Home Praxis Chronic Wasting Disease – die Angst aus dem Norden

Chronic Wasting Disease – die Angst aus dem Norden

Hängende(s) Haupt und Lauscher – dieser Wapiti zeigt typische CWD-Symptome.


Abgemagerte, apathische und dem Tode geweihte Hirschartige – Chronic Wasting Disease (CWD) stellt die Forscher weltweit noch immer vor ein Rätsel. Lange fühlten wir uns in Europa vor der Krankheit sicher, trat sie seit der Entdeckung vor 50 Jahren doch nicht auf unserem Kontinent auf. Doch im Frühjahr 2016 geschah dann das, was viele Forscher bis dato für unwahrscheinlich gehalten hatten: Die ersten CWD-Fälle wurden in Europa bekannt. Bei einem abgekommenen und verendeten Rentier in Norwegen konnte bei einer Routine-Untersuchung im Labor die gefährliche Chronic Wasting Disease eindeutig nachgewiesen werden. Als die Fachwelt noch darüber spekulierte, ob es ein Einzelfall sei, kamen bereits die nächsten Meldungen aus Norwegen. Wieder wurde CWD bestätigt. Doch dieses Mal traf es zwei Elche, und das in einer Entfernung von über 400 Kilometern zum infizierten Rentier. Hinweise auf einen Zusammenhang oder eine Verbindung zwischen den Fällen gibt es nicht.

Inzwischen wurden prophylaktisch bereits ganze Rentierherden getötet. Außerdem wurde die CWD in Finnland an einem Elch nachgewiesen.

Colorado, Nebraska und Wyoming gelten als Hotspots für CWD. © Chronic Wasting Disease Alliance

Colorado, Nebraska und Wyoming gelten als Hotspots für CWD.

Befällt das Zentrale Nervensystem

Bei Chronic Wasting Disease („Chronische Auszehrkrankheit“) handelt es sich um eine ansteckende Erkrankung des zentralen Nervensystems, das Hirschartige befällt. Es ist dabei vergleichbar mit BSE bei Rindern, Scrapie bei Schafen und auch Muffelwild oder Creutzfeldt-Jakob beim Menschen. Bei diesen Erkrankungen und auch bei CWD kommt es zu Veränderungen im Hirn (Transmissible Spongiforme Enzephalopathie). Gesunde Zellen sterben im Verlauf der Krankheit immer weiter ab. Dadurch entstehen dann zunehmend größere löchrige, schwammartige Strukturen im Gehirn. Wie die Krankheit entstanden ist, darüber lässt sich nur mutmaßen. Ob durch eine zufällige Mutation oder eine Übertragung durch mit Scrapie infizierte Schafe – als 1967 das erste Mal die Symp­tome bei einem Maultierhirsch in einem Gatter auftraten, wuss­te man noch nicht, um was es sich handelt. Erst einige Jahre später, im Jahr 1978, wurde die Erkrankung offiziell als Transmissible Spongiforme Enzephalopathie klassifiziert. Aktuell sind neben mehr als 20 US-Bundesstaaten auch zwei kanadische Provinzen sowie Südkorea (nach Import von Wapitis aus Nordamerika) von der Krankheit betroffen. Und seit 2016 auch Europa.

Über 400 km liegen zwischen dem ersten CWD-Fall bei einem Rentier (rot) und den beiden weiteren Fällen zweier infizierter Elchkühe (grün) in Norwegen. © Karte: fotolia.de/ Bonilla1879

Über 400 km liegen zwischen dem ersten CWD-Fall bei einem Rentier (rot) und den beiden weiteren Fällen zweier infizierter Elchkühe (grün) in Norwegen.

In Norwegen wohl eingeschleppt

Wie CWD nach Norwegen gelangen konnte, stellt die Forscher noch immer vor ein Rätsel. War man beim ersten Fall in Norwegen davon ausgegangen, dass eine Einschleppung aus den USA unwahrscheinlich und eine Entstehung durch eine Mutation wahrscheinlicher sei, bezweifeln Experten das nach Auftreten der beiden anderen Fälle.

Für eine Einschleppung spricht auch, das der in Norwegen nachgewiesene CWD-Typ identisch mit dem bei bestimmten Hirschen in Kanada nachgewiesenen Typ ist. Die DEFRA (2016) hat in einer Untersuchung zwei mögliche Wege herausgearbeitet, wie die Prionenkrankheit den Atlanktik überqueren konnte. Zum einem besteht die Möglichkeit, dass Jäger oder auch andere Touristen über ihre Bekleidung und Ausrüstung die Prionen nach Norwegen eingeschleppt haben. Für wahrscheinlicher gilt aber die Theorie, dass durch den Import von Urin-Lockmitteln infizierter Urin aus den USA eingeführt und in Norwegen verbreitet wurde.

