Damhirsche lügen nicht!

Warum verhalten sich Rot- und Damwild so unterschiedlich, wenn es um 'das eine' geht? Kann sich der Damhirsch keinen Harem leisten? Durchaus nicht, denn es gilt, wie meist im Leben – es kommt eben darauf an! Und so kennt man ihn: Zur Brunft schlägt der Damhirsch auf einem übersichtlichen Platz sein 'Duft-Zelt' auf. Er präpariert eine flache Kuhle, die er mit seinem Urin markiert, der wesentliche Informa­tionen über seine Kondition enthält. Heftig schlägt er die Kuhle weiter auf und wälzt sich in dem intensiv parfümierten Brei. Dieses kleine Territorium wird in den folgenden Tagen und Wochen vehement gegen andere Hirsche verteidigt. Der Rothirsch dagegen verteidigt 'seine' Damen. Und trotzdem können sich unter bestimmten Umständen beide Arten auf die jeweils ­andere Strategie umstellen. Viele Faktoren spielen bei der Auswahl des gerade günstigsten 'Brunftprogramms' eine Rolle: A Was machen denn die anderen? B Habe ich als junger Hirsch irgendeine Chance auf eine schnelle Paarung? C Halte ich eine Strategie überhaupt körperlich durch? Und natürlich D Was hätten denn die 'Damen' gerne? Alle diese Fragen lässt sich ein Hirsch, ein Damschaufler oder Rehbock zwar nicht ­so plastisch durch den Kopf ­gehen. Aber in den von ­vielen Vorfahren ererbten ­Genen hat er ein Potenzial mit ­bekommen, um sich optimal auf seine Umwelt einzu­stellen.

Der Superhirsch

Das Verhältnis des Körpergewichts eines durchschnittlichen Jährlings zu einem durchschnittlichen erwachsenen Tieres legt eine wichtige Weiche um: In den Arten mit einem sehr hohen Wert des Gewichtsverhältnisses können gut konditionierte junge 'Männchen' bereits früh ­aktiv bei der Partnerwahl mitmischen, wie bei Rehen oder auch bei Steinböcken. Bei den langsamen wachsenden Arten (beim Rothirsch ist der Wert etwa 0,57, das heißt reife Hirsche sind fast doppelt so schwer wie junge) müssen sich die Jung-Mannen in Geduld üben. Bei Damhirschen kommt es unter natürlichen Bedingungen praktisch nicht vor, dass sich männliche Tiere jünger als fünf Jahre an der Brunft beteiligen. Aber diese Zeit des Wartens ist im Leben eines Damhirsches sehr wichtig, denn hier muss er Erfahrungen sammeln, beim Einschätzen von Rivalen und beim Kampf. Der reife Schaufler dagegen steht im Sommer vor der Frage, ob er sich in diesem Jahr auf ein Brunftterritorium einlassen soll. Nur bei guter Kondition lohnt es sich. Dann braucht er den Vergleich mit Rivalen nicht zu fürchten. Schafft er es, ein gutes, kleines Territorium an zentraler Stelle der Arena zu halten, steigen seine Chancen, den 'Jackpot' zu knacken: Ein erfolgreicher Damhirsch ist für 90 Prozent aller Paarungen während der Brunft verantwortlich. Die Entscheidung über den Erfolg fällt bereits sehr früh im Jahr. Die Wahl des ­richtigen Sommereinstands ­bestimmt weitgehend den späteren Erfolg im Herbst: Im besten Lebensraum muss sich der Hirsch nicht weit bewegen, um auch beste Äsung zu bekommen. Ein kleines, optimales Streifgebiet spart darüber hinaus Energie. Die Hirsche reduzieren so ihre ­Energie-Ausgaben im Sommer. Denn während der Brunftzeit ist der volle Einsatz gefragt: Die Schaufler nehmen praktisch keine Äsung auf und sind doch fast ständig in Bewegung und auf Grenzpatrouille. Dabei verlieren sie oft bis zu einem Drittel ihres Körpergewichtes. Trotzdem sind die Über­lebenschancen eines territorialen Hirsches höher als die eines nicht-territorialen: Ein Zeichen für die bessere Kondition der Erfolgreichen. Erst ab neun Jahren beginnen die Hirsche merklich zu altern. Kurz vor der Brunft ziehen die kapitalen Schaufler zügig zum Brunftplatz – der, wenn möglich, außerhalb ihres Einstandsgebietes liegt – und etablieren dort mit großem Getöse ihr Territorium. Erst dann stellen sich auch die 'Hauptpersonen' ein, die Damtiere. Manche ­natürliche Populationen verlegen ihren Brunftplatz von Jahr zu Jahr, zum Beispiel, um Raubwild auszuweichen.

