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Droht FSME-Welle?

Die Zahl der FSME-Erkrankungsfälle
ist in den vergangenen Jahren
sprunghaft angestiegen. (Grafik: Novartis Behring)
Die Zahl der FSME-Erkrankungsfälle
ist in den vergangenen Jahren
sprunghaft angestiegen. (Grafik: Novartis Behring)

Die Zahl der FSME-Erkrankungsfälle ist in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. (Grafik: Novartis Behring)

Die milden Temperaturen der vergangenen Jahre haben den kleinen Spinnentieren beste Entwicklungschancen geboten. Es stellt sich daher die Frage, ob uns in Zukunft von Zecken übertragene Erkrankungen, wie beispielsweise FSME (Frühsommer- Meningoenzephalitis), in ungeahntem Ausmaß drohen? Der Parasitologe Prof. Dr. Heinz Mehlhorn von der Heinrich Heine Universität Düsseldorf erläuterte auf einer Pressekonferenz der Firma Novartis in München, dass die Schildzecken in Mitteleuropa auf dem Vormarsch seien. Insbesondere seien dies – was ihre Individuenzahl in den betroffenen Gebieten anbelangt – der gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) und die aus wärmeren Gebieten Südeuropas stammende Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus). Da beide Arten das gleiche Erregerspektrum (FSME-Viren, Lyme-Borreliose- Bakterien, Ehrlichien sowie die Erreger der Babesiose) auf den Menschen übertragen können (D. reticulatus darüber hinaus noch die Erreger der oft tödlichen Hundebabesiose), erhöhe sich durch diesen Vormarsch das Infektionsrisiko für die Bevölkerung in Deutschland.

Die Ausbreitung hat nach Ansicht Mehlhorns zwei verschiedene Gründe: Zum einen kämen typische Träger von ausgewachsenen Zecken – wie Füchse oder Rehwild – immer dichter an menschliche Behausungen heran. Fallen daher in Wohngebieten begattete weibliche Zecken von ihren Wirten ab, so werden die Larven/ Nymphen der Zecken über Mäuse, Igel und andere Tiere in die unmittelbare Hausnähe verschleppt, wo die Temperaturen im Allgemeinen höher sind als in freier Wildbahn. Zum anderen habe sich die Durchschnittstemperatur in Deutschland in den letzten Jahren etwa um 0,5 °C erhöht (seit 1900 etwa um 1 °C). Es gebe somit viel mehr Gebiete, in denen Zeckenstadien leichter überleben können. Das zeige vor allem auch der Einmarsch der wärmeliebenden Auwaldzecke, so der Parasitologe. Aber auch die Winterperiode selbst, die die Aktivitätsphase der Zecken begrenzt, sei kürzer geworden. Dies bedeute, dass auch der Entwicklungszyklus (= Generationslänge) der Zecken kürzer geworden ist und somit in der gleichen Zeit mehr Zecken entstehen könnten. Ganz offensichtlich habe die Gefahr der von Zecken übertragenen Infektionskrankheiten in den vergangenen zehn bis 15 Jahren in Europa zugenommen, erwähnte der am Landesgesundheitsamt des Regierungspräsidiums Stuttgart beschäftigte Prof. Dr. Dr. Peter Kimmig. Angesichts der Entwicklung in den vergangenen sechs Jahren sei daher zu erwarten, dass in absehbarer Zeit in Süddeutschland keine FSME-freien Gebiete mehr existieren werden.

Daher sei eine FSME-Impfung mittlerweile generell für den gesamten süddeutschen Raum (Baden-Württemberg, Bayern, angrenzende Gebiete von Hessen und Thüringen) empfehlenswert, betonte Kimmig. Unerklär licherweise seien aber nur durchschnittlich zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung in den Endemiegebieten geimpft. Seiner Meinung nach wird die vorbeugende FSME-Impfung noch viel zu wenig genutzt, obwohl die Kosten der Impfung von den Kranken kassen getragen werden. Was eine Impfung bewirken kann, verdeutlichte Kimmig am Beispiel Österreichs: Dort haben die FSME-Fälle in den letzten Jahrzehnten – aufgrund der hohen Impfakzeptanz von fast 90 Prozent – kontinuierlich abgenommen. Hingegen sind die Erkrankungsfälle in Deutschland und seinen angrenzenden Staaten in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Für eine Grundimmunisierung sind zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen sowie eine weitere nach einem Jahr notwendig, erklärten die Experten vor Ort. Für Kurzentschlossene (z.B. vor einer Reise) gibt es ein Schnellimmunisierungsschema mit drei Impfungen innerhalb von drei Wochen. Der Impfschutz hält dann fünf Jahre an und sollte danach aufgefrischt werden. GUG