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"Es gibt zu viele Menschen"

Immer wieder zog es Werner Trense nach Skandinavien. Der Elch fiel 1970 in Norwegen. Foto: WT © WT

Immer wieder zog es Werner Trense nach Skandinavien. Der Elch fiel 1970 in Norwegen. Foto: WT


PIRSCH: Herr Trense, wie geht es Ihnen?

Werner Trense: Sehen Sie doch. Gut. Wir Mecklenburger haben da ein Sprichwort: Äten und trinken geht, und schieten kann ich auch.

PIRSCH: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Jäger auf jeden Fall überleben wird. Deshalb gäbe es stets Angriffe auf ihn...

Werner Trense: Der zivilisierte Mensch hat sich vom ursprünglichen Menschen, dem Jäger, sehr weit entfernt. Bei den Zivilisierten fehlt die Passion, zudem sprechen die Jäger eine gemeinsame Sprache, auch wenn sie sich nicht wörtlich miteinander verständigen können. Wenn ich irgendwo in der Welt unterwegs war, habe ich dort immer gejagt, meist mit einfachen Leuten. Wenn die hörten, dass ich Jäger bin, war das Eis gebrochen. Das ist wie ein Urbaustein des Jägers, der überall auf der Welt vorhanden ist. So konnte ich auch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wichtige Beziehungen mit Wissenschaftlern, Jägern bis hin zu Politikern knüpfen.

PIRSCH: Warum muss man die Natur vor Naturschützern beschützen?

Werner Trense: Der Jäger kennt die Natur, er lebt mit ihr und ist daher ein Bestandteil der Natur. Er ist der eigentliche Naturschützer! Der andere sogenannte Naturschützer nimmt sich nur einen kleinen Teil heraus - zum Beispiel den Fischotter. Dann kennt er von der Otterscheiße bis zur Haarspitze alles. Aber er denkt zum Beispiel immer noch, dass das Reh das Kind vom Hirsch ist. Man muss aber die Gesamtheit der Natur betrachten. Hinzu kommt, dass Naturschutz mittlerweile ein Riesengeschäft ist, von den Geldern wollen bestimmte „Naturschützer“ natürlich ein Stück abhaben. Bitte nicht falsch verstehen, ich unterstütze jeden, der mit Wissen und Gewissen einen Beitrag zum Erhalt unserer Biodiversität leistet. Aber gewisse Damen und Herren mit reinen Emotionen und Ideologien …

PIRSCH: ...die schaden also eher der Natur?

Werner Trense: Die Natur kann man nicht kleinkriegen - auch wenn wir schon lange weg sind, wird die Natur weiterleben. Heute haben wir aber ein großes Problem: Es gibt zu viele Menschen! Ein Beispiel: Im Jahr 1904 wuchs in der Kalahari nach den Regenschauern extrem viel Gras, es siedelten sich Hunderttausende von Springböcken an. Mehr, als die Natur dort vertragen konnte. Plötzlich blieb der Regen aus. Die Springböcke reagierten und wanderten Richtung Meer ab und sind an der Klippe zu Tausenden ins Meer gestürzt. Das meine ich - die Natur reguliert sich selbst.

PIRSCH: Momentan wird die Rückkehr des Wolfes recht ideologisch diskutiert. Nachteile und Konsequenzen werden von den Befürwortern verschwiegen. Was sagen Sie dazu?

Werner Trense: Ich freu mich drauf. Er soll kommen, sich ausbreiten, und wenn es zu viele sind, werden halt ein paar geschossen.

PIRSCH: Sie hatten ein sehr bewegtes Leben - Nordkap, Persien, Angola …viele dieser Regionen kann man heute nicht mehr so einfach bereisen. Wo würde es Sie heute hinziehen?

Werner Trense: Alles hat seine Zeit, auch meine damalige Wanderlust. Heute würde ich in Europa bleiben. Hier sind meine Wurzeln, woanders ist man doch immer nur geduldeter Gast.

PIRSCH: Und wo in Europa?

Werner Trense: Am liebsten Schweden - das ist fünfmal größer als Deutschland bei nur zehn Millionen Einwohnern. Und alles Individualisten
PIRSCH: Woran denken Sie heute gerne zurück?

