Home Praxis Dackel: Kleiner Hund, großes Herz

Dackel: Kleiner Hund, großes Herz


Meiner hieß „Waldmann“ und bewachte meinen Kinderwagen. Außerdem klaute er öfter mal den Braten vom Tisch. Einmal soll er ein krankgeschossenes Reh bei einer Nachsuche niedergezogen und erlöst haben. Waldmann war ein Langhaardackel und schon da, als ich auf die Welt kam, einer in einer langen, niemals endenden Reihe von Langhaardackeln in meiner Försterfamilie.

Zu beinahe jedem davon existieren Heldengeschichten: Da war z.B. „Isegrim“, der einmal einen erlegten Reiher aus dem Wasser gezogen hat, nachdem sich die anwesenden Vorstehhunde geweigert hatten. Oder „Arwen“, die einmal als einziger Hund bei einer Nachsuche Schweiß am Anschuss verwiesen hatte und Stunden später das kranke Stück mit Laufschuss fand. Dackelführer erzählen häufig Geschichten  von großen Helden- oder Schandtaten. Die Moral ist meist: Dackel darf man niemals unterschätzen!

Einen Dackel kann man überall mit hinnehmen. Etwa zum Ansitz im Jagdrucksack.


Davor warnt auch das Schild an der Haustür von Rosi Bauersachs: „Vorsicht vor dem bisschen Hund“ steht da, schwarz auf leuchtend Gelb. Beim Klingeln bellt es fünfstimmig, wie zur Bekräftigung. Bauersachs lebt im oberfränkischen Rödental und ist eine von denen, die sie dackelverrückt nennen. Auch bei ihr war der Dackel schon da, bevor sie auf die Welt kam, auch ein „Waldi“. Den ersten eigenen Rauhaar kaufte sie sich mit 12. Seitdem haben sie die Dackel nicht mehr losgelassen.

Nach Dackeln kann man süchtig werden

Top-Familienhund: Vorausge-setzt, er steht im Mittelpunkt wie „Omira“ und „Joschka“ bei den Ellmers.


Seit 1980 züchtet sie, ihren eigenen Zwinger „Vom Nonnenschlag“ gibt es seit 1995. Mittlerweile ist sie damit beim O-Wurf angekommen, die junge „Ornella“ sitzt, neben „Ilena“, „Jette“, „Mika“ und „Flori“ zu Bauersachs’ Füßen. Es gibt Gebäck, dazu Servietten mit Dackelmuster, „Die kriegen aber nur Hunde­leute“. Zwinger gibt es keine. Eine „kleine Zuchtstätte mit Schwerpunkt Schweißarbeit“ betreibe sie, sagt Rosi Bauersachs bescheiden.

Dabei ist sie unter Jägern in Nordbayern und Mitteldeutschland längst eine Institution in Sachen Dackel. Nicht nur, was die Zucht, sondern auch, was die Ausbildung angeht.Denn das ist beim Dackel ja so eine Sache. Stur soll er sein, dickköpfig, unberechenbar und ganz allgemein schwer erziehbar. Bauersachs winkt ab: „Das liegt immer nur an den Menschen.“ Konsequent müsse man halt sein und geduldig, „immer den längeren Atem haben als der Hund“.

Und der ist beim Dackel tatsächlich recht lang. Eine gewisse Hartnäckigkeit und ein eigenständig denkender Kopf gehören schließlich dazu, wenn man den Fuchs aus seinem Bau sprengen oder auf kurzen Beinen eine kilometerlange Schweißfährte ausarbeiten soll.

Und dann ist da noch der berühmte Dackelblick: „Er will einen schon bewusst einwickeln mit seinem Charme“, lacht Bauersachs, „da braucht man ein dickes Fell.“ Mit der richtigen Förderung seien Dackel arbeitsfreudig, gehorsam und verlässlich. Das hat Rosi Bauersachs als Hundeausbilderin des Dachshundclubs Nordbayern oft genug erlebt – „wobei ich ja mehr die Menschen ausbilde.“ Und manchmal, da passt es einfach nicht. „Nicht jeder hat ein Händchen für Hunde“, sagt Bauersachs. Wie man das merkt? „Na am Hund, sofort!“ Manchmal schickt sie potentielle Welpenkäufer wieder nach Hause, nachdem sie gesehen hat, wie ihre Dackel auf sie reagiert haben.

Ein Leben ohne Dackel? Für Rosi Bauersachs unvorstellbar. Ihr Engagement hat sich weit über Bayern hinaus rumgesprochen. © Anne-Nikolin Hagemann

Ein Leben ohne Dackel? Für Rosi Bauersachs unvorstellbar. Ihr Engagement hat sich weit über Bayern hinaus rumgesprochen.

