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Drückjagd an der Schnellstraße

Einsatzleiter und Jagdpächter bei der Lagebesprechung. Foto: Markus Stifter © Markus Stifter
Gemeinsam wird der gestreckte Keiler geliefert. Foto: Markus Stifter © Markus Stifter

Gemeinsam wird der gestreckte Keiler geliefert. Foto: Markus Stifter

Noch rollt der Verkehr auf der vielbefahrenen Bundesstraße 42, der wichtigsten Verbindungsstrecke vom Rhein-Main-Gebiet in den Rheingau. Während Jagdpächter Dieter Tränkner seine Gäste begrüßt, laufen bei der Polizei die Vorbereitungsarbeiten auf Hochtouren. Ein Teilabschnitt der B 42 wird für zwei Stunden voll gesperrt werden, damit die Jagd gefahrlos durchgeführt werden kann.
In beide Fahrtrichtungen und an allen Zufahrten der Teilstrecke hat die Straßenmeisterei Sperren errichtet, ein Großaufgebot an Polizei und Feuerwehr sichert zusätzlich die Gefahrenpunkte. Es ertönt das Jagdhorn zum Sammeln der Jäger. Der Jagdherr hält seine Ansprache und erläutert den Ablauf dieser besonderen Jagd, die von der Polizei angeordnet wurde. „Es soll ein großer Keiler in den Schwarzdornhecken ganz dicht an der Straße bisher unbehelligt hausen“, erläutert er den Waidfrauen und -männern. Frischlinge sollen vorrangig erlegt werden, Bachen geschont werden, da einige schon gefrischt hätten.
Im vergangenen Monat hatten sich genau an dieser Stelle zwei Verkehrsunfälle mit Schwarzwild ereignet. Die Fahrer blieben unverletzt aber an ihren Fahrzeugen entstand ein erheblicher Sachschaden.
Fast jede Nacht laufen bei der Polizei die Telefone heiß. Entlang der Mittelleitplanke wurde mehrfach ein „riesiges Wildschwein“ gesehen. Ein Taxifahrer meldete um 3.30 Uhr eine Schwarzwildrotte mit 10 Tieren mitten auf der Fahrbahn. Sofort wurde eine Rundfunkwarnmeldung veranlasst und die Strecke mit Streifenfahrzeugen abgefahren. Doch da waren die Sauen schon wieder verschwunden.
Die Jäger werden nun zu ihren Ständen gebracht und die Treiber sind in Startposition. Auf der Autobahnbrücke wird es langsam ruhiger. Jürgen Wiedenhöfer, Leiter der Polizeistation Eltville checkt per Funk ob alle Straßensperren errichtet sind. Streifenwagen fahren die Strecke ein letztes Mal ab, dann gibt er das Startsignal an den Jagdpächter. Die Treiber stehen direkt in der Auffahrt zur Schnellstraße und gehen mit lauten „Hopp-Hopp-Hopp“ Rufen durch die Dickung direkt am Fahrbahnrand.
Nur wenige Sekunden später ertönt der erste Hetzlaut. „Sauen, Sauen nach hinten!“ rufen die Treiber und schon fallen Schüsse. Ein raubwildscharfer Terrier hat einen Fuchs aufgespürt und treibt ihn über die Fahrbahn.
In diesem Moment stockt jedem Rüdemann das Herz. Viel zu oft lassen die treuen Jagdgefährten ihr Leben auf der Straße. Doch dank der Vollsperrung besteht hier keine Gefahr weder für die Verkehrseilnehmer noch für jagende Hunde. Der Terrier greift den Fuchs, der kurze Zeit später von einem Hundeführer abgefangen wird. Wie sich später herausstellt, hatte er eine alte Verletzung am Hinterlauf.
Die Treibergruppe durchkämmt weiter die Dornenhecken zwischen der Bundesstraße und einer Landstraße. Der Jagdherr erwartet die Treiber schon auf der anderen Seite. Auch das Nachbarrevier hat sich beteiligt und auf der gegenüberliegenden Straßenseite gejagt. Nach telefonischer Abstimmung wird die Jagd beendet. Nachdem sich alle Treiber mit ihren Hunden wieder am Streckenplatz eingefunden haben, wird die Vollsperrung aufgehoben.
Jürgen Wiedenhöfer von der Polizei Eltville ist selbst Jäger und freut sich am Sammelplatz über die gelungene Aktion. Ein Jäger konnte gleich am Anfang der Jagd einen etwa vierjährigen Keiler mit einem Wildbretgewicht von rund 75 Kilogramm erlegen. Ein altkranker Fuchs lag wie beschrieben ebenfalls auf der Strecke. Nach dem Jagdsignal „Sau tot“ freuten sich die Jagdteilnehmer auf einen heißen Kaffee und einen kleinen Imbiss. Jagdpächter Dieter Tränkner hätte sich von dem Treiben etwas mehr erhofft: „Bei diesem nasskalten Wetter und dem heftigen Wind sind die anderen Sauen wahrscheinlich über die Weinberge zurück in den Wald gezogen.“
„Die von der Polizei angeordnete Jagd war dringend notwendig, um eine weitere Verkehrsgefährdung zu verhindern“ erläutert Jürgen Wiedenhöfer. „Gerade an dieser Stelle ist die Bundesstraße sehr unübersichtlich. Nachts werden häufig hohe Geschwindigkeiten gefahren und die Verkehrsteilnehmer rechnen an dieser Stelle nicht mit wechselndem Wild“. Polizei und Jagdpächter vermuten, dass sich die Sauen in den Weinbergen und in der Nähe der Häuser wohlfühlen und dort häufig Fraß und Ruhe finden. An den Verkehrslärm haben sich die Tiere schon längst gewöhnt und eine Bejagung vom Ansitz aus, ist an dieser Stelle nicht möglich.
Auch die Anwohner in den Stadtteilen von Eltville klagen über die zu hohe Schwarzwildpopulation, sprechen gar von einer "Sauenplage". Erst vor wenigen Monaten hatten sie den Friedhof im Stadtteil Rauenthal verwüstet. Stefan Engelmann wohnt mit seiner Familie auf dem Aussiedlerhof nahe der Bundesstraße. Er hört die Sauen oft schon am frühen Abend wie sie sich in seinem Vorgarten zu schaffen machen. Im Sommer letzten Jahres haben seine Kinder draußen am Haus gespielt, als plötzlich „kleine Wildschweine“ aus der Hecke am Haus gelaufen sind.
Damit das Schwarzwild nicht weiter den Verkehr gefährdet, wird in den nächsten Wochen der Dickungsstreifen an der Fahrbahn gemulcht.
 

Ein Video von dieser Jagd finden SIe hier:


Markus Stifter kommt aus Wiesbaden, schreibt Texte, macht Bilder und dreht Filme als freier Mitarbeiter für die dlv-Jagdmedien.
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