Werner Trense: Das sind zwei, drei Erlebnisse. Zum einen an eine Jagd in der Mongolei, bei der mich mein Fährtensucher immer ‚Mein Sohn’ nannte. Acht Tage jagten wir zusammen in der Selenga. Am letzten Tag fragte er mich dann, wie alt ich eigentlich sei. Ich erwiderte 68 und war damit stolze zehn Jahre älter als er. Sein Gesicht werde ich nie vergessen. Am schönsten aber war der Aufbau unserer Farm in Angola. Man arbeitete mit den bloßen Händen und sah, wie es jeden Tag mehr und mehr Form annahm. Und wir genossen damals unwahrscheinliche Freiheiten, natürlich auch jagdlich. Das tollste Erlebnis hatte ich mit einer Gruppe Buschmännern, die in jede Trockenzeit zu unserer Farm zogen, und die wir dann unterstützten. Natürlich verständigten wir uns auch mit Händen und Füßen über die Jagd. Und am Ende sagten sie mir, dass, wenn ich mal einen richtig alten Elefantenbullen schießen wolle, ich ihnen Bescheid geben sollte. Das tat ich ein Jahr später. Die Buschmänner setzten mich an einer Ecke tief im Busch ab und sagten mir, dass ich dort acht Tage bleiben solle, sie würden mir einen Elefant bringen. Und tatsächlich, sie haben mir mit ihrem unglaublichen Jagdinstinkt einen alten Bullen beschert. Man kann nicht sagen, dass sie ihn mir zugedrückt haben, sondern sie haben ihn behutsam über acht Tage lange in meine Richtung „bewegt“.

PIRSCH: Wie halten Sie es denn mit Trophäen?

Werner Trense: Die beste Trophäe ist das Mittelmaß - alles andere ist Luxus. Und wie Sie sehen, habe ich ja einige Trophäen hier hängen. Trotzdem war ich nie ein Freund der Trophäen-Manie, die nach der Düsseldorfer Jagdausstellung 1954 so richtig in Gang kam. Aber auch ich war irgendwie in diesem Altersklassen-Karussell drin. Ich erinnere mich an eine Jagd bei meinem schwedischen Freund Raoul Graf Hamilton. Ich ging bei ihm auf Jagd und sollte einen Rehbock strecken. Langer Rede kurzer Sinn: Am Ende lag ein 4-Jähriger. Ich kam ziemlich bedröppelt zurück, und der Hausherr fragte mich: „Haste was?“ Ich entgegnete „Ja.“ Der Gastgeber: „Was machste für’n Gesicht?“ Ich erklärte, dass der Bock viel zu jung sei. Mein Gastgeber schüttelte nur den Kopf: „Macht nix, dafür schmeckt er besser.“ Das hat mich mit geprägt.

PIRSCH: Ihr Bayerischer Gebirgsschweißhund „Hussah“ und der Gepard „Damba“ gaben auf dem Buch-Titel von „Wild kennt keine Grenzen“ ein beeindruckendes Bild. Haben die auch zusammen gejagt?

Werner Trense: Erinnern Sie mich nicht daran. Dass ich die beiden zusammengebracht habe, bereue ich noch heute. Die beiden waren wie Geschwister und haben die Meerkatzen auf unserer Farm in Angola in Schach gehalten. Der BGS „Hussah“ hat auch kleine Antilopen wie Dik-Diks im hohen Gras aufgemüdet und Gepard „Damba“ hat sie dann geschlagen. Das klappte einfach so, das jagdliche Zusammenspiel liegt in den Genen. Dann kam aber dieser schlimme Tag. „Hussah“ kannte gefleckte Katzen nur als Spielkameraden. Der Leopard sah das irgendwie anders...

PIRSCH: Gehen wir nochmal zurück zu den Buschmännern: Die CIC Resolution in 2000, indigene Völker, die noch von der Ursprungsjagd leben, zu unterstützen, war ein wichtiger Schritt. Denn will man Jägervölker retten, muss man auch deren Grundlage - die Wildtiere - retten …

Werner Trense: Die Rettung der indigenen Völker, der Jagd und der dazugehörigen Wildtiere als ihre Grundlage ist ein ganzheitlicher Ansatz. In Berlin waren sie alle da, Inuits, Buschmänner etc. Ein südafrikanischer Professor brachte den Buschmann ‚Fat Piet’ mit. Wer die dünnen Buschmänner kennt, muss sich bei dem Namen das Lachen schon verkneifen, denn er war typisch für seine Rasse. Klein, sehnig - und er sprach nur in seiner Buschmann-Sprache mit Klicklauten. Fünf Minuten sprach er vor der Versammlung, und „sein“ Professor kam nicht mehr mit. Am Ende fasste er ‚Fat Piets’ Ansprache mit drei Worten zusammen: ‚He likes you!’ Der ganze Saal tobte.

