Home Praxis Damwild Schmalspießer richtig ansprechen

Damwild Schmalspießer richtig ansprechen


An diesem Morgen ist es noch recht kalt. „Maikühl“, sagt man bei uns dazu. Auf den Wiesen hängt leichter Nebeldunst. Überall leuchtet frisches Grün. Der Mai ist eindeutig mein Lieblingsmonat. Nicht nur, weil die Bockjagd wieder beginnt, sondern die Natur an allen Ecken und Enden Vollgas gibt. Überall ist Nachwuchs zu sehen, und das Wild ist wieder bei Licht zu beobachten.

Leise tuckern wir mit dem Pick-up ins Revier. Im Leerlauf rollen wir um eine Ecke, dann schaltet Stephan den Motor aus. „Von hier aus laufen wir lieber“, sagt der Damwildprofi. Stephan ist Jagdaufseher in einem hervorragenden brandenburgischen Damwildrevier. Hier fallen zur Brunft regelmäßig Medaillien-Schaufler. Die durchdachte Jagdstrategie mit Ruhezonen erlaubt auch einen hohen Bestand mit viel tagaktivem Wild. Das taunasse Gras und Laub erleichtert uns das leise Pirschen auf dem gewundenen Pfad entlang eines Eichenwäldchens.

Kein Schmalspießer

3 Auch ein heimlicher Waldbock lässt sich an dem frischen Morgen von uns überraschen.


Stephan bleibt alle paar Schritte stehen, um zu überprüfen, ob Wild vor uns im Bestand steht. Dieses Revier kennt er wie seine Westentasche und bemerkt sofort, dass uns ein Stück anwechselt. Er bleibt stehen und nimmt das Doppelglas zur Hand. Nun kann auch ich erkennen, dass drei Stück Damwild links vor uns durch den Wald ziehen. „Ein Spießer ist dabei“, flüstert Stephan mir zu. Langsam zieht der Trupp weiter und verschwindet aus unserem Sichtfeld. „Das wäre jetzt so ein klassischer Fehlabschuss gewesen. Denn dieser Spießer hatte noch sein Geweih vom vergangenen Jahr auf, und ist somit kein Schmalspießer mehr“, erklärt der Fachmann. „Schmalschpießer schieben gerade ihre ersten Kolben und tragen jetzt nur kleine Bastknubbel.“

Wir setzen uns wieder in Bewegung und pirschen auf eine saftige Wiese zu. Schon von Weitem können wir durch die Lücken im Astwerk erkennen, dass einiges an Damwild dort zum Äsen steht. Schritt für Schritt kommen wir vorwärts. Ein Zaunkönig im Reisighaufen neben uns schimpft aus voller Kehle, als wir uns hinknien und das Rudel durchs Fernglas beobachten. „Sie haben alle die Häupter unten. Wir können also langsam weiter“, raunt mir der 45-Jährige zu und schleicht gebückt weiter. Nun führt der Pfad auf einen Graben zu, über dem eine Holzbohle liegt. Wenige Meter weiter steht eine große Kanzel. „Wir setzen uns drunter, sonst bekommen sie uns beim Aufbaumen spitz“, entscheidet Stephan.

Mit seinem Spektiv können wir nun gut ansprechen und einen Blick auf das große Rudel werfen. Das meiste ist Kahlwild. Es sind insgesamt über 50 Stück. Vertraut lassen sie sich das junge Gras schmecken. „Hier halten wir absolute Jagdruhe“, erklärt mir Stephan. „Deswegen sind sie den ganzen Tag zu sehen“. Noch stehen einige Schmalspießer beim Kahlwild. Sobald die Zeit des Setzens näher rückt, werden sie von den Alttiere abgeschlagen. Wir sitzen im nassen Gras an den Pfosten der Kanzel gelehnt und genießen noch ein paar Minuten den Anblick. Leise, wie wir gekommen sind, machen wir uns 20 Minuten später auf den Rückweg.

