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Grüne Paragrafen – braune Denke

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Ein gängiger Vorwurf von Jagdgegnern seit dem Inkrafttreten des Bundesjagdgesetzes 1953 ist, dass die deutschen Jäger damit ein nationalsozialistisches Gesetz übernommen hätten und der Kriegsverbrecher Hermann Göring der Vater dieses Gesetzes sei. Zwar ist das Reichsjagdgesetz (RJG) von dem damals zuständigen Minister Hermann Göring im Kabinett durchgesetzt worden und konnte im Juli 1934 in Kraft treten, der Inhalt aber ist bis auf das Vorwort – auch das stammt von einem Referenten – von Göring oder dem Nationalsozialismus nicht beeinflusst worden. Ganz anders sieht es beim Reichsnaturschutzgesetz (RNG) aus, das ein Jahr später direkt von Adolf Hitler erlassen wurde.

Das Jagdrecht im Deutschen Reich war bis zur Zentralisierung der Staatsgewalt am 30. Januar 1934 Ländersache, und deshalb war es bis dahin nicht möglich, ein einheitliches Jagdrecht in Deutschland zu erreichen. Während in Bayern und Preußen noch die Jagdgesetze aus der Zeit vor dem I. Weltkrieg galten, entwickelten die Länder Sachsen und Thüringen moderne Jagdgesetze, die 1925 bzw. 1926 in Kraft traten und zum Vorbild für das Preußische Jagdgesetz wurden. Preußen war in der Zeit der Weimarer Republik trotz des Drängens der Jagdverbände politisch nicht in der Lage, ein einheitliches Jagdgesetz zu schaffen, sodass dort bis 1934 die alte Preußische Jagdordnung von 1907 galt. Wilderei und Aasschützentum an Reviergrenzen konnten so nicht gebannt werden.

Der sozialdemokratische preußische Ministerpräsident Otto Braun, der selbst begeisterter Jäger war, kam den drängenden Wünschen der Jagdverbände entgegen und erließ 1929 zumindest die „Preußische Tier- und Pflanzenschutzverordnung“, die bereits einige der neuen Vorschriften des späteren Jagdgesetzes enthielt, so das Verbot des Schrotschusses auf alles Schalenwild und einen großen Teil der später im Preußischen und Reichsjagdgesetz festgelegten Jagd- und Schonzeiten.

Zersplitterte Jagdverbände

Auch unter den Jagdverbänden gab es in der Weimarer Republik eine starke Zersplitterung. Neben dem 1875 gegründeten Allgemeinen Deutschen Jagdschutz-Verein, der als konservativ galt, wurde 1920 die Deutsche Jagdkammer gegründet, die reformfreudiger war. Daneben gab es verschiedene unabhängige Landesjagdverbände. Es war der Aktivität des Geschäftsführers der Jagdkammer, Ulrich Scherping (1889 - 1958), zu verdanken, dass die Verbände 1928 zum Reichsjagdbund mit Scherping als Generalsekretär vereinigt wurden. Aus den Diskussionen dieses Verbandes wurden schließlich klare inhaltliche Forderungen an ein einheitliches deutsches Jagdrecht entwickelt.

Scherping sammelte diese Forderungen, zu denen u.a. eine einheitliche Jägerprüfung, die Pflicht zur Hege, verschärfte Schonzeiten, Abschussplanung für einige Wildarten, fachkundige Jagdbehörden und Organisationszwang für die Jäger gehörten, die später in das Reichsjagdgesetz übernommen wurden. Er zog nicht nur das thüringische und sächsische, sondern auch das polnische und rumänische Jagdgesetz als Vorbilder heran! Die fachlichen Inhalte für ein einheitliches deutsches Jagdgesetz standen so bereits vor 1933 fest und hatten in dem damaligen Nicht-Parteigenossen Ulrich Scherping einen tatkräftigen Vertreter.