PIRSCH: Sie haben schließlich mit 80 die Büchse an den Nagel gehängt. Warum?

Werner Trense: Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu jagen, zuerst auf Spatzen und Stare gegen Abschussprämie auf dem Bauernhof, da ich unsere Obstbäume verteidigen musste. So habe ich bis 80 lange durchgehalten. Man ist ab einem gewissen Alter nicht mehr so beweglich, die Augen spielen nicht mehr mit, da muss man schon dem Wild zuliebe aufhören.

PIRSCH: Ihre bekannte Sammlung der Hirsche der Welt ist mittlerweile einzigartig...

Werner Trense: Es gab noch zwei weitere Sammlungen, eine wurde dem Birmingham-Museum gestiftet, und das hat sie für 32 Millionen in die USA an einen Privatmann verkauft, die andere ging nach China. Meine, bestehend aus 27 Hirschen mit Verbreitungskarten, habe ich an das Museum Granitz auf Rügen gestiftet. Sie ist heute ausgeliehen an das CIC-Museum Palarikovo.

PIRSCH: Wie viele Hirsche haben Sie davon selbst zur Strecke gebracht?

Werner Trense: Das weiß ich gar nicht mehr. Aber es waren die meisten.

PIRSCH: Sie haben den Mesopotamischen Damhirsch wiederentdeckt, zu seiner Erhaltung beigetragen und vor Ort für eine Sensibilisierung der Bevölkerung gesorgt. Wie viele gibt es heute davon?

Werner Trense: Im Ursprungsgebiet etwa 150 bis 160, zudem wurden sie auch in der Türkei in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet bei Antalya angesiedelt.

PIRSCH: Damals konnte man noch nach Persien (Anm. der Redaktion: heute Iran) reisen...

Werner Trense: Ja, ein wunderschönes Land. In meinem Haus habe ich noch viele Erinnerungen an diese Reisen. Jedesmal auf der Rückreise hatte ich eine kleine Perser-Brücke im Gepäck. Und dem Zöllner habe ich immer gesagt, dass dies mein Gebetsteppich sei - und wurde durchgewunken. Heute liegen hier sechs Stück. Dieser wunderschöne, riesige Perser-Teppich, auf dem wir sitzen, hatte es mir bei einem Besuch angetan. Er kostete damals stolze 40.000 Mark. Das war zu viel für einen armen Studenten. Der Teppichhändler blickte mich an und fragte ‚Allmani?’ Ich sagte ja, und schon war das Geschäft per Handschlag besiegelt. Der wildfremde Mann hatte so viel Vertrauen in uns Deutsche, dass er sich darauf verließ, dass er sein Geld bekommt. Zehn Jahre lang habe ich den Teppich abbezahlt.

PIRSCH: Sie waren 27 Jahre CIC-Generalsekretär - und mögen eigentlich keine Verbände...

Werner Trense: Der CIC war bei seiner Gründung fachlich sehr gut aufgestellt, dann kam der Zweite Weltkrieg, danach ging es wieder an den Aufbau. Die weltweite Vernetzung mit Wissenschaftlern war dabei der Grundstock, um später auch wissenschaftlich beweisen zu können, dass Jagd als nachhaltige Nutzung Naturschutz in seiner reinsten Form ist. Ohne wildbiologische Fakten reden wir wie die Menschen, denen die Jagd ein persönliches Ärgernis ist, aus dem Bauch.

PIRSCH: Und haben dank Ihrer preußischen Tugenden viele Freunde im In- und Ausland gewonnen...

Werner Trense: An eine schöne, wenngleich im ersten Moment schockierende Ansprache erinnere ich mich gern zurück. Der damalige ungarische Verteidigungsminister hielt eine Tischrede auf mich. „Sie haben Ungarn vor zehn Jahren versprochen, dass Sie diverse Projekte verwirklichen. Vor acht Jahren haben Sie die Versprechungen wiederholt, vor sechs Jahren noch ein weiteres hinzugefügt. Vor vier Jahren wollten Sie diesen Ansatz weiter verfolgen, und vor zwei Jahren habe Sie noch ein neues Ziel definiert.“ Wir alle hatten einen Kloß im Hals. Der Minister führte weiter fort: „Herr Trense: Sie haben es nicht nur versprochen, … sondern alles gehalten und noch übertroffen.“ Sie glauben gar nicht, wie mir und der CIC-Delegation ein Stein vom Herzen fiel. Das wurde noch eine feucht-fröhliche Nacht...
PIRSCH