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Gänsejagd im Moor

Still ruht der See: Doch gleich werden Gänse und Enten auf ihm einfallen.


Die Einstellung zu Mooren hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert. So werden die lebensfeindlichen Biotope nicht nur wegen ihrer seltenen dort lebenden Arten, sondern auch als CO2-Speicher geschätzt. Statt sie auszubeuten, werden viel Moore heute wiedervernässt und mit Betretungsverboten belegt. Das soll dafür sorgen, dass das sensible Torfmoos wieder Fuß fassen kann. Trotz aller Schutzmaßnahmen wächst die Torfschicht auch heute maximal einen Millimeter pro Jahr! So auch im Stapeler Moor. Das Gebiet gehört zum 1155 Hektar umfassenden Naturschutzgebiet „Stapeler Moor und Umgebung“, zu dem neben ihm auch die Naturschutzgebiete „Herrenmoor“, „Lengener Meer“ und das „Spolsener Meer“ gehören. Wer das Stapeler Moor besichtigen möchte, um beispielsweise Sonnentau, Torfmoos und mit ein wenig Glück Sumpfohreulen zu bewundern, muss sich einer geführten Tour anschließen. Auf speziellen Eichenbohlenwegen kann der Besucher dann ein wenig Moor atmen.

Näher dran ist man nur als Ranger oder Jäger – der Ostfriese Johann Gerdes ist beides. Am Rande des Moors aufgewachsen, kennt er sich in dem Gebiet aus, wie kaum ein Zweiter. „Hier habe ich meinen ersten Birkhahn geschossen“, sagt er beiläufig, als er seine Jagdfreunde mit geschulterter Flinte über eine kleine Holzbrücke führt. „Früher saßen die Birkhühner hier auf den Bäumen wie heute die Krähen.“ Doch mit jeder Lore Torf, die das Gebiet verließ, starb das Birkhahnrevier ein bisschen mehr. Irgendwann war auch der letzte Hahn verschwunden. Zwar wird das Moor seit einigen Jahren wiedervernässt, die Birkhühner wird das aber nicht zurückbringen, ist sich der 67-jährige Niedersachse sicher.

Jagdpächter Johann Gerdes kennt 
das Moorrevier wie kein Zweiter. © CS

Jagdpächter Johann Gerdes kennt das Moorrevier wie kein Zweiter.

Mit dem Mückenschleier am Moorsee

Was früher die Birkhühner waren, sind heute die Enten und Gänse. Im Gegensatz zu den scheuen Raufußhühnern werden es von Jahr zu Jahr mehr. Neben Graugänsen brüten inzwischen auch Kanada- und Nilgänse im Revier. Während sich die Jäger über die Kanadier freuen, denn sie liefern spannendes Weidwerk und schmackhaftes Wildbret, sind die Afrikaner ungeliebte Unruhestifter. „Wo die brüten, verschwinden die Enten“, erklärt Gerdes. Als wir das Ufer des kleinen Moorsees erreichen, stellt er seinen Jagdfreund Klaus mit Labradorrüden „Basko“ ab. „Hier sind die Kanadagänse gestern eingefallen“, erklärt der Jagdpächter kurz, zeigt auf die offene Wasserfläche und wünscht Weidmannsheil. Dann führt er mich und Jochen zu den Ständen, die hinter ein paar brusthohen Birken liegen. Das vom Torf gefärbte Wasser wirkt in der Abendsonne wie flüssiges Blei. Ein Schoof Krickenten streicht über uns hinweg. Doch sie schenken unserem Gewässer keinerlei Beachtung. Als sie die Mitte des Moores erreicht haben, legen sie die Schwingen an und stürzen sich in die Tiefe.

Mit dem Fernglas hält der Jäger nach Graugänsen Ausschau. © CS

Mit dem Fernglas hält der Jäger nach Graugänsen Ausschau.

Tarnung ist wichtig

Meine Begleiter sind mit ihren Tarnjacken und den Mückenschleiern kaum zwischen den Büschen zu erkennen. Das ist wichtig. Graugänse sind sehr misstrauisch. Obwohl die Grauen die vergangenen Tage das Gewässer willig angenommen haben, reagieren sie auf Störungen sensibel. Helle Gesichter auf dunklem Grund sind für sie eindeutige Warnsignale! Kanandagänse sind etwas „einfältiger“, ganz zu schweigen von den Nilgänsen. Die Ägypter streichen gern als Paar. Fällt einer der Partner, kommt der zweite oft sogar zurück. Wer aufpasst und gut schießt, bekommt dadurch oft auch den zweiten Vogel.

Die ersten Graugänse fallen

Mit Vollgas zum Stück: Im Moorwasser sind die Labradore in ihrem Element.