Mit der Machtübernahme durch die NSDAP am 30. Januar 1933 auf Reichsebene ergab sich für die Vertreter des Reichsjagdbundes die Frage, wen man sich in dem organisatorischen Chaos der NS-Regierung als Schutzherrn suchen sollte, wobei man bereits vor der Machtübernahme zu Hermann Göring (1893 – 1946) durch Jagdeinladungen engere Beziehungen entwickelt hatte. Göring war hochdekorierter Fliegeroffizier des I. Weltkriegs, zwar zunächst noch kein Jäger, aber Bergsteiger und wirklicher Naturfreund. Er passte so erheblich besser in das gesellschaftliche Umfeld der Jäger als die Großstadtmenschen Adolf Hitler und Joseph Goebbels, die eine weltferne Volksgenossen-Romantik vertraten.

Göring suchte seinerseits mit der Zentralisierung der Staatsgewalt auf das Reich nach möglichen Ausweitungen seiner persönlichen Macht: Er schuf sich mit dem Reichsforstministerium, dem sowohl Jagd und Naturschutz unterstellt waren, in aller Eile ein neues Instrument, um der Vereinnahmung dieser Bereiche durch das Landwirtschaftsministerium oder das Kultusministerium („Naturdenkmalpflege“) zuvorzukommen. So wurde in aller Eile der Scherping-Entwurf dem Ministerial Dr. Adolf Vollbach zur juristischen Ausarbeitung übergeben und am 18. Januar 1934 als Preußisches Jagdgesetz erlassen. Göring veranlasste sofort die Ausarbeitung dieser Vorlage als Reichsjagdgesetz, das dann am 3. Juli 1934 von der Reichsregierung in Kraft gesetzt wurde. Damit hatte Göring sein Ziel erreicht, zum Reichsforst- und Reichsjägermeister mit erheblichem persönlichen Machtbereich ernannt zu werden. Die deutschen Jäger aber hatten endlich das von ihnen entworfene und erstrebte einheitliche deutsche Jagdgesetz.

Jagdfeinde Hitler&Goebbels

Hitler beim Besuch der Jagdausstellung 1937 © PIRSCH

Abweisender Pflichtbesuch: Der Vegetarier Hitler (M.) bei der Jagdausstellung 1937.

Es ist bekannt, dass Adolf Hitler und Joseph Goebbels von der „edlen Kunst des Waidwerks“ überhaupt nicht begeistert waren und sich ein nationalsozialistisches Jagdgesetz ganz anders vorgestellt hatten. Anstelle strenger ethischer Regeln wie der historischen Waidgerechtigkeit und Schutzvorschriften für seltene Wildarten hätten die Nationalsozialisten lieber eine fröhliche Volksjagd gesehen, „um auch dem ärmsten Volksgenossen seinen Anteil an deutscher Naturschönheit zu sichern“.

Beim Reichsnaturschutzgesetz kam dann aber der Nationalsozialismus voll zum Zuge. Der materielle Teil des RNG wurde von dem Studienrat Hans Klose (1880 – 1963) erarbeitet, während der juristische Teil wie im RJG von dem Ministerialrat Dr. Vollbach übernommen wurde. Beide veröffentlichten dann gemeinsam einen Kommentar zum RNG. In einem anderen Kommentar jener Zeit (Karl Asal) heißt es, das Gesetz sei der „Anwendungsfall der nationalsozialistischen Grundideen von den engen Wechselbeziehungen zwischen Blut und Boden als den Grundgegebenheiten unseres völkischen Seins.“

Bekanntlich soll die Präambel eines Gesetzes den Plan und die Zielrichtung des Gesetzgebers ausdrücken. Vergleicht man die Präambeln der innerhalb desselben Jahres (1934) erlassenen Gesetze zur Jagd und zum Naturschutz, wird schnell deutlich, dass in den beiden Gesetzen ein sehr unterschiedlicher Wind weht, obwohl beide offiziell dem Reichsjägermeister und Reichsforstmeister, dem die Naturschutzbehörde unterstellt war, zugeschrieben werden.

Im RJG heißt es: „Die Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen und die Freude an der Pirsch in Wald und Feld wurzelt tief im deutschen Volk. Aufgebaut auf uralter germanischer Überlieferung hat sich so im Lauf der Jahrhunderte die edle Kunst des deutschen Waidwerks entwickelt …“ Es wird hervorgehoben, dass es den Abschluss einer langen historischen Entwicklung darstellt.

