Home Praxis Grenzbock - Psychose

Grenzbock - Psychose

„Legt die Brüche waidgerecht, der schweißige Bruch am Hut ist echt“! (Foto: H.-J. Duderstaedt)


Endlich wieder draußen sein können, den Frühling erleben mit seinen frischen Farben, das Vogelkonzert in sich aufnehmen, das zu kaum einer Zeit intensiver ist, und natürlich auch wieder Beute machen dürfen – bei froher, unbeschwerter Jagd auf Rehböcke und Schmalrehe. Doch da gibt es eine unschöne, leider verbreitete Diskrepanz, welche die Freude an der Rehbockjagd weder schmälern noch ein schlechtes Gewissen erzeugen, jedoch angesprochen sein muss: die Grenzbock-Psychose! Über einer Talwiese, die ein Bächlein hälftet, liegt noch im ersten Büchsenlicht bleierner Bodennebel. An den das Bachtal säumenden Waldliseren stehen sich auf etwa 100 Meter ­Entfernung zwei Hochsitze gegenüber. Sie erinnern an die zwei feindlichen Brüder, bekannt als Burgen im ­schönen Mittelrheintal.
Als an diesem 1. Maimorgen der Bodennebel sich hebt und ein Ansprechen möglich ist, äst entlang des Bächleins, das die Jagdgrenze bildet, völlig vertraut ein Rehbock. Als ein Schuss fällt, reißt es den Bock im Feuer zusammen. Von einem der Hochsitze löst sich bald eine grüne Gestalt und nähert sich dem Bock, der gerade mal zehn Meter vom Bachrand entfernt liegt. Am gestreckten Wild stehend, lüftet der Jäger seinen Filz (wie andachtsvoll), greift sich aus seinem Rucksack das Plesshorn und schmettert weit vernehmlich „Bock tot“ in den eigentlich schönen Morgen.
Aber auch die andere Grenzkanzel ist besetzt. Das Fernglas vor den Augen, beobachtet der Nachbar – Schaum vorm „Gebrech“ produzierend – was sich vor ihm abspielt. Er hat Mühe, seinen Ärger, ja seine Wut zu unterdrücken. Statt abzubaumen und dem Nachbarn Waidmannsheil zu wünschen (was sich vermutlich entmachtend positiv auf zukünftige Grenzjagd ausgewirkt hätte), macht er sich in seinem Hochsitz immer kleiner, um nicht erkannt zu werden. Er baumt erst ab, nachdem der Nachbar längst seinen Bock geborgen und sich entfernt hat.
Solches oder Ähnliches spielt sich in deutschen Revieren am 1. Mai vieltausendfach ab. Da sitzen sich an den Grenzen gestandene Männer, im sonstigen Leben honorige Leute, mit am Hut auf weite Entfernung erkennbaren Ehrenzeichen en masse gegenüber und gönnen dem Vis-à-vis die Luft nicht zum Atmen. Vor ein paar Wochen noch saß man bei der Hegeringversammlung beim Glas Bier zusammen und versprach sich wer weiß was... Was soll nun werden aus dem gerade beginnenden Jagdjahr, wenn es vielfach so losgeht?
Die an den Grenzen nicht selbst erlegten Böcke dürsten nach „Rache“ und gute Vorsätze werden schnell vergessen. Es ist eine Psychose, die da alljährlich neu und leider ungebremst zum Aufgang der Bockjagd stattfindet. Sind es die stärksten Böcke, die immer an den Grenzen vermutet werden, oder die Einstellung „Grenzböcke sind immer richtig“, oder ist es Neid und Missgunst?
Da wird revierintern von ­warmen und heißen Grenzen geredet, was einen Zustand provoziert, den man nur als organisierte Grenzjagd bezeichnen kann. Eingeladene Gäste sind herzlich willkommen, ihren Bock haben sie jedoch gefälligst so wie der Jagdaufseher auch, „bitte nah am Feindlichen zu erlegen“. Da es grundsätzlich bei den Nachbarn immer öfter knallt als im „vorbildlich“ gehegten eigenen Revier, werden Maßnahmen ergriffen, die den Jagderfolg steigern sollen. (Verbotene) Kirrungen werden mehr und näher an die Grenzen verlegt. Rüben, Trester und andere Schmankerl sind ausgebracht, grenznah versteht sich, sobald die Äpfel gepresst und die Rüben gerodet sind!