Krankheit äußert sich unterschiedlich

Der breitbeinige Stand ist typisch für ein an CWD erkranktes Tier.


Wie lange CWD in Norwegen schon vorkommt oder wie weit die Prionenkrankheit tatsächlich in Europa verbreitet ist, ist reine Spekulation. Zwar wurden bei einem großangelegten CWD-Überwachungsprogramm zwischen 2007 und 2009 insgesamt 13 000 Proben – davon 1196 in Deutschland – bei Hirschartigen in der EU und Norwegen entnommen und getestet, es gab jedoch keinen positiven Befund. Im Jahr 2010 endete das Programm. Norwegen setzte die stichprobenartige Überwachung fort, allerdings, ohne positiven Befund. Ob und inwieweit CWD-Erkrankungen sei Ende des Programms  nicht erkannt oder entdeckt wurden, ist dabei unklar. Eine Regel, wie schnell CWD nach Auftreten der Krankheitsanzeichen verläuft, gibt es dabei nicht. Der Leidensweg der Tiere kann von wenigen Tagen bis knapp ein Jahr andauern; er endet immer tödlich.

Erreger überleben im Boden

Neben den bereits bekannten Arten wie Wapitis, Weiß-/ Schwarzwedelhirsche, Rentiere und Elche kann sich Rotwild und theoretisch ebenso Rehwild mit der Prionenkrankheit infizieren. Es ist noch nicht endgültig geklärt, ob Chronic Wasting Disease auch auf den Menschen übertragbar ist. Weitere Forschungsergebnisse stehen hierzu noch aus. 

Tritt in einem Gebiet CWD auf, ist eine Bekämpfung der Kontamination fast unmöglich. Die Krankheit wird horizontal über Ausscheidungen (Urin, Kot), Gewebe (Plazenta), Speichel oder auch durch zerfallende Kadaver verbreitet. Die Ansteckungsgefahr über den direkten Kontakt, z.B. über das Äsen an derselben Stelle, ist am höchsten. Die Prionen können aber auch in den Boden eingetragen werden, dort lange verbleiben und auch später noch infektiös sein. Manche Bodenminerale erhöhen dabei sogar noch die Infektiösität der Prionen. Durch die Aufnahme von Pflanzen werden die Erreger dann wieder den Hirschartigen zugänglich gemacht. Versuche in den USA, kontaminierte Böden mit Hitze oder chemischen Substanzen zu reinigen, scheiterten.

Wie wichtig ist Salz wirklich für unser Wild? © Karl-Heinz Volkmar

Wie wichtig ist Salz wirklich für unser Wild?

Urin-Lockmittel als Gefahrenquelle

Ein Abbau von Salzlecken, wie es in Norwegen praktiziert wird, gibt auch das FLI als eine mög­liche und sinnvolle Maßnahme an. Als aktuelle Maßnahme empfiehlt das FLI jedoch dringend, Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände, die nach einer Jagdreise in CWD-Gebieten kontaminiert sein könnten, zu vernichten. Eine Desinfektion ist nicht ausreichend, um eine mögliche Übertragung auszuschließen. Das Generaldirektorat für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der Europäischen Union hat seine Mitgliedsstaaten in einem Schreiben dazu aufgefordert, die jeweils zuständigen Behörden über das Infektionsrisiko durch Urin-Lockstoffe zu warnen. Es würden immer wieder Jäger Urin-Lockstoffe, bei denen die Herkunft nicht geklärt ist, über das Internet bestellen oder auf anderen Wegen in die Europäische Union einführen. Wenn dieser Urin aus den USA und Kanada stammt, sei das Risiko groß, dass CWD weiter in Europa eingeschleppt wird. Die Einfuhr von unbehandeltem Urin ist im Sinne von Artikel 3 (20) der Verordnung (EG) Nr. 1069/ 2009 verboten. Neben der Gefahr durch Urin-Lockstoffe kann eine Infektionsgefahr auch von der (verbotenen!) Verfütterung von tierischen Eiweißstoffen an Wiederkäuer ausgehen (DEUTZ, 2016). Jäger sollten daher zum Schutz unserer Hirschartigen unbedingt sowohl auf Urin-Lockstoffe als auch auf Futtermittel aus ­tierischem Eiweiß verzichten.


Kathrin Führes geboren in Lingen, Jagdschein seit 2014, hat nach dem Abitur Forstwissenschaft an der TU München studiert und ist nun seit 2015 bei der PIRSCH.
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