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Drohne im Einsatz: Kitzrettung mit fliegenden Wärmebildkameras

Bettina Diercks
am
Montag, 20.04.2020 - 11:00
Kitzrettung-Drohne-Helfer © Bettina Diercks
Neben dem Drohnen-Piloten braucht es Helfer, die die Kitze aufnehmen.

Der Hegering Sottrum stellte das „Netzwerk Kitzrettung“ auf die Beine. Hegeringleiter Friedel Lossau, zu der Zeit noch Hegeringleiter, war auf das Projekt „Rehkitzrettung Fischerhude“ in unmittelbarer Nachbarschaft aufmerksam geworden. Thomas Hopp ist Drohnenpilot und mit dem Geschäftsführer der Stadtwerke Rotenburg GmbH, Reinhard David, bekannt, der ebenfalls von der Idee angetan war. Letzterer sponserte das Flugobjekt: ein Yuneec H520 mit einer CGO-ET Wärmebildkamera.

Der Vorteil dieser Drohne: Sie fliegt autonom. Die „Missionen“ werden unkompliziert einen Tag vorher mit Google-Maps-Karten und der Software „Data-Pilot“ am Computer geplant. Kribbelige Ecken wie zum Beispiel Hochspannungsleitungen werden per Hand „unterflogen“.

Deutlich wurde während der ersten Saison in Sottrum: Die Drohne ist nur so gut wie ihr Team. Der Hegering hat dahingehend Glück. Nach seinem Aufruf in der Zeitung melden sich gleich mehrere interessierte Piloten, die engagiert bei der Stange bleiben, obwohl kein Frühaufsteher unter ihnen ist. Schnell kristallisiert sich ein „harter Kern“ unter den ursprünglich Begeisterten heraus.

Mit Herz und Verstand bei der Sache

Vor Tau und Tag brechen die Kitzretter auf. Zu Fuß und mit der Drohne suchen sie die Wiesen nach Kitzen ab, um sie vor dem Mähtod zu retten.

Keiner von ihnen hat aktuell einen landwirtschaftlichen Hintergrund und nur wenige Jäger nehmen sich dieser zeitintensiven und mitunter kräftezehrenden Aufgabe an. Während der Großteil des Teams nach der zusätzlichen Frühschicht zur Arbeit fährt, gibt es einen Jäger, der sich extra Urlaub für die Mahdsaison genommen hat. Ebenfalls entscheidend für den Erfolg eines solch engagierten Suchtrupps: Jemanden im Team zu haben, der Erfahrung mit der Kitzrettung hat. Ist diese Person auch noch Jäger und der Landwirtschaft nahe, gelingen die Einsätze in der Regel reibungslos.

Mindestens zwei Leute müssen die Drohne beziehungsweise die Monitore während des Abfliegens im Auge behalten, um das Wärmebild auszuwerten. Wenigstens zwei weitere Personen sollten sich als „Kitzretter“ in der Fläche befinden, um so schnell es geht an der Drohne zu sein. Nicht aus Sorge, dass das Jungtier flüchtet, sondern um Akku zu sparen und in möglichst wenig Zeit viel Fläche zu schaffen. Denn sonst macht die Sonne einen Strich durch die Rechnung.

Mahd-Gruenroggen © Bettina Diercks

Wird die Mahd in der Mitte des Feldes begonnen, hat das Wild die Möglichkeit von innen nach außen zu flüchten.

14 Tage im Einsatz

Das vergangene Frühjahr war optimal für die Suche mit der Drohne, denn die Morgen waren eisig. Teilweise trifft sich das Team um 04:45 Uhr bei -4°C. Bleiben der Himmel bedeckt und die Temperatur niedrig, kann länger geflogen werden. So enden die Suchaktionen dieses Frühjahr zwischen 08:15 Uhr und 10:00 Uhr. Zur Zeit hat das Netzwerk neun Akkus. Damit kann theoretisch dreieinhalb Stunden geflogen werden.

Je Stunde bedeutet das etwa zehn Hektar, je nach Häufigkeit eines Fundes. Denn der Copter verharrt dann über der Stelle, wo eine Wärmequelle ausgemacht wurde. Das kostet Zeit und Akku. Pro Einsatztag hat das Sottrumer Team in seiner ersten Saison 25 bis 30 Hektar abgeflogen und dabei 24 Kitze gerettet.

Nicht jeden Tag wird die Gruppe fündig. Es mag daran liegen, dass die Mahd aufgrund bester Witterung im April früh einsetzte. Einige Landwirte verfügen aufgrund des trockenen Vorjahres nur über wenig Grundfutter für ihre Tiere und müssen zeitig mähen. Der Grünroggen wird ebenfalls etwa eine Woche früher gemäht als üblich.

Fast 14 Tage geht es jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett und auf die kalte Wiese. Viele der Teammitglieder stellen fest, wie aufwendig und kräftezehrend diese Einsatzbereitschaft ist. Während alle nach dem erfrischenden Morgen ihrer regulären Arbeit nachgehen, bleibt eine Kitzretterin fast im Dauereinsatz.