Ernüchternde Bilanz

Bitte nur aus dem Kern des Reviers: Aus­gereifte, fein geschliffene, gut gefärbte Gehörne reifer Brunftböcke (Foto: H.-J. Duderstaedt)


Dieser Zustand ist mancherorts Fakt, da können wir uns nach außen noch so intensiv mehr als Heger denn Jäger darstellen. Er ist geeignet, sämtliche Bemühungen von Hegegemeinschaften, die stets darauf hinweisen, altes und reifes Wild heranzu­hegen als Pflicht und unser aller Auftrag, im Ansatz zu zerstören. Entsprechend sind unsere Bilanzen nach Einsatz der Bewertungskommissio­nen bei allen Schalenwildarten fast ausnahmslos vernichtend! Böcke über fünf Jahre sind die Ausnahme, und in der Reifeklasse bei den Hirschen und Keilern liegen wir seit Jahrzehnten unter einem Prozent, gemessen am Gesamtabschuss beim männlichen Wild. Und das bei ­einer Schalenwilddichte, die es in Deutschland wohl noch nie gegeben hat.
Ändern kann man die Grenzbock-Psychose mit ihren Auswirkungen nur über die Einsicht einer völlig falsch angewandten Jagdstrategie. In den von mir mit Versuchscharakter geleiteten Revieren begannen wir grundsätzlich eine frühe Bejagung der Rehböcke aus dem Kern der Reviere heraus. Durch den Abschuss mehrjähriger Böcke im Kern ergaben sich frei werdende Territorien und Nischen, die von anderen Böcken erobert und behauptet wurden. Grenzböcke, die ja den Nimbus haben, etwas Besonderes zu sein, wurden so bald im Revier bestätigt und konnten dort ausreifen.
Durch die intensive Grenzjagd initiieren wir genau das Gegenteil. Die durchweg vorhandene Wilddünne dort –durch Jagddruck von zwei Seiten – wird manchen Bock aus dem Kern veranlassen, die Wilddünne im Grenzbereich zu nutzen. Ich könnte eine Reihe von Beispielen aufzählen, wo junge, bestens veranlagte Böcke, die ich aus dem Kern kannte, plötzlich an den Grenzen bestätigt wurden. Wer ernsthaft daran interessiert ist, Böcke über längere Zeit im eigenen Revier beobachten, halten und ausreifen lassen zu wollen – und ich denke, dem gilt unser aller Streben –, jagt aus dem Kern heraus und ignoriert die Grenzen. Ich habe damit nur die besten Erfahrungen gemacht und war mit unseren Böcken bei der Medaillenvergabe jedes Jahr oft doppelt vertreten! Merken die Nachbarn den nicht vorhandenen Jagddruck an den Grenzen, so meine Erfahrung, lässt ihr ­eigenes Interesse dort zu ­jagen schnell nach.
So oder so muss dieses sich alljährlich wiederholende Szenario an den Grenzen ein Ende haben. Es ist hegerischer Unfug und mit seinen Auswirkungen für das ja noch vor uns liegende Jagdjahr geeignet, Verheerendes zu provozieren. Lösen wir uns von dem Druck, „die jenseits der Grenze schießen alles tot“. Wollen wir nicht alle frohe und stressfreie Jagd genießen? Ärger und Prob­leme birgt annähernd jedes Revier in heutiger Zeit genug. Ärger auf die Jagd selbst zu übertragen, war sicher nicht Motivation, ein Revier für viel Geld zu pachten. Lernen wir schnell, bald den Irrtum einzusehen! Denn wie wollen wir ohne ein gutes transparentes Verhältnis zu den Nachbarn jagdlich Sinnvolles bewegen?