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Carol Scholz: Sein Geheimnis reifer Böcke

Christian Schätze © dlv
Christian Schätze
am
Sonntag, 26.04.2020 - 16:38
Über diesen Anblick freut sich jeder Rehwildjäger. © Carol Scholz
Über diesen Anblick freut sich jeder Rehwildjäger.

Während die meisten Jäger auf die zurückliegende Jagdsaison und die zahlreichen Drückjagden zurückblicken, wird Carol Scholz schon wieder unruhig. Der Grund dafür ist das Rehwild, das er in seinem 400 Hektar großen Revier bewirtschaftet. „Anfang März bis Ende April bin ich mit meiner Kamera so oft wie möglich draußen, um mir einen Überblick über den Bestand zu machen“, erklärt der 57-Jährige und greift zu seiner Canon 5D mit dem dicken Teleobjektiv. Mithilfe des 100-400mm-Objektivs gelingt es ihm, selbst aus einigen hundert Metern Stücke zu bestätigen. Dennoch überlässt er nichts dem Zufall und trägt auch während seiner Gummipirsch Jagdbekleidung. „Manchmal muss man doch ein paar Meter übers Feld kriechen, um die Stücke vor die Linse zu bekommen. Je weniger man dabei stört, desto vertrauter bleiben die Rehe“, erklärt der Waidmann und steigt in seinen Geländewagen.

Carol-Kamera © CS

Um einen Überblick über seinen Rehwildbestand zu bekommen, fotografiert Carol Scholz seine Rehwild-Sprünge im März/April.

Vom Fotografen zum Jagdpächter

Drei Minuten später ist er bereits im Revier. „Besser geht’s nicht“, freut sich der Werdauer Jäger. Zu seinem Hausrevier kam er über die Fotografie. Auf einer seiner Fotorunden sprach ihn eines Tages der damalige Revierpächter an und fragte ihn erbost, was er da treiben würde. Scholz antwortete in gewohnt ruhiger Art, dass er Rehe fotografiere. „Das geht hier aber nicht!“ schimpfte der Jagdpächter und verwies ihn des Reviers. Ein Wort gab das andere. Doch trotz dieses Vorfalls wurden die beiden bald Freunde.

Denn statt über den Beständer zu schimpfen, besuchte der Sachse den Weidmann wenige Tage später, um ihm Fotos der interessantesten Böcke des Reviers zu zeigen „Da bekam mein neuer Freund, der leider vor einigen Jahren verstorben ist, ganz große Augen“, erinnert er sich. „Karl-Heinz ermutigte den Fotografen schließlich, auch den Jagdschein zu machen und stellte dem Jungjäger nach bestandener Prüfung einen Begehungsschein aus.

Carol Scholz greift zum Fernglas und leuchtet das nahe Rapsfeld ab. „Da sind sie ja“, sagt Scholz und lenkt seinen Pickup in eine kleine Schluppe. Obwohl er die Stücke schon öfter gesehen hat, macht er ein paar Bilder von ihnen. Löschen könne man die ja immer noch.

An einer Stelle des Reviers erlegt Carol Scholz immer wieder „Moorböcke“ mit dunklen, federleichten Stangen.

„Da unten liegt ,Schallers Grund‘“, fährt der Sachse fort und zeigt auf eine Rinderweide, durch die sich ein kleiner Bach schlängelt. „Ich weiß nicht warum, aber dort kommen immer wieder abnorme Böcke zur Strecke.“ Das Besondere sei, dass diese immer sehr dunkle, federleichte Stangen trügen. Klopft man an sie, klingen sie wie trockenes Treibholz. Warum das so ist, konnte dem Weidmann noch keiner erklären. Der Rehwildkenner vermutet jedoch, dass das mit dem kalkarmen Boden in diesem Revierteil zu tun haben könnte. Die Wildbretgewichte würden sich mit 16-18 Kilogramm nämlich im normalen Rahmen bewegen. „Bin gespannt, ob dieses Jahr wieder ein Moorbock da ist“, sagt der Sachse und fährt weiter.

