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Disziplin ist alles

Rehwildjagd mit Flinte und Schrot: Das Kitz lag sauber im Schuss. (Foto: JD)


Mit freundlicher Geste und einem Waidmannsheil wies mir mein Ansteller den Standplatz zu. Da unmittelbar nach dem Anstellen geschossen werden durfte, kamen gleich zwei Schrotpatronen in die 12er Browning-Bockflinte. Nichts unterschied dieses Prozedere von einer Niederwildtreibjagd in deutschen Landen – mit einer Ausnahme: Es galt vor allem dem Rehwild, denn diese Jagd fand in der Schweiz, in einem Revier nahe Zürich statt.
Die Einladung hatte Jagdfreund Peter spontan im Rahmen einer Diskussion, in der es zum wiederholten Mal um den Sinn, die Zweckmäßigkeit der jeweiligen landesrechtlichen Regelung beziehungsweise die Wirksamkeit des Schrotschusses auf Rehwild ging, ausgesprochen.
Für ihn war es schon immer unverständlich, warum wir deutschen Jäger uns so vehement gegen diese effektive Bejagungsform sperren. Vor allem vor dem Hintergrund, dass seine Jagdgesellschaft ein Revier gepachtet hat, dessen Waldbereich zum einen in Folge des Orkans „Wiebke“ zu einem grünen „Dschungel“ aus nachwachsender Bestockung und Brombeeren geworden ist. Zum anderen ist es durch die Nähe zu Zürich einem enorm hohen Besucherdruck praktisch rund um die Uhr ausgesetzt. Der Abschussplan war allein mit traditioneller Ansitzjagd überhaupt nicht mehr zu erfüllen gewesen. Erst mit den beiden pro Jahr im Kanton Zürich zulässigen „Gesellschaftsjagden“ – wobei aus Sicherheitsgründen eben nur mit Schrot geschossen wird – konnten die Vorgaben wieder erreicht werden.

Generalstabsmäßige Organisation

Perfekte Wildversorgung: Zentral aufgebrochen, mit Wasser sauber ausgespült und zum Lüften aufgehängt. (Foto: JD)