Im RNG heißt es: „Der um die Jahrhundertwende entstandenen ‚Naturdenkmalpflege‘ konnten nur Teilerfolge beschieden sein, weil wesentliche politische und weltanschauliche Voraussetzungen fehlten; erst die Umgestaltung des deutschen Menschen schuf die Vorbedingungen für wirksamen Naturschutz.“ Das RNG konnte – nach dieser Lesart – erst geschaffen werden, als die NS-Herrschaft die „Umgestaltung des deutschen Menschen“ durchgesetzt hatte: Das heißt, seine Schaffung sei erst – und nur – durch die Nationalsozialisten möglich gewesen.

Geistiger Ahnherr des Reichsnaturschutzgesetzes

Der geistige Ahnherr des RNG war der NS-Parteigenosse Walther Schoenichen (1876 - 1956), der bis 1938 Leiter der Reichsstelle für Naturschutz in Berlin war und dann von Hans Klose abgelöst wurde. Er schrieb u.a. in seinem Buch „Urwaldwildnis in deutschen Landen. Bilder vom Kampf des deutschen Menschen mit der Urlandschaft“ 1934: „In der Wildnis reckenhafter Baumgestalten hat sich heldischer Geist germanischer Krieger immer aufs neue gestählt und gefestigt. Eine gehärtete Rasse wuchs hier heran – Geschlechter von Führern, bestimmt und befähigt, die Geschicke der Welt zu leiten. In hartem Kampf mit dem Wald schuf sich der deutsche Mensch, mit zäher Entschlossenheit vorwärtsdringend, seinen Lebensraum … Hier will uns der deutsche Wald mit seinen kühn in den Raum sich emporreckenden Säulen, mit seinen siegfriedhaften Heldengestalten erscheinen wie ein Sinnbild für das Dritte Reich deutscher Nation.“

Er gab ebenfalls einen Kommentar zum RNG heraus. Es ist verständlich, dass der ehemalige Bundesumweltminister und oberste Naturschützer Deutschlands Jürgen Trittin bei der Eröffnung des Kongress „Naturschutz und Nationalsozialismus“ am 4. Juli 2002 zu dem Schluss kam: „Das RNG war … schon qua Entstehung ein Gesetz der Nationalsozialisten.“

Während das Reichsjagdgesetz bereits 1953 durch das Bundesjagdgesetz abgelöst wurde, blieb das Reichsnaturschutzgesetz bis 1976 in Kraft, bis es durch das Bundesnaturschutzgesetz ersetzt wurde. Auch die personelle Kontinuität verdient es, zumindest angerissen zu werden, wirft man doch allzu gern jagdlichen Verbandsvertretern der Nachkriegszeit vonseiten der Jagdfeinde eine NS-Vergangenheit vor. Darum seien exemplarisch auf Seiten des Naturschutzes folgende Karrieren erwähnt:

"Große Zeit" des Naturschutzes

Das RNG wurde im Übrigen keineswegs gegen einen inneren Widerstand der Naturschützer erlassen, sondern freudig begrüßt. Der 1899 gegründete „Bund für Vogelschutz“, 1975 in Naturschutzbund (NABU) umbenannt, bejubelte 1933 die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten mit den Worten seiner Vorsitzenden: „Freudig stellen wir uns hinter den Führer, geloben, unsere ganze Kraft einzusetzen für sein hohes Ziel.“ 1934 erfolgte die Umbenennung in „Reichsbund für Vogelschutz“ zugleich mit einer Satzungsänderung, nach der nur noch „deutsche Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes“ Mitglied werden konnten.

Für den deutschen Natur- und Heimatschutz begann – wie es auch nach (!) 1945 noch gesehen wurde – eine „große“ Zeit. Das ist äußerlich gesehen richtig, aber in jener Zeit standen die Naturschützer auch in vollem Einklang mit der nationalsozialistischen Ideologie, die den Natur- und Heimatschutz als Funktion ihrer „Blut- und Boden“-Ideologie und ihrer Rassetheorie auffassten, was zumindest bis zum Kongress „Naturschutz und Nationalismus“ von 2002 diskret verschwiegen wurde.

