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Edles aus Horn

„Bei uns läuft die Ware nicht vom Band, ich fertige jedes einzelne Stück mit Herz und Hand.“<br>(Foto: Friederike Stahmann)



Für die einen sind es Trophäen, für die anderen Fundstücke und für wieder andere nur verstaubte Erbstücke von Opa und Onkel: Geweihe. Nichts Besonderes. Ganz besonders sind hingegen die Erzeugnisse, die Martin Funk aus dem Thüringer Dörfchen Kleinschmalkalden aus solchen Geweihen herstellt. Echte Unikate. „Von der Natur geschaffen, von uns vollendet“ bringt es der 56-jährige Thüringer auf den Punkt. „Bei uns läuft die Ware nicht vom Band, ich fertige jedes einzelne Stück mit Herz und Hand“. Das glaubt man dem Thüringer gern.
Stangensucher sind schon im zeitigen Frühjahr unterwegs, um die wertvollen Rohstoffe für den Hirschhornverarbeiter zu sammeln. Auch Jäger und Landwirte verkaufen Martin Funk ihre Fundstücke. Aber nicht nur heimische Ware geht über die Werkbank des Thüringers. Elchschaufeln erhält er zum Beispiel aus Skandinavien. Er hat aber auch Kontakte nach Russland, nach Spanien und sogar nach Indien. Von dort kommt das begehrte rein weiße Hirschhorn, das im Gegensatz zu europäischer Ware innen durch und durch hart ist und sich daher bestens zu Besteckgriffen verarbeiten lässt.
Die Werkstatt des Geweihspezialisten nimmt sich eher bescheiden aus. Knochensäge, Fräsmaschine, Bandschleifer und Bohrmaschine sind die einzigen elektrischen Geräte. Daneben hängen sauber in Reih und Glied Schraubenzieher, Feilen, Hämmer und Zangen an der Wand. Unter einem Beistelltisch liegen zehn, höchstens zwanzig unbearbeitete Rothirschstangen. Zwei Elchschaufeln liegen auf der Werkbank und warten darauf, geschliffen zu werden. Auf einem weiteren Tisch befinden sich kleine Lampenrohlinge. „Hier fehlt nur noch die Elektrik, dann sind sie fertig“, erzählt Funk. Und auch die macht er selbst.
Was er handwerklich täglich tut, hat sich der gelernte Industriekaufmann selbst beigebracht. Eine Ausbildung zum Hirschhornverarbeiter gibt es nicht. Kreativität, Fantasie und natürlich auch eine Portion handwerkliches Geschick müssen aber schon vorhanden sein.
„Als Honeckers Stuhl zu wackeln begann, habe ich mich binnen zwei Tagen entschieden, mich als Hirschhornverarbeiter selbstständig zu machen“. Das war vor nun 17 Jahren.
Wie er auf die Idee kam? Schon zu DDR-Zeiten arbeitete Martin Funk in einem Kombinat, das über zwei Hirschhornfabriken verfügte. Der Kaufmann aus Kleinschmalkalden war dort über 20 Jahre lang zwar nicht für die Verarbeitung, sondern, wie es zu dieser Zeit so schön hieß, für die Materialbeschaffung zuständig. Die Endprodukte gingen zu DDR-Zeiten ausschließlich als Exportware ins Ausland.
Am 1. Mai 1990 begann Martin Funk in seinem Wohnhaus mit der Hirschhornverarbeitung. Nachdem der Verkauf über große Jagdausstatter nur unbefriedigend lief, begann Familie Funk den Verkauf über einen Laden. Die Garage wurde ausgeräumt und dafür umfunktioniert. Bald wurde dieses Provisorium zu eng. 1999 zog die Familie dann in ihr neues Haus um. Ein großer, geräumiger Laden zur Straßenseite hin lädt seitdem die Besucher zu einem stilvollen Einkauf ein.
Jäger sind es vor allem, die es in den schmucken Laden nach Kleinschmalkalden zieht. Doch die in vielen Stunden von Hand hergestellten Erzeugnisse haben ihren Preis. So muss man schon die stolze Summe von 2300 Euro auf den Tisch legen, um eine Deckenleuchte mit handgeschnitzter und handbemalter Lüsterfigur sein Eigen nennen zu dürfen. Wer es zünftig und nicht ganz so kostspielig mag, ist mit dem Schnapsservice aus einer kapitalen Dam­schaufel und sechs Zinnstampern mit 195 Euro gut bedient.
Neben Verbrauchermessen ist es vor allem der Verkauf übers ­Internet, der die Thüringer Spezialitäten in die ganze Welt ­wandern lässt. „Wir haben Kunden aus Italien, Frankreich, der Schweiz und vor allem auch aus den USA und Kanada“, erzählt der Handwerker.
Ein besonderer Auftrag ging Anfang des Jahres 2007 in Kleinschmalkalden ein. Eine Mai­länder Modefirma bestellte einen Kronleuchter. Und zwar nicht für ihr Werk in Italien, sondern für eine ihrer Filialen, und zwar die in Taiwan. In Taiwans Hauptstadt Taipeh schwebt nun ein Kronleuchter aus Kleinschmalkalden. Dafür fertigte Martin Funk einen Leuchter aus 32 Geweihen.
Exklusive Sonderwünsche werden jederzeit entgegengenommen. Ganze Jagdsäle hat der Hirschhornspezialist schon ausgestattet. Aber es gibt auch Jäger, die eine Lampe oder einen Stuhl aus den eigenen Trophäen gestaltet haben möchten. Für Martin Funk kein Problem. Er tut es mit Freude. Wie alles rund um seine Manufaktur: „ Ich bereue meine Entscheidung nach der Wende nicht. Im Gegenteil, ich würde morgen wieder dasselbe tun“.

Hirschhorn taugt auch noch zu mehr

Hirschhornsalz ist bis heute in der Weihnachtsbäckerei ein Muss. Es wird als Backtriebmittel eingesetzt. Ob für Lebkuchen, Spekulatius, Springerle oder Hirschhornkuchen, ohne Hirschhornsalz geht es nicht. Jedoch darf es nicht ungebacken verzehrt werden, da es gesundheitsschädlich ist. Erst das Erhitzen treibt den Ammoniak im Hirschhornsalz aus. Heute wird das Backtriebmittel unter dem Lebensmittelzusatzstoff E 503 geführt und wird künstlich hergestellt. Früher wurde es durch trockenes Erhitzen von geraspelten Hirschgeweihen gewonnen. Später verwendete man statt Geweihen auch Knochen, Horn, Leder und Klauen. Hirschhornsalz findet aber nicht nur in der Weihnachtsbäckerei Verwendung. Es wird auch zur Herstellung von Künstlerfarben verwendet. Es hat aber noch ganz andere Funktionen: In vergangenen Jahrhunderten brachte es auch in Ohnmacht gefallene Damen wieder auf die Beine. Riechsalz, vor allem in parfümierten ­Varianten, war beliebt.

Stangensammler aufgepasst

Wer eine Hirschstange in Wald oder Flur findet, ist nicht automatisch auch der Eigentümer dieses Fundstückes. Nicht nur das Wild, sondern auch abgeworfene Stangen gehören dem Jagdausübungsberechtigten im Revier. Das Sammeln von Abwurfstangen unterliegt nicht dem Jagdscheinerfordernis, allerdings bedarf es der schriftlichen Erlaubnis des Jagdausübungsberechtigten. Denn wer sich Stangen einfach aneignet, ohne vorher die Eigentumsrechte abzuklären, ­begeht Wilderei. Also verderben Sie sich nicht den Spaß.