Damenwahl

Um sie geht es! Damtiere begutachten die Hirsche auf dem Brunftplatz. Sie erkennen die 'Besten' an deren Schaufeln und der 'Show', die sie aufführen.<br>(Foto: E. Marek)


Beim Damwild gilt – wie meist im Tierreich – Damenwahl. Und der Geschmack der Damtiere ist klar: Sie bevorzugen die sogenannten 'Hot Shot' Hirsche – also diejenigen, die sich am besten produzieren, sind die 'heißesten' Kandidaten. Von Abwechslung halten die Tiere nicht viel. Ja, die Bedrängung durch viele, unerfahrene jüngere Hirsche stört sie sogar so stark, dass sie sich dann vom Brunftplatz zurückziehen. Besonders bei hohen Wilddichten kann das passieren oder wenn alte Hirsche im Bestand fehlen. Da der ­'Superhirsch' des einen Jahres wahrscheinlich auch im nächsten Jahr wieder da sein wird, haben sich viele weibliche Tiere 'angewöhnt', zur Zeit ihrer Aufnahmebereitschaft zielstrebig in die Zent­ralarena zu wechseln, sich dort schnell zu paaren und sich dann rasch wieder zurückzuziehen. Damit ersparen sie sich die Bedrängung durch junge Hirsche und – ebenso wichtig – die Konkurrenz mit anderen Tieren um den begehrten 'Superhirsch'. Für einen Schaufler dagegen lohnt sich der Einsatz in ein kleines Brunftterritorium nur, wenn es überhaupt genügend weibliche Stücke gibt. Andernfalls wäre es vom ­Energieaufwand sogar günstiger, einen kleinen Harem zu verteidigen. Und tatsächlich kann Damwild auf diese Strategie umschwenken. Das Kriterium, das das Kahlwild an einen möglichen Partner anlegt, ist nicht un­bedingt die Güte des kleinen Territoriums, das er vertei­digt, es ist vielmehr die 'Show', die darin abgezogen wird: Denn in dem auffälligen Verhalten und seinen Schaufeln legt der Hirsch, wie in einer Geschäftsbilanz, seine Aktiva offen. Das Geweihwachstum territorialer Damhirsche ist deutlich schneller als das von nicht-territorialen 'Beihirschen' – den Verlierern in der Arena der Geschlechter. Während ein schwacher Hirsch etwa fünf bis sechs Gramm pro Tag zulegt und am Ende Schaufeln von weniger als einem halben Kilo­gramm trägt, schiebt ein in Zukunft territorialer Hirsch mindestens zehn Gramm Knochenmasse pro Tag im Frühjahr. Seine Schaufeln bringen entsprechend auch über ein Kilogramm auf die Waage. Nicht nur stärker, auch schneller schieben die erfolgreichen Hirsche. Territoriale Schaufler verfegen etwa 15 Tage früher als nicht-territoriale. Ein erfolgreicher Damhirsch muss also wissen, wo es die beste Äsung gibt, er nimmt im Frühjahr und Sommer schneller an Gewicht zu und schiebt dadurch auch ein stärkeres Geweih. Derart vorbereitet, kann er sich ins Zent­rum der Brunftarena setzen und auf den Besuch der Stücke warten. Denn die wissen genau, dass Größe und Mächtigkeit der Schaufeln ein 'ehrliches Zeichen' für die Qualität eines Hirschs sind.
Das Schicksal eines jungen Damhirsches entscheidet sich früh: Zieht er während der Bastzeit in einen guten Einstand, muss er dort zwar mit starker Konkurrenz rechnen. Aber nur, wer dieses Wagnis eingeht, hat als Erwachsener eine Chance, ein Territorium zu besetzen. Hält sich der Junghirsch in weniger guten, dafür ruhigeren Sommer­einständen auf, wird aus ihm auch später kaum ein erfolgreicher Damschaufler werden.
Die Kämpfe während der Brunft sind eher etwas für die Jungen und Unerfahrenen. Die reifen, ranghohen Schaufler haben ihre Rangordnung bereits kampflos während der Vorbrunft entschieden. Nur wenn zwei gleich starke und dominante Hirsche aufeinandertreffen, wird gekämpft. Und jetzt geht es erbittert und gnadenlos zur Sache: Diese Kämpfe dauern länger als das Geschiebe und Gerangel der Jungen. Aber Kampf ist nicht gleich Kampf. Die Jungen schlagen sofort ihre Schaufeln gegeneinander und schieben und drücken sich hin und her. Die Kämpfe der 'Alten Herren' dagegen bestehen überwiegend aus langen Parallelmärschen. Wieder und wieder schätzen sie ihren Gegner ab – ob sie den Einsatz der Waffen ­wagen sollen. Der Kontakt der Geweihe wird so kurz wie möglich gehalten, wenn sie sich darauf überhaupt einlassen. Sobald weibliches Damwild anwesend ist, wird eher gekämpft, dann allerdings auch kürzer. Der erfahrene Damhirsch kennt seine Stärke genau und weiß, wie viel er wagen kann. Je höher die Dichte des Bestandes ist, desto öfter kommt es allerdings zu schweren Kämpfen. Wahrscheinlich angesichts einer stärkeren Konkurrenz durch viele Hirsche gehen die territorialen Schaufler mehr Risiko ein.
Jahrelange Beobachtungen von Damwildpopulationen in einer Reihe sehr unterschiedlicher Lebensräume und unter verschiedenen Lebens­bedingungen und Dichten haben Forscher heute zu einem faszinierenden Mosaik des Verhaltens dieser Wildart zusammengesetzt. Die Wissenschaft hat dem Damwild aber nichts von seinem Zauber genommen – im Gegenteil: Seine Wandelbarkeit, die Anpassungsfähigkeit und das strategische 'Denken' faszinieren nur noch mehr.