Wie viel Rehwild auf seinen 400 Hektar ihre Fährten ziehen, kann der Jagdpächter nicht genau sagen. „Vielleicht 50-60 Stück?“, schätzt er. „Können aber auch mehr sein. Es ist ja bekannt, dass man Rehe nicht zählen kann.“ Einige hundert Meter weiter erreicht er die „Stricknadelecke“. Den Namen gab er dem Revierteil, weil dort immer Böcke mit sehr hohen, dünnen Stangen ihre Fährten ziehen. Heute stehen 20 Stück auf dem Raps und ein Blick durchs Fernglas verrät, dass die Böcke auch in der nächsten Saison ihren Namen behalten werden.

„Rehwild ist schon eine faszinierende Art“, sagt Scholz. „Wenn man glaubt, alles über sie zu wissen, überraschen sie einen.“ So habe er schon Böcke geschossen, die er für mittelalte Stücke hielt. Doch als er die Trophäen präparierte, erkannte er, dass sie uralt waren. Das sicherste Altersmerkmal sei seiner Meinung nach nicht der Unterkiefer, da gebe es einfach zu viele Ausnahmen, sondern der Grad der Verknöcherung der Nasenscheidewand.

Big-Bock-Rosenstoecke-2 © CS

Starke Gehörne brauchen ein gutes Fundament.

Auch die Stellung der Rosenstöcke sieht sich der Weidmann immer ganz genau an. Während Jährlinge und schwache Zweijährige noch etwas X-en würden (Rosenstöcke zeigen nach innen, die Stangen leicht nach außen), stünden die Rosenstöcke der Mittelalten kerzengerade nach oben. „Spannend wird es“, fährt der Sachse fort, „wenn die Rosenstöcke bereits nach außen gerutscht sind und sie breite Rosen tragen.“

An den Wänden seines geschmackvoll eingerichteten Jagdzimmers hängen außerordentlich viele solcher Trophäen. Viele Böcke waren mindestens 6 bis 8 Jahre alt, manche noch älter.

Wie man zu solchen reifen Böcken kommt, sei ganz einfach. „Nicht gleich jeden totschießen und die Interessanten durchwachsen lassen“, bringt es Scholz auf den Punkt und lacht. Das sei in seinem Revier kein Problem. Denn er jage allein. Wenn sich jedoch mehrere Jäger ein Revier teilen müssen, meistens wegen des hohen Pachtpreises, würde das schon schwieriger. Manche Ernteböcke lässt der Sachse auch ziehen, um im nächsten Jahr ein Foto von ihnen zu machen. Ein gutes Foto sei nämlich mindestens so viel wert, wie der Abschuss.

Wie man anhand des Bildschirmfotos sieht, handelt es sich bei dem Erntebock (7 Jahre plus) um einen alten Bekannten.

In ruhigen Ecken wachsen die Starken

Als der Jäger seine Revierrunde fast schon beendet hat, steuert er seinen Ford in einen schmalen Feldweg, der zu einem Eichenhang führt. Der Streifen ist gut 400 Meter lang und von Weizen- und Rpasfeldern umgeben. Im Tal grasen im Sommer die Rinder der Agrargenossenschaft. Dennoch hat Scholz hier seine stärksten Böcke erlegt; gleich hinterm Dorf. Trotz der Nähe zum Ort verirrt sich kaum jemand dort hin. Rehwild findet solche ruhigen Ecken im Revier sehr schnell. „Die Hundeleute gehen lieber in der Stricknadelecke spazieren. Dort sind die Wege besser.“ Scholz glaubt, dass hierin das Geheimnis starker Böcke liegt. „In der Ruhe liegt die Kraft“, scherzt der sympathische Sachse und fotografiert den nächsten Sprung. „Beim Blick aufs Display seiner Kamera strahlt er. Kein Wunder, denn die Bastböcke können sich wirklich sehen lassen. Einer hat sogar bereits gefegt.

Einen Tipp hat der Sachse noch: „Viele Böcke, die mit drei, vier Jahren schon ein starkes Gehörn tragen, legen oft im Alter noch mal zu.“ Und selbst wenn nicht, attraktiver sind die Trophäen alter Böcken sowieso. Wie viel Gramm sie auf die Waage bringen, sei dabei zweitrangig.