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Erfahrungen beim Einsatz von Wildschweinfallen

Transportabler Fang, wie ihn das IFWo Hannover heute für Forschungszwecke einsetzt.
(Foto: IFWo-Archiv)
Dr. Gunter Sodeikat, Institut für Wildtierforschung an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (Foto: Dr. Gunter Sodeikat)

Dr. Gunter Sodeikat, Institut für Wildtierforschung an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (Foto: Dr. Gunter Sodeikat)

Wegen der erhöhten Gefahr des Ausbruches der Schweinepest (ESP) in Haus- und Wildschweinbeständen in Niedersachsen und möglicher Infektionswege vom Wildtier zum Hausschwein in Mast- und Aufzuchtbetrieben mit Millionenschäden, ist eine drastische Reduktion der Schwarzwildbestände unabdingbar. Insbesondere ist m. E. die Erhöhung der absoluten Jagdstrecke zu fordern, wobei aus wildbiologischen Gründen bzw. angewandten Wachstumsmodellen etwa 80 % des Frischlingbestandes erlegt werden sollten. Die Frischlinge in der Wildschweinpopulation sind die empfänglichsten Tiere für die Schweinepestviren und sollten schon aus diesem Grund stark reduziert werden. Wie die Erfahrungen der letzten Jahre jedoch gezeigt haben, ist die notwendige Absenkung der Wildschweinpopulation offensichtlich nicht allein durch die Intensivierung der Jagd z.B. von Drück- und Einzeljagden zu erreichen. Sind diese geforderten 80 % des Frischlingsbestandes jagdlich überhaupt zu erreichen? Eine zusätzliche Reduktionsmethode der Sauenpopulation zu den gängigen Jagdmethoden könnte der Lebendfang von Frischlingen mit Hilfe sog. Frischlingsfängen sein. Vorraussetzung ist jedoch, dass er von der Jägerschaft konsequent durchgeführt würde. Der selektive Fang von Frischlingen eignet sich insbesondere auch dort, wo eine normale Jagdausübung nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, wie z. B. in Ortsrandlagen, Naturschutzgebieten, Schilfflächen oder in/an großen Maisschlägen. Der Einsatz von Wildschweinfallen, beispielsweise von sogenannten Frischlingsfallen zum selektiven Fang von Frischlingen, ist nur mit Genehmigung der Jagdbehörde gestattet. Beim Betrieb einer Fanganlage müssen strikt die Vorschriften bzw. Vorgaben des Tierschutzes, Jagdrechtes (Fangjagd) und die allgemeinen Sicherheitsbestimmungen unbedingt eingehalten werden. Die Verletzungsgefahr für Menschen ist dabei in jedem Fall auszuschließen. Auch sollte stets geprüft werden, ob die einzusetzenden Fanganlagen auch den tierschutzgerechten Vorgaben entsprechen. Die aus Jägerkreisen oft ausgesprochenen Bedenken hinsichtlich der Tierschutzgerechtigkeit der Fallen (Stresssituationen, Verletzungsgefahr für Tier und Mensch, selektiver Fang) müssen Ernst genommen werden. Hinsichtlich der Konstruktionsvielfalt der Wildschweinfallen dürfte m.E. noch Erörterungs- bzw. Handlungsbedarf seitens der Genehmigungsbehörde bestehen, um den tierschutzgerechten Fang der Sauen auch wirklich sicherzustellen.

Eigene Erfahrungen mit dem Fang von Wildschweinen im Forschungsprojekt "Schwarzwild" am IWFo

Transportabler Fang, wie ihn das IFWo Hannover heute für Forschungszwecke einsetzt.
(Foto: IFWo-Archiv)

Transportabler Fang, wie ihn das IFWo Hannover heute für Forschungszwecke einsetzt. (Foto: IFWo-Archiv)

Ich möchte vorab bemerken, dass der Einsatz der Wildschwein-Fallen am IWFo ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken diente d. h. die Fallen wurden nur zum Fang und zur anschließenden Markierung mit Ohrmarken und Kleinsendern eingesetzt. Der Fallenfang diente damit nicht zur Reduktion des Bestandes. Ich kann aus diesem Grunde auch nichts zu dem Sachverhalt sagen, was im Sinne der Jagdausübung „danach“ kommt, also zum anschließenden Tötungsprozess der gefangenen Sauen.