Einer von denen, die Gnade vor dem Dackelkomitee gefunden haben, ist Christian Ellmer aus Bayreuth. Bei ihm wohnt seit fast einem Jahr Rauhaardackelhündin „Omira vom Nonnenschlag“, Wurfschwester von Bauersachs’ „Ornella“ und Ellmers erster eigener Dackel. Neben Tochter Kathi und „Omira“ liegt da noch „Joschka vom Nonnenschlag“ zufrieden im Gras, der Hund, der Christian Ellmer zum Dackelmenschen gemacht hat. Joschka gehört einem Jagdfreund, der sich aus Altersgründen Hilfe beim Ausbilden und Führen seines neuen Hundes wünschte.

Auch Ellmer hat oft erlebt, dass Dackel unterschätzt werden: „Ein Hund geht ab Terriergröße los“, den Spruch kennt er. Viele Jäger, sagt Ellmer, wüssten gar nicht, wie vielseitig einsetzbar sein Hund sei: „Nicht nur im Bau, sondern auch beim Stöbern und auf Schweiß bringen Dackel hervorragende Leistungen. Wenn ich wenig Niederwild habe – wozu soll ich einen Vorstehhund haben? Schalenwild kann ich mit dem Dackel universell bejagen.“ Wenn es dabei nicht gerade durch meterhohen Schnee oder dichtes Schilf geht.

Auf Drückjagden habe er oft erlebt, dass sich Jagdkollegen über Dackel in der Meute freuen. Denn das Wild kommt dann ruhiger, zum Anbringen des Schusses bleibt mehr Zeit.

Und die Größe seines Hundes habe noch einen praktischen Vorteil: „Einen Dackel bekommt man überall unter.“ Im Rucksack, in der Wohnung, im Auto, im Hotel. Auch, wenn dann viele trotzdem noch fragen, ob man „den streicheln darf“. Denn das Wadenbeißer-Image hält sich hartnäckig.

Der Dachshund in der Wissenschaft

Keine Chance für Langeweile: Die Dackel aus Rosi Bauersachs’ Zucht werden von Geburt an gefördert. Unter anderem auch im Bällebad.


Mit dem Bild des Dackels kennt sich Dr. Carolin Raffelsbauer von der Uni der Bundeswehr in München aus. Denn wer sich wie sie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit dem Dackel in Literatur und Gesellschaft beschäftigt, kommt um die Dackelbilder des Münchner Zeichners August Roeseler nicht herum. Der malte Anfang des 20. Jahrhunderts augenzwinkernd gewitzte Kurzhaardackel. Diese Bilder stehen symbolisch für die Rolle des Dackels, wie sie ihm von Medienschaffenden, Künstlern und auch von der Gesellschaft zugeschrieben wurde: „Der Dackel steht für etwas Eigenes, Verschmitztes, für liebenswürdigen Unsinn“, sagt Raffelsbauer.

Zu Zeiten Roeselers waren das die Wirtshausgänger und Jäger, später Urbayern wie Gustl Bayrhammer, noch später dann Hausmeister Krause. „Außerdem machen die Augen, die Figur und die Ohren den Dackel zum perfekten Werbeträger“, erklärt Raffelsbauer.„Mir hat mal jemand gesagt: Wenn du Auflage willst, musst du Kinder oder Dackel nehmen.“ Dass der Dackel wegen seiner Größe unterschätzt wird und das dann mit einer großen Portion Selbstbewusstsein ausgleicht, macht ihn noch liebenswerter, glaubt Raffelsbauer. „Es gibt das passende Sprichwort: Wenn der Dackel in den Spiegel schaut, sieht er einen Löwen.“

Das Leben ohne Hund ist eine Katastrophe

Die Besucher von Rosi Bauersachs sind an der Haustür gleich vorge-warnt – Dackel sollte man niemals unterschätzen!


Christian Ellmer glaubt: Ein Dackel ist, was man aus ihm macht. Wenn man ihn zu viel füttert, wird er zur Wurst auf Beinen. „Und mit der falschen Erziehung kann ich auch einen Dackel zur Furie machen.“ Mit der richtigen aber wird er ein guter Jagd- und Familienhund. Auch Ellmer und seine Tochter Kathi haben bei Rosi Bauersachs gelernt: „Einen eigenen Kopf haben Dackel auf jeden Fall“, sagt Kathi, „es gibt Tage, da klappt einfach nichts. Da darf man nicht nachlassen.“

Bei ihr und „Omira“ hat das geklappt: Sie haben die Begleithundeprüfung als Tagessieger bestanden. Christian Ellmer musste erst lernen, dem Dickkopf seines Dackels zu vertrauen, etwa auf der Schweißfährte. Da habe ihn „die Rosi schon heftig gerügt“, wenn er „Omiras“ Nase anzweifelte. Die Schweißprüfung haben die beiden trotzdem bestanden, 1. Preis. Und das, obwohl „Omira“ während der Prüfung in ein Erdwespennest geraten ist. „Da dachte ich, das war’s jetzt“, sagt Christian Ellmer. Doch seine Hündin hat trotzdem weitergesucht und gefunden. Noch so eine Dackel-Helden-Geschichte…

Selbst Apportieren ist kein Problem für einen Dackel, wie Rauhaar „Charly“ beweist.


