Home Praxis Eichenprozessionsspinner: Gefahr für Wild, Jagd und Jäger?

Eichenprozessionsspinner: Gefahr für Wild, Jagd und Jäger?

3 Die Schädlinge ernähren sich von Eichenblättern, die sie in Gruppen fressen. © EM

3 Die Schädlinge ernähren sich von Eichenblättern, die sie in Gruppen fressen.


Mitte Mai, es ist angenehm warm. Mein Ziel für heute Abend ist eine alte Kanzel an der Waldkante. Links und rechts erstrecken sich saftige Wiesen. Es wäre doch gelacht, wenn hier kein passender Bock auftaucht. Mit dem Rücken steht die Kanzel zum Wald, direkt neben einer urigen alten Eiche. Nachdem ich mich eingerichtet habe, kehrt Ruhe ein. Irgendwann fällt mir ein Geräusch auf, das ich nicht richtig zuordnen kann. Ein leises Rieseln. Als würde man Reis langsam auf den Boden fallen lassen. Ich schaue mich um. Hinter mir regnet es. Nein, kein Wasser, sondern Blätterteile. Kleine grüne Fetzen segeln tausendfach zu Boden. Ein Blick in die Krone der Eiche lässt mich erschaudern. Kein Blatt ist mehr komplett. Die Krone ist fast kahl und überall wimmelt es.

Kahlfraß an den meisten Eichen

4 Teilweise werden Eichenwälder komplett kahlgefressen. © EM

4 Teilweise werden Eichenwälder komplett kahlgefressen.


Die Raupen des EPS sind mir das erste Mal 2006 aufgefallen. Weißgraue, lang behaarte Raupen, die in großen Gruppen auftauchen. Sie wandern in Prozessionen in den Bäumen umher und ernähren sich von den Blättern. Meist in Astgabeln befinden sich ihre Nester, in denen sie sich zurückziehen. Diese Gespinste werden etwa ab dem fünften Larvenstadium angelegt und können über einen Meter groß werden. Nach dem letzten Larvenstadium verpuppen sie sich in den Nestern und verlassen diese im Juli als graubraune Motten. Ein Weibchen kann bis zu 300 Eier ablegen, die sie an dünnen Ästen in der Krone platziert, meist in Richtung Süden. Zeitgleich mit dem Austreiben der Eichenblätter schlüpfen die Raupen Anfang Mai. Je nach Anzahl können sie für einen Kahlfraß bei der Eiche sorgen. Nur durch den für die Eiche typischen Johannistrieb ist es dem Baum möglich, eine solche Tortur zu überleben. Findet ein solcher extremer Fraß über Jahre statt, kommt es nicht nur zu Zuwachseinbußen. Durch mangelnde Photosynthese, kann er auch zum Absterben der Bäume führen.

Etwas unwohl schaue ich mich genauer um. Etwa 40 m entlang der Wandkante steht eine junge Eiche. Kein Blatt befindet sich mehr an den Ästen. Die Szenerie ähnelt einer Landschaft nach einem Angriff mit dem Entlaubungsmittel „Agent-Orange“, jedenfalls stelle ich mir das so vor.

Kaum Fressfeinde

2 Der Neuntöter meidet die giftigen Raupen des ESP. © EM

2 Der Neuntöter meidet die giftigen Raupen des ESP.


Ein Neuntöter setzt sich in den kahlen Baum. Die Raupen interessieren ihn nicht. Denn es gibt nur sehr wenige Fressfeinde. Unter anderem soll der Kuckuck ab und zu mal eine der grauweißen Nimmersatte vertilgen, doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Forstlicher Schaden schön und gut, das Schlimmste an der Raupenplage sind aber ihre Brennhaare. Bis zu 600.000 dieser Giftstachel kann eine einzige Raupe haben. Dabei sind es nicht die langen, gut sichtbaren Haare, sondern die kurzen „Spiegelhaare“ auf dem Rücken der Insekten. Der Kontakt mit den Haaren kann zu starken allergischen Reaktionen führen, in Einzelfällen sogar zu Atemnot. Diese Reaktion wird durch das Gift Thaumetopoein hervorgerufen, das die Raupen meist ab dem dritten Larvenstadium produzieren.