Im Untersuchungsgebiet wurden acht transportable Fallen aufgestellt, in der Regel wurden sie in Nähe des Haupeinstandsgebietes unmittelbar am Hauptwechsel der Sauen positioniert. Die fängisch gestellten Wildschwein-Fallen wurden morgens kontrolliert. Der spätere Einsatz von Fallensendern zur telemetrischen Kontrolle der Fallen aus der Distanz erwies sich dabei als sehr effizient. Der Zeitaufwand für die Kontrollen konnte damit deutlich verringert und auch die Anwesenheit von Personen im unmittelbaren Fallenbereich konnte minimiert werden. Trotzdem war ein intensiver Überwachungsaufwand der Fallen im Untersuchungsgebiet notwendig. Insbesondere nach Fang von stärkeren Sauen waren stets mehrere Mitarbeiter des IWFo zum Herausfangen bzw. zur Markierung der Tiere mit Ohrmarken oder Kleinsendern notwendig. Anschließend wurden die markierten Sauen sofort wieder freigelassen.

Bauweise der Fangkästen

Die Wildschweine wurden mit Fangkästen aus stabilem Baustahlgeflecht gefangen (ca. L: 300 cm, B: 100 cm, H: 100 cm aus 15 x 15 cm Geflecht). Zusätzlich wurde diese „Drahtkastenfalle“ an der Innenseite des Baustahlgeflechtes mit einem engmaschigen stabilen verzinkten Draht-Kassettgeflecht (2 x 2 cm) verkleidet. Diese Maßnahme ist schon aus Tierschutzgründen äußerst wichtig, um ein Verbeißen und Verletzen der Tiere am Baustahlgeflecht zu verhindern. Durch die geringen Abmessungen der Falle wurden Verletzungen durch das Anlaufen der gefangenen Frischlinge gegen die Fallenwände vermieden. Insgesamt erlaubten die Abmessungen der Fanganlage den gleichzeitigen Fang von mehreren Tieren, es wurde bis 15 Sauen bei einer Fangaktion gefangen. An einer Seite des Fangkastens befand sich eine kleine Schiebeöffnung zum Herausfangen der Tiere. Durch die geringe Fallengröße wurde das Gewicht möglichst gering gehalten und sie konnten auf einem Pkw-Anhänger zu den Fangorten transportiert werden. Die Fallen wurden zusätzlich mit einem Boden aus Brettern oder einer Baustahlmatte versehen, um das Durchwühlen der Sauen zu verhindern. Die Falltür wurde in einer Höhe von ca. 80–90 cm eingestellt um auch ältere Sauen zu fangen. Die Auslösung der Falltür erfolgte automatisch durch Selbstauslösung über eine Fangschnur. Erst wenn die Sauen die Kirr- bzw. Lockstellen in /an den Fallen regelmäßig angenommen hatten, wurden die Fallen fängisch gestellt und jeweils am Morgen kontrolliert.

Während des Projektzeitraumes von 1997 bis 2005 wurden 444 Sauen entweder als Erstfänge
(n = 326, männlich = 139, weiblich = 152, unbestimmtes Geschlecht = 35) oder als Widerfang
(n = 118) in den Fallen gefangen. Es fingen sich ca. 90 % Frischlinge, die restlichen zehn Prozent verteilten sich vorwiegend auf Überläufer. Sehr alte Sauen wie z.B. Leitbachen wurden nicht gefangen. Viele Sauen, zumeist waren es Frischlinge, ließen sich durch Fang und Markierung von weiteren Besuchen der Falle nicht abhalten. Ein Frischling wurde sieben Mal gefangen. Beifänge wie z.B. von Dachs, Fuchs oder Reh kamen nur in wenigen Einzelfällen vor. Die Sauen verhielten sich nach dem Fang zumeist sehr ruhig, was durch Videoaufnahmen während der Nacht beleget wurde. Auch die Aussagen anderer Kollegen (Keuling in MV, Hohmann in RLP, mündl. Mittlg.) bestätigen dieses Verhalten In den einzelnen Projektjahren wurden trotz gleich bleibenden Aufwandes (Einsatz und Kontrolle von acht Sauen-Fallen) sehr unterschiedliche Fangzahlen erreicht. Zu Beginn des Schwarzwildprojektes im Jahr 1997 wurde im Fangzeitraum von einem halben Jahr nur eine Sau gefangen. Im Jahr 2003 fingen sich nur drei! Sauen. Vermutlich waren es die Auswirkungen des Mastjahres, die dazu führten, dass die Sauen ein hohes Nahrungsangebot in ihrem Lebensraum vorfanden und das Kirrmaterial in den Fallen wenig attraktiv fanden. Ganz anders dagegen waren die Fangzahlen im Untersuchungsjahr 2004. In diesem Jahr wurden 171 Wildschweine gefangen und markiert.

