auf eine sich abzeichnende Problemlage hinzuweisen, die unsere bis dato guten und in Rotenburg sogar überdurchschnittlichen Grünen Stimmenanteile gefährdet. In vielen Politikfeldern passten zudem sowohl bei den Grünen als auch bei der SPD Anspruch und Wirklichkeit nicht mehr zusammen. Vor allem bei Themen wie Fracking, der Problemlage rund um den Wolf, dem Landesraumordnungsprogramm oder auch beim Deichschutz fehlt dieser Landesregierung die Entschiedenheit, sich den tatsächlichen Erfordernissen zu widmen.

Niedersächsischer Jäger: Sie führen auch die Haltung gegenüber dem Wolf an. Wie stehen Sie allgemein dem Rückkehrer gegenüber und worin sehen Sie die größte Herausforderung im Umgang mit ihm?
Elke Twesten: Grundsätzlich ist es ein großartiger Erfolg für den Artenschutz, dass der Wolf nach Niedersachsen zurückgekehrt ist. Aufgrund des besonders strengen Schutzes jedoch wächst die Wolfspopulation rasant, um etwa ein Drittel jedes Jahr. Damit einher gehen immer häufigere Fälle von Nutztierrissen und auch die Berührungspunkte zwischen Wolf und Mensch nehmen zu. Zum Problem wird der Wolf vor allem dann, wenn er seine natürliche Scheu gegenüber dem Menschen verliert. Die Sicherheit der Menschen muss an erster Stelle stehen. Deswegen muss es vor allem gelingen, die Anzahl der Wölfe im Rahmen eines sogenannten günstigen Erhaltungszustandes zu regulieren, auch wenn derzeit niemand sagen kann und auch nicht will, wann dieser erreicht ist.

Elke Twesten (* 7. Juli 1963 in Scheeßel, Wahlkreis Rotenburg) ist Diplom-Finanzwirtin (FH) und sitzt seit 2008 im Landtag. Sie ist geschieden und Mutter von drei Töchtern. © Elke Twesten

Elke Twesten (* 7. Juli 1963 in Scheeßel, Wahlkreis Rotenburg) ist Diplom-Finanzwirtin (FH) und sitzt seit 2008 im Landtag. Sie ist geschieden und Mutter von drei Töchtern.

Niedersächsischer Jäger: Wann ist denn Ihrer Meinung nach ein günstiger Erhaltungszustand erreicht und wenn dies der Fall sein wird, sollte dann über eine Regulierung – bei Änderung des Schutzstatus‘ in den Anhang V der FFH-Richtlinie – nachgedacht werden?
Elke Twesten: Wir alle sind gehalten, das Überleben des Wolfes in Niedersachsen dauerhaft zu sichern. Es gibt Stimmen, die davon ausgehen, dass es in Deutschland Platz für ungefähr 4000 Wölfe gibt, also müssen wir und auch die für Anhang V der FFH-Richtlinie Verantwortlichen in Brüssel und Berlin uns rechtzeitig und vorausschauend überlegen, was wir machen, wenn es mehr werden sollten. Deshalb muss man bereits jetzt zur Kenntnis nehmen, dass die Schweiz den Schutzstatus für Wölfe aktuell von „streng geschützt“ auf „geschützt“ lockert. Nutztiere in Wolfsgebieten sind zwingend zu schützen. Von dieser Überlegung ausgehend, kommen wir an einem weitergehenden Kriterienkatalog als bisher nicht vorbei.

Niedersächsischer Jäger: Was ist bisher im Management falsch gelaufen?
Elke Twesten: Das Wolfsmanagement in Niedersachsen sollte einen eigentlich sicheren Handlungsrahmen bieten und Strategien aufzeigen, wie mit dem Wolf in welcher Situation umgegangen werden muss. Allen Verantwortlichen, allen voran dem Umweltminister müsste klar sein, dass die Rückkehr des Wolfes in der Öffentlichkeit nicht nur mit Freude, Interesse und sogar Zustimmung, sondern ganz klar auch mit Verunsicherung und tatsächlichen Konflikten verbunden ist. Ich habe gerade dem Umweltministerium mehrmals versucht, klar zu machen, welche Brisanz das Thema bei mir vor Ort hat – ohne Erfolg. So fokussiert sich beispielsweise das Wolfsmanagement zurzeit vor allem darauf, Präventionsmaßnahmen wie Herdenschutzhunde, Zäune und Flatterbänder einzusetzen. Zum einen ist die Intelligenz des Wolfes aber nicht zu unterschätzen und zum anderen sind einige der Maßnahmen für zum Beispiel die Deichregionen in Niedersachsen vollkommen ungeeignet. Das Thema Wolf muss zudem auch auf Bundes- und EU-Ebene eine deutlich höhere Gewichtung bekommen: Man könnte darüber nachdenken, auch den Bund finanziell in die Pflicht zu nehmen.

