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Fehlabschuss mit Folgen

Dr. Benjamin Munte © Archiv

Dr. Benjamin Munte, Der 33-Jährige Niedersachse ist Hundeführer, leidenschaftlicher Jäger und promovierte im Jagdrecht. Zudem veröffentlichte der Wolfsburger zahlreiche Beiträge zum Thema Jagd- und Waffenrecht in der Fachpresse.

Was erwartet einen Jäger, wenn er aus Versehen eine führende Ricke erlegt?
Dr. Benjamin Munte: Die Erlegung einer führenden Ricke ist kein Kavaliersdelikt. Vielmehr stellt dieser Gesetzesverstoß – im Gegensatz zu den Schonzeitverstößen (Ordnungswidrigkeit) – eine Straftat dar (Paragraf (§) 38 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 in Verbindung mit § 22 Abs. 4 Satz 1 BJagdG). Wer vorsätzlich eine führende Ricke erlegt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen! Nach Paragraf 38 Abs. 2 Bundesjagdgesetz wird jedoch auch derjenige bestraft, der die Tat fahrlässig begeht. Hier sieht der Gesetzgeber eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten oder einer Geldstrafe von bis zu 180 Tagessätzen vor. Das fahrlässige Begehen der Straftat ist erfüllt, wenn der Erleger pflichtwidrig der Annahme ist, es handle sich nicht um ein Elterntier. Von Jägern kann erwartet werden, dass sich dieser vor Schussabgabe sorgfältig über das zu erlegende Stück informiert und dieses fehlerfrei anspricht. Im Zweifel hat der Jäger die Schussabgabe zu unterlassen.

Wovon hängt die Höhe der Strafe denn ab?
Dr. Benjamin Munte: Die Höhe hängt von den individuellen Tatumständen ab. Es werden hierneben aber auch die persönlichen Verhältnisse des Täters berücksichtigt. Der bislang strafrechtlich nicht auffällig gewordene Ersttäter hat in der Regel mit einer deutlich milderen Bestrafung zu rechnen, als der einschlägig vorbestrafte. Je nach den Umständen im Einzelfall dürfte meistens eine Geldstrafe zur Anwendung kommen. Eine voraussichtliche Höhe der zu erwartenden Tagessätze kann jedoch nicht pauschal geschätzt werden.

Was könnte dem Unglücksschützen sonst noch drohen?
Dr. Benjamin Munte: Neben der eigentlichen Strafe ist auch die jagd- oder waffenrechtliche Zuverlässigkeit gefährdet. Diese ist regelmäßig anzunehmen, wenn eine Strafe in Höhe von 60 Tagessätzen oder mehr ausgesprochen wird, oder der Täter bereits in der Vergangenheit bestraft worden ist. Die Zuverlässigkeit kann sich auch begründen, wenn der entsprechende Täter mehrfach Ordnungswidrigkeiten (z. B. Schonzeitvergehen) begeht.

Darf beziehungsweise muss der Unglücksschütze die Kitze der gestreckten Ricke erlegen, um deren Leid zu verkürzen?
Dr. Benjamin Munte: Die Frage hierbei ist, wie er die verwaisten Kitze von anderen Kitzen unterscheiden soll. Grundsätzlich stellt die Erlegung von Kitzen während der Schonzeit eine Ordnungswidrigkeit dar. Besteht kein Zweifel daran, dass es sich bei einem Kitz um ein verwaistes handelt, könnte eine Erlegung nur durch tierschutzrechtliche Aspekte gerechtfertigt sein. Dies setzt voraus, dass das Stück keinerlei Überlebenschance hätte und das Leid nur durch Tötung verhindert werden kann. Im Einzelfall dürfte hier das Alter und die körperliche Entwicklung des Kitz maßgeblich sein. Neben der Erlegung ist aber auch eine andere Lösung der Situation in Betracht zu ziehen: sofern sich das Kitz unversehrt fangen lässt, kann es an eine Wildtierauffangstation übergeben werden. Diese Hilfe könnte in einem etwaigen Strafprozess als tätige Reue strafmildernd bewertet werden und eventuell die Tür zu einer Verfahrenseinstellung öffnen.

Wie ernst nehmen die Strafverfolgungsbehörden entsprechende Vergehen?
Dr. Benjamin Munte: Die Staatsanwaltschaft nimmt entsprechende Vergehen in der Regel sehr ernst und betreibt einen entsprechend hohen Ermittlungsaufwand. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass sich das Verfahren bis zu zwei Jahre hinzieht! Für den Beteiligten bedeutet dies angesichts der drohenden Sanktionen eine erhebliche Belastung und für den Fall einer Rechtsverteidigung, auch ein entsprechendes Kostenrisiko.

Das Interview führte Christian Schätze.
Dr. Benjamin Munte ist erreichbar unter Telefon  05361/39040, Fax 05361/390444 und munte@kanzlei-wolfsburg.de