Wenn man mitreden will, zählen nur die eigenen Erfahrungen – und so wurde die Einladung vorurteilsfrei angenommen. Ende November stand der zweite Jagdtermin an, die Formalitäten waren minimal, der 2-Tages-Gästejagdpass kostete 60 Schweizer Fränkli. Auf die Begrüßung der rund 25-köpfigen Jäger- und Hundeführerschar (insbesondere der „hoch geschätzten Chefredaktoren“ zweier deutscher Jagdzeitschriften) folgte eine präzise Einweisung in den Ablauf des Jagdtags. Gejagt wurde in drei Gruppen à sechs Jägern. Zudem gehörte zu jeder Gruppe ein Führer von Stöberhunden (Schwyzer und Berner Niederlaufhunde) sowie ein Nachsuchegespann. Freigegeben war alles Rehwild (auch Böcke, wer mochte, auch „Kahlböcke“) sowie Dachs, Fuchs und Hase. Grundsätzlich gelte: Kitz vor Geiß; keine Sprünge, keine hochflüchtigen Stücke beschießen. Besonders eindringlich wurden die Sicherheitsregeln ins Gedächtnis gerufen, denn trotz der Sperrung des zu bejagenden Waldgebiets sei stets mit Besuchern zu rechnen. Weitere mahnende Worte galten der Disziplin: Die optimale Entfernung für den Schuss mit Schrot liege zwischen 15 und 30 Metern. Dann der erste Trieb. Wunderbar das Geläut der Hunde, wenn sie auf die Wittrung von Rehwild stießen. Die erste Schussmöglichkeit: Nahezu lautlos, allerdings von hinten in das Treiben wechseln wollend, stand auf einmal ein einzelnes weibliches Stück nur wenige Schritte entfernt. Das gegenseitige Bemerken erfolgte gleichzeitig und die winzige Zeitspanne einer „instinktiven Schusshemmung“ (so will ich es mal ausdrücken) reichte der Geiß zum blitzschnellen Abtauchen ins dichte Unterholz. Aber die Jagdkameraden hatten Anlauf: Drei Rehe und ein Hase waren die Beute des ersten Treibens unserer Gruppe. Und dann folgte ein Musterbeispiel präziser Organisa­tion. Wenige Minuten nach dem Abblasen fuhr ein VW-Pritschenwagen vor, lud die Stücke auf und brachte sie zum zentralen Aufbrechplatz. Dort wurden sie von einem Metzger optimal versorgt. Denn die Verwertung spielt selbstverständlich eine wichtige Rolle. Apropos Verwertung: Eine „Untersuchung“ der aufgebrochenen Rehe war aufschlussreich. Schrote steckten auf der Decke, zwischen den Rippen, aber auch in und unter der Decke der Ausschussseite – hatten also den Wildkörper durchschlagen! Leider war kein Reh aus der Decke geschlagen, die Wirkung der Schrote auf das Wildpret (Hämatomentwicklung) hätte mich schon sehr interessiert. Zum „Zwischenaser“, der Mittagspause, betrug die Gesamtstrecke immerhin schon elf Rehe. Im nächsten Treiben, Laubholz-Hochwald mit einigem Zwischen- und Unterstand, wechselte eine Geiß mit zwei Kitzen in schnellem Troll auf etwa 40 Meter an mir vorbei – da blieb der Zeigefinger gerade. Denn ausgerechnet als Gast womöglich eine Nachsuche produzieren wollte ich auch nicht. Dem Nachbarschützen kamen die drei günstiger und es war gut zu beobachten, wie ein verhoffendes Kitz im Schuss zusammenbrach. Das letzte Treiben: Direkt an einer Forststraße postiert, hatte ich eine der typischen „Wiebke“-Flächen vor mir. Die leichte Kuppe war mit einem bunten Gemisch aus Fichtengruppen, Laubholz und reichlich Unterwuchs aus Brombeere und Sträuchern bestockt. Die Wartezeit bis zum Anblasen „überbrückten“ Gespräche mit einem Jogger-Pärchen sowie zwei älteren Damen mit Hund. Vorbeisausende Radfahrer untermauerten nur, warum die Beständer auf diese Variante der Rehwildbejagung zurückgegriffen haben.

Erfahrene Schützen - perfekte Organisation

Schrote fanden sich meist auf der Einschuss-, aber auch auf der Ausschussseite. (Foto: JD)


Dann Hundgeläut, oben am Hang sprang eine Geiß mit Kitz nach rechts weg – und ein weiteres Reh wechselte hangabwärts auf mich zu. Auf rund 20 Meter verhoffte das Schmalreh kurz und lag – nur noch kurz mit den Läufen schlegelnd – im Hagel der 3,7er Bleigarbe. Mein erstes mit Schrot erlegtes Reh...
Die Gesamtstrecke am Ende des Jagdtages war beeindruckend: 19 Rehe, darunter sechs Böcke, bei nur wenigen, kurzen sowie einer einzigen erfolglosen Nachsuche! Und der Abschussplan war erfüllt.
Um mit dieser Schilderung nicht falsch interpretiert zu werden: Sie soll kein Plädoyer für den Schrotschuss auf Rehwild bei uns sein. Aber – und die Praxis in einigen anderen Ländern beweist dies – er kann durchaus effektiv, durchaus tierschutzgerecht durchgeführt werden. Unabdingbare Voraussetzungen sind jedoch eine perfekte Organisation, der Einsatz von für diese Jagdform brauchbaren Hunden und absolute Disziplin bei der Schussab­gabe – und das wurde an diesem Jagdtag eindrucksvoll unter Beweis gestellt.