Niedersächsischer Jäger: Sehen Sie das Monitoring in der Landesjägerschaft gut aufgehoben?
Elke Twesten: Ja, auf jeden Fall. Ohne die Arbeit der Jäger sähe das Umweltministerium an dieser Stelle sehr alt aus. Soweit ich das beurteilen kann, macht die Landesjägerschaft in Sachen Wolfsmonitoring seit 2010 schon einen guten Job. Beim Umgang mit dem Wolf ist eine Zusammenarbeit mit den Jägerinnen und Jägern in Niedersachsen unumgänglich: Wir können auf dieses Fachwissen und die jeweilige Ortskenntnis nicht verzichten.

Niedersächsischer Jäger: Einige Interessensvertreter fordern eine Erweiterung der Liste der jagdbaren Arten. Sind Sie dafür, dass der Wolf dem Jagdrecht unterstellt wird?
Elke Twesten: Meiner Ansicht nach muss man zunächst möglichst objektiv beurteilen, was das konkret bedeuten würde. Den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen heißt nicht, dass er nach Lust und Laune abgeschossen werden darf. Verhaltensauffällige Wölfe und auch die Tiere, die trotz wolfsabwehrender Maßnahmen wiederholt Nutztiere gerissen haben, insofern auffällig geworden sind, müssen auf Basis der bestehenden Ausnahmeregelungen des Bundesnaturschutzgesetzes entnommen werden können.

Niedersächsischer Jäger: Der Abschuss von Problemwölfen darf also kein Tabuthema sein?
Elke Twesten: An oberster Stelle steht die Sicherheit der Menschen. Man darf den Wolf nicht verharmlosen, aber eben auch nicht dämonisieren. Ein Abschuss, oder eine, wie es so schön heißt, Entnahme kann sicherlich nur das letzte Mittel sein, um diese Sicherheit zu gewährleisten. Wenn diese Maßnahme bei nüchternem Blick auf die Situation unumgänglich ist, sollte das möglich sein.

Niedersächsischer Jäger: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, um mehr Akzeptanz bei Schaf- und Viehhaltern gegenüber dem Wolf zu schaffen?
Elke Twesten: Als Abgeordnete muss ich ein Gespür für die Belange der Menschen vor Ort haben: hinfahren, zuhören, abwägen und dann handeln. In den letzten Monaten und Jahren habe ich oft gehört: Wir fühlen uns mit den Problemen bei der Rückkehr des Wolfes allein gelassen. Besonders die Schaf- und Viehhalter brauchen im Fall eines Nutztierrisses Unterstützung sowie schnelle und unbürokratische Hilfe. Eine erste Maßnahme wäre es, die Beweislast umzukehren: Nicht der Halter muss per DNA-Nachweis beweisen, dass der Schaden durch einen Wolf angerichtet wurde, sondern das Land müsste beweisen, dass es nicht so war. Entschädigungszahlungen müssen sehr viel schneller und unkomplizierter erfolgen und nicht erst Monate später. Vor allem aber muss konsequent gehandelt werden, wenn Wölfe sich wiederholt auffällig verhalten und Schaden anrichten. Nur so schaffen wir es, dass der Wolf für die Tierhalter kein dauerhaftes Reizthema ist.

Niedersächsischer Jäger: Grundsätzlich: Wie ist Ihre Einstellung zum Thema Jagd? Sind in Ihren Augen die Jägerinnen und Jäger des Landes aktive Naturschützer, die in Ihrer ehrenamtlichen Arbeit stärker unterstützt werden sollten?
Elke Twesten: Ich erkenne die wichtige Rolle der Jägerinnen und Jäger beim Naturschutz an und unterstütze deren Arbeit. Jagd ist nicht nur Schießen, es gehört u.a. viel detailliertes Wissen um die Zusammenhänge in der Natur im Laufe der Jahreszeiten dazu. Ich weiß, dass der Großteil der Jägerinnen und Jäger in Niedersachsen ein echtes Interesse daran hat, unsere Natur zu pflegen, zu erhalten und zu schützen – vor allem braucht man wohl ein ausgesprochen gutes Gefühl für Hege und Pflege.

Niedersächsischer Jäger: Hatten Sie bisher Berührungspunkte mit aktiven Jägern?
Elke Twesten: Ja sicher, auf meine Initiative hin hat sich die Kreistagsfraktion der Grünen vor Jahren schon erstmals mit „unseren Jägern“ zum Erfahrungsaustausch getroffen, ich bin regelmäßig bei den Jahreshauptversammlungen unserer Verbände in Rotenburg, Zeven und Bremervörde zu Gast, einige Familienmitglieder und Freunde sind aktive Jägerinnen und Jäger und ich selbst habe schon mehr als einmal darüber nachgedacht, die Jägerprüfung zu machen.


Benedikt Schwenen ist seit 2011 bei den dlv-Jagdmedien. Der gebürtige Emsländer beschäftigt sich überwiegend mit aktuellen und jagdpolitischen Themen.
Thumbnail