Die Auffassung des Naturschutzes als Heimatschutz war freilich keine Erfindung der Nationalsozialisten und auch nicht der nationalsozialistischen Naturschützer, sondern entstand bereits am Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung immer stärker in die ländlichen Räume eindrang und auch die Forst- und Landwirtschaft durch Aufforstung von Heide- und Haubergflächen sowie Urbarmachung von „Ödland“ immer mehr „Natur“ verdrängte.

Man kann allerdings auch Nicht-Parteigenossen unter den Naturschützern der 1930er/ 1940er Jahre keineswegs einen Vorwurf ersparen: Im Hochgefühl, endlich (!) staatliche Anerkennung und Unterstützung zu finden, verrieten sie ihre redlichen Ideale wie den Heimatschutz, indem sie ihn nahtlos in der „Blut und Boden“-Ideologie – einschließlich Rassismus und Antisemitismus – aufgehen ließen.

Eine gleichfalls bedenkliche Reaktion aber erfolgte in den 1970er und 1980er Jahren, als die Vogelschutz/ NABU-Mitglieder aus der NS-Zeit langsam ausgestorben waren und einige Jüngere entdeckten, dass es offensichtlich einige Leichen aus der NS-Zeit im Schrank gab. Man schwenkte also völlig um auf die international populär werdende „Ökologie“ und machte Heimat und Kulturerbe zu lächerlichen Begriffen.

Leider ließen sich hier auch einige Jagdverbände zu servilem Entgegenkommen verleiten und den „Heimatschutz“ aus den Satzungen ihrer Kreisverbände streichen. Heute kündigt sich vorsichtig und außerhalb des Naturschutzes eine Rückkehr des Heimatbegriffs an, von dem selbst ein marxistischer Denker wie Ernst Bloch sagt, dass das Heimatgefühl ein unverzichtbarer Teil des menschlichen Glücks ist.

NS-Ökologie

© Wikipedia/gemeinfrei

Im gegenwärtigen Naturschutz wird auch geflissentlich übersehen, dass die Naturschutz-Ökologie in der nationalsozialistischen Pflanzensoziologie einen identischen Vorläufer hat! Heute wird immer noch geglaubt, man könne eine „potentielle natürliche Vegetation“ für bestimmte Standorte bestimmen und dann erhalten oder wiederherstellen, und betreibt mit dieser Ideologie Landschaftsschutz und Landschaftsplanung, ohne die Dynamik der Natur (Evolution) zu beachten. Ein bemerkenswertes Kapitel aus diesem Bereich ist die Tatsache, dass der Naturschutz in treuer Gefolgschaft des Führers das Großprojekt Autobahnbau zu einer Art Naturgestaltung stilisiert hatte und in diesem Sinn eifrig daran mitarbeitete. Auch für die Raumgewinnung im Osten wurden Landschafts- und Naturschützer als Raumgestalter eingesetzt – bis hin zur Begrünungsplanung des Lagers Auschwitz.

Es ist verständlich, dass der Naturschutz das Machtgefühl, das er in der nationalsozialistischen Zeit spüren durfte, nicht wieder aufgeben will. Selbst ein so überzeugter Naturschützer wie Thomas Neiss, Geschäftsführer der Stiftung Naturschutzgeschichte und ehemaliger Abteilungsleiter Naturschutz im Umweltministerium NRW, äußerte auf der Tagung „Naturschutz und Nationalsozialismus“ (2002) den Verdacht, dass es eine „geheime innere Faszination des Naturschutz für den starken Staat“ geben würde, „eine merkwürdige strukturelle Identität zwischen Naturschutz und Totalitarismus.“

Erfreulicherweise äußerte er aber auch die Hoffnung, dass die vom gegenwärtigen Naturschutz diskreditierten wertkonservativen Ideen wie der Heimatschutz für die heutige Zeit rehabilitiert werden könnten. Sollte das nicht auch für das immaterielle (Welt-) Erbe der Jagdkultur gelten? Dieter Stahmann


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