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Grimbarts Geheimnisse

Eine Dachs­schwarte mit gesamten Kopf und rotem Tuch über ein Pferdekummet geworfen galt einst zur Abwehr von Dämonen.<br>(Foto: B. Ergert)

Eine Dachs­schwarte mit gesamten Kopf und rotem Tuch über ein Pferdekummet geworfen galt einst zur Abwehr von Dämonen.<br>(Foto: B. Ergert)


Geheimnisvoll wie die Lebensweise des Dachses ist, vielfach seit alters her, das Brauchtum um diesen großen Marder. Vermutlich war es wie auch beim Biber der kunstvolle Bau und das rätselhafte Nachtleben, das die Fantasie der Menschen anregte. Sah man den Biber den Wasserdämonen benachbart, stand „Gräwing“ – so lautete der altdeutsche Beiname des Dachses – den dunklen Mächten der Erde nahe und galt als zaubermächtig. Viele Jahre schon hatte ich im Revier keine Dachse mehr gespürt. So freute ich mich, als ich Waidmannsheil auf der Jagd eines Freundes hatte, bei dem – wie die Bauern sagten – er zur Plage wird. Da lag er nun, der prachtvolle Rüde, und bot mir eine ideale Gelegenheit, die hohe Wertschätzung der Beute vor meiner Tochter, die mich begleitete, zu betonen: „Der Ranzen, oft geflickt, war stets von Beute schwer; jetzt trägt man ihn gestickt, doch ist er meistens leer!“
Gemeint ist der Jagdtaschendeckel – der „Hasensärge“ aus Dachsschwarte – in denen ein „Lampe fast spurlos verschwand“, wie Otto von Riesenthal in seinem Jagd-Lexikon 1882 schreibt. Während ich vom Pürzel her die ganze Bauchseite aufschärfe und Schnitt um Schnitt die Schwarte löse, erzähle ich von den vielfältigen Möglichkeiten, die uns mit dieser nässeundurchdringlichen Schwarte gegeben ist. Hundehalsungen, Kummet- und Kofferbezüge, Schu­he, Tornister der Jägerbataillone wurden, wertvolle Pinsel und Bürsten, werden noch heute angefertigt. Der scharfe Dachsgeruch, vor allem aus dem „Stinkloch“ – zwischen Pürzel und After –, verschaffte einst dem Tier apotropäische Geltung. Früher vermutete man, dass Grimbart während der Winterruhe seinen Kopf zwischen den Hinterläufen bis zu den Lichtern in diese Queröffnung – auch Saugloch oder Schmalzröhre genannt – steckt.
Die Drüsenabsonderungen dieses kleinen, inwendig behaarten Beutels entsprechen dem Castreum und wurden einst zu vielfacher medizinischer Anwendung empfohlen.Besondere Aufmerksamkeit wid­me ich jetzt dem Auslösen der Pranten. Sie galten als die „Hände“ des Tieres, der Menschenhand gleich, Werkzeug und Waffe, auch als Amulett, gerade beim Dachs, durch die scharfen Krallen im körperlichen Gestus ausdrucksfähig. So auch der knapp zeigefingerlange Penisknochen, den wir ausgekocht und in Silber gefasst, als Trophäe und Erinnerung ans Charivari hängen wollen. Da wir den Schädel als Trophäe ganz lassen, empfehle ich meiner Tochter einen Besuch im Bayerischen Nationalmuseum mit seiner Sammlung von Zahn- und Kieferamuletten. Besonders beeindruckend sind dort die gefassten Mardergebisse. Häufig ist Ober- und Unterkiefer mit einem Scharnier verbunden, um durch Auf- und Zuklappen die Drohung an böse Geister und die „magische Rüstung“ noch zu verstärken. Den gesamten Dachs­kopf mit aufgesperrtem Rachen, dazu ein roter Lappen mit der Schwarte über das Pferdekummet geworfen, galt einst in der Volksmeinung als wirksame Dämonenabwehr.
Vor dem Aufbrechen und Zerwirken des Raubtiers macht uns das Ablösen des Fetts mit den Stirnlampen bei Dunkelheit Probleme. So verstauen wir das einst sehr wertvolle und wichtige Heil- und Brennmittel im Rucksack. Auf dem Jagdhaus wollen wir die beiden durch einen schmalen Wildpretstreifen verbundenen Teile trennen und auslassen. Auf dem Rückweg erzähle ich noch von der Heilwirkung des Fetts, das Hildegard von Bingen als Heilmittel bei Hals- und Gelenkschmer­zen, Nabel- und Leistenbrüchen sowie Durchblutungsstörungen empfahl. Wir werden es vor allem, nach alter Familientradition – vermischt mit Reiherfett – als Lederschmiere einsetzen.