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Wer zum Fernglas greift, verliert?

Jagdzentrum Oberberg
am
Donnerstag, 12.03.2020 - 17:17
Rehbock-erlegt © Matthias Haack

Wir sind in Brandenburg und treffen Julia Schmid vom Jagdzentrum Oberberg, die dort Jungjäger an die Jagd heranführt – und dies in einem Revier, das dem Anfänger das Leben schwer machen kann: „Wir haben uns bewusst für dieses Revier entschieden, um Jagdschüler an die Jagd heranzuführen.  Als wir damit begonnen haben, waren wir zunächst skeptisch ob das hier funktioniert“, sagt die 32-Jährige aus Radevormwald. „Man muss wissen, dass selbst ein erfahrener Jäger in diesem Revier noch etwas lernen kann. Dies ist in etwa vergleichbar mit einem Angler, der mit einer dünnen Schnur einen großen Fisch fängt. Die Freude über so einen Fisch gräbt sich ins Gedächtnis ein. Und so soll es auch beim ersten Stück Wild sein. Es muss alles passen. Daher begleiten wir Jungjäger auch nach der Jagdausbildung und deshalb haben wir für den Anfang die Messlatte sehr hoch gesetzt.“

Wo bleibt da die Waidgerechtigkeit?

Das Revier in dem gejagt wird, ist ein ca. 3.300 ha großes reines Waldrevier in der Ruppiner Schweiz. Hier kontrolliert Björn Gürgens – seinesgleichen Berufsjäger und Forstwirt – gerade die Jagdscheine der Jagdgäste. Diese kommen aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und aus Schleswig-Holstein. Für Björn gilt in diesem Revier: „Wer zum Fernglas greift, verliert!“

Zugegeben, diese These ist ziemlich steil. Manch einer fragt sich jetzt sicherlich: Wo bleibt denn da die Waidgerechtigkeit beim Ansprechen? Und genau hier – an diesem Punkt – sind wir schon bei der Intention von Julia Schmid und ihrem Team angekommen. Grundvoraussetzung für die waidgerechte Jagd ist sauberes Ansprechen in Verbindung mit einem sauberen Schuss. Das hier zu schaffen, ist schwer – aber nicht unmöglich. Seine Aufgabe sieht das Jagdzentrum daher genau darin, die Jungjäger optimal auf Situationen wie diese vorzubereiten.

Der Berufsjäger sagt: „Für Jungjäger stellt unser Revier auf jeden Fall eine echte Herausforderung dar. Das Wild wechselt hier auf schmalen Schneisen an. Will der Jäger hier erfolgreich sein, muss er schnell ansprechen können. Ist das Stück männlich oder weiblich? Trägt der Bock noch Bast? Ist das, was da vor mir auf der Schneise steht freigegeben? All diese Fragen muss man hier in einem kurzen Moment entscheiden und das ist nicht nur für den Jungjäger eine echte Herausforderung, sondern auch für den erfahrenen Jäger oftmals ein hartes Stück Arbeit“.

Einer der Jagdgäste ist Jan Lentz aus Schleswig-Holstein. Er ist regelmäßig zu Gast in diesem Revier und kommt aus einem typischen Feldrevier mit kleinen Waldstrukturen. Das Ansprechen im Heimatrevier ist für ihn mit viel mehr Zeit verbunden. In Brandenburg hat er ganz andere Voraussetzungen und lernt bei jedem Ansitz dazu. Zudem reizt ihn die Aussicht, auf vier Schalenwildarten zu waidwerken.
Bei der Bockjagd spielt das Wetter eine besondere Rolle. Vor dem 1. Mai im vergangenen Jahr gab es beispielsweise eine kurze warme Phase mit Regen, die die Vegetation innerhalb von drei Tagen richtig sprießen ließ. Zudem machte Wind die Jagd nicht gerade einfach. Auf Wetterwechselperioden wie diese reagiert das Wild natürlich. Zudem ist der Anblick durch den Birkenunterwuchs im Revier deutlich eingeschränkter. „Grüne Hölle Brandenburg“ – nennt es Berufsjäger Björn Gürgens und lacht.

Für Dr. Martin Schmid, Schießtrainer aus Nordrhein–Westfalen, ist das Revier ein Paradebeispiel für die weiterführende Jagdbegleitung in unterschiedlichen Jagdmöglichkeiten von Deutschland: „Vier Augen sehen mehr als Zwei. Gerade beim ersten Stück sollte ein erfahrener Jäger mit dabei sein, um dem Jungjäger Sicherheit zu geben. Hinzu kommt natürlich, dass hier die Jagdsinne geschärft werden. Die Jägerin bzw. der Jäger muss extrem aufmerksam sein, um die kleinen Chancen zu nutzen. Das ist für einen Jungjäger, der in einem Feldrevier angefangen hat zu waidwerken oftmals eine komplett neue Welt. Erlegt dieser seinen ersten Bock zum Beispiel in einem typischen Feldrevier unter Anleitung und kommt dann in so ein klassisches Waldrevier steht man augenblicklich vor der Situation, dass die Zeit zum Ansprechen hier eben deutlich kürzer ist. Fehlt dann die Jagdbegleitung, könnte der Schuss auch schnell nach hinten losgehen und eine Nachsuche ist vorprogrammiert.“

Die Unterschiede zwischen Morgen- und Abendansitz haben in diesem Revier zu Beginn der Bockjagd vor allem mit Wind, Regen und wechselnden Temperaturen zu tun. Für Julia Schmid waren die Abendansitze deutlich erlebnisreicher als der Morgenansitz. „Über die Zeit gibt es allerdings keine gravierenden Unterschiede zwischen Morgen- und Abendansitz“, erklärt Björn Gürgens, der seit 5 Jahren dieses Revier betreut. „Festzustellen ist, dass insbesondere beim kalten, klaren Morgenansitz das Wild deutlich später heraustritt und die ersten Sonnenstrahlen abwartet. Einsetzender Regen am Nachmittag dagegen führt dazu, dass das Wild am Abend die Freiflächen früher aufsucht, um sich trocken zulaufen.“

Genau wie eben beschrieben, ist es dann am ersten Abendansitz. Nach einem sonnigen Tag setzt gegen 18 Uhr der erste kurze Regenschauer ein. Kurz nachdem der Regen aussetzt, entscheidet sich der Berufsjäger für einen Platzwechsel an eine deutlich breitere Schneise. Kaum aufgebaumt, fängt der nächste Regenschauer an – diesmal kräftiger. Während die letzten Tropfen vom Himmel fallen, und der Tag zur Neige geht, steht plötzlich ein Bock auf der Schneise. Nun geht alles ganz schnell. Der Berufsjäger greift zur Waffe und geht sofort in den Anschlag. Angesprochen wird über das Zielfernrohr. All das, wofür im Feldrevier deutlich mehr Zeit ist, geschieht hier in ganz kurzer Zeit. Der Bock passt. Kurz bevor er abspringt, bringt der erfahrene Berufsjäger den Bock zum verhoffen. Der Schuss bricht und der Maibock liegt im Knall. Waidmannsheil!