Fangjahr19971998199920002001200220032004Gefangene Sauen 1 487426 55203 171
Tabelle: Anzahl gefangener und besenderter Wildschweine von 1997 bis 2004
im Schwarzwildprojekt im östlichen Niedersachsen



Fluchtwege nach Fang und Freilassung

Für die Wildschweine dürfte das Fangen mit der Falle, das Herausfangen aus der Fanganlage, das Markieren, Vermessen und Anbringen der Ohrmarken ohne Zweifel eine enorme Stress-Situation bedeuten. Um diesbezüglich genaue Erkenntnisse zum Verhalten und zur Fluchtentfernung bzw. Fluchtziel zu erhalten, wurden die Fluchtwege der sendermarkierten Wildschweine sofort nach Freilassung aus der Fanganlage telemetrisch erfasst. Hierbei ist zu erwähnen, dass die gefangenen Wildschweine zur Markierung nicht narkotisiert wurden. Damit waren die freigelassenen Sauen nicht durch Negativeffekte der Narkotika wie z.B. kurzzeitige Immobilität und Orientierungslosigkeit beeinflusst. Es zeigte sich, dass Wildschweine auch in dieser Stress-Situation nicht weit flüchteten. Im Untersuchungsjahr 2004 wurden die individuellen Fluchtwege von 16 sendermarkierten Sauen (Frischlinge und Überläufer) von ihrem Fangort nachvollzogen. Die gefangenen Frischlinge, sie wogen etwa 20 kg, liefen im Mittel 1 km weit, die Überläuferbachen und Überläuferkeiler liefen im Mittel 1,6 bzw. 3,2 km weit bevor sie sich in ein Versteck einschoben. Die geringste Fluchtdistanz betrug 0,4 km, die längste 2,0 km. Die Fluchtziele der freigelassenen Sauen lagen stets innerhalb ihrer - durch nachfolgende Peilungen festgestellten- Streifgebiete.

Fazit

Die Forderung zur Bekämpfung der Schweinepest und zur Reduktion hoher Sauenbestände zusätzlich Schwarzwildfallen einzusetzen, ist nachvollziehbar. Der Einsatz hängt natürlich von den jeweiligen örtlichen Situationen ab und ergibt sich insbesondere dort bzw. wo hohe Sauenbestände ausufern, wo nicht gejagt werden darf oder wo die Sauen nur schwer zu bejagen sind. Hierzu hat das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung durch einen Erlass vom März 2009 auch jedem niedersächsischen Jäger die Möglichkeit gegeben, z.B. in Gebieten hoher Wildschweindichten und Schweinehaltungsbetrieben sich den Frischlingsfang mit Kastenfallen genehmigen zu lassen, um ihrer Verpflichtung zur Herstellung angemessener Wildbestände nachzukommen.

Unsere Erfahrungen aus dem Schwarzwildprojekt zeigen, dass mit der Falle eine Vielzahl von Frischlingen gefangen werden können. Mit dem Fallenfang ist aber ein nicht zu unterschätzender zeitlicher und personeller Aufwand verbunden. Hier muss nochmals auf unsere wenig erfolgreichen Fangbemühungen in den Projektjahren 1997 und 2003 hingewiesen werden, wo nur eine bzw. drei Wildschweine unter Einsatz von acht Fallen gefangen werden konnten. Der Kontrollaufwand war aber trotzdem in diesen Jahren gleich hoch geblieben. Diesbezüglich wären zum besseren Verständnis des zeitlichen und personellen Aufwandes genaue Kosten-Nutzenanalysen sehr hilfreich, diese stehen jedoch noch aus.

Aus meinem persönlichen jagdlichen Umkreis werden die Wildschweinfallen, wie z.B. Frischlingsfallen aus verschiedensten Gründen eher abgelehnt. Nach meinen Erfahrungen mit der IWFo-Falle können wir jedoch Bedenken ausräumen. Denn im gesamten Projektzeitraum konnten wir mit dieser Falle die Sauen stets tierschutzgerecht fangen, ernsthafte Verletzungen an den Tieren wurden nicht festgestellt.

Hinsichtlich der zu fordernden Einhaltung der Tierschutzbestimmungen beim Fang von Wildschweinen halte ich jedoch die diesbezügliche Überprüfung der gängigen Fallentypen, wie schon eingangs erwähnt für dringend erforderlich.



Dr. Gunter Sodeikat
Institut für Wildtierforschung
an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Bischofsholer Damm 15
30173 Hannover