Auch sie staune immer wieder über das, was Dackel so alles fertigbringen, sagt Rosi Bauersachs, selbst nach all den Jahren noch. Wenn sie Dackel bei sehr guter Schweißarbeit sieht, kriegt sie eine Gänsehaut. Und wenn der Kuchen mal wieder verschwunden ist, rätselt sie, wie ein so kurzbeiniger Hund bis auf die Küchenzeile reichen kann. Auf ihrem Telefontischchen liegt ein Zettel, ein Spruch, den sie sich irgendwann einmal notiert hat: „Ein Leben mit Hund bedeutet unter Umständen die eine oder andere Katastrophe. Ein Leben ohne Hund ist von vorneherein schon eine Katastrophe.“ Rosi Bauersachs lacht und sagt: „Wenn man ‚Hund‘ durch ‚Dackel‘ ersetzt, könnte der Spruch auch von mir sein.“

Jetzt muss sie los, zur Junghunde-Übungsstunde. Der Weg zur Haustür führt vorbei an ihrer „Wall of Fame“: Dort hängen Fotos ihrer erfolgreichsten Hunde. Drei aus ihrer Zucht sind Bundessuchensieger, viele Gebrauchssieger und weitere sind erfolgreich bei jagdlichen Prüfungen gewesen. Die Förderung im Hause Bauersachs beginnt früh: Welpengarten mit Flattervorhang, Bällebad und Kriechtunnel, dann Welpenspieltage am Hundeplatz, bald erste Schleppen mit verschiedenen Wildarten, erste Schweißfährten, Junghundekurs, Begleithunde­kurs, Prüfungen…  „Mit vier Monaten kommt das Flegel­alter“, sagt Bauersachs, „da ist es ganz wichtig, dass man dranbleibt.“

Beim Ablegen macht Rauhaardackel Charly auch neben den Hundekollegen anderer Rassen eine gute Figur.


Die Hunde, die mit ihren Führern auf dem Hundeplatz eintreffen, sind alle etwa in diesem Alter. Und nur ein Dackel ist unter ihnen, Rauhaar „Charly“. Die Übungsstunden stehen allen Rassen offen. Frei bei Fuß, Ablegen, Sitzen neben dem Führer trotz Ablenkung, Kommen auf Pfiff über Entfernung, Apportierübungen usw.

Rosi Bauersachs ist überall – korrigiert, hilft, ermahnt. „Wenn etwas klappt, müsst ihr euch freuen wie verrückt“, ruft sie. Ruhige Konsequenz und überschwängliches Lob, das Erfolgsrezept für alle Hunde. „Ein Dackel“, sagt Rosi Bauersachs, „ist auch nur ein großer Hund im kleinen Körper“. „Charly“ beweist das eindrucksvoll. Weder beim Üben noch beim Spielen mit den großen vierbeinigen Kollegen lässt er sich einschüchtern. Und als er dann auch noch einen Futterdummy perfekt apportiert und ausgibt, freut sich sein Führer wie verrückt.

Picasso, Andy Warhol, Ingrid Steeger, Heinz Rühmann – haben sie mehr gemeinsam als den Dackel an der Leine? Als Wissenschaftlerin möchte sich Raffelsbauer zurückhalten mit Verallgemeinerungen. Trotzdem glaubt sie: „Dackelbesitzer sind schon ein eigener Menschenschlag.“ Bei den Ellmers löst die Frage Gelächter aus: „Hund und Herrchen passen schon zusammen“, neckt die Ehefrau.

Bodenständig und traditionell seien die meisten Dackelbesitzer, die Ellmer kennengelernt hat. „Aber es gibt auch junge Führer, die sind wieder anders.“ Die Vielzahl von Rassen mache die Entscheidung für den Dackel zu einer ganz bewussten, erklärt Dr. Carolin Raffelsbauer. „Ein Dackel ist kein Hund, den man sich zum Angeben oder zum Angstmachen kauft“, sagt sie, „sondern weil man von seiner Persönlichkeit überzeugt ist und von dem, wofür er steht.“

Für die Jagd sieht das Christian Ellmer ein bisschen anders: Er beobachtet da einen Mentalitätswandel. Früher, sagt er, wurde bei vielen Rassen vor allem wert auf die „Mannschärfe“ gelegt, da sah man auf den Jagden große Hunde an Würgehalsbändern, die raufen wollten. „Heute ist das anders. Beißereien an der Strecke gibt es kaum noch, beim Schüsseltreiben schlafen die Hunde friedlich unter dem Tisch.“ Heute will auch der Jäger mit seinem Hund überall hingehen können.

Diese Entwicklung kommt dem Dackel zugute. Die Ellmers etwa planen schon die Anschaffung eines weiteren Dackels. Und für Rosi Bauersachs steht sowieso fest: Ein Leben ohne Dackel gibt es nicht. „Andere Leute haben schließlich auch verrückte Hobbys“, sagt sie. Und meine ­Familie? Das ist ja wohl klar… Anne-Nikolin Hagemann


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