Gut im Wildbret

1 Dieser gut entwickelte Schmalspießer ist stark im Wildbret und wird geschont.


Etwa 100 Meter vor der Stelle, an der wir das Auto abgestellt haben, hören wir in den Erlen Äste knacken und bleiben stehen. Eine Rotte Sauen bummelt bei bestem Licht durch den Bestand. Zwei Bachen und einige Frischlinge ziehen unbeirrt an uns vorbei. Etwa 50 Meter weiter ziehen sie in unseren Wind. Eine Bache wirft auf. Kurz verhofft sie, dann rauscht die ganze Korona empört in Richtung Adlerfarn ab. Wir entscheiden uns, mit dem Wagen noch eine Runde durchs Revier zu drehen. Keine 500 Meter weiter steht ein einzelner Schmalspießer zwischen den Birken. „Der ist aber kräftig“, bemerkt Stephan und hält an. Der junge Hirsch ist nicht nur stark im Wildbret, sondern auch seine Zwiebeln (Basis der Spieße) sind dick. Die Spieße ragen ein gutes Stück über die Lauscher hinaus. „Um den wäre es schade. Er wiegt bestimmt über 30 Kilogramm. Da schauen wir lieber nach einem schwächeren“, entscheidet der Jagdaufseher. Ohne Furcht sichert der junge Hirsch herüber, als wüsste er, dass von uns heute keine Gefahr ausgeht.

Entlang einiger Wiesen entdecken wir noch mehr Damwild. Vor einer hohen Pappelreihe haben sich etwa acht Hirsche auf einem Grünstreifen niedergetan. Sie scheinen zu dösen und die warmen Sonnenstrahlen zu genießen. Wir lassen sie in Ruhe und tuckern weiter. „Lass uns mal im nördlichen Revierteil nach einem passigen Schmalspießer schauen“, entscheidet der Brandenburger und wechselt die Straßenseite. Am Rande eines Getreideackers führt ein Feldweg wieder auf ein Wäldchen zu. Stephan kennt hier ein paar Ecken, in denen sich das Damwild gerne noch eine Weile aufhält. „Dort vorne hinter der Dickung ist eine Salzlecke, da stehen sie gerne noch mal, bevor sie in den Einstand ziehen“, weiß Stephan aus Erfahrung. Tatsächlich steht dort Wild. Doch es ist kein Damwild. Ein „Waldbock“ sichert zu uns herüber. Nach einer Minute regungslosem Starren entscheidet er, sich ins schützende Unterholz zurückzuziehen. „Der hatte eine interessante Perlung“, bemerkt Stephan, als er weiterfährt. Wir schauen noch an ein paar anderen lauschigen Ecken vorbei und haben auch noch öfter Damwild in Anblick. Doch es ist nichts Passendes dabei. „Eine Idee habe ich noch“, sagt Stephan und steuert das Auto zurück zur Straße.

"Es gibt drei "Spießer" im Mai aber nur einer hat Jagdzeit"

3 Dies ist ein Teil des großen Kahlwild-Rudels, das sich vertraut das frische Grün schmecken lässt.


„Ein Hirschrudel steht morgens manchmal auf dem Getreideacker an der Grenze, vielleicht sind ein paar Schmalspießer dabei.“ Wir umfahren das Feld, um mit gutem Wind den Hang hochpirschen zu können. In der Spur einer Rückegasse schleichen wir in Richtung Waldkante. Mittlerweile hat die Sonne den Nebel restlos vertrieben und scheint mit voller Kraft auf uns herunter. Als wir an die Kante kommen, gehen wir gebückt ein Stück weiter, um über den Grat zu schauen. Tatsächlich stehen etwa 15 Stück Damwild auf dem Getreide. Sie haben anscheinend schon etwas vernommen, denn alle sichern in unsere Richtung. Stephan richtet sich auf und schaut durch das Fernglas. An einen Schuss ist auch aufgrund der Größe des Rudels nicht zu denken.

„Schau sie Dir an. Da sind einige Spießer des vergangenen Jahres dabei. Aber auch die ein Jahr älteren Hirsche könnte ein ungeschultes Auge mit einem Schmalspießer verwechseln“, erklärt der Damwildprofi. „Die haben nämlich auch teilweise nur Knubbel geschoben. Und wenn man nicht auf die Rosen achtet, die Schmalspießer nicht haben, dann kann man die schnell verwechseln.“ Natürlich ist das „Kindergesicht“ des Schmalspießers ein weiteres wichtiges Ansprechmerkmal, genau wie das Gewicht. Doch fehlt der Vergleich, und die Erfahrung, macht es einem das Damwild im Mai nicht einfach. „Im Prinzip gibt es drei ‚Spießer‘ im Mai. Aber nur einer hat Jagdzeit“, sagt Stephan mit einem Zwinkern und tritt den Rückweg an.

 

Diesen und weitere Artikel finden Sie in der unsere Jagd 5/ 2018.


Eike Mross Der Redakteur der UNSERE JAGD stammt aus dem Grenzgebiet von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt an der Elbe. Er ist leidenschaftlicher Sauen- und Rehwildjäger. Weitere Interessen sind Wildbiologie sowie Bau- und Fallenjagd.
Thumbnail