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Dresdner Jagdzug

(Foto: W. Martin)




Der Fürstenzug in Dresden – von Konrad (der Große), über Albrecht (der Beherzte) bis zu Friedrich August III., König von Sachsen – ist als Sehenswürdigkeit nahezu weltweit bekannt und für jeden Dresden­besucher ein Muss! Auf ihm sind 35 Markgrafen, Kurfürsten und Könige des sächsischen Herrscherhauses ­Wettin* samt Vertreter des sächsischen Bildungsbürgertums dargestellt. Dieser Fürstenzug an der Nordwand des Stallhofes, zunächst als Kalkfarben­malerei, dann als Sgraffiti, später – von 1904 bis 1907 – und endgültig dann auf 24 000 keramischen Fliesen der Porzellanmanufaktur Meißen gefertigt, ist 102 Meter lang. Ein Monument!
Unweit von Dresden, in Moritzburg, eines der ehemaligen königlich-sächsi­schen Jagdreviere, in der Churfürstlichen Waldschänke, gibt es noch einen Zug, viel kleiner, viel bescheidener, aber dennoch kaum weniger spektakulär. Wenn man sich als Jäger in der Churfürstlichen Waldschänke (dem Tagungsort des Freundeskreises Jagdkultur im Jahre 2008) zu Moritzburg niederlässt, sollte man dies – zumindest einmal, dann aber ausgiebig – im Churfürstenzimmer tun. Dort lachen und springen den Gast von der Decken­paneele Bilder an, die als „Jagdzug des Churfürsten Johann Georg I.“ (1585-1656; Regierungszeit 1611-1656) bekannt geworden – oder richtiger gesagt: bisher wenig bekannt sind.
Diesen Jagdzug hat man sich als eine große, geradezu riesige Jagdgesellschaft vorzustellen, die beutebeladen heimkehrt, die „Beutetiere“ aber alle noch leben und in großen Käfigen heimwärts geführt werden. Bären, Biber, Wölfe, Sauen, Hasen, Hamster, Eichhörnchen und andere mehr – alles in großen Käfigwagen. Neben den Bildern wird der Betrachter sowohl textlich exakt über die Anzahl des erbeuteten Wildes, schön säuberlich nach Tierarten getrennt, als auch über die teilnehmenden Personen, also die Förster, Jäger, Treiberbuben und Hundeführer, informiert. Auch über die Art der damaligen Hundeführung in der Meute kann sich der Betrachter sehr plastisch ein Bild machen. Diese Art und Bedeutung der höchst ungewöhnlichen Darstellung des heimkehrenden Jagdzuges des Churfürsten erschließen sich dem Betrachter nicht sofort und es scheint auch kaum vergleichbare Kunstwerke zu geben. Auch der Autor, der Name des Künstlers, ist nicht überliefert. Klar scheint zu sein, dass die Darstellung des Jagdzuges erst mehrere Jahre nach dem Ereignis entweder in Auftrag gegeben oder fertiggestellt worden ist, denn hinter allen namentlich angeführten Personen, die sich teilweise urkundlich in der Gegend rund um Moritzburg, Meißen und Dresden nachweisen lassen, ist das Sterbekreuz zu finden.
Der in der Churfürstlichen Waldschänke ausgestellte Jagdzug beinhaltet fünf Szenen mit 18 Bildern und 96 Personen, dennoch ist er nicht vollständig. Ein Teil dieses Jagdzuges befindet sich seit Längerem in der Sächsischen Kunstsammlung Dresden und ist der Öffentlichkeit leider nicht zugänglich. Welchen Umfang dieser Teil hat, ob und wann der komplette Jagdzug wieder an seinem ursprünglichen Ort, der Churfürstlichen Waldschänke, zu bewundern sein wird, ist derzeit fraglich. Eine schriftliche Anfrage an die Sächsische Kunstsammlung Dresden blieb bisher unbeantwortet.
Auf welche Jagd oder welches Ereignis sich dieser Jagdzug bezieht, ist ebenfalls strittig beziehungsweise nicht eindeutig nachzuweisen. So ist in den Chroniken nachzulesen, dass Churfürst Johann Georg I im Jahre 1614 und 1617 zwei große Jagden im Tharandter Wald (königlich-sächsisches Jagdgebiet südwestlich von Dresden) durchgeführt hat, an denen insgesamt 419 Sauen zur Strecke kamen. An anderer Stelle wird ausführlich über die große Wildschweinjagd des Churfürsten Johann Georg III. (1647-1691) vom 7. bis 27. Dezember 1698 berichtet: „Der kurfürstliche Jagdzug, auf dem Fürstenweg von Dresden kommend, traf am 7. Dezember mit 80 Jagdzeugwagen in Fördergersdorf ein …“ Dies waren aber „Jagdzüge“, die nach Johann Georg I., also wesentlich später stattfanden.
Literatur, Erklärungen rund um den Jagdzug des Churfürsten Johann Georg sind wenig oder gar nicht zu finden. ­Sicher scheint zu sein, dass das Original des Jagdzuges zunächst als Kupferstich und später erst als Decken- oder Wandmalerei auf Holz gefertigt wurde. Analog zum Fürstenzug ist anzunehmen, dass dieser Jagdzug möglicherweise nicht ein besonderes Ereignis, eine ganz bestimmte Jagd zum Anlass hatte, sondern mit diesem Kunstwerk insgesamt die Jagd, deren Stellenwert in den königlichen Jagdrevieren und die Zusammenarbeit mit der ländlichen Bevölkerung gewürdigt werden sollte. Allein die Zahl der dargestellten Tierarten unterstreicht diese These, denn es ist aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, dass während mehrerer Jagdtage, sozusagen gleichzeitig, auf Bären, Biber, Sauen, Hirsche und Hamster gejagt wurde.
Auch Antworten auf unsere Ver­mutungen, ob möglicherweise die Texttafeln mit Jagdsprüchen, die zwischen den eigentlichen Jagdzugmotiven zu finden sind, später eingesetzt wurden und ursprünglich nicht zum eigentlich Jagdzug gehörten, konnten bisher nicht eindeutig gefunden werden.
Es sind noch viele offene Fragen um den Jagdzug und es wäre doppelt schade, wenn einerseits nur ein Teil dieses Zuges der Öffentlichkeit zugänglich wäre und zum zweiten die Bevölkerung und insbesondere die interessierte Jäger­schaft bezüglich dieses kulturellen Kleinodes weiterhin im Dunkeln tappen würde.
Vielleicht hilft ja dieser Hinweis, den einen oder anderen Kunstsachverständigen aus der Deckung zu locken...

*Wettiner, altes deutsche Herrschergeschlecht, das sich seit Beginn des 12. Jahrhunderts nach der Burg Wettin benannte. Nach der Leipziger Teilung (1485), Aufspaltung in eine ernestinische und eine albertinische Linie. Im November 1918 verzichteten die Wettiner in allen deutschen wettinischen Staaten auf den Thron, kamen aber über Sachsen-Coburg im 19. Jahrhundert über die ernestinische Linie auf die Throne von Großbritannien, Belgien, Portugal und Bulgarien.