Gefunden: Eng duckt sich das Kitz an den Boden. Es könnte gerettet werden.

Die Jungtiere sind sicher am Wiesenrand unter einem Wäschekorb verwahrt. Die Behältnisse sind sicherheitshalber mit Heringen gesichert, da es die zappeligen Kitze sonst durchaus schaffen, sich zu befreien. Zusätzlich werden die Körbe mit Gras verblendet, damit sie keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Entscheidung für Wäschekörbe fiel aufgrund des vergleichbaren geringen Gewichtes und guter Transportierbarkeit.

Nach einem Fund hält eine Jägerin des Teams Kontakt zu dem Bewirtschafter der Fläche. „Wann wird gemäht? Wie lange braucht ihr für die Fläche? Können bitte die Flächen zuerst gemäht werden, auf denen die Kitze gefunden wurden? Denkt bitte daran, in der Mitte anzufangen und nicht außen herum zu mähen! Wird heute noch abgefahren?“

Enttäuschend ist es dann, neben der Fläche zu stehen und zuzusehen, wie zuerst außen herum gemäht wird. Und auch, wenn sich der abgesprochene Mähbeginn um Stunden verzögert. Dazwischen kommen kann immer etwas, aber ein schlechtes Gefühl wegen der eingesperrten Kitze bleibt. Nicht des Hungerns wegen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie entgegen der allgemeinen Meinung länger als zwei Stunden ohne Mahlzeit aushalten.

Kommunikation und Unterstützung zeigen Erfolg

Nahe dem Fundort wird das Kitz in einem Wäschekorb sicher am Wiesenrand verwahrt.

Dennoch ist der Wunsch groß, den eventuellen Stress für Ricke und Kitz so gering wie möglich zu halten und ihnen die Möglichkeit zu geben, schnell wieder zusammen zu finden. Mitunter gedeiht das zu einer Ganztagesaufgabe. Der Lohn der Mühe: Miterleben zu dürfen, wie die Ricke ihr Kitz abholt und besorgt mit ihm von dannen zieht. Eine immer wieder herzerweichende Szene. Interessant ist die Tatsache, dass sich einige Ricken erheblich Zeit lassen, ihren Nachwuchs einzusammeln, wie Beobachtungen aus dieser Saison ergaben. Wildbiologisch ist vermutlich niemals zu entschlüsseln, nach welchen Gesetzen das alles funktioniert.

Der mittlere Setzzeitpunkt für Rehe wird für Norddeutschland mit dem 1. Juni angegeben. Passionierte Jäger wissen deshalb, dass einige Kitze bereits im April gesetzt und ab Mitte Mai die meisten Geburten erwartet werden. Jährlich verschiebt sich die Hauptsetzzeit um einige Tage oder Wochen. Damit wird deutlich, wie wichtig eine „Vorsorge“ für Mahdflächen ist. In der Praxis bedeutet das: Beobachten! Und nicht müde werden, den Landwirten immer wieder tatkräftige Hilfe anzubieten.

Ein Musterbeispiel im Hegering Sottrum liefern Jäger und Landwirte aus Hassendorf. Durch Kommunikation entstand Teamwork. Die Landwirte informieren die Jäger einen Tag vor der Mahd und diese fahren daraufhin mit unzähligen Pfählen und Flatterbändern hinaus, um Wild zu vergrämen. Den Landwirten zufolge kam es seitdem glücklicherweise kaum noch zu einer Todmahd.

Das „Netzwerk Kitzrettung“ vermittelt den Landwirten dennoch beständig, dass trotz der Drohne das Absuchen der Wiesen weiterhin nicht nur eine gesetzliche Aufgabe, sondern auch eine Selbstverständlichkeit bleiben muss. Wünschenswert ist, dass akustische Wildretter an den Mähwerken weiterhin Verbreitung finden.

Auch in diesem Jahr mit neuer Technik wieder aktiv

Das „Netzwerk Kitzrettung” ist mittlerweile als Verein organisiert.    Aufgrund einiger Spenden und einer  höheren  Zuwendung  der  Niedersächsischen  Bingo-Umweltstiftung geht das Team  in  diesem  Jahr  mit  neuer, moderner Technik an den Start.

Eingesetzt wird in dieser Saison ein Copter von DJI, ein „Mavic 2 zoom”, 900 Gramm  schwer,  und  eben-falls etwa 20 Minuten Flugzeit beziehungsweise Akkukapazität. Gekauft  wurde  außerdem  eine  Kamera  „Flir  Boson”    mit  einer  Auflösung  von  640x320 dpi und einer höheren  Wärmeempfindlichkeit,  so  dass  die  Rehkitzretter  künftig in einer Höhe von 50 Meter  fliegen  und  so  mehr  Fläche schaffen können.

Die  Flughöhe  hängt  allerdings  generell  mit  der  Außentemperatur  ab.  Je  wärmer es ist, desto tiefer muss geflogen werden, um überhaupt  noch  einen  Wärme-punkt  auszumachen.  Schreitet   die   Tagestemperatur   voran  und  es  wird  sonnig,  sind  die  Einsätze  oft  schon  um 8 Uhr vorbei.