Als das Licht soweit geschwunden ist, dass die Nachbarschützen kaum noch zu erkennen sind, streichen tatsächlich zuerst zwei Nilgänse an. Kaum über dem etwa 80 Meter entfernten Birkenwäldchen, gehen sie in den Gleitflug über. Während wir den beiden mit den Augen folgen, zuckt am Nachbarstand das Mündungsfeuer einer Flinte. Klaus’ Weicheisenschrote (12/70, Rottweil Steel, 32 g) haben ihr Ziel gefunden. Während die zweite Gans 80 Meter weiter auf dem See einfällt, plumpst die beschossene nahezu lautlos ins Torfmoos. Schon streichen 20 Graugänse heran. Doch die scheinen ein anderes Ziel zu haben. In 100 Metern Höhe streichen sie über unsere Köpfe hinweg.

Mit feinen Schroten Weidmannsheil

Es müssen nicht immer getarnte Selbstladeflinten sein. Mit Bockflinte (Beretta DT 10 mit 76er Laufbündel) und Kupferschroten ist der Jäger bestens fürs Wasserwild gerüstet.


Kaum unseren Blicken entschwunden, rauscht es schon wieder in der Luft. Als ich mich umdrehe, erkenne ich zwölf Gänse, die geradewegs auf mich zuhalten. So geschwätzig ihre Artgenossen waren, so still streichen sie heran – keine 15 Meter über dem Moor. Kaum gesehen, reiße ich den Schaft an die Wange. Wie auf dem Parcours tausende Male trainiert, folgt die Mündung dabei der Beute. Als die hölzerne Schaftkappe die Stelle zwischen Schulter und Brustmuskel erreicht und das Korn die Gans überholt hat, fällt der erste Schuss. Dank des 76 Zentimeter langen Laufs läuft die Beretta DT 10 wie auf Schienen. Schon bin ich vor der zweiten Gans, die im Knall genauso schnell fällt wie die erste. Ich freue mich, dass die neuen Kupfer-Schrote (12/70, Rottweil Copper Unlimited, 34 g) gehalten haben, was sie auf den Anschussscheiben versprochen haben. Die Deckung ließ weder auf 20 noch auf 35 Meter zu wünschen übrig. Ganz im Gegenteil, die Einschläge waren gut verteilt. Doch das heißt noch lange nicht, dass dann auch Gänse fallen. Denn Deckung ist nicht alles. Gerade bei Gänsen kommt es wegen der harten Schwingen und des dichten Federkleides auch auf ein bisschen Durchschlagskraft an. Wenig Zweifel hatte ich daran, dass Schrotgröße 5 für Gänse genügt. Unzählige Gänse wurden bereits mit 2,6- und 2,75-Millimeter-Schroten (Blei) erlegt. Schlechte Erfahrungen habe ich nur mit Schroten gemacht, die stärker als 3,7 Millimeter waren. Um mit diesen erfolgreich zu sein, muss zu Kaliber 12/89 Magnum und entsprechend hohen Vorlagen (56 g) gegriffen werden. Das macht wegen des enormen Rückstoßes jedoch keinen Sinn. Dubletten sind mir damit viel seltener gelungen, als mit Kaliber 12/70.

Neben Graugänsen breiten sich auch die Nilgänse immer stärker im Revier aus. Entgegen aller Unkenrufe lassen sie sich in der Küche bestens verwerten. © CS

Neben Graugänsen breiten sich auch die Nilgänse immer stärker im Revier aus. Entgegen aller Unkenrufe lassen sie sich in der Küche bestens verwerten.

Kleine, aber feine Gänsestrecke

Zurück zu den Grauen. Noch zweimal streichen an diesem Abend Gänse über uns hinweg. Vier davon werden an den Nachbarständen gestreckt. Die erhofften Kanadagänse kommen leider nicht mehr. Wie wir später erfahren, wurden sie am Nachmittag im Nachbarrevier beschossen, worauf sie abstrichen. Als das Licht nicht mehr reicht, um das Wild sauber anzusprechen, packen wir zusammen und lassen die Hunde die Beute bringen. Die Arbeit im Moorsee ist für die Vierläufer nicht ungefährlich. Immer wieder müssen sie sich durch das zähe Torfmoos am Gewässerrand kämpfen. Die im Wasser liegenden Birken machen es nicht leichter. Trotz aller Bemühungen gelingt es ihnen nicht, alle Gänse zu bringen. „Kein Problem, die holen wir morgen früh. Wenn die Hunde wieder frisch sind“, sagt Johann im Schein der Stirnlampen. Mit der Beute am Galgen stapfen wir über die Grasbüschel, die hier Hexenköpfe genannt werden, aus dem Moor. Mit meinen beiden Gänsen in der Hand muss ich an die Moorleichen und ihr kupferrotes Haar denken. Johanns Schilderungen waren einfach zu bildhaft. Jetzt kann ich auch die Lehrerin der örtlichen Grundschule verstehen, die ihn gebeten hat, nicht mehr so viel über Moorleichen zu erzählen, wenn er die Schulklassen durch das einmalige Biotop führt.


Christian Schätze Seit März 2011 Redakteur bei UNSERE JAGD, seit Mai 2013 Chefredakteur; Bankkaufmann, Jagdschein seit 1996
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