Extremer Befall mit Tausenden Raupen

Die Haare sind mit Widerhaken versehen und dringen leicht durch die menschliche Haut. Dort sorgen sie für juckende rote Stellen. Je nach Empfindlichkeit und Kontakt können diese juckenden Stellen großflächig auf dem Körper auftauchen. Die Haare werden allerdings auch über den Wind verbreitet, wenn sie nach der Verpuppung in den Gespinsten zurückbleiben. Zu allem Überfluss verursachen die Brennhaare auch noch nach mehreren Jahren Reizungen.

Den Neuntöter scheint es nicht zu stören. Er sitzt weiterhin auf seiner Warte und hält Ausschau. Doch wie sieht es mit dem anderen Wild aus? Dazu gibt es noch keine Studien, nur einzelne Beobachtungen und Berichte. So berichtete mir ein Freund von einem wenige Hektar großen Eichengehölz mitten in der Feldmark. Früher pirschte er diesen Wald regelmäßig an, um dort die Sauen abzupassen. Diese stocherten im Laub nach Eicheln und Kriechtieren. Doch seitdem dort die EPS extrem auftreten, würden die Schwarzkittel dort nicht ein Blatt mehr umdrehen. Verständlich, denn wer würde schon gerne mit der Nase in giftigen Brennhaaren wühlen?

Auch andere Baumarten befallen

Text der Bildunterschrift. © Name

Text der Bildunterschrift.


Ein Röcheln reißt mich aus meinen Überlegungen. In der Hecke tut sich etwas. Erst wackelt der Busch, dann springt ein junger Bock auf die Wiese. Er hat emsig sein Revier markiert, dabei geplätzt und an einem Ast gefegt. Nun leckt er sich andauernd über den Windfang und zwinkert oft. Abrupt bleibt er stehen und keucht. Ohne länger zu zögern, erlege ich den etwa zweijährigen Gabler. Am Stück wirken seine Schleimhäute auf mich geschwollen. Kein Wunder. Beim Plätzen muss er eine Menge Brennhaare aus dem Eichenlaub aufgewirbelt haben. Sicher kein Einzelfall, bedenkt man, dass die Raupen, wenn sie eine Eiche kahl haben, gerne auch über den Waldboden zum nächsten Baum prozessieren. Dabei stellt sich auch die Frage, wie gesund es für einen Hund ist, mit tiefer Nase im Eichenwald zu arbeiten?

In der Not fressen die Raupen auch Holunder, Buchen und Birken. Der extreme EPS-Befall hat in manchen Regionen dazu geführt, dass Radwege gesperrt werden, Parks geschlossen und ganze Areale im Sommer unbejagbar sind. Auch das Brennholz aus den Regionen findet nur noch wenige Abnehmer.

Nur Gift hilft tatsächlich

5 In manchen Gebieten werden die Raupen per Hubschrauber mit Insektiziden bekämpft. © EM

5 In manchen Gebieten werden die Raupen per Hubschrauber mit Insektiziden bekämpft.


Für den Jäger bedeutet es, dass er immer lange Kleidung tragen muss. Diese darf auf keinen Fall ins Haus gelangen. Am besten ist es sogar, sie nach direktem Kontakt auch vor der Autofahrt zu wechseln, da sich die Brennhaare in den Polstern festsetzen können. Alltägliche Dinge, wie Wäsche in der Sonne zu trocknen oder Pferdehaltung auf der Koppel, sind in direkter Nachbarschaft mit befallenen Eichen nicht mehr machbar. Die Wäsche ist kontaminiert und die Pferde kratzen sich wund.

Es gibt einige Pflanzenschutzmittel, die gegen den EPS helfen. Doch in vielen betroffenen Bereichen dürfen sie aus Naturschutzgründen nicht eingesetzt werden. Ein Rückgang oder Zusammenbruch der EPS-Population findet demnach erst nach Verschlechterung seiner Lebensbedingungen statt. Doch das warme Klima spielt ihm in die Karten. Anscheinend müssen erst alle Eichen absterben, bevor auch der EPS verschwindet.


Eike Mross Der Redakteur der UNSERE JAGD stammt aus dem Grenzgebiet von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt an der Elbe. Er ist leidenschaftlicher Sauen- und Rehwildjäger. Weitere Interessen sind Wildbiologie sowie Bau- und Fallenjagd.
Thumbnail